Donnerstag, August 15, 2013

Kirchen in Ägypten

Hier ist eine Liste von Kirchen, die angegriffen, umzingelt oder abgebrannt wurden. Westen, wach auf!!!!


Warum wird nur der gestrige Armee- und Polizei-Einsatz verurteilt, nicht aber die Angriffe auf Kopten und ihre Einrichtungen? Einer meiner Studenten hat soeben ein Bild auf Facebook gepostet, das seine Schule in El Mynia zeigt; sie wurde abgebrannt.


Mittwoch, August 14, 2013

Ägypten brennt

Mein letzter Blogeintrag lautete Vorahnung. Seither sind drei Wochen vergangen, während denen ich im Ausland in den Ferien weilte, aber stetig die Ereignisse in Ägypten verfolgte.

Nun ist das eingetroffen, was ich befürchtet hatte: Ägypten brennt. Die Muslimbrüder haben zeitgleich mit der Räumung ihrer Demonstrationen in Kairo durch die Sicherheitskräfte mit der Zerstörung Ägyptens begonnen. Nicht nur staatliche Institutionen wie Armee, Polizeistationen und Regierungsgebäude, sondern Kirchen und die berühmte Biblioteca Alexandrina wurden angegriffen und in Brand gesetzt. In vielen Provinzen wird geschossen und gebrandschatzt. Wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, ist unklar, denn die Medien bieten unterschiedliche Zahlen und keine Quelle ist glaubwürdig. Den Rekord hält Al Jazeera inne, der Fernsehsender spricht von über 2000 Toten!

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Gestern machte ich folgende Notizen (und wollte sie heute aufschalten), welche die Vorzeichen dessen widergeben, was seit heute im Land geschieht:

Drohend prangen schwarz die Worte „Ägypten ist islamisch“ an Kirchentüren und Mauern. Kirchen werden geplündert und niedergebrannt. Nachts ziehen demonstrierende und „islamisch“ skandierende Horden durch die Dörfer und Städte. Kopten wagen sich nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr aus ihren Häusern. In Mittel- und Oberägypten sind Kopten schutzlos den aufgestachelten islamistischen Eiferern ausgeliefert. Die Polizei ist machtlos oder gar willenlos. Pogrom? Die Medien schweigen mehrheitlich, die Kopten aus Angst vor weiteren Racheakten ebenfalls.

Wer Europas jüngere Geschichte kennt, dem sollten bei solchen Meldungen die Alarmglocken läuten. Pogrom, Kristallnacht, Judenhetze. Oder ist es schon zu lange her????

Bis zum heutigen Abend sind mindestens 18 (andere Quellen sprechen von 7) Kirchen gebrandschatzt und zahlreiche Geschäfte von Kopten zerstört worden. – Und niemand tut etwas dagegen und niemand berichtet darüber!

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Und zu den besetzten Plätzen, die heute unter Anwendung von Gewalt – wohl bemerkt: von beiden Seiten – geräumt werden notierte ich:

Seit sechs Wochen belagern bezahlte Anhänger der Muslimbrüder ganze Strassenzüge in Kairo, um für die Rückkehr Morsis zu demonstrieren. Die Bewohner des Quartiers werden belästigt, bedroht und daran gehindert, zu ihren Häusern zu gelangen. Viele haben den Job verloren, weil sie es nicht schafften, täglich rechtzeitig durch die Menschenmassen zur Arbeit zu gelangen. Lärm und Gestank sind unerträglich und zermürbend.

Im belagerten Raum wird gebetet, gefeiert, gefoltert und gemordet. Fernsehstationen berichten vom baldigen Fall der illegitimen Regierung. Kinder und Frauen dienen als Schutzschilder gegen die erwartete gewalttätige Auflösung der Belagerung.
Welches Land, welche Stadt im Westen würde das so lange dulden? Ich erinnere mich, an Bilder aus den USA, England, Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien, wonach Demonstranten brutal auseinander getrieben und niedergeknüppelt wurden. Genau diese Länder rufen Ägypten jetzt zu Gewaltverzicht bei der Räumung auf. Welch ein Hohn!

Ich bin gegen Gewalt. Es ist schrecklich, was heute geschieht. Sicher hätte es eine andere Möglichkeit gegeben, diese Demo aufzulösen. Doch die Auflösung war überfällig. Jedoch kreide ich den Westen an, der erneut mit gespaltener Zunge redet. Die heutigen Ereignisse zeigen auch, dass einige der sogenannten „friedlichen“ Demonstranten schwer bewaffnet sind. Sie haben Waffen, Munition, Barrikaden aus Sandsäcken und Zementmauern erbaut. Sind das friedliche Demonstrationen? Würde dies eines der westlichen Länder bei sich dulden? Und nun tauchen Leichen auf, die dort seit Tagen gehortet wurden!

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Heute Nachmittag wurde der Notstand ausgerufen und kurz darauf eine Ausgangssperre ausgesprochen (ohne Red Sea).

Mir graut über meine Vorahnung und ich hoffe, dass das Militär und die Polizei die Situation in ein oder zwei Tagen in den Griff bekommt – aber ich bezweifle es. Zu clever haben die Muslimbrüder agiert und zu lange liess man sie gewähren. Vor dem, was danach kommt – wenn mal wieder Ruhe in den Städten und Dörfern herrscht – graut mir erst recht. Ich sehe Ägypten wieder dort, wo es im Januar 2011 stand.


Mittwoch, Juli 24, 2013

Vorahnung?

Wie ungewöhnlich: Verteidigungsminister El-Sisy hat heute zu einer Massendemonstration gegen „den Terrorismus“ für kommenden Freitag aufgerufen. Offenbar will er die „Zustimmung“ der Ägypter für einen schon lange nötigen Schlag gegen den sich in Windeseile ausbreitenden Terror.


Zum ersten Mal habe ich Angst um Ägypten.

Die Muslim Brüder setzen ihre Drohung (Morsi oder Ägypten versinkt im Terror) um: Seit 30. Juni haben sich Angriffe auf Soldaten und Armee-Einrichtungen vervielfacht; in den vergangenen Tagen wurden sogar Bombenanschläge ausgeübt. Viele Zivilisten sind in den vergangenen Wochen umgekommen. Die einen sagen, durch Soldaten, andere hingegen meinen, durch angeheuerte Scharfschützen seitens der MB u.a. in gefälschten Armee-Uniformen. Im Sinai wimmelt es von „Jihadisten“: Al-Qaida Kämpfer, Syrier und Palästinenser befinden sich unter den Kämpfern und Schützen auf Seiten der MB und täglich kommen Soldaten um.

Erstmals seit dem 25. Januar 2011 habe ich ein mieses Gefühl für Ägypten.

Die Armee zögert, gegen den herrschenden und sich ausbreitenden Terror hart vorzugehen. Gibt es Verhandlungen im Hintergrund? Warum schweigt der sonst so vorlaute Westen dazu? Was fordern die Muslim Brüder für die Niederlegung der Waffen? Drei Wochen sind seit dem bewegenden Aufmarsch der 30 Millionen Ägypter verstrichen… wertvolle Zeit, die sich die Muslim Brüder zu Nutzen machten.

Ägypten ist mitten in einer Revolution, die in einen hässlichen Krieg zu kippen droht. Ägypten will kein zweites Afghanistan oder Pakistan werden. Um dies zu vermeiden, braucht es kluges Vorgehen und beherztes Eingreifen. Ungewöhnliche Situationen fordern ungewöhnliche Handlungen.

El-Sisy braucht die Legitimität des Volkes. Warum? Um der Welt zu zeigen, dass es nicht um eine Machtergreifung des Militärs geht? Möglich. Aussergewöhnlich… Was geht nur hinter den Kulissen vor? Ich befürchte, dass noch mehr Menschen in diesem sinnlosen Rachefeldzug der Muslim Brüder ihr Leben lassen werden.

Ich habe Angst, dass es am Freitag zu verbreiteten Anschlägen kommen könnte. Ich habe erstmals Angst, dass Ägypten in einen Bürgerkrieg gedrängt wird. Ich habe ein unendlich schlechtes Gefühl…

Samstag, Juli 20, 2013

Vom Alltag

Du weisst, dass du in Ägypten lebst, wenn:
  • um ein Uhr früh die Bohrmaschine dröhnt
  • dich der Handwerker um ein Messer bittet und auf Stuhl und Tisch klettert, weil er weder Werkzeug noch Leiter mitbringt
  • du tagelang im zwei-Sekunden-Takt dumpfe Schläge hörst und feststellst, dass eine frisch gemauerte und verputzte Hauswand nachträglich Fensteröffnungen bekommt

  • du auf der Strasse gehst, weil das Trottoir mit Baumaterial, Sandhaufen und zum Verkauf ausgeschriebenen Autos verstellt ist
  • du gewohnt bist, über Sandhaufen und Gräben zu steigen, um zur Strasse zu gelangen
  • deine Fusssohlen beim barfuss Gehen grau vor Staub sind, obwohl du vor einer halben Stunde den Boden nass gewischt hast
  • du um 12 Uhr 30 Mittagessen möchtest, aber sämtliche Restaurants und Take-aways noch geschlossen sind
  • nachts um 11 Uhr die Warteschlangen vor den Kassen am Supermarkt länger sind, als mittags um 12 Uhr
  • du weisst, ob dein Gegenüber nun „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“ meint, obwohl er nur „Inscha’allah“ sagt
  • du als Frau dein Gesicht zur Maske erstarren lässt, sobald du öffentlichen Raum betrittst
  • du Lebensmittelpackungen vor dem Einkauf schüttelst um zu prüfen, ob die Packungen ganz sind
  • du weisst, dass du vor 11 Uhr vormittags niemanden anrufen solltest
  • du aber noch nach Mitternacht geschäftliche Anrufe erhältst


Das ist meine momentane Liste, die ich während einer Nacht mit Bohrmaschinen-Hintergrund-Geräusche erstellt habe. Sie ist nie vollständig und darf nach Belieben ergänzt werden. Mit einem Augenzwinkern ;)


Dienstag, Juli 09, 2013

Hurghada ist eine Insel

Es erreichen mich wieder besorgte Anfragen, ob Hurghada denn noch sicher sei für Ferien. Die Antwort ist: Ja!

Das EDA (Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten, Schweiz) empfiehlt, die Reisetätigkeit in Ägypten auf die Region des Roten Meeres zu begrenzen.

Also: herfliegen, Sonne, Meer und Wind geniessen und sich von Menschenansammlungen fern halten.

Hurghada ist in jeder Beziehung eine Insel. Weder ist es „typische ägyptisch“, noch spricht man hier nur Arabisch und es leben auch viele Ausländer hier. Vielleicht ist es deshalb auch sicherer als anderswo.

Gestern war ich zufällig im Regierungsviertel, wo die Morsi-Anhänger demonstrierten. Ich kam von hinten heran und ging an der Polizei-Kaserne vorbei. Sie ist voller Polizei-Fahrzeuge und Polizisten. Sie standen dicht gedrängt um die Demonstrierenden. Nicht die „netten“ Tourismus-Polizisten in Weiss, sondern die schwarz gekleideten, schwer bewaffneten und gut ausgebildeten. Ich war beruhigt: gut zu wissen, sie sind vorbereitet, falls etwas geschehen sollte.



Ich wünsche euch schöne Ferien!

Montag, Juli 08, 2013

Militärstreich oder Staatsstreich?

Es ist schon wieder vier Tage her und ich hätte diesen Blog früher geschrieben, wenn ich nicht noch immer schwach auf den Beinen wäre.

Was Ägypten am 4. Juli geleistet hat, ist weder ein Staatsstreich noch ein Militärstreich. Wenn 30 Millionen Menschen auf die Strasse gehen, um einen Tyrannen und ein Terroristen-Regime loszuwerden, ist das ein demokratischer Akt, von mir aus ein Volksstreich. Auf jeden Fall ist es eine unüberhör- und unübersehbare Willenskundgebung.

Ich bin enttäuscht von den westlichen Regierungen, die sich da sehr weit aus dem Fenster gelehnt haben und sogar verlangten, Morsi müsse wieder eingesetzt werden, weil er „legitimer“ Präsident sei.

Wo waren denn all diese Rufer, als Morsi mit gefälschten Wahlen zum Präsidenten gewählt wurde? Wieso meckerte niemand, als er die Verfassung verdrehte und sich über den Staat stellte? Wo waren all diese Demokratie-Aufpasser, als Morsi Gesetze erliess, die gegen die Menschenrechte verstossen und eindeutig gegen Minderheiten zielt? Wo waren sie, als Aktivisten, Journalisten, Blogger, Atheisten und weitere anders Denkende wegen „Blashemie“ oder „Beileidung des Präsidenten“ angeklagt, gefoltert und hinter Gitter gebracht wurden? Wo waren sie, als Morsi Gouverneurs- und Ministerposten mit seinen Muslimbrüdern besetzte?

Ich bin der Meinung, dass das ägyptische Volk der Welt vormacht, was Demokratie ist und dass es nicht mehr gewillt ist, sich sein Schicksal von Tyrannen, Diktatoren und ihren westlichen Geldgebern vorschreiben zu lassen. Ich habe riesige Achtung vor der Leistung der Tamarod-Bewegung, die innert weniger als zwei Monaten 22 Millionen beglaubigte Unterschriften gesammelt hat und anschliessend 30 Millionen Menschen auf die Strasse brachte. Irgendwo las ich von einem sogenannten „Spezialisten“, dass das ja nicht mal die Hälfte der Bevölkerung (85 Millionen) sei. Ok, richtig. Aber es ist viel mehr, als Morsi Stimmen erhielt und ein Vielfaches dessen, das an den gefälschten Parlamentswahlen und der Abstimmung über die Verfassung abgegeben wurden. Ägypter lebten über 30 Jahre lang in einer Diktatur, in der der Ausgang der Wahlen von Anfang an bekannt war. Woher sollen sie jetzt plötzlich Vertrauen in ein System haben, das bisher gezinkt war? Und trotzdem gingen 30 Millionen auf die Strasse. Jetzt wissen sie wieder, dass ihre Stimme zählt!

Ferner sind jene „Militärstreich“-Rufer offenbar leicht gläubig. Das Militär hat gar nie wirklich die Macht abgegeben! Es ist nach wie vor ein Staat im Staat und hütet diese Position mit allen Mitteln. Je länger je mehr glaube ich, dass sie den Deal mit den Muslimbrüdern nur eingegangen sind, um die MB zu entlarven.

Die jetzige Situation ist nicht lösbar ohne das Militär. Es muss auf der Seite des Volkes stehen und es muss gegen die Terroristen und Verbrecher des „legitimen“ Präsidenten vorgehen. Der Übergang zu einem Zivilstaat mit einer „echten“ gewählten Regierung braucht Zeit. Ob das Militär sein Wort hält, wird sich weisen. Doch vor zu schnellem Urteil würde ich zurück schrecken. Ägypten steht seit Januar 2011 in einer Revolution, die noch nicht zu Ende ist, die jetzt vielleicht einen ihrer Höhepunkte erlebt. Das wird nicht ohne Verluste geschehen, aber je schneller umso besser. Ich habe hier auf meinem Blog immer wieder gefragt, wann das Militär eingreift, denn es kann ja nicht tatenlos zusehen, wie ein ganzes Land – und mit ihm ihre eigenen Pfründe – in den unausweichlichen Abgrund stürzt.

Immerhin hat das ägyptische Volk erkannt, was die Muslimbrüder wirklich sind. Und die Welt sieht es nun auch auf den Bildschirmen – ausser sie sieht grad CNN oder Al Jazeera.

Noch mehr enttäuscht bin ich, wie sehr der Westen diese Verbrecherorganisation unterstützt hat. Die westlichen Regierungen verstecken sich hinter einem Etikett, auf dem „Demokratie“ steht. In Wahrheit werden Taliban, Al-Qaida und andere Terroristen unterstützt, damit der Nahe Osten (und andere Regionen) ganz sicher nie stabil werden kann und niemals so etwas wie eine „Demokratie“ entstehen kann.

Ägypter haben das verstanden. Sie werden sich ihre eigene Demokratie erschaffen und wieder ein Vorbild für die Region, vielleicht sogar für andere Länder werden, die sich mit der Bezeichnung „Demokratie“ schmücken.

Lieber Westen: Demokratie findet nicht nur an den Wahlurnen und an Konferenztischen statt. Sie kann auch auf der Strasse stattfinden, wenn die Menschen sonst keine Möglichkeit haben, ihren Willen zu äusser!



Mittwoch, Juli 03, 2013

Morsi abgesetzt

Was für ein Volk, was für eine Jugend!
Zuerst sammeln sie 22 Millionen Unterschriften.
Dann bringen sie 30 Millionen Menschen auf die Strasse, um gegen ihren Präsidenten zu demonstrieren.
Und nun schaffen sie es, innert weniger als zweieinhalb Jahren gleich zwei Präsidenten zum Teufel zu jagen.

Ich will nicht an einen erneuten Staatsstreich glauben. Zu zersplittert und am Boden ist das Land. Jede Partei, jeder Politiker und jeder Bürger hat während den vergangenen 29 Monaten eine bittere Lektion gelernt. Ausserdem haben die Ägypter nun die Gewissheit, dass ihre Stimme zählt, dass sie etwas erreichen können, wenn sie zusammen halten.

Ich freue mich, ich bin glücklich für dieses Volk, das so viel Leid ertragen muss…. Ich kann es gar nicht in Worte fassen…. Endlich können sie daran gehen, ihr Land so zu gestalten, wie sie es sich wünschen.

Mögen sie es endlich schaffen.