Sonntag, November 20, 2011

Erdbeben

Ein, nein, zwei wirkliche Erdbeben. Gestern früh zitterte das Gebäude, in dem ich wohne, eine kleine Ewigkeit. Genug lange, um mir zu überlegen, was ich tun soll. Hinauslaufen? Auf den Balkon stehen – zu dumm. Ich dachte auch an jene Menschen, die viel stärkere Erdbeben erlebt haben und dabei alles, Hab und Gut und Familienmitglieder, verloren haben. Doch dann hörte das seltsame Scheppern und Zittern von allen sonst so stabil erscheinenden Gegenständen wieder auf.

Ich vergass es, denn die Ereignisse der vergangenen Nacht beschäftigten mich sehr.

Doch heute Morgen – ich lag noch im Bett – spürte ich erneut dieses bekannte Vibrieren; diesmal war es aber weniger stark und weniger lang. Trotzdem hielt ich einen Moment den Atem an… lauschte… spürte… würde es stärker werden?... würde es lange dauern?.... Nein.

Dafür ist die brutale Gewalt von Polizei und Militär gegenüber den Demonstranten wieder voll zutage getreten.


Samstag, November 19, 2011

Kurz vor den Wahlen (III)

Gestern Freitag fand in Kairo die grösste Demonstration seit Monaten statt. Unterstützt wurde sie in weiteren Städten des ganzen Landes. Gefordert wurde eine rasche Machtübergabe des Militärs an eine gewählte zivile Regierung und Präsidentenwahlen vor April 2012.

Zuerst waren die Islamisten präsent (direkt nach dem Freitagsgebet), dann gesellten sich aber alle möglichen Aktivisten, Zivilisten und politische Gruppierungen hinzu. Gegen Abend war die Menschenmasse auf 50‘000 angeschwollen.

Die meisten verliessen den Tahrir Platz in der Nacht, einige wenige Aktivisten blieben aber und campierten über Nacht.

Heute Samstag wurden sie im Laufe des Tages gewaltsam von der Polizei und der Spezialeinheit vertreiben. Als die Polizei weg war, strömten die Demonstranten von allen Seiten, von allen Gruppierungen zurück. Jetzt ist kurz vor Mitternacht und noch immer strömen Menschen zum Tahrir Platz. Gleiches geschieht in allen wichtigen Städten Ägyptens. Präsidentschaftskandidaten stossen zu den Demonstranten hinzu und unterstützen sie – bzw. nützen die Gunst der Stunde.

Die Polizei greift wie gewohnt brutal ein; mehrere Journalisten wurden schwer verletzt und ihrer Ausrüstung beraubt, einer hat sein Auge verloren. Die Zahl der Verletzten steigt von Minute zu Minute und wird nun mit fast 600 beziffert.

Es geht mir nicht aus dem Kopf… Ist das der zweite grosse Aufstand? Die Ägypter haben die Schnauze mehr als voll. Seit Mubarak zu Fall gebracht worden ist, ist alles schief gelaufen. Die Ziele des Aufstandes vom 25. Januar sind boykottiert worden… Stehen die Ägypter jetzt noch ein zweites Mal auf, Islamisten und Säkulare, um sich vereint zu wehren? Werden die Wahlen überhaupt stattfinden? Die heutige Demo wird Folgen haben…




Samstag, November 12, 2011

Kurz vor den Wahlen (II)

Jetzt wird’s interessant: Ein Verwaltungsgericht im Gouvernement Dakhaliya hat einen Gerichtsentscheid gefällt, wonach ehemalige NDP Mitglieder von den kommenden Parlamentswahlen ausgeschlossen sind. Anscheinend kann dieser Entscheid NICHT angefochten werden und kann aufs gesamte Land angewendet werden.

Wenn dem so ist, wird’s wirklich spannend. Die ex-NDPler werden sich mit Händen und Füssen wehren und alle ihnen verfügbaren (Druck-)Mittel einsetzen, um doch noch ins Parlament zu kommen. Noch zwei Wochen bis zu den Wahlen…
Update 14.11.2011:Der Oberste Verwaltungsgerichtshof hat den Entscheid wieder ausgesetzt. Niemand weiss, was als nächstes geschieht...

Mittwoch, November 09, 2011

Kurz vor den Wahlen

Ende Monat finden die ersten „freien“ Parlamentswahlen statt. Ob sie denn wirklich so frei sein werden, bezweifle ich.

Zweieinhalb Wochen vor den Wahlen versinkt Ägypten immer tiefer im Chaos. Die schlechten Nachrichten hören nicht mehr auf und drum mag ich manchmal gar nichts mehr auf meinem Blog schreiben.

Die Muslimbrüder haben die Feiertage (Opferfest) dafür genutzt, die grosse Masse der armen und ungebildeten Bevölkerung für sich zu gewinnen, in dem sie den Kindern Spielzeuge schenkten und den Menschen Nahrungsmittel, vor allem das für viele Familien unerschwingliche Fleisch, zum halben Preis verkauften.

Aktivisten haben schwarze Listen mit Namen von ehemaligen NDP-Mitgliedern publiziert, die sich wieder wählen lassen möchten. Nicht nur ehemalige, sondern auch Minister der jetzigen Übergangsregierung haben Ex-Präsident Mubarak Glückwünsche zum Opferfest überbracht. Der Begriff „schmeicheln“ ist zu wenig kräftig, um das zu beschreiben… Es ist inzwischen jedem klar geworden, dass erst der Kopf des alten Regimes entfernt wurde, der Körper lebt jedoch noch heftig um sich schlagend weiter.

Der Oberste Armeerat hat ein Papier dazu erlassen, wer die neue Verfassung ausarbeiten soll und was darin zu stehen hat. Quer über alle politischen Richtungen ging ein Aufschrei durchs Land, weil die Armee darin ihre Macht festigen will. Anklagen und Verurteilungen von Zivilisten durch das Militärgericht sind an der Tagesordnung. Einige Aktivisten verweigern die Aussage vor dem Militärgericht; einer von ihnen ist seit Monaten im Hungerstreik. Es wurde sogar versucht, ihn als psychisch krank in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Kopten werden willkürlich als Unruhestifter und Verursacher des Massakers vom 9.10.2011 festgenommen und verurteilt. Eine unabhängige Untersuchung gibt es nach wie vor nicht.

Inzwischen schlagen sich in Oberägypten die Menschen die Köpfe ein. Die Tradition der Blutrache hat Oberhand genommen – kein Wunder in einem Land ohne Recht und Ordnung. Ein Freund erzählte mir, dass sich die Leute gegenseitig umbringen wegen einem gestohlenen Huhn, wegen einem Esel, der am falschen Wegrand gefressen hat.

Ich wollte eigentlich zur Abwechslung ein paar Tage nach Luxor fahren, liess es jedoch sein. Freunde raten mir allein schon von der Busreise ab. Zudem herrscht auch dort Krieg zwischen Banden und Familien. In Gruppen reisende Touristen mögen in Sicherheit sein. Aber dorthin alleine zu reisen habe ich absolut keine Lust. Die historischen Stätten werden auch das überleben und auf mich warten…

Somit bleibe ich in Hurghada, geniesse die Sonne und das glasklare Meer und schreibe in der Marina sitzend über die schwierige und langwierige Zangengeburt eines arabischen Landes, das sich aufgemacht hat, eine Demokratie zu werden.


Sonntag, Oktober 30, 2011

Ungeliebte Jahreszeit

Herbst. Meine ungeliebte Jahreszeit. Plötzlich verzieren Wölkchen den seit Monaten makellos blauen Himmel. Die Schatten wachsen in die Länge und in die Breite, sie dehnen sich fast unverschämt aus, kennen kaum Grenzen.

Palmwedel rascheln aufgeregt im unsteten Wind. Der ist unangenehm geworden, lässt einen frieren, obwohl es noch immer warm ist. Bäume und Pflanzen erstaunen mit frischen Knospen und Blättern. Die gnadenlose Hitze ist gewichen und gibt Raum für Neues.

Das Meer ist unruhig, die Wellen tanzen heftiger als sonst und tragen stolz weisse Schaumkrönchen. Es gibt wieder einen Horizont: die goldgelben Inseln im Meer, die Bergkette im Landesinnern.

Ich streife eine Jacke über, erstmals seit über einem halben Jahr. Mich friert.

Dienstag, Oktober 25, 2011

Ägyptische Spezialitäten (I)

Oft sehe oder höre ich etwas, was bei mir ein Lächeln oder Staunen hervorruft. Ich will diese Erfahrungen mit Euch teilen und schreibe unter diesem Label künftig über Dinge, Situationen oder Sachverhalte, die überraschend, lustig oder einfach anders sind, als in unserer geordneten und geregelten westlichen Welt.


Wozu denn eine Windschutzscheibe, wenn es auch ohne geht?


Dienstag, Oktober 18, 2011

Stern in der Wüste

Heute Vormittag machte ich mal wieder eine längere Radtour. Längere Ausfahrt heisst für mich auch, viele Eindrücke und Überraschungen aufnehmen.

Da winkten mir Arbeiter, die an den Stützen der Starkstromleitungen arbeiteten – weit entfernt von Hurghada, mitten in der Wüste. Die Fahrer der Vierzig-Tönner Lastwagen hielten schön Abstand, hupten und winkten.

Noch etwas zog meine Aufmerksamkeit auf sich: fünf Meter vom Strassenrand entfernt stand da etwas Kleines, Ungewöhnliches  in der Wüste. Weisse Bänder flatterten im Wind… ich fuhr weiter, bremste aber nach wenigen Metern ab und kehrte um. Ich legte mein Rad auf den Boden und erreichte in wenigen Schritten das…


… Erinnerungsdenkmal. Jakob, 22 Jahre alt, war hier am 12.8.2010 bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Die im Wind flatternden Bänder trugen Abschiedsworte in Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch auf sich. Ich war tief berührt.