Freitag, Juni 03, 2011

Kleine Käferlein

Ägypten ist ein Drittweltland oder, positiver ausgedrückt, ein Schwellenland. Das Klima ist extrem (heiss, trocken, windig), das erfordert besondere hygienische Massnahmen.

Die einzuhalten ist nicht jedermanns Sache, allein schon deshalb, weil bei einer breiten Bevölkerungsschicht das Wissen dazu fehlt. Aber ich habe das Wissen… und bin trotzdem stets gefordert!

Wenn ich nach Hause komme, wasche ich mir immer zuerst die Hände. Jetzt, wo es wieder sehr heiss ist, dusche ich mehrmals täglich. Logischerweise wird auch Körper- und Bettwäsche häufiger gewechselt. Lebensmittel landen schnurstracks im Kühlschrank, weder Brot noch Früchte, geschweige denn Frischprodukte stehen längere Zeit herum – die gesundheitlichen Folgen wären fatal. Putzen gehört absolut nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen – trotzdem widme ich dem Abstauben, Fussboden aufnehmen und Bad reinigen mindestens doppelt so viel Zeit wie in meinem Heimatland. Ich muss. Es lohnt sich: Kakerlaken, Ameisen, Läuse und anderes Ungeziefer hält sich fern von meiner Wohnung. Zum Glück.

Ich kaufe auch keine offenen Nudeln, Reis, Trockenbohnen, Käse, Fisch oder Fleisch vom Markt, wo Hygiene ein Fremdwort ist. Ich kaufe auch keine gefrorenen Produkte aus Geschäften, die den Ruf haben, die Kühlkette nicht aufrecht zu erhalten (ja, das gibt es leider).

Trotzdem habe ich manchmal etwas Pech. Da kann es schon sein, dass beim Aufschneiden einer wunderschönen roten Tomate ein Würmlein herausguckt. Oder, dass in den (importierten oder im Land abgefüllten) Haferflocken kleine Käferlein ihr Paradies gefunden haben. Ähnlich erging es mir neulich mit meinen Gewürzen: aller Vorrat war einzeln in Plastik verpackt und zusätzlich in einer Aufbewahrungsdose fest verschlossen aufbewahrt: als ich Pfeffer in die Mühle nachfüllen wollte, kamen mir da einige kleine Pünktchen entgegen gekrabbelt.

Kürzlich leistete ich mir einen sündhaft teuren importierten Käse aus den französischen Pyrenäen. Leider entpuppte er sich dann als von innen her schimmelnder Grünkäse. War die Lagerung seitens des Supermarktes unsachgemäss? Wurde während der weiten langen Reise etwas falsch gemacht? Oder gibt es Exporteure, die Ware zweiter Klasse in ein Schwellenland exportieren?

Mich wundert bald nichts mehr. Gewisse Produkte, dessen Geschmack ich aus Deutschland oder der Schweiz kenne, schmecken hier äusserst seltsam. Einmal probieren - und nie wieder! Sei die Lust auch noch so gross. Manchmal weiss ich aber fast nicht mehr, was ich essen soll…

Alle paar Monate erwischt es mich trotzdem. Soeben habe ich wieder ein paar Tage mit Durchfall und Bauchweh, zum Höhepunkt mit Kopfweh und Schwindel hinter mir. Der Körper schafft es wieder heraus – solange sich die Geschichte nicht wochenlang hinzieht. Was die Ursache war, darüber kann ich nur Rätseln: Wasser, Ansteckung durch andere, Würmer, Käfer, Dehydration, usw. usw.

Jetzt habe ich aber wieder eine Weile Ruhe.

Sonntag, Mai 29, 2011

Im Strassengraben


Meine Rennradausfahrten lassen mich so manches erblicken, was anderen verborgen bleibt. So habe ich mich an alle möglichen Abfälle gewohnt (nicht vertilgter Reiseproviant bekannter Reiseunternehmen, Bauschutt, Reste bekannter Restaurants, Pflanzen, Beton), an Eselkarren auf der Autobahn, an halsbrecherische Überholmanöver und Unfallautos, an ärmliche Behausungen in abgeschiedener Gegend, überfahrene wilde Hunde. „Abgebrüht“, wie ich inzwischen bin, nehme ich die Ansichten zur Kenntnis, fahre weiter und studiere vielleicht ein Weilchen daran herum.

Kürzlich entdeckte ich aber ein Wrack, dessen Anblick mir in die Glieder fuhr und ich folglich vom Velo abstieg und Fotos mit der Handykamera aufnahm. Hier sind sie, ohne weitere Beschreibung, freigegeben zum Staunen:


Samstag, Mai 28, 2011

Polizeikontrollen: welcome back!


Ich mochte sie nie. Ich empfand sie als erniedrigend. Nicht für mich, sondern für die Ägypter. Die Polizeikontrollen. Das Land ist von einem dichten Netz von Checkpoints übersät. Auch innerhalb der Orte gab es mobile Kontrollen.

Nach Hurghada hineinzukommen war für einen Ägypter ohne gültige Papiere praktisch nicht möglich. Tagsüber, besonders aber nachts standen Polizisten in den Zufahrtsstrassen und mitten im Stadtzentrum. Hie und da erlebte ich, wie ein Fahrgast den Fahrer beim Anblick einer Kontrolle bat anzuhalten, damit er aussteigen und sich davon machen konnte. Nicht nur der Personalausweis sondern auch die gültige Arbeitsbewilligung mussten auf sich getragen werden. Vielleicht war der Aufenthalt noch nicht verlängert worden. Oder er hatte gar keine. Lieber den Problemen aus dem Weg gehen…

Mir war immer mulmig, wenn es um mich herum mucksmäuschenstill wurde, Busse, Taxis und Privatwagen zwischen blinkenden Polizeifahrzeugen, mobilen Abschrankungen und ernst drein blickenden Polizisten blockiert waren, jeder dem Polizisten seine Karte schweigend hinhielt und ohne aufzumucken der Obrigkeit folgte, wenn er aufgefordert wurde.

Seit den Aufständen sind mit der Polizei auch die Kontrollen verschwunden. Das hat besonders in touristischen Orten viel Gesindel und Verbrecher angelockt. Immer wieder drängen mich Freunde dazu, besonders vorsichtig und wachsam zu sein, nicht in einen leeren Bus zu steigen, nicht in diese oder jene Art von Taxis zu steigen, nicht zu spät alleine nach Hause zu gehen… Danke für den Rat, meine Lieben! Aber das ist halt nicht immer so einfach und ein Messer und einen Pfefferspray trag ich auch nicht mit mir herum.

Doch Überraschung: während der vergangenen Tage hat die Polizeipräsenz wieder zugenommen! Vor zehn Tagen staunte ich das erste Mal über eine mobile Kontrolle ausserhalb Hurghadas auf meinem Heimweg. Wenige Tage später war sie wieder da, am gleichen Ort, abends. Und ich freute mich! Ich freute mich wirklich über den Anblick der weiss gekleideten Polizisten, die da wieder ihren Dienst taten. Beruhigend zu sehen, dass wenigstens die Zufahrtsstrassen wieder kontrolliert werden und so weiteres Gesindel zurückgehalten wird.

Gestern Abend war die Präsenz der Polizei in der belebten Fussgängerpromenade besonders auffällig. Mit Ausnahme des Squash Turniers kann ich mich nicht erinnern, die Ordnungshüter während der vergangenen Monate so zahlreich gesehen zu haben.

Die Hoffnung steigt. Hoffnung, dass wieder Ruhe und Sicherheit zurückkehren. Hoffnung, dass die Angst vor Verbrechen unnötig wird. Hoffnung, dass die Menschen sich nicht mehr selber bewaffnen und verteidigen müssen. Hoffnung, dass Ägypten seinen Weg findet.


Dienstag, Mai 24, 2011

مصر النهاردة - Ägypten heute

Kürzlich bestand mein Arabischunterricht aus dem Lesen und Verstehen des nachfolgenden Textes. Er widerspiegelt wohl das Befinden vieler Ägypter, weshalb ich den Text aufschalte:

„Ägypten ist ein seltsames Land geworden.
Jeden Tag gibt es Sit-ins, Streiks und Demonstrationen.
Und überall lauern Wegelagerer. Es gibt keine Sicherheit mehr. Die Polizei unternimmt nichts.

Und jetzt gibt es auch noch religiöse Zusammenstösse.
Die meisten Ägypter tragen jetzt eine Waffe mit sich und sie sind bereit, diese zu jeder Zeit und aus jedwelchem Grund einzusetzen.
All dies hat natürlich Einfluss auf die Wirtschaft, auf den Tourismus und auf die Produktion.
Lange haben wir von einer Revolution geträumt, doch aus der Revolution ist Chaos geworden. Mir kommt vor, ich sei in einem Alptraum und weiss nicht, wie ich daraus erwachen soll.“


Montag, Mai 23, 2011

Orientalischer Traum: Sahl Hasheesh

Es gibt da einen traumhaften Ort, nicht weit von Hurghada entfernt. Bisher bin ich jeweils mit dem Rennrad hingefahren.

Allein schon der Name hört sich verführerisch an: Sahl Hasheesh. Der Ort liegt an einer lang gezogenen, sandigen Bucht mit kristallklarem Wasser. Im Rücken erheben sich Hügel und dahinter erstreckt sich eine Hochebene bis zu den Bergen der Östlichen Wüste.

Sahl Hasheesh ist ein mehrere Quadratkilometer umfassendes Stück Land, auf dem jetzt schon traumhafte Hotel-Bauten und Appartementhäuser stehen. Ein Luxus-Resort, von dessen Plänen erst ein kleiner Teil vollendet ist.

Seit ein paar Monaten ist die zweite von drei Zufahrtsstrassen geteert. Das ermöglicht mir, von der Landstrasse zwischen Hurghada und Safaga nach Sahl Hasheesh hinein zu fahren und über die Küstenstrasse wieder zu verlassen.

Doch was ist es, das mich dorthin zieht? Es sind natürlich die Hügel, die mit dem Rennrad einfach viel mehr Spass machen. Es sind diese wunderschönen, im orientalischen Stil gehaltenen Bauten. Der grösste Anziehungspunkt ist für mich jedoch die „Alhambra“. Ich nenne sie so, weil sie mich an die echte Alhambra in Granada in Spaniens Sierra Nevada erinnert. Es ist ein orientalischer Bau mit luftigen, schattigen Arkaden und wunderschönen Wasserspielen. Der Bau liegt im Herzen Sahl Hasheeshs und die Palmen gesäumte Strasse führt vom Hügel hinab Richtung Bucht, direkt hierher. Das Spiel zwischen Sonne und Schatten, das Weiss und Blau der Kacheln in den Wasserbecken, das Plätschern der Wasserfontänen, die weite Bucht mit dem in der Morgensonne glitzernden Meer…. all dies hat eine beruhigende, friedliche Wirkung auf mich. Es ist ein Ort zum Auftanken, zum Abschalten, zum Träumen.

Ein leiser Schock durchfuhr mich letztes Mal, als mir bewusst wurde: Sahl Hasheesh ist leer, die Strände sind leer, die Hotels sind leer – ich sah nur ganz wenige Touristen. Allein an der zu Ende gehenden Hochsaison liegt das leider nicht.

Hier einige Bilder:






Freitag, Mai 20, 2011

Squash: Weltklasse in Hurghada

Weltklasse-Squash in Hurghada! Jedes Jahr wollte ich das Turnier besuchen, hatte aber entweder keinen Platz mehr auf der Tribüne bekommen oder hatte den Anlass verpasst.

Dieses Jahr war es aber anders: ich wusste früh genug davon und Platz hatte es in Hülle und Fülle. Während den Vorrunden und noch während der Halbfinals war die Tribüne nicht mal zur Hälfte besetzt.

Was es ebenfalls in Hülle und Fülle gab, war Polizei und Armee. Vor den Spielen machte ein Gerücht die Runde, wonach Überbleibsel der NDP den Anlass stören und Angst und Schrecken verbreiten wollten - mitten in die Livekameras der europäischen Sportsender. Das Sicherheitsaufgebot war riesig, das Gelände war mehrfach abgeriegelt, Militär mit einem Wasserwerfer und Panzern stand da, ebenso zahlreich und unübersehbar war die weiss uniformierte Polizei. Allerdings hatte ich mehr den Eindruck, sie langweilten sich… Komisch anzusehen war eine Truppe von Polizeirekruten, die zwanzig Mann hoch im Gänsemarsch quer durch die Promenade defilierte. Die hinteren Mannen konnten den vorgegebenen Rhythmus nicht einhalten – es war zu witzig, denen zuzusehen.

Doch zurück zum Anlass selbst. Ausländer waren praktisch keine zu sehen, weder auf der Tribüne, noch an den liebevoll hergerichteten Ständen mit ägyptischem Kunsthandwerk, noch an der Fotoausstellung über Ägypten und Kairo wie es einst war.

Ich sah mir Viertel-, Halbfinal und das Final der Männer an. Absolute Weltklasse! Was die Weltnummern zwei und drei, Ramy Ashour und Karim Darwish, beides Ägypter, beim Final boten, war atemberaubend! Spitzensquash mit unendlich langen, spannenden und blitzschnellen Ballwechseln, die oft in „Let“ endeten statt mit einem Punkt. Zwischen den Spielen wurde ägyptische Musik gespielt, getanzt und geklatscht. Über der ganzen Szenerie wehte ein leichter, warmer Wind und ein knallgelber Vollmond klebte am Nachthimmel.

Momente, Augenblicke und Stunden, wie ich sie liebe und den Alltag weit in die Ferne rücken.

Finale: Ramy Ashour vs. Karim Darwish
fern des Alltags

Gewonnen hat das mit USD 77‘500 prämierte Turnier Ramy Ashour im fünften Satz. Mir wäre Karim Darwish lieber gewesen – sein Spiel war ruhig, konzentriert und beherrscht. Ramy hingegen schimpfte häufig und war mit den Entscheiden des Schiedsrichters nicht immer einverstanden…

Donnerstag, Mai 19, 2011

Eine Portion Abenteuer

Ich stehe am Strassenrand und warte. Ein Fahrzeug kommt in rasendem Tempo entgegen und blinkt mir auf… oranges Autoschild… ein Kleinbus. Ich strecke meinen Arm aus um dem Fahrer anzudeuten, dass er anhalten und mich mitnehmen soll.

Meistens besteige  ich einen Kleinbus, wenn ich innerhalb Hurghadas wohin muss. Die sind günstig und zahlreich zu finden. Sie sind auch unsicher und unbequem.

Es sind meist Toyota-Busse in unterschiedlichem Zustand. Einige fallen fast auseinander und man weiss nie so genau, ob sie noch rechtzeitig bremsen können oder ob sie es noch schaffen, den nächsten Gang einzulegen. Sitze und Innenverkleidung sind zerfleddert, manchmal fehlt eine Rückenlehne, oft sitzt man auf einem Sitz ohne Polsterung. Das ist unbequem. Aber unbequem ist es sowieso, weil diese Busse weder für Langbeiner noch für füllige Körpermassen konstruiert wurden. Also ist es egal, ob die Polsterung gut ist oder nicht.

Manch einer der Busse ist aber innen liebevoll dekoriert: exotische Landschaften als Innenverkleidung, gehäkelte Bordüren über den Fensterkanten, weiche, gewobene Wollteppiche über den Sitzen und seitlicher Sonnenschutz am Fahrer- und Beifahrerfenster. So ein Bus ist meist auch sehr sauber.

Ebenso unterschiedlich wie die Busse sind auch die Fahrer und ihr Fahrstil. Viele fahren schlichtweg idiotisch und ruppig. Oft wird angefahren, noch bevor die Schiebetüre geschlossen, der Fahrgast auf dem Sitz Platz genommen hat. Das gibt blaue Flecken und böse Blicke. Einmal flog ein Koffer vom Dach…. Ägyptische Popmusik oder Koran-Rezitationen in voller Lautstärke begleiten die Fahrten.

Hie und da sind auch Gentlemen am Lenkrad anzutreffen: sie fahren sanft an, lassen waghalsige Überholmanöver und Geschwindigkeitswettbewerbe in radarfreien Zonen sein, sie kündigen laut und deutlich jede bekannte Strasse, jeden bekannteren Stopp an: „Had nasil chery?“ – Will jemand bei der Chery-Strasse aussteigen? Sie warten, bis man ein- und ausgestiegen ist, sie grüssen freundlich und verabschieden einen gleichfalls.

Fahrkarten oder so etwas Ähnliches gibt es nicht, obwohl der Fahrpreis fixiert ist (ausser für unwissende Touristen: sie zahlen willkürlich festgesetzte Preise). Das Fahrgeld wird dem Vordermann mit der Bemerkung des Zielortes und der Anzahl Zahlender weitergereicht, bis dieses beim Fahrer landet. Oft übernimmt ein einzelner Fahrgast ganz selbstverständlich das Einsammeln all des Kleingeldes, gibt Rückgeld, zählt nach und reicht es dem Fahrer weiter.

Was mir besonders gefällt, ist der Gemeinschaftssinn und der allgegenwärtige Humor der Ägypter. Einmal erlebte ich, wie die Jungs in der hinteren Sitzreihe um Halt beim Bankenviertel baten. Die Musik im Bus war so laut, dass es der Fahrer nicht hören konnte. Die Jungs riefen lauter und alle Männer im Bus stimmten in die Rufe ein. Der Bus hielt unter grossem Gelächter der Fahrgäste an. Als ich kurz darauf mit lauter Stimme rief „Ala gamb, lausamaht“, lachten die verbliebenen Männer im Bus und meinten, dass ich das vorbildlich mache und ich ein gutes Beispiel für die Jungs von vorher wäre. Ich entstieg dem Bus mit einem breiten Grinsen.

Solche und andere Erlebnisse lassen die Fahrten kurzweilig werden – Unbequemlichkeit hin oder her, sie gehören dazu. Und manchmal habe ich ja auch Glück und erwische einen nigelnagelneuen, blitzblanken und bequemen Bus – das geniesse ich dann umso mehr. Auf alle Fälle habe ich mit den „fliegenden Särgen“ weniger Ärger als mit den Taxifahrern!