Mittwoch, Januar 26, 2011

Ägypten erhebt sich

Heute ist der zweite Tag der Protestwelle in Ägypten. Ich verfolge die Geschehnisse im Internet, auf Bloggerseiten und im Fernsehen. Meine Quellen sind France24, Al-Jazeera, Al Masry Al Youm, NZZ, Egyptian Chronicles, observateurs.france24 u.a.

Gestern schon war die Internetverbindung langsam und wurde immer wieder unterbrochen. Skypen war kaum möglich. Heute ist es noch schlimmer, Twitter, Facebook, Google und andere social medias sind abgeblockt; ich kann viele Internet-Seiten, auch meinen eigenen Blog, oft nicht aufrufen. Das Telefon funktioniert hier am Roten Meer im Gegensatz zu Kairo problemlos.

Ich habe einige wenige Ägypter auf die Ereignisse angesprochen und war entsetzt über ihre Antworten. Einer (ein Hotelmanager, um die 40, arbeitet täglich 16 Stunden) meinte, die Wirklichkeit spiele sich nicht im Internet und im Fernsehen statt, die Ägypter sollten erst mal lernen richtig zu arbeiten. Ich bin nicht sicher, ob nicht vielleicht er in einer falschen Wirklichkeit lebt.

Eine andere Person (gut 40, sehr konservativer Hintergrund) glaubt gar nicht, dass die Ägypter sich gegen ihr Regime auflehnen können, denn Regierung und Sicherheitsapparat seien allmächtig.

Freunde – junge Ägypter – haben mir aber schon seit langem erzählt, wie unendlich genug die Menschen von diesen Lebensumständen haben. Es ist die Jugend, die sich nun erhebt und die bald die Bevölkerungsmehrheit ausmacht und unter denen die grosse Mehrheit arbeitslos ist. Immer denke ich auch an die Aussage, dass die Polizisten auch die Nase voll haben…

Nach den Ereignissen in Tunesien habe ich eigentlich nur darauf gewartet, wann (nicht ob) sich die Ägypter erheben würden… Ein Protesttag ist ein gutes Zeichen und hat weltweit viele Menschen und Politiker aufgerüttelt. Für mich war aber klar: es kommt darauf an, was heute geschieht: geht es weiter oder nicht?

Und siehe da: es geht weiter! Die Ägypter gehen weiter auf die Strasse, obwohl das Innenministerium mit voller Härte und Brutalität gegen sie vorgeht. Bilder und Videos sind grässliche Zeugen. Und für morgen sind die Menschen erneut aufgerufen, nach dem Freitagsgebet wieder auf die Strassen zu gehen. Nicht nur in Kairo und Alexandria, sondern im ganzen Land, auch in Oberägypten und auf dem Sinai wird protestiert. Sehr gespannt bin ich nun, wie das Innenministerium auf die Aufrufe seitens der EU und Hillary Clinton reagieren wird, das Demonstrationsverbot sei aufzuheben und Internetzugang zu gewährleisten. Das Wort der USA hat grosses Gewicht und ich glaube, das könnte Ägypten in die Klemme bringen: hält sich der Sicherheitsapparat zurück, wird die Protestbewegung zunehmen; unterdrücken die Sicherheitskräfte die Proteste mit brutaler Gewalt, kann dies Folgen seitens des grossen „Bruders“ USA haben.

Hier in Hurghada ist nichts zu merken, mit Ausnahme der seit Wochen verstärkten Polizeipräsenz. Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits sehe ich meine schon lange gehegten Vorahnungen wahr werden und wünsche Ägypten endlich Demokratie, Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein. Andererseits haben die Ereignisse erste unliebsame Folgen mit sich gebracht: Investoren haben sich aus dem Land zurückgezogen, die Börse ist eingebrochen, das ägyptische Pfund verliert an Wert. Wie wird der Tourismus reagieren? Bleiben die Touristen aus, hat das Auswirkungen auf das Leben hier. Für meine ägyptischen und europäischen Freunde …  und für mich.

Donnerstag, Januar 20, 2011

Vom Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Assuan hiess mein Ziel.
Ohne eigenes Auto.
Konkret: per Bus von Hurghada nach Luxor, von dort weiter mit dem Zug. Und zurück. Fliegen kommt nicht in Frage, denn es gibt keine direkten Flüge sondern nur über Kairo.

Schon Tage vor meinem Reisetag versuchte ich, einen verlässlichen Zugfahrplan ausfindig zu machen. Naheliegende Informationsquellen schienen mir das Internet und die Tourismusinformationsbüros in Hurghada und Luxor. Dass sie am Bahnhof in Englisch Auskunft geben könnten, bezweifelte ich zutiefst.


Das Internet lieferte mir den Fahrplan der Egyptian National Railways (http://www.egyptrail.gov.eg/docs/online/online.html): es gibt eine grosse Auswahl an Zügen mit wohlklingenden Namen wie z.B. "Spanish", die zwischen Kairo und Assuan verkehren. Alle halten auch in Luxor. Leider führt der Fahrplan das Datum 01/05/2009 auf und mich befielen Zweifel, ob die Angaben im Jahr 2011 wohl auch noch gälten? Doch aufgepasst: es gibt Züge – gemäss Internetforen – die Ausländer nicht besteigen dürfen (oder sollen).
Das reichte also noch nicht, zudem hatte ich meine gewünschten drei unterschiedlichen Auskunftsquellen noch nicht beieinander, um eine halbwegs übereinstimmende Information zu bekommen.

Also rief ich die Tourist Information in Hurghada an. Ich erhielt eine sehr freundliche Auskunft, die mit dem Internet-Fahrplan gar nicht übereinstimmte.

Ich suchte im Internet die Telefonnummer der Tourist Information in Luxor – unauffindbar! Das heisst, die veröffentlichte Nummer ist veraltet. Die haben eine wunderschöne Homepage, aber keine Telefonnummer. Ich suchte auf den Yellowpages – ohne Erfolg. Dafür fand ich dort die Telefonnummer des Bahnhofs Luxor.

Nun rief ich beim Bahnhof an – ja ich weiss, das wäre in Europa das Naheliegendste, nicht aber in Ägypten! - und bat in Arabisch um den Fahrplan. Ich erhielt ihn sogar! Doch konnte ich den Mann nach der vierten Wiederholung immer noch nicht verstehen. Die Telefonverbindung war eine Katastrophe (da war Wasser drin) und sein Arabisch so schnell wie ein TGV. Nichts zu machen. Später sagte mir jemand, ich hätte ein riesiges Glück gehabt, dass die Bähnler überhaupt meinen Anruf angenommen hätten, denn das sei überhaupt nicht üblich! Darauf entgegnete ich, die hätten aufgrund meiner Telefonnummer gesehen, dass ich Ausländerin sei! ;-)

Frustriert bat ich nach diesem missglückten Versuch einen ägyptischen Freund, für mich anzurufen. Das wollte er nicht, bot aber an, anderntags am Bahnhof in Qena zu fragen, denn er müsse sowieso dort hin. Eine halbe Stunde später rief er mir jedoch zurück und sagte, die Bähnler nähmen das Telefon nicht ab (sic!). Am nächsten Tag gab er mir dann Abfahrtszeiten durch, die mich nicht begeisterten, aber stimmten.

Zwei Stunden hatte ich schon allein wegen dem blöden Zugfahrplan vertrödelt, als ich im Internet auf Googleseite fünf oder sechs eine weitere Telefonnummer der Tourist Information in Luxor entdeckte. Ich wählte sie, es nahm aber niemand mehr ab. Es war halb elf Uhr nachts - in Ägypten somit überhaupt nicht spät! Ich rief anderntags wieder an – und die Nummer war richtig!! Die Auskunft hingegen war unvollständig und äusserst unfreundlich.
Ich konnte mir nun aber zusammen reimen, dass gegen Abend um 18 Uhr und kurz vor Mitternacht ein Zug von Luxor nach Assuan abfuhr. Das war sehr beruhigend. Ich würde ganz bestimmt rechtzeitig in Luxor ankommen, um den Abendzug zu erwischen.

Am Tag vor der Abreise fuhr ich zum Busunternehmen, um mich zu versichern, dass die Abfahrtszeit noch dieselbe sei, wie vor wenigen Wochen: 8 Uhr 30. Dem war so, doch der Angestellte empfahl mir, eine Stunde früher zu kommen, denn sie dürften nur fünf Ausländer mitnehmen. Fahrkarten würden am Vortag leider nicht verkauft, Reservationen nicht entgegen genommen.
Tja, so stand ich am Reisetag um viertel vor sechs auf, nahm ein Taxi und war um viertel nach sieben beim Busunternehmen. Unfreundlich hiess es: der Bus sei voll! Ich stand da wie versteinert… die Auskunft gestern hiess doch… bla bla bla. Ich bat um eine Erklärung. „Der Bus ist voll!“ Ich sagte, ich sei nun über eine Stunde früher da, wie mir gesagt wurde, und ich müsse heute Abend in Assuan sein. Der Mann bequemte sich schliesslich und erklärte mir, dass der Schalter um fünf Uhr früh geöffnet wird und halt schon Ausländer da gewesen seien, um Fahrkarten zu kaufen. Mir kamen die Tränen. Ich fragte, welche weiteren Möglichkeiten ich denn hätte, heute nach Luxor zu kommen (ich kannte diese sehr wohl). Man nannte den Namen der anderen Busgesellschaft, die ich mich weigere, je wieder zu benützen und über die selbst die Einheimischen schimpfen; und es gab die Peugeots, Autos aus den fünfziger Jahren, die alle möglichen Orte in ganz Ägypten verbinden. So eines hatte ich mal von Tanta nach Alexandria gebraucht. Ich liess mir erklären, wie ich per Taxi dorthin kommen könne, als der Angestellte plötzlich meinte, ich soll mal hinsitzen und warten.

Warten, ja. Warten muss man in diesem Land immer und ewig und überall. Ich bin schon sehr geübt – ich erkenne mich oft selbst nicht mehr! Ehrlich gesagt habe ich aber oft auch keine Alternative!


Ich trank einen Tee, ich schaute die Wartenden an, ich beobachtete den Verkehr, ich fror und war froh, als die Sonne kam. Ich ging aufs Klo. Bei der Gelegenheit fragte ich am Schalter nach Neuigkeiten – und siehe da: ich durfte mein Geld abgeben! Die Fahrkarten wurden erst verteilt, wenn der Bus bestiegen werden darf.


Ich war froh, aber auch erschöpft. Und der Bus kam nicht.
Ich wartete. Die anderen warteten auch. Nach eineinhalb Stunden kam er dann endlich – ich hatte zweieinhalb Stunden im Wintermantel gewartet. Mir wurde auch klar, weshalb ich doch mit fahren durfte: der Bus war nur zu einem Drittel voll.

Die Verspätung wurde dadurch aufgeholt, dass es keine Zigaretten- und Toiletten-Pause gab. Als wir gegen 14 Uhr in Luxor ankamen, suchte ich erst mal das berühmte stille Örtchen auf (in der Tourist Information: sehr sauber, 24 Stunden geöffnet!).


 

Sogleich ging ich zum Bahnhof, um mich um die Weiterfahrt zu kümmern. Abends um 18 Uhr sollte ein Zug fahren und ich wollte grad auch die Rückfahrkarte kaufen. Abfahrt in Assuan um fünf Uhr morgens und fünf Uhr abends. Wirklich? Ja! Gequält entschied ich mich für die morgendliche Fahrt. In Assuan erfuhr ich dann, dass es auch spätere Züge gibt…

Am Bahnhof deponierte ich auch meine Reisetasche, schliesslich wollte ich nicht vier Stunden lang mit meiner Reisetasche herumlaufen. Ein junger Polizist bot mir an, meine Tasche in seinem Büro aufzubewahren. Ich merkte aber, dass der irgendetwas anderes wollte und schaffte es wieder aus dem Büro hinaus, in die richtige Gepäckaufbewahrung.

Danach ging ich zum Büro des Busunternehmens, um mich um die Rückfahrt zu kümmern.  Letztes Mal hatte ich keine Fahrkarte mehr erhalten, da man diese vormittags reservieren muss, was nicht immer realisierbar ist. Ich brauchte also eine andere Lösung. Normal wäre ja: Karte kaufen. Doch das ging nicht, aber ich konnte meinen Namen aufschreiben lassen. Immerhin!

Die folgenden Stunden verbrachte ich spazierend und – natürlich – wartend in Luxor. Rechtzeitig machte ich mich wieder zum Bahnhof auf, holte meine Tasche und setzte mich auf eine Bank am Bahnsteig. Ich wartete. Wir warteten. Es wurde 19 Uhr. Kein Zug. Es war schon lange dunkel und kalt. Kein Zug. Es wurde eiskalt und mühsam. Niemand reklamierte, niemand fragte, niemand ging nervös auf und ab. In der Schweiz hätte das schon längst einen Aufstand gegeben! Kurz vor halb acht traf der ersehnte Zug dann endlich ein. Ich suchte meinen Wagen und meinen Sitz in der ersten Klasse. Der Sitz war schon belegt und ich machte es mir woanders bequem.

Die Grösse und Polsterung der Sitze entsprach eindeutig einem Erste-Klasse-Wagen. Alles andere widersprach so ziemlich jeder Vorstellung, selbst meinen Erinnerungen an Südamerika. Himmeltraurig! Aber es war warm da drinnen! Man bemerke dies bitte.

Kurz vor Mitternacht traf der Zug tatsächlich in Assuan ein. Ich nahm ein Taxi und fünf Minuten später war ich im Hotel. Was für eine Reise! So viele Stunden des Wartens für eine Strecke von 600 Kilometern. Ich war achtzehn Stunden unterwegs gewesen!


 
Den Aufenthalt in Assuan habe ich genossen, davon bei anderer Gelegenheit.

Was mich noch bedrückte, war die Rückfahrt. Ich ging anderntags erneut zum Bahnhof und zu meiner grossen Überraschung fand ich dort grosse Tafeln mit allen Abfahrtszeiten der Züge! Da gab es doch tatsächlich noch weitere Züge zwischen fünf Uhr früh und fünf Uhr nachmittags. Ich wollte mein Ticket umtauschen, liess es aber sein, weil zu viele Leute vor den Schaltern standen. Anstehen macht generell nicht viel Spass, in Ägypten erst recht nicht, denn die Ägypter drängeln alle. Da mein Arabisch nicht so gut ist und ich Drängeln hasse, warte ich oft bessere Augenblicke ab.

Der kam… aber zu spät. Als ich schlussendlich meine Fahrkarte umtauschen wollte, hiess es: geht nicht. Das muss 24 Stunden vor der geplanten Reise erfolgen! Meine Nerven waren nicht grad die Besten und diese unfreundliche Antwort setzte mir arg zu. Im Hotel meinte der Rezeptionist, dass er das zum ersten Mal höre. Ein Wartender fragte mich noch, auf welche Zeit denn mein Ticket ausgestellt sei – er würde es kaufen, doch er wollte gleichentags fahren.

Einmal mehr blieb mir keine Wahl, als mich in dieses saublöde, unlogische System in diesem Land zu fügen. Hier werden einem nur Schwierigkeiten gemacht; es gibt absolut nichts, um der Bevölkerung irgendetwas einfacher zu machen. Es ist System, alles so schwierig und mühsam wie möglich zu machen!

Schweren Herzens liess ich mich um vier Uhr morgens wecken, bestieg ein Taxi und kurz vor fünf den Zug. Viele „Sa‘idis“ lagen in ihre Tücher gewickelt im Zug – sie hatten wohl die Nacht hier verbracht. Ich suchte mir einen Platz, der halbwegs sauber war, was sich als sehr schwierig herausstellte.

Der Zug verliess Assuan pünktlich. Ich verliess meinen Sitz ebenfalls, denn Wasser rann von einer gebrochenen Leitung immer üppiger in den Wagen. Ausserdem war es eiskalt. Ich sass mit Strickjacke, Wintermantel, Wollmütze und einem Tuch über den Knien dreieinhalb Stunden in einem ungeheizten Zug – bei Aussentemperaturen von 8 Grad Celsius.

In Luxor suchte ich erst mal ein Kaffee auf, um mich aufzuwärmen. Die Vorstellung, bis abends um 20 Uhr in Luxor herum zu hängen und wieder zu warten, warten, warten, widerstrebte mir so sehr, dass ich mir erneut Rat in der Tourist Information holte. Das Neue dabei war: Peugeots sind Ausländern verboten, Taxi mieten ist teuer.

Nach einem weiteren heissen Kaffee entschied ich mich doch dazu, mit den Taxifahrern zu feilschen. Meine Ticketreservation für den Bus überliess ich Allah. Rasch sagte einer von ihnen zu, der Typ schien ok, das Auto sauber und los ging’s! Der arme Kerl hatte aber solche Angst vor den Radarkontrollen, dass er oft nur 50 km/h fuhr, was sich auf der Strecke von 220km ganz schön bemerkbar machte.

Nach über viereinhalb Stunden entstieg ich dem Taxi, müde, aber froh, nicht erst um Mitternacht in Hurghada angekommen zu sein.

Und dann war da noch die Hotelreservation… Davon schreibe ich jetzt aber lieber nicht auch noch!

Hat jetzt noch jemand Lust, auf „eigene Faust“ in Ägypten herum zu reisen? Der melde sich bitte bei mir: sobald ich mich erholt habe, mache ich mich erneut auf die Reise. :-))




Freitag, Januar 14, 2011

Unglaubliches geschieht in Tunesien

Unglaublich: ein Staatsstreich, hervorgerufen von der Jugend des Landes! Die arabische Welt blickt ungläubig und voller Entsetzen nach Tunesien.  Präsident Ben Ali ist aus Tunesien geflohen!

Ich empfehle: http://egyptianchronicles.blogspot.com/

Der Stein ist ins Rollen gekommen... er wird weiter rollen und neue Breschen aufreissen. Ich bin gespannt, wie lange es geht, bis das nächste Land endgültig aufsteht und sich wehrt. Die Zeit ist reif.

Freitag, Januar 07, 2011

Weihnachtsmesse in Sicherheit

Ich bin für ein paar Tage in Assuan. Und es ist Weihnachten, nicht katholische, sondern koptische. Und ich möchte mal eine koptische Weihnachtsmesse miterleben.

Doch durch die schreckliche Tat in Alexandria in der Neujahrsnacht ist alles anders als es sein sollte. Es gibt keine Weihnachtsfeier, nur eine Weihnachtsmesse zum Gedenken an die Opfer des Anschlages. Der ägyptische Staat hat versprochen, die Gotteshäuser (diesmal?) besser zu schützen, was er im ganzen Land mit einem massiven Sicherheitsaufgebot erfüllt hat.

Mein Taxi musste einen Umweg fahren, denn die direkte Strasse zur koptischen Kirche in Assuan war abgeriegelt. Die letzten Meter ging ich zu Fuss. Ich passierte mehrere Absperrgitter durch einen schmalen Durchgang. Jede Person wurde einzel mit einem Metalldetektor abgesucht. Ich musste meine Handtasche öffnen. Vor der Kirche durfte nicht telefoniert werden. Überall standen Polizisten, Militär, Sicherheitsbeamte in Zivil.

Auch auf dem Vorplatz der Kirch das gleiche Bild: Sicherheitsbeamte in Zivil, die einem höflich aufforderten, nicht herum zu stehen. Ich wollte einen Moment an den Rand des Vorplatzes stehen, um auf das nächtliche Assuan hinab zu sehen, sofort kam der Sicherheitsbeamte und bat mich, weg zu gehen.

In der Kirche selbst ging es so zu, wie ich es schon einige Male erlebt hatte: ein ständiges Kommen und Gehen, reden, lärmen, suchen, begrüssen und ... beten. Die Messe habe ich nicht verstanden und der Lärmpegel ist so hoch, dass es kaum auszuhalten ist. Doch solange ich anwesend war, drängten sich immer mehr Menschen in die Kirche - sie war zum bersten voll und immer kamen noch mehr, die an diesem besonderen Anlass dabei sein wollten.

Seltsam ist nur, dass in den ägyptischen Medien berichtet wurde, dass nur wenige Kopten in Oberägypten die Weihnachtsmesse besucht hätten. Seltsam, dass der Polizeistaat plötzlich fähig ist, auch ihre Minderheit zu schützen. Seltsam, wie plötzlich zu lesen ist, dass künftig genügend Gebetshäuser für Muslime und Kopten gebaut werden dürften, dass über ein Gesetz gegen Rassismus diskutiert werden soll...

Ob es mit den Reaktionen aus dem Ausland auf das Attentat zu tun hat? Der Druck steigt weiter und noch vieles wird anders werden.

Montag, Januar 03, 2011

Ziel: Koptische Gotteshäuser

In der Silversternacht verfolgte ich entsetzt die Nachrichten im Internet, welche über den tödlichen Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria berichteten. Die knallenden Feuerwerkskörper vor meinem Fenster interessierten mich nicht besonders - die reale Welt sah anders aus und zum Feiern war mir sowieso nicht zumute.

Da die meisten meiner ägyptischen Freunde Kopten sind, bin ich sehr sensibilisiert über das, was hier in Ägypten vorgeht; aber auch meine Schwäche für Minderheiten hat einen Einfluss.

In Hurghada gibt es keine öffentlich zugängliche katholische Kirche, deshalb gehe ich hie und da in die koptische Kirche. An Weihnachten nahm ich aus den Augenwinkeln war, wie ein Sicherheitsbeamter neben dem Eingang stand. Er lehnte gelangweilt an der Wand neben dem Treppenaufgang und unterhielt sich mit einem Bekannten. Ungehindert gingen Menschen ein und aus. So lassen sich die koptischen Gotteshäuser ganz bestimmt nicht vor Anschlägen schützen. Der Mann erschien mir schlichtweg lächerlich; er nahm seine Verantwortung überhaupt nicht war. Nicht viel anders sieht es an anderen Orten aus... gehandelt wird immer erst, wenn es schon zu spät ist, bzw. zuerst wird die Schuld auf andere geschoben und dann vertuscht. So geschah es auch in Naga Hammadi an den letzten koptischen Weihnachten.

Doch nun nehmen die Proteste im ganzen Land zu, die Kopten fordern mehr Schutz, mehr Rechte, Gleichheit... Das Fass ist übervoll.

Zu meinem Erstaunen wurde ich vor ein paar Tagen mit meinem Rennrad am Checkpoint ausserhalb Hurghadas erstmals angehalten und ausgefragt. Natürlich hatte ich weder einen Pass noch eine Identitätskarte in meinem verschwitzten Trikot. Ich ärgerte mich und konnte mich über die frechen Fragen fast nicht beherrschen - dem Offizier mir gegenüber ging es aber nicht anders, denn er liess sich zur Drohung verleiten "ich kann Sie auf den Polizeiposten bringen lassen" - was ich mit einem Schulterzucken quittierte. Wir bewahrten jedoch Haltung und ich wollte wissen, weshalb ich mich als Ausländerin innerhalb Hurghadas jederzeit ausweisen können muss. Die politischen Unruhen? Die gefürchteten Anschläge auf koptische Einrichtungen während dieser Jahreszeit? Er wich mit seiner Antwort aus - was mir aber genügte.

In den nächsten Tagen fahre ich nach Oberägypten, wo die Kopten zwar auch eine Minderheit, aber doch viel zahlreicher sind. Ich wollte an einer koptischen Weihnachtsmesse teilnehmen - diese sind jedoch im ganzen Land aufgrund der Ereignisse abgesagt. Man stelle sich das bei uns vor: keine Mitternachtsmesse an Weihnachten?

Sicher werde ich auch in Oberägypten Klöster und Kirchen besuchen - ich habe ein grosses Bedürfnis danach. Und ich hoffe, dass sie nun besser bewacht und gesichert sind. Nicht für mich - sondern für dieses Land, das zum Spielball anderer Mächte wird.

Ach ja, die ID vergesse ich meist ... heute hatte ich sie aber dabei.

Freitag, Dezember 31, 2010

Happy New Year 2011

Allen meinen Freunden, Bekannten und allen Lesern, die sich auf diese Seite verirren, wünsche ich von Herzen ein


Gesundes, glückliches und erfolgreiches 2011!


El-Qamar

Dienstag, Dezember 28, 2010

Banking in Egypt

Ein Bankkonto muss her! Ich fragte meine Bekannten nach ihren Erfahrungen und entschied mich für eine international tätige, bekannte Bank. Gespannt darauf, was mich da alles erwartet, ging ich ins neue Bankenviertel.

Die Formalitäten zur Konto-Eröffnung sind im Vergleich zu dem, was wir in Liechtenstein oder der Schweiz erleben, unbedeutend. Einzig meinen Pass musste ich vorweisen und der Bankangestellte machte Kopien von meinen Personalien und meinem Visum.

Sofort erhielt ich meine Kontonummer und es wurde mir versprochen, dass ich in einer Woche die Bankomatkarte und den Code abholen könne. Damit würde ich Geld am Automaten beziehen und Internet-Banking aktivieren können.
Ich liess (aus Erfahrung) mehr als eine Woche verstreichen, bis ich die Karte und das Passwort holte. Ich quittierte den Empfang und ging freudig meines Weges. Erst später hatte ich Zeit, die Karte auszuprobieren und eine Transaktion am Automaten zu tätigen. Doch… irgendwas funktionierte nicht… Ich tippte den Code ein… meine Befehle wurden aber als fehlerhaft abgewiesen.

 
Ich probierte anderntags an einem anderen Automaten (die Bank hatte leider geschlossen) – mit dem gleichen Resultat. Entnervt gab ich auf und ging am darauf folgenden Tag wieder zur Bank. Die erste Frage „Haben Sie den richtigen Code eingetippt?“ liess mich fast explodieren Bin ich blöd? Nein, noch nicht. Nach einigen Telefongesprächen des Bankangestellten mit seinen Kollegen in Kairo stellte sich heraus, dass für meine Karte ZWEI Codes ausgestellt wurden. Ich hatte gar keine Chance, einen richtigen Code zu verwenden!

 
Weitere Tage verstrichen, bis ich einen neuen Code erhielt. Dieser funktionierte endlich auch und ich aktivierte Internet-Banking.
Doch ein erneutes Hindernis stellte sich mir in den Weg: wenn ich eine Überweisung innerhalb Ägyptens machen möchte, muss der Empfänger mit der elektronischen Überweisung einverstanden sein. Wo liegt hier der Sinn? Ich habe ihn bis heute nicht gefunden. Es gibt somit Zahlungen, die ich nach wie vor mühsam am Bankschalter tätigen muss, immer mit Wartezeiten und manchmal auch mit Überraschungen verbunden. So fiel einmal der Strom aus – Schalterhalle und Computer blieben dunkel. Der Banker bat mich, doch Bargeld am Automaten zu beziehen und dann am Schalter einzuzahlen!

Einmal gab ich versehentlich eine Zahlung per Internet-Banking zweimal auf. Ich bat den Kundendienst, die Zahlung zu stornieren – in der Schweiz kein Problem und es ist je nach Bank sogar elektronisch möglich. Doch hier erhielt ich zur Antwort: ja, das geht, das kostet aber so und so viel. Faktisch 50% meiner doppelt getätigten Überweisung. Ich schluckte tief und liess die Stornierung sein. Freundlicherweise hat mir der Empfänger den Betrag nach langer Zeit doch zurück erstattet. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen werden hier elektronische Überweisungen mit Spesen belastet – eine Tatsache, die ich auch nicht kapiere, fallen doch die „handling costs“ weg.

Ich habe hier auch noch nie vom Computer ausgedruckte Belastungen bzw. Gutschriften am Bankschalter bekommen. Ich muss von Hand alles ausfüllen und der Bankangestellte tippt dann alles nochmals ein. Er quittiert mir die Transaktion auf dem von mir ausgefüllten Formular – mit vielen Zeichen, Kürzeln, einem roten Strich und einem dicken Stempel.

Andere Banken, kleinere internationale oder ägyptische, arbeiten noch archaischer. Man stellt sich in einer langen Warteschlange an – ich fühle mich dabei jeweils, als ob ich am Jahrmarkt im Gedränge stehen würde - und erfährt dann irgendwann mal, dass man am falschen Ort ist oder ein Formular ausfüllen soll. Diskretion gibt es nicht – die dicht gedrängte Menschenmasse hört zu.

Worüber ich noch immer Staune ist die Tatsache, dass ich in einer Wechselstube den besseren Umrechnungskurs erhalte, als in einer Bank. Kürzlich hat mir meine Bank zu verstehen gegeben, dass ich als Kontoinhaberin vorteilhaftere Umrechnungskurse erhalte, das gilt aber nur für gängige Währungen wie den Euro. Der solide Schweizer Franken zählt hier nicht dazu.

Über all dies tröstet mich dann die Vorstellung, wie es wohl in anderen Ländern Afrikas sein mag und dann bin ich schon wieder froh, dass ich hier alles im Griff habe…