„Die Wende“ nannte ich das Auftauchen eines Anwalts in meinem Blogeintrag vom 14.10.2023. Ein Anwalt, der von einem ehemaligen General empfohlen worden war. Hier nun die Fortsetzung und der Schluss:
Wir schöpften zaghaft Hoffnung.
Der Anwalt studierte unsere Dokumente und jene von S. Während
unserer zahlreichen Besprechungen stieg unsere Zuversicht. Tatsächlich zeigten
sich innerhalb weniger Tage erste Erfolge:
Wo immer dieser Anwalt hinging, öffneten sich Türen.
Wir erstatteten bei der Wasserfirma Anzeige und der
Präsident persönlich nahm sie entgegen: Eine Anzeige wegen krimineller Handlung
werde sofort an die Polizei gehen.
Im Visabüro wurden wir sofort zum Captain vorgelassen. Ich
schämte mich, als ich an den Dutzenden von Wartenden vorbeiging. Normalerweise
war ich jene, die da sass und Antragsteller in beanzugter und kravattierter Begleitung
mit dem Blick verfolgte, wie sie ohne langes Warten direkt ins Büro des Captains
gingen. Zwischen Tür und Angel hörte ich, wie unser Anwalt mit „Richter“
angesprochen wurde. So? Auf meine Frage bestätigte er mit einem Grinsen.
Während einer unserer Sitzungen rief einer unserer
ägyptischen Leidensgenossen an, sie
wollten eine Sitzung mit allen Wohnungseigentümern im Compound einberufen. Wie
das??? Als wir dazu einberiefen hatten, zeigte niemand Interesse. Sie
wollten am Nachmittag zur Wasserfirma gehen und Anzeige erstatten.
Wir seien jetzt aber nicht verfügbar, da wir dabei seien, unsere
Konsulate zu informieren. Das Wort „Konsulat“ ruft in hiesigen Kreisen
Ehrfurcht hervor, obwohl die Landesvertretungen in Wirklichkeit keinen Finger
krümmen, wenn jemand in Schwierigkeiten (ausser gesundheitlichen) ist. Jedenfalls
wollten sich die Ägypter plötzlich uns anschliessen.
Später informierten wir sie, dass am Nachmittag ein Anwalt
des Konsulats ins Compound kommen werde. Zufällig war der Poolman da. Diesen
falschen Typen hatte ich von Anfang an nicht ausstehen können. Unser „Konsul“,
der Anwalt, schüttelte mit ihm freundlich die Hände und tauschte ganz nach
hiesigen Gepflogenheiten Höflichkeiten aus.
Und siehe da: Endlich kam Bewegung in die verfahrene
Situation. Als ich kurz vor 19 Uhr vor dem Haus eine Lieferung in Empfang nahm,
sah ich einen riesigen Tankwagen mit Anhänger vorfahren. Einen Moment lang war
ich baff. Vorgestern hatten wir mit einem Tankwägelchen nur 16 Tonnen Wasser
erhalten, das Vehikel hier brachte ein Vielfaches davon!
Im selben Moment, als ich SM anrufen wollte, kam er mir
zuvor und rief mich an: S. habe die Ägypter (die während der vergangenen Wochen
vergeblich versucht hatten, ihn zu erreichen) zurückgerufen. Offensichtlich hat
der Poolman die Information weitergegeben. S. wolle alles zurückzahlen, wir
sollten die Konsulate zurückpfeifen. – Genauso war die Reaktion vom Anwalt
geplant gewesen.
„Nein, geht nicht, läuft schon!“, war unsere Antwort. - Eine
Finte!
So verlief das „Spiel“ – vorübergehend – zu unseren Gunsten.
Die Wasserleitung wurde repariert. S. versprach erneut, er würde uns unsere
Einlagen zurückbezahlen. Er wolle alle Probleme aus dem Weg schaffen.
Wir hatten dem Anwalt eine ansehnliche Summe gegeben, um „Türen
zu öffnen“. Als das Wasser wieder floss, sollten die anderen Mitbesitzer auch
Geld locker machen. Dazu kam es leider nicht.
Spätabends entdeckte ich, dass S. sich in seine Wohnung geschlichen und die Vorhänge zugezogen hatte.
Normalerweise war alles hell erleuchtet und der TV lief für alle unüberhörbar,
wenn er da war. SM und ich steigen aufs Dach, um seinen Wasser- und Stromzugang
zu kappen – es gelang nicht.
Mir war mulmig. Etwas fühlte sich komisch an.
Und prompt kehrte die Lage wieder. S. schrieb den Ägyptern,
dass er Besitzer des Gebäudes sei und dass sie ihn als Präsidenten der STWEG
wählen müssten. Er drohte also wieder.
Mit dem Schlauch am Pool liess er stundenlang Wasser in den
Pool, machte sich am Elektrokasten zu schaffen und unterhielt sich lauthals mit
dem Poolman.
Am Abend dann entdecken wir: Kein Strom im Aussenbereich und
Pool. Schwacher Wasserdruck in der Dusche. Meine Kollegen suchten mitten in der
Nacht nach einer Lösung.
Nun war klar, weshalb er diese Show am Pool abgezogen hatte.
In der Dunkelheit wurde dann die Wasserleitung wieder durchtrennt, davor hatte
S. noch den Tank geleert.
Unser Anwalt liess alles stehen und liegen, sogar sein
soeben verunfalltes Auto, und raste mit einem Auto eines Polizeigenerals (mit
schwarzer Nummer) zu uns. Beim Anblick der schwarzen Autoschilder, windet sich
etwas in mir. Zu viel weiss ich über das Land.
Aber diesmal war es ein gutes Zeichen, dass so ein Auto
dastand. Wir diskutieren. Der Anwalt informierte auch die Ägypter. Er
informierte uns über seine Recherchen: Gegen S. und seinen Bruder laufen
Untersuchungen, wie sie zu all ihren Villen gekommen waren. Ob uns das etwas
nützen würde?
SM versuchte S. anzurufen – der antwortete nicht. –
Plötzlich tauchte er auf und verschwand in seiner Wohnung. SM rief wieder an –
ebenso erfolglos. Wir warteten, diskutierten.
Um halb drei gingen unser Anwalt und Ahmed Q. zu S. Ich
informierte währenddessen unsere russischen Nachbarn und fragte, wie lange sie
noch zusehen wollten, bis sie endlich einen Übersetzter nähmen, der mit unserem
Anwalt redete.
Nach zweieinhalb Stunden kam unser Anwalt wieder zu uns. Er
habe S. vor allem zugehört, ihm nicht mitgeteilt, wer er sei. Wir kämen aus
diesem Schlamassel nur mit der Gründung einer STWEG heraus. Die Ägypter waren
nun endlich auch auf unserer Seite. Die Russen liessen uns im Stich: kein
Visum, kein Geld = keine Vollmacht an den Anwalt. Ähnlich meine Schweizer
Nachbarin und mein deutscher Nachbar. Es braucht viel Geld, um etwas bewegen zu
können. Und Mut. Die Situation war schrecklich: Ohnmacht, Ausgeliefertsein,
Hilflosigkeit.
SM drehte durch, stieg aus, hatte die Schnauze voll. Seine
Frau griff zu einem Messer und wollte zu S. hinüber – die Männer konnten sie
nur mit Mühe festhalten.
S. hatte den Zugang zum Dach mit Eisenstangen verriegelt, SM
und O. haben die Dinger wieder aus der Verankerung geschlagen. Ein anderer
Russe verprügelte einen Handwerker, der am Strom herumfummelte.
Am nächsten Tagen trafen sich die Ägypter mit unserem
Anwalt. Sie seien nun auch bereit, Vollmachten für den Anwalt auszustellen und
sich finanziell zu beteiligen. Der Wendehals N. tauchte auch auf und erzählte
S. alles brühwarm. So wussten wir
wenigstens, wer der Verräter war.
Für einige Zeit müssten wir Wasser per Tankwagen beschaffen.
Wenn der Anwalt genügend Schmiere in den Händen habe, könne er sich nochmals um
die Reparatur der Wasserleitung und die STWEG einsetzen. Und dann würden die
Anklagen folgen.
Ich war nicht mehr dabei, ich musste packen.
Am 25.10.2023 flog ich heim, um eine neue Arbeitsstelle
anzutreten, um mich vorübergehend in ein anderes Leben zu quetschen und um Geld
zu verdienen. Dafür war ich alles andere als optimal vorbereitet.
Kaum zu Hause, erreichte mich auf WhatsApp die Frage meines
russischen Nachbarn O. nach der Telefonnummer unseres Anwalts. War ich froh
darüber!
Und SM hielt mich regelmässig auf dem Laufenden. Ahmed Q.
hat den Russen die Situation übersetzt und nun sind sie auch im Boot. Sogar
mein deutscher Nachbar M. ist dabei.
Wenige Tage später erhielt ich Bilder, wonach auf dem Dach
eine Türe eingebaut worden war. Auch die haben SM und O. wieder aufgebrochen!
Im November endlich hatte unser Anwalt eine zweite
Stromkarte erhalten, damit der Allgemeinstrom aufgeladen werden konnte.
Im März und November 2024 verbrachte ich jeweils zwei Wochen
„Ferien“ in meiner Wohnung. Die Lage drehte sich mal zu unseren Gunsten, dann
mal zu Gunsten von S. Wir wurden erpresst, zusätzlich monatlich die Summe X für
Unterhalt zu bezahlen. Meine Nachbarin und meine Freundin, die sich beide während
meiner Abwesenheit um meine Wohnung kümmerten, berichteten mir im November
2024, dass aus dem Wasserhahn kein Wasser komme. Mir graute. Ich kontaktierte
dann einen Nachbarn und bat ihn, dem Doorman eine Summe Geld anzubieten, damit
er die Wasserleitung öffnen würde. Das klappte.
Inzwischen hatten meine italienischen Nachbarn die
Wohnanlage verlassen. Völlig verzweifelt und im Glauben, ihre Investition
verloren zu haben.
Ich bat eine Immobilienmaklerin, meine Wohnung zu verkaufen.
Diesen Druck, Angst und Panik konnte ich nicht mehr ertragen.
Als ich dann im Frühling 2025 erneut dort war, erfuhr ich,
dass nicht nur die Italiener, sondern noch andere Nachbarn ihre Wohnungen
verkauft hätten. Es waren meine letzten Ferien in meiner mit so viel Liebe
eingerichteten Wohnung.
Im Juli letzten Jahres erhielt ich von der Maklerin die
Anfrage, ob meine Wohnung noch zu haben sei, sie habe einen Interessenten. Es vergingen
genau 15 Tage vom Zeitpunkt der Anfrage bis zur Unterzeichnung der Verkaufsdokumente!
Fünfzehn Tage voller Stress und Unsicherheit. Die gleiche
Achterbahn von Gefühlen, die ich beim Kauf hatte und erneut nach wenigen
Monaten, als die ersten Zahlungsforderungen eintrafen und weit und breit kein
Doorman vorhanden war.
Ich vermisse diese Wohnung sehr. Ich vermisse auch meine
engsten Nachbarn. Zugleich bin ich unbeschreiblich erleichtert, dass ich all
die Probleme los bin. Angenehm wäre es dort noch aus einem anderen Grund nicht
mehr: S. hat zwei weitere Stockwerke hinzugefügt. Durch die Höhe des Gebäudes
kommt die Sonne nicht mehr in den Innenhof und an den Pool. Ganz zu schweigen
vom Lärmpegel bei doppelt so vielen Mietern/Besitzern.
Der Verkauf liegt genau ein Jahr zurück und ohne auf weitere
Details einzugehen, schliesse ich dieses aufreibende Thema auf meinem Blog ab. Die kriminellen Episoden hätten nur in einem
Buch Platz.
Zur Erinnerung:



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