Sonntag, September 22, 2013

Sandsturm

Innert weniger Minuten ist die Luft dunkelgelb, die benachbarten Häuser verschwinden hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang und das nur 500 Meter entfernte Meer scheint im Nichts verschluckt.

Der Wind wirbelt Haufenweise Sand durch die Luft und mit ihm alles, was nicht fest angebunden ist. Der Liegestuhl wird wie von Geisterhand gegen das Balkontischchen gedrückt, der Wäscheständer mit der frisch gewaschenen, weissen Wäsche duckt sich, gibt nach und kippt endlich auf den vor einer Stunde gewischten Balkonboden. Die Fenster sind verriegelt, trotzdem findet der grobkörnige Sand seinen Weg in die Wohnung und Staub legt sich sanft über alle Flächen. Der Wind heult auf, pfeift und strapaziert die Nerven.

Die Kommunikation auf Facebook:

„Sandsturm“
„wo?“
„hier in Hurghada“
„Danke. Ich habe nämlich vergessen, die Autofenster zu schliessen.“ (Wenn ich mir das Vorstelle!)
„Hurghada ist eine Wüstenstadt.“

Kein Mensch geht nach Draussen, nur der Wachmann steht einsam im Sturm und tut seinen Dienst. Der Swimmingpool wird zum Teich. Geduld! Geduld ist gefragt und wird belohnt. Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei, der Wind flacht ab, es wird Nacht.

Am nächsten Morgen fängt das Spiel erneut an: Balkon wischen, Ritzen saugen, abstauben, Wäsche erneut waschen und aufhängen. Zähneknirschend zuerst, dann mit einem Lachen, denn ja, wir leben in einer Wüstenstadt!


Freitag, September 13, 2013

Zurück zur Militärdiktatur?

Seit der Absetzung Mursis durchläuft Ägypten eine weitere hässliche Phase der Revolution. Mit der Erfüllung der Forderungen des Aufstandes vom 25. Januar 2011 nach Brot, Frieden und Gerechtigkeit hat der momentane „Krieg gegen den Terrorismus“ ziemlich wenig zu tun.

Mit Gefühlen spielen
In den Tagen um den 30. Juni und 3. Juli – als Mursi abgesetzt wurde – sowie anschliessend spielte die Armee gekonnt mit den Gefühlen der Ägypter: sie warfen ägyptische Flaggen aus Helikoptern auf die Menschen hinab, zeichneten die ägyptischen Nationalfarben mit dem Schweif von Kampfflugzeugen an den Himmel und liessen keine Gelegenheit aus, sich als Retter der Nation darzustellen. Die Herzen der Ägypter flogen ihrer Armee und dem derzeitigen Armeechef El Sisi blindlings zu. Haben die Ägypter so rasch vergessen, welche Rolle die Armee spielt? Als ich auf Facebook dieses emotionale Spiel seitens der Armee ansprach, war die Reaktion: wir vertrauen unserer Armee, das ist seit Jahrzehnten in unserem Instinkt.

Ich nenne es Manipulation der Massen und staune darüber, dass Militärgerichte für Zivilisten, übermässige Gewalt, Folter und Korruption seitens des Militärs stillschweigend ausgeblendet werden.

Die Armee ist die einzige Institution, die Ägypten aus der katastrophal verfahrenen Situation befreien kann – das bezweifle ich nicht. Es ist auch offensichtlich, dass sich die Muslimbrüder und ihre radikalen Freunde einerseits mit Gewalt, Anschlägen und Bomben rächen und sich andererseits als Opfer darstellen. Auch sie spielen mit den Gefühlen ihrer Landsleute und übrigens auch mit ihren europäischen Partnern. Die Gewalt zu bekämpfen ist sicher Sache der Armee und der Regierung. Die Art und Weise, wie das geschieht, ist allerdings zweifelhaft.
Bevor ich dazu aushole, möchte ich aber noch etwas Besonderes bemerken. Trotz allem habe ich einen gewissen Respekt vor der ägyptischen Armee: sie hat sich nicht dem Willen, dem Druck und den Drohungen des Geldgebers USA gebeugt, sondern hat unabhängig gehandelt. Das könnte eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Nahen und Mittleren Osten bedeuten. Ich glaube, das wird interessant werden.

Willkür, Zensur und fehlende Rechtsstaatlichkeit
Zweifelhaft oder je länger je eindeutiger: Tausende von Muslimbrüdern wurden in den vergangenen Wochen festgenommen. Gegen die Führer wurde inzwischen Anklage wegen Aufruf zu Gewalt, Spionage, Landesverrat, Gefängnisausbrüchen und anderen kriminellen Handlungen erhoben. Unter den Tausenden von Festgenommenen ist nicht jeder ein Muslimbruder und nicht jeder Muslimbruder ist gewalttätig oder gefährlich. Willkür.

Mehreren Fernsehstationen wurde verboten, weiterhin ihr islamistisches Gedankengut zu verbreiten. Sie wurden abgeschaltet. Es gäbe sicher andere Mittel, die Hetze der Islamisten zu Anschlägen gegen Christen, ihre Kirchen und Geschäfte sowie gegen staatliche Einrichtungen zu unterbinden. Mehrere Journalisten wurden bei ihrer Arbeit auf der Strasse getötet, andere unter seltsamen Verdächtigungen festgenommen. Zensur und Willkür.

Das Notrecht wurde um zwei weitere Monate verlängert. Das bedeutet, dass weiterhin jeder zu jederzeit und überall festgenommen werden kann. Denunziation ist ausreichend. Die Ausgangsperre wurde jedoch verkürzt (hier am Roten Meer galt sie sowieso nie). Willkür und fehlende Rechtsstaatlichkeit.

Gegen die Muslimbrüder wurde eine Hasswelle eingeleitet, die sich zu einer wahren Lawine ausgebreitet hat. Männer mit Bart tun gut daran, diesen abzunehmen. Ich erzählte einem Freund, dass ein Kopte mit Bart auf der Strasse zusammen geschlagen wurde, in der Annahme, er sei ein Muslimbruder. Die Reaktion meines Freundes – übrigens ebenfalls ein Kopte – schockierte mich: aber es sei gut, wenn die Muslimbrüder zusammen geschlagen würden! Gibt es kein anderes Mittel, um gegen eine verbrecherische und terrorisierende Organisation vorzugehen? Mein Freund erkannte zerknirscht, in welche Falle er getappt war. Hunderttausende von anderen leider nicht. Sie folgen blindlings der Propaganda von Militär und dem Innenministerium.

Der Innenminister ist derselbe wie unter Mubarak. Die Richter haben keinen Einzigen der Angeklagten von Mubarak und seinen Getreuen verurteilt. Kein Polizist ist für die Tötung eines Zivilisten verurteilt worden. Tausende von Aktivisten und willkürlich gefangen genommene Menschen hocken ohne Anklage und Urteil in den Verliesen der Gefängnisse. Hunderte von Menschen sind verschwunden und niemand weiss oder will preisgeben, wo sie sind bzw. wie und wo sie umgekommen sind.

Nach dem Aufstand ist vor dem Aufstand
Die Regierung und die Armee versuchen entstehende Zweifel an ihrem derzeitigen Tun zu zerstreuen, versprechen keine Rückkehr zum alten System wie unter Mubarak. Doch viele Zeichen zeigen in genau jene Richtung. In den vergangenen zwei Monaten hat sich einfach gar nichts verbessert, sondern nur noch verschlechtert. Das einzig Positive, das ich erkennen kann, ist, dass offenbar jemand wieder den Überblick über die staatlichen Finanzen hat, davon etwas versteht und gewillt ist, diese in Ordnung zu bringen. Logisch, denn darin sind die „Feloul“ (eben jene Machthaber aus Mubaraks Zeiten) sowie das Militär stark.

Schon sind Stimmen zu hören: besser eine Militärdiktatur, als die Muslimbrüder… El Sisi soll Präsident werden… Wir lieben unsere Armee… Ach, wie kurzzeitig ist das Gedächtnis der Menschen! Und doch kann ich es verstehen: die Menschen wollen endlich wieder essen, trinken, lachen, tanzen und ein friedliches Leben führen.

Die Liebe zur Armee wird nicht ewig dauern, der nächste Aufstand ist vorprogrammiert, wenn die Herren der Übergangsregierung und Armeevertreter nicht bald klüger und überzeugender handeln. Das Gezerre um Macht wird weiter gehen. Leider.


Donnerstag, September 05, 2013

Reisewarnungen und deren Folgen

Seit die europäischen Länder Reisewarnungen für Ägypten ausgesprochen und diese in einem zweiten Schritt auf die Region Rotes Meer ausgeweitet haben, ist der Tourismus hier zusammen gebrochen. Oder beschönigend ausgedrückt: eine Pause wurde eingelegt.

Wie schon im Frühjahr 2011 sind Flugzeuge leer in Hurghada gelandet und haben Touristen ausgeflogen. Die Hotels leeren sich, eines nach dem anderen schliesst. Einige wenige sind noch offen und bewerben nun den Inlandtourismus mit enormen Preissenkungen. Auch einige Tauchbasen arbeiten noch. In der Tiefe des Meeres scheint die Welt wohl noch eher in Ordnung.

Wenn ich morgens mit meinem Rennrad unterwegs bin, komme ich mir vor wie in einem falschen Film, den ich aber schon einmal durchlebt habe: kaum Mini- und Hotelbusse, die junge Männer zu den Hotels fahren, wenige Taxis und Privatfahrzeuge. Vor den Hotelanlagen sitzen ein paar Sicherheitsleute herum, die unzähligen Souvenirgeschäfte bleiben geschlossen. Der Tand aus China, die ewig gleichen T-Shirts sowie die Fantasienamen der Geschäfte wirken auf mich noch schäbiger als sonst.

Dahinter stehen aber Menschen, Familien und Verzweiflung. Zehntausende von Angestellten haben in den letzten Wochen Hurghada verlassen, um Zwangsferien zu nehmen. Während diesen sogenannten Ferien erhalten sie keinen Lohn, keine Arbeitsausfallsentschädigung, noch sonst irgendeine Unterstützung. Das gibt es hier nicht. Viele Arbeitgeber bleiben ihren Angestellten den Lohn mit fadenscheinigen Begründungen schuldig.

Eine Hotelangestellte sagt unseren Termin ab, weil sie nur einen Teil ihres vertraglichen Lohnes ausbezahlt bekam. Die Buchhalter wollten die ruhigere Zeit zur Auffrischung ihrer Englischkenntnisse nützen, werden aber von einem Tag auf den anderen ebenfalls nach Hause geschickt. Die Fotografin liefert ihre Bilder ab, der Abnehmer gibt ihr 50 % des vereinbarten Entgeltes und behauptet, nicht mehr zu haben.

Der mehrsprachige Reiseleiter (ein Anwalt mit Master-Diplom aus Frankreich) erhielt nur seinen Basislohn von 300 Pfund (ca. 30 Euro); das vereinbarte Wohngeld von 900 Pfund wurde einbehalten und Provisionen für Ausflüge sowie Trinkgelder fallen logischerweise nicht an. Umsatzbeteiligung steht zwar im Vertrag, wird aber nie ausbezahlt. Das ist kein Einzelfall, sondern die Regel und die wird von allen Tour Operators eingehalten, egal wie klingend ihre Namen, egal wie bekannt ihre europäischen Partner sind. Der Reiseleiter, seine Kollegen und mit ihnen eine Heerschaar von Arbeitern sind völlig verzweifelt, wissen nicht, wie über die Runden kommen. Die vergangenen zweieinhalb Jahre haben nicht genügend eingebracht, um etwas auf die Seite zu legen. Das gilt für die Angestellten, nicht aber für die Firmeninhaber und das oberste Management. Die scheffeln Euro-Millionen und halten die Angestellten wie Sklaven.

Gewerkschaft gründen? Solches Gehabe wird mit Mafia-Methoden verhindert. Sich wehren und den Arbeitgeber verklagen? Entlassung und Drohungen an Leib und Leben. Streiken? Polizeigewalt, Gefängnisaufenthalt und Rausschmiss. Grad heute berichten die Medien von der (vermutlich willkürlichen) Gefangennahme eines Anwalts, der sich für die Rechte von Arbeitern einsetzt. Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit hat in Ägypten keine Tradition und nur schon die Idee dafür wird im Keime erstickt.

Trotzdem ist das Land in einem Tumult. Oder eben genau deswegen?

Wann kommen die Touristen zurück? Niemand weiss es. Die Drohung seitens der USA, Syrien anzugreifen, hängt wie ein Unheil ankündigendes Gewitter über der Region. Das ist zwar ein anderes Thema, hat aber Auswirkungen auf die Wirtschaftslage Ägyptens. Touristen kommen dann garantiert keine mehr.

Vielleicht müssen dann auch wir unsere Koffer packen. Ich meine wir Ausländer, die hier leben. Und was machen die Ägypter dann?


Freitag, August 23, 2013

Ein Artikel von Youssef Rakha

Ausnahmsweise gebe ich hier nur einen Link an. Der Text von Schriftsteller Youssef Rakha schildert die Gedankengänge zu den aktuellen Ereignissen hier in Ägypten hervorragend:

Die Schrecken der Demokratie (heute in der NZZ Online)

Donnerstag, August 22, 2013

Hurghada am 22.8.2013

Viele Touristen fliegen ab, nur wenige kommen an. Vor den Hotels sieht man Angestellte mit Tränen in den Augen, ihr Köfferchen neben sich, auf den Bus wartend. Sie fahren nach Hause zu ihren Familien. Ein Reiseleiter von Travco (TUI-Partner) hat mir von einer Sitzung erzählt: ab 25. müssen alle Angestellten drei Wochen in die Ferien. Sie sind verzweifelt, Ferien- oder Arbeitslosengeld gibt es nicht, Ersparnisse auch nicht mehr, zu schwierig waren die vergangenen zweieinhalb Jahre. Die meisten schwören, sich eine Arbeit ausserhalb des Tourismus zu suchen. Aber wo?

Öl ins Feuer hat Mazen Okasha mit seiner Aussage im ZDF gegossen, als er sagte, Hurghada sei zu gefährlich. Er ist ein Feigling, denn ER wusste seltsamerweise genau, was in Hurghada geplant ist und hat sich nach Deutschland abgesetzt. Woher hatte er seine Erkenntnisse? Man mag sich die Antwort selber geben. Jedenfalls hat sein Interview eine Welle von Anzeigen gegen ihn ausgelöst und er wird aus dem Verband der Reiseleiter ausgeschlossen. Zudem wurde gedroht, seinen Laden zu zerstören. Nach Hurghada zurückkehren ist für ihn wohl unmöglich geworden.

Gestern Abend, unter einem herrlichen Vollmond spazierten in der Marina mehrheitlich ägyptische Paare, Familien und Jugendliche, nur wenige Europäer waren zu sehen.

Das ist eine Seite von Hurghada.

Eine andere hier: Wie ich immer wieder betone, befindet sich das Land in einer Umbruchphase, die noch lange nicht abgeschlossen ist und folglich ändert sich die politische Lage und mit ihr die Sicherheit ständig. Zum Guten wie zum Schlechten. Vorgestern wurde in einem Restaurant in aller Herrgott’s Früh eine Razzia gemacht, wobei Waffen und Hotelpläne zum Vorschein kamen. Der Inhaber war ein Muslimbruder. Diese Nachricht hat mich nicht erschreckt, sondern erleichtert. Ich habe mich stets gefragt, wie lange sich die MB auf Anschläge gegen den Staat und Kopten beschränken würden. Es ist zu befürchten, dass irgendwann der Tourismus drankommt, so wie in den 90er Jahren. Dass diese Razzia durchgeführt wurde zeigt, dass die Armee weiss, was sie tut, Kenntnisse der potentiellen Gefahr hat und handelt. Seit einigen Tagen sind nun auch der Flughafen, Banken und andere wichtige Gebäude sowie nachts die Strassen gesichert.

Nun hoffe ich nur, dass weiteres Ungemach verhindert wird und die Anschläge mit der Festnahme der wichtigsten MB-Köpfe abnehmen, besser noch aufhören werden. Gestern wurde wieder einer der MB-Köpfe, vermutlich auf der Flucht Richtung Libyen, gefasst.

Das Blutvergiessen, die wechselnden Meldungen von Toten, Anschlägen, Gefangennahmen, Demonstrationsaufrufen und die gestrige Nachricht, wonach ex-Präsident Mubarak aus dem Gefängnis entlassen werden soll (was nicht ganz richtig ist: er kommt unter Hausarrest, denn ohne weitere Verurteilung darf er gemäss ägyptischem Gesetz nicht länger im Gefängnis behalten werden, trotz weiteren Anklagen) zehren an den Nerven. Die Leute sind an einem Tag euphorisch und stehen 100% hinter El Sisi, dem Armeechef, dann plötzlich fühlen sie, dass die Muslimbrüder in einen Hinterhalt gelockt werden und jetzt höre ich, dass Mubarak ein Engel war im Vergleich zu den Muslimbrüdern. Grotesk, aber wahr ist die Aussage, dass sie lieber eine Diktatur hätten. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das für die emotionalen Menschen hier einem Psycho-Krieg gleichen muss.

Trotz allem geht das Leben hier weiter, ich arbeite, treffe mich mit Freunden und kaufe ein. Ich wünsch mir aber, dass die Ungewissheit einer vernünftig planbaren Zukunft weicht.

Sonntag, August 18, 2013

Hurghada 18. August 2013

Ihr fragt mich nach einer „objektiven“ Meinung bzw. Beurteilung der Lage in Hurghada. Ich versuche es hiermit.

Einfach Alltag
Ich lebe hier. Ich gehe einkaufen, ich gehe aus und ich treibe meinen Sport. Heute früh fuhr ich eine Stunde Rennvelo, schwamm danach eine halbe Stunde im Meer, besuchte eine Freundin in einem Hotel und fuhr mit dem Rad wieder nach Hause. Es gab keine Vorkommnisse.

Am Mittag fuhr ich mit dem Minibus durch die Stadt nach Dahar zum Gemüsemarkt. Dort wurde am Mittwoch die Demonstration der Muslimbrüder gewaltsam aufgelöst und es gab einen Toten und mehrere Verletzte. In Dahar ist alles normal: der Verkehr ist mühsam, die Leute gehen ihren Geschäften nach, der Markt ist gut besucht. Ein paar Soldaten standen herum, sonst sind es Polizisten. Über die Flughafenstrasse bin ich per Taxi heimgefahren. Es gab keine Vorkommnisse.

Ein Helikopter war heute zu sehen, was eher unüblich ist. Und auf Facebook hat eine hier lebende Person berichtet, dass irgendwo in Hurghada ein Auto von der Polizei angehalten worden ist, die Insassen mussten aussteigen und sich auf die Strasse legen, der Kofferraum war voller Waffen.

Gehört habe ich auch, dass die Muslimbrüder am Freitag von Sekalla nach Dahar marschierten.
Eine hier lebende Deutsche hat gestern einen Video über die Lage hier gemacht und ihn auf Youtube gestellt. Hier ist der Link; einen Kommentar möchte ich dazu nicht geben.

Die Wahrscheinlichkeit, in Hurghada durch einen Autounfall oder beim Überqueren der Strasse sein Leben zu verlieren, ist grösser als jene, durch Kugelhagel zwischen Sicherheitskräften und Muslimbrüdern umzukommen. Das ist sarkastisch, aber Tatsache.

Ägypten im Ausnahmezustand
Auch wenn ich keine Angst habe und nicht daran denke, Ägypten zu verlassen, ist mir bewusst, was momentan in Ägypten geschieht. Jedem Einzelnen, der sich per Email über die Lage erkundigte, antwortete ich immer: Ägypten ist in einer Übergangsphase, die noch nicht abgeschlossen ist. Die Situation kann sich täglich ändern. Noch zielen die Radikalen auf die Zerstörung von staatlichen Institutionen, Armee, Polizei und Kopten bzw. christliche Einrichtungen. Mehrere Anschläge wurden angeblich vereitelt. Niemand weiss, ob die Armee die Situation rasch in den Griff bekommt oder sich die Anschläge ausweiten. Aus Erfahrung weiss ich nur, dass man hier mit Überraschungen rechnen muss – typisch ägyptisch eben.

Was die Medien berichtet
Die Medien haben den Auftrag, uns über die Geschehnisse zu informieren. Um ihren Auftrag ausführen zu können, brauchen sie finanzielle Mittel. Die bekommen sie entweder durch Werbeeinnahmen, vom Staat oder von anderen politischen bzw. wirtschaftlichen Interessenvertretern. Sind sie durch Werbeeinnahmen finanziert (was nur teilweise möglich ist), liegt das Interesse der Programmverantwortlichen logischerweise daran, so viele Zuseher/-hörer anzusprechen, wie nur möglich. Wie erreichen sie das? Mit reisserischer, skandalöser und aussergewöhnlicher Berichterstattung. Ähnlich verhält es sich, wenn der Staat, die Wirtschaft oder die Politik Geldgeber ist: er will üblicherweise seine Meinung vermitteln.

Meiner Meinung nach zeigen die Medien momentan über die Lage in Ägypten ein sehr unausgewogenes und einseitiges Bild. Ich bin darüber enttäuscht, obwohl ich mir dessen während meiner Zeit hier in diesem Land bewusst geworden bin.

Empfehlung?
Ich wurde konkret gefragt, ob ich meinen Urlaub in Hurghada umbuchen oder antreten würde. Ich kann das nicht beantworten, gebe aber Folgendes zu Bedenken: ich finde es übertrieben, dass einige Länder die Reisewarnung auf die Provinz Rotes Meer ausgedehnt haben. Allen voran die Skandinavier und die Amerikaner. Allerdings verstehe ich auch, weshalb: es geht um die Haftung und somit um Geld. Hingegen sind die Hotelanlagen oft weit vom Stadtzentrum und somit von möglichen Demonstrationen entfernt. Die Ferienorte am Roten Meer liegen mehrere Hundert Kilometer von Kairo, Alexandria und den Städten am Nil entfernt. Wer Angst hat, soll besser zu Hause bleiben. Wer Vertrauen in jene Länder, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften hat, die nur zur Vorsicht raten („Menschenansammlungen vermeiden“), aber keine Reisen annullieren, soll herkommen und seine Ferien hier geniessen.


Freitag, August 16, 2013

Verlierer und Gewinner

Die Halbinsel Sinai wurde seit dem Friedensvertrag mit Israel „entmilitarisiert“. Das unzugängliche Berggebiet war fruchtbarer Nährboden und Tummelplatz für Menschenschmuggler, Kriminelle und Terroristen. Für die Vernachlässigung zahlt Ägypten jetzt einen hohen Preis: Anschläge gegen die Armee, Infiltration von Terroristen. Zu spät hat die ägyptische Armee die Schmuggeltunnels nach Gaza zerstört, zu lange hat die Regierung den Menschen- und Organhandel gewähren lassen. Riesige Waffenlager werden dort vermutet.

Seit Morsi und seine Bärtigen nicht mehr an der Macht sind, gibt es kaum mehr Warteschlangen vor den Tankstellen. Ebenso sind Stromunterbrüche und Trinkwassermangel verschwunden. Zufall? Der begehrte Treibstoff und Strom wurden in den Sinai geschmuggelt, die MB waren Profiteure.

Vor einigen Tagen notierte ich noch:

Die MB haben Sympathien verloren. Ihre Gier hat sie in den Abgrund gestürzt. Fragt sich nur, ob sie durch einen erneuten Handel mit dem Militär bzw. mit der Regierung (und unter Druck des Westens) mit einem blauen Auge davonkommen. Also in Freiheit bleiben und ihren zusammengerafften Besitz behalten können. Oder werden sie ordentlich verurteilt, ihr Vermögen konfisziert, die Partei verboten? Es wird wohl einen schmierigen Deal geben, wie so oft bei solchen Machtkämpfen.

Für beide Varianten ist es nach den Gewaltausbrüchen und Racheakten der vergangenen zwei Tage wohl zu spät. Zum Glück. Offenbar war ein Deal ausgearbeitet worden, der den Muslimbrüdern passte, den die Armee jedoch ablehnte. Das ägyptische Volk hätte das niemals zugelassen und wäre Sturm gelaufen; die Armee und die Übergangsregierung würden wohl vor einem noch grösseren Scherbenhaufen stehen als jetzt. Welches Land würde Terroristen freies Geleit gewähren? Die Muslimbrüder wollen das Land komplett zerstören und ins Chaos stürzen – sie haben ja nichts mehr zu verlieren - und hatten sogar Unterstützung dazu. Hart durchgreifen ist die einzige Möglichkeit, und die ist mit grossen Verlusten verbunden. Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel – aber wenn nicht jetzt entschieden durchgegriffen wird, dann wird alles nur noch viel schlimmer. Afghanistan lässt grüssen. Hat die Armee die Gefahr erkannt? Lässt sich Ägypten nicht nochmals zum Spielball der Weltpolitik machen?

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Momentan steht Ägypten erneut als Verlierer da. Heute haben mehrere Länder Reisewarnungen heraus gegeben und einige evakuieren bereits ihre Bürger. Reiseveranstalter und Fluggesellschaften annullieren ihre Flüge. Ein zweites Mal innert drei Jahren erlebe ich mit, wie der Tourismus angehalten wird und mir tut es weh um jeden Einzelnen Tourismus-Angestellten, der wieder ohne Gehalt da steht, nach Hause fährt und nicht weiss, wann es wieder Arbeit und Einkommen gibt.

„Wir bezahlen jetzt den Preis dafür“ kommentierte einer meiner Studenten, ein Evangelist, neulich die Anschläge auf Kirchen und Geschäfte von Kopten. Nicht nur die Nicht-Muslime, alle Ägypter bezahlen jetzt, wenn der Tourismus erneut zum Stillstand kommt. 

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Gibt es aus diesem Machtkampf Gewinner? Möglicherweise die Armee, die Polizei und das alte System. Die Armee ist wieder an der Führungsspitze, der Polizeiapparat nicht reformiert, kaum jemand des alten Regimes wurde verurteilt bzw. Schauprozesse wurden ständig verschoben. Die wahren Schuldigen für Korruption, Folter, Mord und andere Verbrechen wurden nicht ernsthaft zur Verantwortung gezogen. Dafür sitzen noch immer Tausende Unschuldige im Gefängnis und die Todesursache sowie das Verschwinden von Hunderten bleiben im Dunkeln. Die kommenden Wochen und Monate werden es zeigen.

Verlierer sind all jene, die an so etwas Theoretisches und Unfassbares wie „Demokratie“ glaubten. Vielleicht werden sie jetzt ein zweites Mal betrogen… ich hoffe es nicht. Welch weiter Weg hat Ägypten noch zu gehen, um sich von der Einmischung anderer Länder zu befreien und die für das Land passende Demokratie zu finden!

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Trotz allen Blutvergiesses, trotz aller schlechten Nachrichten, sehe ich einen Hoffnungsschimmer: die Ägypter haben so vollkommen die Schnauze voll von den Muslimbrüdern, von all den Islamisten und der Vermischung von Religion mit Politik, dass die jetzigen Ereignisse den Weg für einen säkularen Staat ebnen könnten. Ägypten wäre das erste arabische Land… ein Traum?