Für all jene, die in dieser Jahreszeit etwas Wärme brauchen:
Erfahrungen, Erlebtes, Gedanken und Eindrücke aus meinem Alltag in Hurghada. Und anderes.
Freitag, Dezember 13, 2013
Mittwoch, Dezember 11, 2013
Kälte
Über's Wetter schreiben ist eigentlich banal. Nur grad momentan macht das Wetter hier in Hurghada (in ganz Ägypten und im östlichen Mittelmeerraum) Kapriolen. In Istanbul lag gestern Schnee.
Der ganze November war herrlich warm, 30 Grad oder mehr haben uns verwöhnt, und meistens war es windstill. Letze Woche tummelte ich mich noch schwimmend im Meer. Vorgestern ist aber der Winter eingekehrt: Temperatursturz und Stürme. In Alexandria an der Mittelmeerküste regnet es aus Kübeln, die Tagestemperaturen liegen noch bei kühlen 10 Grad.
Hier in Hurghada stürmt es mit über 50 km in der Stunde und die Temperaturen fallen und fallen: morgen sind noch 16 Grad Höchsttemperatur angesagt, in der Nacht 8 Grad! Das liegt deutlich unter den sonst für den Dezember üblichen 24 Grad und weit entfernt von meinen Erinnerungen an bisherige Winter. Es fühlt sich schlichtweg saukalt an. Der Wind hat die dicken, bedrohlichen Wolken am nördlichen Horizont gnadenlos zerzaust und das tut gut: die Sonne scheint, trotz allem.
Der ganze November war herrlich warm, 30 Grad oder mehr haben uns verwöhnt, und meistens war es windstill. Letze Woche tummelte ich mich noch schwimmend im Meer. Vorgestern ist aber der Winter eingekehrt: Temperatursturz und Stürme. In Alexandria an der Mittelmeerküste regnet es aus Kübeln, die Tagestemperaturen liegen noch bei kühlen 10 Grad.
Hier in Hurghada stürmt es mit über 50 km in der Stunde und die Temperaturen fallen und fallen: morgen sind noch 16 Grad Höchsttemperatur angesagt, in der Nacht 8 Grad! Das liegt deutlich unter den sonst für den Dezember üblichen 24 Grad und weit entfernt von meinen Erinnerungen an bisherige Winter. Es fühlt sich schlichtweg saukalt an. Der Wind hat die dicken, bedrohlichen Wolken am nördlichen Horizont gnadenlos zerzaust und das tut gut: die Sonne scheint, trotz allem.
Montag, Dezember 09, 2013
Alltag – wie er nicht sein sollte
Manchmal glaube ich, ich werde wahnsinnig! Kleine Dinge, die
zum Alltag gehören, werden in Ägypten zu riesigen, oft unlösbaren Problemen.
Deshalb lasse ich manche Dinge einfach sein, wie sie sind: ein Schalter ist
kaputt, der Verputz blättert ab, nur zwei der vier Herdplatten funktionieren
und so weiter. Am besten ist es: nicht berühren, Niemanden zur Reparatur kommen
lassen, solange etwas noch halbwegs funktioniert.
Manchmal muss ich aber eine Lösung suchen und wie das hier
so abläuft, erzähle ich heute.
Moskitotüre
Alle Balkontüren sind mit schiebbaren Moskitotüren ausgestattet.
Das Moskitonetz an der Küchentüre hatte schon Löcher, als ich einzog. Macht
nichts, ich habe einen ausrangierten Stoffsocken darüber genäht – der hatte
genau die Form des Lochs! Das sah zwar nicht schön aus, aber es hielt die
Stechmücken davon ab, hereinzuschlüpfen. Im Laufe des Sommers konnte ich die
Türe nicht mehr aufschieben, d.h., die Rädchen blockierten. Öl nützte nichts;
ich brauchte einen Handwerker, der die auswechseln kann. Ich wandte mich an
den Verwalter der Anlage und er versprach, jemanden zu schicken, das werde aber
einige Zeit dauern. Ich stellte mich darauf ein und trug Wäsche, Frühstück,
Laptop und alles andere durchs Wohnzimmer hinaus auf den Balkon.
Nach zwei Wochen erhielt ich Bescheid, dass heute der „Techniker“
da sei und zu mir kommen werde. Der kam, sah und versprach, in vier Tagen
einen Handwerker zu schicken. Die vier Tage verstrichen und noch weitere 10
Tage obendrein. Ich wandte mich wieder an unseren Verwalter, der wiederum mit
dem „Techniker“ sprach. Es komme jemand um 11 Uhr. Bis um 15 Uhr tauchte niemand
auf und ich musste aus dem Haus. Vereinbarungsgemäss übergab ich die
Moskitotüre dem Sicherheitsmann am Gate, damit die Leute die Türe in meiner
Abwesenheit reparieren könnten. Als ich am Abend zurückkam, war das Moskitonetz
ausgewechselt (wie schön!), ich stellte die Türe wieder auf die Schiene – doch sie
liess sich noch immer nicht schieben. Die Handwerker hatten nur halbe Arbeit
geleistet.
Einmal mehr ging ich zum Verwalter ins Büro und er rief den „Techniker“
erneut an. Der Versprach wieder, dass anderntags jemand um 11 Uhr kommen werde.
Sie kamen tatsächlich und leisteten gute Arbeit. Meine Freude jedoch hielt
sich in Grenzen – ich hatte vier oder fünf Wochen gewartet, musste unzählige
Male den Verwalter bemühen und dieser wiederum rief den Geschäftsinhaber
unzählige Male an.
Bank
Ich habe ein Schweizer Franken Konto bei einer
internationalen Bank in Ägypten. Wegen den Wechselkursschwankungen aufgrund der
politischen Unruhen wechsle ich Geld nur bei Bedarf. Ich schrieb dem
Kundenservice der Bank vor langer Zeit und bat, genügend Schweizer Franken in bar
bereit zu halten, damit ich Geld abheben könne, wann immer ich wolle. Mit
demselben Wunsch gelangte ich an meine Filiale; dort hiess es allerdings, ich
müsse in eine andere Filiale gehen (die ist weiter weg und dort wartet der
Kunde i.d.R. 45 Minuten, bis er endlich bedient wird).
Als ich eines Tages Franken abholen wollte, hiess es, sie hätten ein Problem. Ich kannte das
Problem dank einer meiner Studenten, der dort am Schalter arbeitet und den ich
am Vorabend um Hilfe gebeten hatte. Das Problem: die Bank hatte nur zwei Noten zu Tausend Franken in bar! Ich wollte aber keine Tausend, sondern nur
zweihundert Franken. Ich wurde gebeten, in zwei Tagen wieder zu kommen, dann
wäre das Geld parat!
Innerlich explodierte ich fast. Ruhig, aber
bestimmt verlangte ich, dass man mir heute mein Geld gebe und es an der Bank
liege, eine Lösung zu finden. Ich hätte sie mehrmals darauf hingewiesen;
ansonsten würde ich mein Konto schliessen lassen. – Dabei wäre das gar nicht
möglich gewesen – sie hatten die Summe gar nicht vor Ort. Nach einer Wartezeit
von einer halben Stunde wurde mir mitgeteilt, ich solle doch bitte nach sechs
Stunden nochmals kommen, bis dahin hätten sie die Geldscheine.
Das klappte dann auch. Sie mussten diese von El Gouna kommen
lassen! Die Wartezeit von zwei Tagen hätte bedeutet, dass das Bargeld von Kairo
hertransportiert wird. Dabei haben die Nationalbank und Wechselstuben
massenweise Schweizer Franken, die sie täglich in Pfund umtauschen!
Neulich war ich wieder bei „meiner“ Filiale und der
Cashmanager teilte mir lächelnd mit, dass sie auch hier genügend Schweizer
Franken in bar hätten. Nur für mich – ich sei die einzige Kunden in Hurghada
mit einem Schweizer Franken Konto! Welche Rarität!
Ersatzbeutel für Staubsauger
Was für eine Geschichte! Ich warne: sie hat kein Happy end,
sie hat überhaupt kein Ende und ich weiss nicht mehr, ob ich lachen oder heulen
soll!
Ich will eigentlich nur diesen blöden Staubsauger-Beutel
austauschen, weil der jetzige vom vielen herausnehmen und leeren beinahe
auseinander fällt. Doch
- Im Geschäft, wo der Staubsauger gekauft wurde, gibt es kein Zubehör.
- In besagtem Geschäft nannte man mir den Namen eines Ladens, der Staubsauger-Beutel verkauft. Allerdings war die Adresse falsch und ich suchte vergebens. Und im Geschäft mit dem richtigen Namen und anderer Adresse gibt es diese Marke nicht.
- Ich habe im Internet gesucht und bin auf den türkischen Hersteller gestossen. Dieser verwies mich an den Importeur in Kairo.
- Der versprach, mir einen Staubsauger-Beutel per Kurier zu senden(!!!). Die Speditionsquittung schickte er mir per Email. Ich druckte sie aus und suchte mithilfe eines Taxifahrers das Geschäft. Um 11 Uhr früh war es geschlossen und auf meine Telefonanrufe antwortete niemand. Um 15 Uhr stand ich nochmals dort: gleiches Ergebnis.
- Ich rief den Importeur in Kairo an, der versprach, die Spedition anzurufen. Ich hörte stundenlang nichts mehr, rief wieder an und er sagte, er sei am Prüfen. Per Email fragte ich erneut zwei Mal nach… er sei am Prüfen…
- Ich schrieb erneut dem Herstller in der Türkei. Die entschuldigten sich höflich und versprachen, mir Ersatz per DHL (aus der Türkei!!!) zu schicken. Es könne aber einige Zeit dauern.
- Heute Morgen kam der DHL Lieferdienst, ich nahm das Paket entgegen, bezahlte Steuern und Zoll, öffnete das Paket ganz aufgeregt – hej, ich suche seit einem halben Jahr nach diesen blöden Staubsauger-Beuteln! – und stelle fest, dass die Dinger zu gross sind! Falsche Artikel-Nummer, Fehler der Türken.
- Eine Antwort auf mein heutiges Email habe ich noch nicht bekommen. Ich bin, ehrlich gesagt, am Ende.
Geschrieben habe ich das alles innerhalb einer Stunde – doch
jedes einzelne Problem, und sei es auch noch so winzig – zieht sich über Wochen
und Monate dahin… In solchen Momenten frage ich mich allen Ernstes, weshalb ich
mir das antue!
Mittwoch, November 27, 2013
Granatäpfel
Ägypten ist für mich in Sachen Obst ein Paradies. Während des ganzen Jahres gibt es Melonen und Bananen. Momentan kommen die ersten Erdbeeren auf den Markt, während es noch Feigen, Datteln, Mangos und Trauben gibt. Orangen sind nicht mehr grün und leicht sauer, sondern süsslich und orangefarben und Mandarinen liegen auch schon bereit. Und es gibt Granatäpfel.
Ich liebe diese rubinroten glitzernden Kerne, die wie rote Kristalle funkeln. Allerdings hatte ich bisher meine liebe Mühe damit, die süssen Kerne aus ihrer dicken Schale zu befreien: der rote Saft dekorierte die halbe Küche, mich inklusive.
Dabei gibt es eine ganz einfache Art, die Frucht zu öffnen, um an die Kerne zu gelangen. Schaut euch den folgenden Video an. Er ist zwar in Arabisch, aber trotzdem verständlich. Die Dame wiederholt immer wieder "zai el bortu'an", was heisst "wie die Orange". Viel Vergnügen beim Granatäpfel essen!
Ich liebe diese rubinroten glitzernden Kerne, die wie rote Kristalle funkeln. Allerdings hatte ich bisher meine liebe Mühe damit, die süssen Kerne aus ihrer dicken Schale zu befreien: der rote Saft dekorierte die halbe Küche, mich inklusive.
Dabei gibt es eine ganz einfache Art, die Frucht zu öffnen, um an die Kerne zu gelangen. Schaut euch den folgenden Video an. Er ist zwar in Arabisch, aber trotzdem verständlich. Die Dame wiederholt immer wieder "zai el bortu'an", was heisst "wie die Orange". Viel Vergnügen beim Granatäpfel essen!
Dienstag, November 26, 2013
… und zurück zum Anfang
Demonstrationen gegen das Demonstrationsgesetz
Lange habe ich mich nicht mehr gemeldet, ich hatte zu tun
und Ägypten war damit beschäftigt, den Muslimbrüdern den Garaus zu machen. Die
sind jetzt hinter Gitter, im Ausland und mundtot, auch wenn noch da und dort
Anschläge gegen Soldaten und Staatseinrichtungen erfolgen und Wehrpflichtige
sterben.
Die Verfassungsänderungen geben zu diskutieren und
gleichzeitig hat der Übergangspräsident ein Gesetz erlassen, welches das Recht
auf Demonstrationen stark einschränkt. Ist das der Job eines
Übergangspräsidenten: Gesetze zu erlassen, welche die Freiheiten noch weiter
begrenzen?
In Diskussionen las ich: „Na und? Was ist daran so stossend?
– Jedes westliche Land hat ein Demonstrationsgesetz“. Ok. Aber in Ägypten ist
Demonstrieren die einzige Möglichkeit, den Mund gegen das Regime, gegen die
Mächtigen und gegen Ungerechtigkeit aufzumachen. Die Stimme der Strasse hat Gewicht
- auf anderem Weg (Antrag, Referendum Petition, Anklage usw. wie in den
sogenannten demokratischen Staaten) läuft in diesem Land nichts – ausser, man
hat die richtigen Beziehungen und viel Geld. Unter anderem verlangt das gestern
erlassene Gesetz, dass Demonstrationen vom Innenministerium bewilligt werden
müssen. Genau das Innenministerium ist aber für die meisten Missstände
verantwortlich und Auslöser für Demonstrationen.
Logischerweise gab es heute gegen dieses neue Gesetz
Demonstrationen – trotz Warnungen. Und nicht nur gegen dieses Gesetz, sondern
auch gegen den Verfassungsartikel, der es ermöglicht, Zivilisten durch
Militärgerichte aburteilen zu lassen. Ferner demonstrierten Aktivisten in
Memorandum an Jika, den 17jährigen Aktivisten, der vor einem Jahr gezielt
erschossen wurde. Alle Proteste verliefen friedlich, wohlgemerkt.
Die Polizei setzte jedoch Wasserwerfer und Tränengas ein, um
sie zu vertreiben und nahm angeblich über 50 Demonstranten fest. Begründung:
das Gesetz sei einzuhalten. Da kann ich mir die Frage nicht verkneifen: gibt es
sonst noch irgendein Gesetz, das in Ägypten eingehalten wird??? So spontan
fällt mir grad keines dazu ein. Das ist kein Witz, sondern traurige Tatsache.
Gegen das Vorgehen der Polizei – unschwer zu erraten –
demonstrierten Hunderte von Menschen. Die Polizei reagierte umso brutaler und
setzte nicht nur Tränengas ein, sondern schoss Schrotkugeln in die
Demonstranten. Frauen wurden sexuelle belästigt, an den Haaren gezerrt und geschlagen.
Männliche Demonstranten willkürlich geschlagen.
Aus Protest gegen die deplatzierte Gewalt der Polizei haben 10
Mitglieder des Verfassungskommitees ihre Arbeit niedergelegt und deren
Vorsitzender hat den Innenminister aufgefordert, die festgenommenen
Demonstranten umgehend wieder frei zu lassen.
Was heute geschehen ist, stellt für mich eine von vielen Wegmarkierungen
auf dem holprigen Weg aus dem Dschungel von Korruption, Diktatur und
Polizeigewalt in eine eigene Demokratie dar. Der Weg verläuft im Zickzack und
jetzt grad wieder mit Riesenschritten rückwärts. Denn:
- Die Ägypter gingen am 25.1.2011 wegen der Brutalität der Polizei auf die Strasse
- Die Ägypter haben am 25.1.2011 Freiheit gefordert; Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit sind jetzt aber noch mehr eingeschränkt
- Die Ägypter haben am 25.1.2011 Gerechtigkeit gefordert; die ist nun in weite Ferne gerückt.
Ist die Polizei blöd oder vergesslich? Glaubt das
Innenministerium tatsächlich, sie könnten die Menschen mit Brutalität davon
abhalten, auf die Strasse zu gehen und dort ihre Forderungen kundtun? Haben die
da oben vergessen, dass die Menschen keine Angst mehr haben und umso
zahlreicher auf die Strassen und Plätze stürmen, je brutaler die Polizei
zuschlägt?
Ich begreife es nicht. Ich sehe nur, dass sich viele
verschiedene Kräfte um die Macht in diesem Land streiten. Die Muslimbrüder sind
jetzt aus dem Spiel. Wer steht sich jetzt gegenüber? Jene, um die es von Anfang
an ging: das alte Regime und das Volk.
Fast wie im Spiel: die Karten sind neu gemischt, die verbleibenden Gegner
sehen sich in die Augen: wer ist der Stärkere? Wie lange dauert der nächste
Einsatz?
Mir graut und doch habe ich immer wieder Hoffnung, denn es
könnte noch schlimmer sein: Ägypten ist nicht Syrien.
Montag, November 11, 2013
Hurghada – Marsa Alam mit dem Rennrad
Die Strecke von Hurghada nach El Quesir habe ich schon zwei
Mal beschrieben (hier und hier). Im Oktober haben wir endlich eine Zwei-Tages-Fahrt nach Marsa
Alam gemacht.
*****
Ich bin wach, noch bevor der Wecker läutet – ich habe
schlecht geschlafen, wie immer, wenn ich früh aufstehen muss. Die Dämmerung
kündigt sich an; schnell packe ich meine Kamera und reisse die Türe des
Bungalows auf. In wenigen Schritten bin ich am Strand, gerade rechtzeitig um zu
sehen, wie sich ein gleissender Feuerball aus dem Meer erhebt und den Himmel vom
fahlen Dämmerlicht in ein leuchtendes Knallrot übertüncht. Überwältigt stehe
ich da, lausche dem leisen Wellenschlag und beobachte dieses Naturschauspiel.
Kann ich davon je genug kriegen?
Doch es eilt, mein Kamerad will um sechs aufs Rad und ich
gehe zurück, um mich zu waschen und Zähne zu putzen. Der Wasserhahn bleibt
trocken – meinen die, man brauche in der Nacht kein Wasser? – und ich helfe mir
mit dem verbliebenen Mineralwasser.
Kurz später stehe ich in Radkleidung vor dem
Frühstücksbuffet, das noch keines ist.
*****
Um halb sieben starten wir endlich; der Feuerball hat sich
in die bekannte, unerbittlich herabbrennende Sonne verwandelt. Noch sind die
Temperaturen angenehm, noch ist es kühl und wir rollen während einer Stunde stumm
vor uns hin. Ich brauche Zeit, um wach zu werden, meine Beine fühlen sich müde
an.
Plötzlich bemerke ich eine Bewegung rechts von mir und zucke
zusammen: ein Hund läuft stumm, in ausgreifendem Galopp (kann man das bei
Hunden sagen?) neben uns her. Normalerweise bellen die Hunde und verfolgen uns –
der hier, oder besser: die Hündin hier, scheint sich einen riesigen Spass
daraus zu machen, uns zu begleiten! Sie lässt nicht ab, wechselt hie und da auf
den Asphalt oder auf die linke Strassenseite, sucht ein besseres Terrain, um
mit uns Schritt zu halten. Fasziniert schaue ich ihr zu, wie ihre Vorläufe
ausholen, ihr Körper sich athletisch streckt…
Nach einigen Kilometern halten
wir an, ich will ihr ein Biskuit geben und sie nimmt die Stärkung gerne an.
Doch wir müssen weiter, es wird heisser und wir haben erst einen kleinen Teil
der 135 km hinter uns gelassen. Wir treten wieder kräftig in die Pedale und die
Hündin begleitet uns, doch sie fällt zusehends zurück. Sie schafft es nicht
mehr, mit uns Schritt zu halten, obwohl sie lange nicht aufgibt. Immer wieder
wende ich mich um, um zu sehen, ob sie noch da ist… irgendwann kann ich sie
nicht mehr entdecken. Ich werde diese Begegnung wohl nie mehr vergessen.
*****
Ich rolle und rolle und rolle. Rauf und runter gehen meine
Beine, meine Hände suchen eine andere Stellung am Lenker. Das lange
Asphaltband dehnt sich in der Sonne aus, es krümmt sich nach rechts und links,
es richtet sich auf, um sich über unendlich steile Hügel zu legen, nur um sich
dahinter wieder frech hinabfallen zu lassen. Ich nehme die Wüste nicht mehr
wahr, es gibt kaum Verkehr. Ich sehe nur dieses elend lange Asphaltband, die
unzähligen Hügel vor mir und links in der Ferne das glitzernde Meer.
Seit El
Quesir stehen regelmässig Schilder mit Kilometerangaben am Strassenrand: Marsa
Alam 85 km, Shalateen 335 km. Marsa Alam 80 km, Shalateen 330 km… Mir kommt
vor, die Distanz verringert sich im Zeitlupentempo, während ich mit aller Kraft
in die Pedalen trete. Erst viel später, nämlich kurz vor Marsa Alam, stellen
wir fest, dass die Kilometerangaben überhaupt nicht stimmen. Von El Quesir nach
Marsa Alam radeln wir 137 km, von Hurghada nach Marsa Alam sind es insgesamt 270
km.
*****
Muss es denn stetig auf- und abwärts gehen? Wir sind doch am
Meer! Ich habe fürchterlich heiss und sehne mich nach kühlem Wasser.
Dummerweise haben wir unseren Trinkwasservorrat über Nacht nicht gekühlt – das
büsse ich… Kühlung von Innen wäre gefragt. Beim Aufstieg kurz vor Port Ghalib erblicke
ich eine Tankstelle. „Kaltes Wasser“ schiesst
es mir durch den Kopf. Doch weder im Tankstellenshop noch im Café daneben
findet sich die begehrte Flüssigkeit – obwohl haufenweise Kisten mit
Mineralwasser vor dem Café gestapelt sind. Die Kühlvitrinen sind verriegelt und
drinnen finde ich niemanden. Naja, es ist Eid El Kibir, der höchste muslimische
Feiertag, und der Typ wird wohl irgendwo schlafen… Enttäuscht schwinge ich mich
wieder auf meinen Sattel.
*****
Wir kommen an der Abzweigung nach Port Ghalib vorbei und ich
tröste mich mit dem Gedanken, dass ich heute Abend dort mit einem kühlen Bier
sitzen werde. Wir rollen hinab, in die nächste Ebene und trampeln wieder hinauf,
zur nächsten Erhebung.
Ich bin so müde, dass ich eigentlich vom Rad fallen müsste.
Die Musik in meinem Ohr feuert mich an und sobald ich zuoberst auf einer
Erhebung bin und vor mir die nächste Senke liegt, stürze ich mich freudig und
mutig hinab… nur um einige Minuten wieder hinauf zu trampeln. Bei jedem
Aufstieg falle ich weiter hinter meinem Rad-Kameraden zurück – ein Zeichen,
dass meine Kräfte zu Ende sind.
*****
Plötzlich liegt Marsa Alam vor uns. Kein Strassenschild,
völlig unspektakulär, ja fast enttäuschend erreichen wir unser Ziel. In einer
Nebenstrasse verstauen wir unsere Räder im Begleitfahrzeug und ich schütte
eiskaltes Cola und Wasser in mich hinein, um meine Betriebstemperatur zu
reduzieren.
*****
Wir fahren retour nach Port Ghalib, wo ich zwei Tage bleibe, während mein Rad-Kamerad nach Hurghada zurückkehrt.
*****
Ich gestehe, dass ich am Tag danach so unendlich müde war,
dass ich mich am liebsten nicht mehr bewegen, sondern nur sitzen, oder noch
besser: liegen wollte. Und essen. Ich habe doppelt so viel gefrühstückt und
zwei Mal zu Mittag gegessen und das zwei Tage lang.
Auf der Rückfahrt nach Hurghada (per Taxi) habe ich mich allen Ernstes
gefragt, wie ich diese 270km in zwei Tagen per Rad fahren konnte – es ist mir
noch immer Rätsel! Ich hab’s aber geschafft und ich bin stolz darauf.
(English)
Freitag, Oktober 25, 2013
Getrübter Blick
Die El-Sissy-Mania wächst unaufhaltsam. Der Armee-Chef wird
zum Helden hochgejubelt und auf gleiche Stufe wie die ehemaligen Präsidenten
Gamal Abd El Nasser und Anwar El Sadat gestellt. Sein Bild ziert Geschäfte,
Autos, Busse und Häuser. Kaum einer fragt sich, was er denn bisher geleistet
hat (ok, er hat Ägypten vor einem Muslimbruder-Kaliphat bewahrt, das ist viel
wert), kaum einer nimmt wahr, dass Menschenrechte weiterhin mit klobigen
Stiefeln hart niedergetreten werden.
Aus der Armee und aus dem Volk erklingen unüberhörbar
Stimmen, El Sissy solle Präsident werden. Bisher hat er diese Forderungen
abgelehnt, allerdings nicht sehr überzeugend. Der Armeechef könnte diese
Forderungen und dieses Anhimmeln mit einer klaren Aussage beenden, tut das aber
nicht. Der Mann ist sehr klug.
So klug, dass ich mich inzwischen frage, ob das, was im
Januar 2011 geschah, überhaupt eine Revolution war. Es war wohl eher ein Aufstand,
der vom Militär dazu genützt wurde a) Kronerben Gamal Mubarak samt seinem seit
einer Generation am Thron klebenden Vater loszuwerden und b) die Muslimbrüder ans
Messer zu liefern. Das macht Sinn, denn damit hat das Militär seine Machtposition
gestärkt.
Das wäre an und für sich ja nicht schlecht, wenn es dem Volk
dadurch besser ginge. Ägypten gleicht jedoch immer mehr einem rechtlosen Staat,
in dem sich weder die staatlichen Institutionen, noch der Bürger an das Recht
halten. Das fängt im Strassenverkehr an und geht weiter zum Tragen von Waffen
und deren Einsatz bei kleinsten Meinungsverschiedenheiten bis hin zu Überfällen
und Angriffen auf Polizeistationen. Was tut der kleine Mann? Wenn er kann, bewaffnet
er sich auch. Er tut, was ihm passt.
Gleichzeitig schlagen Innenministerium und Polizei knallhart zu.
Letztere ist gestärkt, neu ausgerüstet und in grosser Zahl aus dem Nichts
plötzlich wieder überall präsent. Ich beschränke mich mal nur auf Hurghada:
- Plötzlich stehen überall
wieder Polizeihäuschen, blau angemalt und grösser als die gemauerten, weiss
getünchten Hütten von früher; die Polizisten sitzen da und tun nichts, wie
früher. Weder bringen sie Ordnung in den Wildwest-ähnlichen Strassenverkehr,
noch beschützen sie Touristen und Spaziergänger vor Anmache und Belästigungen
durch Verkäufer.
- Kürzlich wurden mitten in
der Nacht Häuser und Wohnungen durchsucht; Menschen wurden aus dem Schlaf
gerissen, halb angekleidet auf die Strasse gezerrt und zur Polizeistation
gebracht. Die Polizei nahm alle fest, die keinen „Heiratsvertrag“ (gemischte
Paare, bei denen einer Ägypter ist), keine Arbeitserlaubnis (Ägypter) und kein
gültiges Visum (vor allem Russen) vorweisen konnten. Festgenommen wurden auch
Drogenhändler und Prostituierte.
- Einer meiner Studenten
schildert mir eine haarsträubende Geschichte, wonach eine Frau – sie rief „Er
ist mein Mann! Er ist mein Mann!“ - nur
in ein Bettlaken gehüllt auf die Strasse gezerrt wurde; der Besitzer einer
Whisky-Flasche musste ebenfalls mit zur Polizei.
Auch wenn die betroffenen Menschen gegen das gültige Gesetz
verstossen haben (wer schert sich denn in dem rechtlosen Land darum?), haben
sie es nicht verdient, so behandelt zu werden. Wie es in den Gefängnissen
aussieht, kann man im Internet nachlesen. In den vergangenen Wochen sind
mehrere Ausländer in ägyptischen Gefängnissen gestorben, haben sich angeblich
das Leben genommen oder wurden nach mehrwöchigem Gefängnisaufenthalt frei
gelassen und haben darüber berichtet.
Einer meiner Freunde ist momentan in Alexandria. Er sagt,
die Menschen hätten grosse Angst. Angst vor noch mehr Anschlägen der Islamisten,
nun wieder Angst vor der Polizei und Angst vor der Zukunft. Seit drei Jahren
hoffen die Menschen vergeblich auf Gerechtigkeit, Brot für alle und ein Leben
in Würde und Anstand.
Die dritte (oder ist es die vierte?) Übergangsregierung seit
25. Januar 2011 arbeitet an einem Gesetz, welches das Demonstrationsrecht
massiv einschränken soll. Sollte das Gesetz wirklich erlassen werden, gleicht
das einem Pulverfass. Die Menschen haben mehr als die Nase voll und wenn sie
ihrem Frust Luft verschaffen wollen, riskieren sie ihr Leben. Das ist das
einzig Nennenswerte, das die jetzige Übergangsregierung zustande gebracht hat.
Offenbar, ist es das grösste Problem Ägyptens!
Es gibt keine wirkliche Regierung, es gibt keine wirkliche Opposition:
Es gibt nur noch El Sissy. Irgendwie kann ich die Ägypter ja verstehen: Sie
klammern sich an einen starken Mann, an jede Hoffnung. Irgendwie verstehe ich
sie aber auch nicht: Wie können sie vergessen, was die Armee ihnen alles angetan
hat? Der nächste Aufstand ist vorprogrammiert – es sei denn, El Sissy nimmt
nicht nur ein paar kosmetische Korrekturen vor, sondern bewirkt echte
Verbesserungen für alle Ägypter.
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