Samstag, September 18, 2010

Abreisetag

Es gibt Augenblicke oder Situationen, in denen mir besonders bewusst wird, dass ich wirklich weit ab von meiner Heimat lebe. In einer anderen Kultur, einem anderen Kontinent.
Vor einigen Tagen war wieder so ein Moment. Es war Freitag, eine Woche nach Ende des Ramadans. Im Anschluss an den Ramadan wird tagelang gefeiert und gefestet, jede Familie zelebriert das auf ihre Art und Weise. Und viele fahren in die Ferien. Nach Hurghada zum Beispiel.
Hurghada und andere ägyptische Feriendestinationen am Roten Meer und am Mittelmeer sind bei den Einwohnern der benachbarten arabischen Halbinsel (Saudi-Arabien / Emirate / Kuwait) wegen ihrer relativen Freizügigkeit und Sittenfreiheit, aber natürlich auch wegen des Klimas, sehr beliebt. So bricht während den islamischen Feiertagen, den grossen Ferien und zum Jahreswechsel hin jeweils eine Welle von Besuchern von dort über Hurghada herein. Die Angestellten der Hotels verzweifeln schier über den herrischen Befehlston und die masslosen Ansprüche der Saudis. In den Strassen herrscht blankes Chaos, dicke Bonzenwagen stehen überall dort, wo sie im Weg sind, schwarz gekleidete Frauen mit Gesichtsschleier, üppigem Schmuck und teurem Schuhwerk spazieren im Kreis ihrer Sippe abends durch Strassen und Fussgängerzonen.
Am vergangenen Freitag fuhr ich zufällig per Bus am Hafen vorbei. Ein riesiges Fährschiff ankerte schon seit Tagen dort. Die Strasse war zweispurig mit wartenden Autos belegt und behinderte den normalerweise flüssigen Verkehr: riesige moderne Geländewagen, altertümliche Familienkarossen, sündhaft teure europäische Personenwagen, ungepflegt, verbeult, völlig verschmutzt, überladen, innen mit wichtigen Habseligkeiten vollgestopft, auf dem Dachträger meterhoch Koffer und Kartons festgezurrt. Die Insassen waren hinter verdunkelten Fensterscheiben versteckt, doch da und dort waren tief verschleierte Frauen, schwitzende übergewichtige Männer mit Baseballmützen und zahlreiche Kinder zu erspähen.
Ich entzifferte die Autoschilder: „Saudia“ in arabischer Schrift, „KSA“ Kingdom of Saudi Arabia, Kuwait… Ferne exotische Länder, mit der Fähre nach Dubai innert Stunden erreichbar. Ein Hauch Orient in Gedanken… doch die Wirklichkeit vor mir sah anders aus. Die Rückreisewelle der nicht sonderlich beliebten Gäste hinterlässt vor allem eines: Erleichterung.
Überall standen Tagelöhner herum, sah sie selten so zahlreich. Manche streiften sich mitten auf der Strasse einen orangen Overall über, andere orange Männer standen wartend am Hafeneingang. Mein Bus zwängte sich durch die wartenden Autos und Tagelöhner hindurch, ich erhaschte einen Blick auf die riesige Fähre. Erinnerungen an eine Überfahrt von Genua nach Sizilien wurden wach, versuchte zu vergleichen… Wie es wohl auf dieser Fähre da zu und her gehen mag? Wenn all diese Leute dort ihre Kabinen bezogen haben und sich lärmend ausbreiten? Nach all dem, was ich bisher in diesem Land gesehen habe und weiss? Oh…

Mein Bus fuhr weiter, ich sass inmitten dieser Männer und Frauen und fühlte mich plötzlich als Teil von ihnen, in Sicherheit, fast geborgen. Lieber hier als dort… Auch Abneigung verbindet… Ich liess meine Gedanken und Vorstellungen lieber hinter mir im Chaos des Hafens zurück. Aufs dunkelblaue Meer hinaus blickend, schüttelte ich leise den Kopf…

Dienstag, August 10, 2010

Der alte Mann und sein Land

Die Wände sind blau gestrichen, blau, wie die Farbe des Meeres vier Meter unter der Wasseroberfläche an einem klaren, sonnigen Tag. Bunte metallene Fisch- und farbige Korallenattrappen sind daran befestigt. Von der Decke hängen grosse, klobige Ventilatoren, die einen unangenehmen Luftzug verursachen. Der Raum ist hoch, eckige blau-weiss gestricheneTragpfeiler stützen die Decke und verbergen die Sicht auf den in einer Ecke viel zu hoch über den Tischen befestigten Fernseher. Unvermeidlich dröhnt daraus wahlweise arabische Popmusik oder die Übertragung eines sehr wichtigen Fussballspiels; manchmal auch zitiert ein Vorbeter aus dem Koran. Zehn rechteckige gusseiserne Tische mit weissen Tischplatten stehen im Raum, die gusseisernen Stühle mit den verschmutzen Sitzkissen hastig zurecht gerückt. Auf den sauberen Tischen steht je ein Aschenbecher, eine Schachtel Papiertücher, Salz und Pfeffer, Zahnstocher.

Im hinteren Teil des Raumes, links, steht ein grosser Tisch. Darauf liegt eine grosse Auswahl an frischen Fischen und Krabben, sorgfältig in Eis eingebettet, und wartet darauf, vom Gast erwählt und vom Koch zubereitet zu werden. Der Eingang zur Küche befindet sich neben den Toiletten. Das Personal hat aus der Küche direkten Durchblick zu Waschbecken und Spiegel, welches sich männliche und weibliche Besucher gleichsam teilen. Wenigstens ist der Blick in die separaten Toiletten verwehrt.

Der Raum strahlt den Charme eines zu gross geratenen und seit Jahren nicht mehr untergetauchten U-Bootes aus. Die runden Bullaugen zur Strasse hinaus unterstreichen den Eindruck noch. Es ist unmöglich, sich in diesem Fischrestaurant auch nur halbwegs wohl zu fühlen. Ein Rätsel, wie jemand auf die Idee zu solch einer Inneneinrichtung kommen kann!

Trotzdem: das Restaurant ist immer sehr gut frequentiert. Die Qualität der Fischspeisen ist herausragend, der Preis klein. Gerne kommen ganze Familienclans hierher, am liebsten ägyptische und russische. Besonders gut läuft auch das Take-away-business.


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Zwei Kellner tragen mit ausdrucksloser Miene alle Köstlichkeiten auf, die sie vor einer halben Stunde ausgewählt hatten. Der Tisch wird vollständig bedeckt mit Körbchen voller grosser Brotfladen und vielen Tellerchen und Schälchen: Tahina, ein Püree aus Sesam, Baba ghanoug, Püree aus Auberginen mit viel Knoblauch und Sesam, sauer eingelegtes Gemüse, schmackhaftem, braunem Reis, orientalischem grünem Salat mit Tomaten, Karotten und viel Zwiebeln, gegrilltem Fisch und gegrillten Riesenkrabben, kräftig gewürzt mit viel Paprika und Zwiebeln.

 „Stört es Dich, wenn ich meinen Fisch mit den Fingern esse“, fragt Salah höflichkeitshalber, während seine Finger schon die Haut des gebratenen Fischs ablösen. Die Frau ihm gegenüber schüttelt verneinend den Kopf. Natürlich stört es sie – es ist ihr ein Graus. „Ich bin es so gewohnt, in Qatar haben wir immer so gegessen.“ Sie hingegen hantiert mit Messer und Gabel – so hat sie immer gegessen.

Salah isst keinen Reis; er meint, es sei gesünder, abends nur Fisch und Brot zu essen. Er ist wortkarg, schiebt abgelöste Fischstückchen in den Mund, tunkt Tahina und Baba ghanoug mit einem Stück Brot auf, wie er es seit seiner Kindheit gewohnt ist. Im Orient wird gegessen, nicht geredet, und so widmet sich Salah vorerst voller Hingabe den vor sich ausgebreiteten Köstlichkeiten. Es ist sein Geburtstag.

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Seine Gedanken schweifen zurück, zu vergangenen Geburtstagen, mit Freunden im Ausland, mit der Familie daheim in Alexandria. Heute wurde er 62 und er wollte niemanden sehen, ausser dieser Ausländerin da. Er hat ihr gesagt, dass er hier niemanden kenne, was zwar nicht ganz stimmt, aber er hatte keine Lust, mit seinem Neffen Amr und dessen Familie zusammen zu sein. In letzter Zeit hatten sich ihre Diskussionen zu handfesten Meinungsverschiedenheiten zugespitzt. Einmal ein paar Stunden nicht daran denken müssen! Aber es fällt ihm schwer, er ist bedrückt, kann nicht glücklich sein.

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Über seinem verrunzelten, von der Sonne gegerbten Gesicht wuchert ein dicker Teppich von weissen lockigen Haaren. Heute hat er sie gebändigt, gekämmt und für einmal von der obligaten Baseball-Mütze befreit. Auf seiner breiten Nase wachsen Haare, über seinen kleinen glänzenden Augen stehen buschige schwarze Augenbrauen, die beim Reden munter auf und ab hüpfen. Er hat sich sogar besser angezogen. So gut es ein niemals verheirateter zweiundsechzigjähriger Mann halt kann, der kaum auf sein Äusseres geachtet hat. Ihm waren seine Bücher und seine Musik wichtiger. Er sieht alt aus, nach europäischem Massstab eher achtzig als sechzig Jahre alt.


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Fünfundzwanzig Jahre lang lebte er in Qatar. Er hatte eine exzellente Anstellung beim Ministerium für Kommunikation, reiste häufig ins Ausland, kannte viele wichtige Persönlichkeiten. Er war in beinahe jedem Land der Welt, zwar nur kurz, aber er hat vieles gesehen. Und in Qatar liess sich gut leben. Er hatte Geld, er hatte viele Freunde und sie feierten gemeinsame Feste. Es waren ausgelassene Feiern, mit Alkohol, Frauen und Musik. Wenn er davon erzählt, leuchten seine kleinen braunen Augen vergnügt unter den buschigen Brauen hervor. Seine Freunde und deren Familien ersetzten seine leibliche Familie. Mit ihnen wurde nicht nur gefeiert, sondern auch klassische Musik gehört und über Literatur diskutiert. In seiner Wohnung standen überall Bücher. Auch jetzt noch liest er die ganze Nacht hindurch, bevor er sich bei Tagesanbruch für einige Stunden zum Schlafen hinlegt.

Doch in diesem Land hier, seinem Heimatland, gibt es niemanden, mit dem er über Literatur, über die grossen Denker und Schriftsteller diskutieren kann. Alle scheinen sich dem Fussball und dem schnellen Geld verdingt zu haben. Kultur, Allgemeinbildung, Kindererziehung, langfristiges Denken, soziale Verantwortung, Respekt vor Mensch und Umwelt sind während den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Das war einst anders. Angewidert schüttelt er die tristen Gedanken von sich.

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Die Ausländerin da ist eine Ausnahme. Mit ihr kann er über all dies reden, sie versteht ihn.

„Weisst du, alle drei bis fünf Jahre bin ich heim gekommen, nach Ägypten. Ich wollte meine Familie sehen, meine Freunde. Und ich wollte auch sehen, was aus meinem Land wird. Doch was ich da sah, machte mich jedes Mal trauriger.

Kannst Du dir vorstellen, dass Kairo einst die sauberste Stadt der Welt war?“ eindringlich blicken seine kleinen Äuglein aus dem zerknitterten Gesicht über den Tisch zu ihr. Kairo? Sie sieht in Gedanken diesen Riesenmoloch, mit chronisch verstopften Strassen, mit Menschenmassen, die sich durch die viel zu engen lärmigen Gassen drängen, dem Smog, der in den Sommermonaten wie eine gelblichgraue Giftglocke über dem Herzen Ägyptens liegt? Wo sich täglich Fussgänger, Taxifahrer, Buschauffeure und Privatwagen zum Überlebenskampf rüsten? Wo extreme Armut und immenser Reichtum aufeinander prallen? Wo ganze Quartiere einstürzen und Menschen bei lebendigem Leibe begraben? Wo Abfallberge zum Himmel stinken und sich sowohl Menschen als auch Ratten daran gütlich tun?

Nein, die Vorstellungskraft reicht dazu nicht aus. Und doch… sie hat Fotos und Filmaufnahmen gesehen, die dies belegen. Ägypten war im Nahen Osten politisch und gesellschaftlich führend, Kairo und Alexandria standen den grossen europäischen Städten wie London und Paris in nichts nach. Die Schönen, Reichen und Mächtigen trafen sich hier wie dort.

„Stell dir vor, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Autofahrer gebüsst, wenn sie nicht anhielten, um einen Fussgänger über die Strasse zu lassen!“ Nein – in Gedanken sieht sie, wie Fussgänger in Kairo wagemutig versuchen, eine mehrspurige Strasse zu überqueren. Nicht nur dort: überall in Ägypten grenzt es an Selbstmord, sich zwischen die rasenden Fahrzeuge zu werfen. Es ist ihr ein Rätsel, wie die sonst so höflichen Ägypter hinter einem Lenkrad plötzlich zu potentiellen Mördern werden können. Da gibt es weder für Kinder, weder für Frauen mit Kinderwagen, noch für alte, gehbehinderte Menschen Rücksicht… Einzig das Recht des Stärkeren gilt – und das ist hier der motorisierte Verkehr.


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Salah entfernt die Gräten und verschlingt mittlerweile seinen zweiten Fisch, immer noch mit den Fingern, noch immer ohne Reis. Seine Begleiterin wendet den Blick von ihm ab – diese Art Fisch zu essen ist doch etwas ungewohnt für sie. Ohne ihn anzusehen, hört sie ihm weiter zu. Sie spürt, dass er unendlich traurig ist über das, was aus seiner Heimat geworden ist. Oder ist es sogar Verbitterung?

„Früher verschleierte sich niemand hier, die Frauen trugen Miniröcke und Stöckelschuhe, Männer und Frauen gingen gemeinsam aus, man konnte überall Tanzen und Alkohol trinken! Wir lebten! Wir liebten das Leben! Diese Entwicklung der letzten Jahre ist nicht gut. Das ist nicht mehr Ägypten!“

Sie sieht ihn nachdenklich an und fragt, was sie schon unzählige Male in diesem Land gefragt hat… sich einfach nicht verkneifen kann, immer wieder bohrt… Was es seiner Meinung nach denn brauche, um den Absturz aufzufangen? Das Ruder herum zu reissen? Es wird doch Veränderungen geben in den nächsten Jahren? Ganz bestimmt, denn das Regime kann nicht mehr lange weiter machen. Bald gibt es Wahlen, es hat sich um eine bekannte Persönlichkeit eine demokratische Bewegung gebildet. Was würde er denn ändern, wenn er könnte? Gespannt wartet sie auf seine Antwort.

Salah schiebt seine Teller von sich, wischt sich Hände und Mund mit den Papiertüchern ab. Langsam lehnt er sich zurück und sieht sie fest an.

Sie hat ihn unterschätzt, seine Resignation ist umfassend: „Sie haben zu viel zerstört. Es würde Jahrzehnte dauern… viel zu lange.

Zwei Generationen! Zwei Generationen kennen nichts anderes als dieses Regime. Stell dir nur vor: jeder unter dreissigjährige Ägypter – das ist die Hälfte der Bevölkerung! - kennt nichts anderes, als was wir heute sehen: keine Bildung, keine Forschung, keine Demokratie, keine Freiheit, keine soziale Verantwortung, keine Eigeninitiative, keine Hygiene! Nur Korruption, Egoismus, Armut, Unwissenheit, Schmutz, Lärm und überall Polizei. Wie soll das ein neuer Präsident oder eine neue Regierung in wenigen Jahren korrigieren? Unmöglich, niemals! Ägypten ist kaputt. Für die Menschen zählt nur noch Geld, Geld, Geld und Fussball. Und wer kann, flieht ins Ausland! Sie interessieren sich nicht für Literatur, für Musik, für Politik, nicht für ein freiheitliches, selbstbestimmtes Leben. Sie haben keine Perspektive, keine Zukunft! Sie wollen sich nicht weiterbilden, sie sind träge, faul und bequem. Schau doch: wie fett alle sind. Sie wollen nur fernsehen und den ganzen Tag Chips und Kerne essen. Schau doch, wie dreckig es bei uns ist: sogar tagsüber hat es Ratten. Wenn ich dem achtjährigen Sohn meines Neffen etwas beibringen will, kann er sich nicht mal fünf Minuten konzentrieren! Er läuft wie ein alter Mann, ist übergewichtig und isst ständig. Ich habe es versucht, aber ich habe aufgegeben.“

Salah schnauft schwer. Er hat sich in Rage geredet. Er hat sich sein Rentnerdasein in seiner Heimat anders vorgestellt. Er hat mit seinem Neffen Amr in ein Café investiert. Hier wollte er zum rechten sehen, morgens seine Zeitungen lesen, nachmittags mit seinen Bekannten schwatzen und diskutieren, nachts seine Bücher lesen.

Doch nicht mal das ist möglich. Zu verschieden sind seine Vorstellungen und jene seines um viele Jahre jüngeren Neffen was die Geschäftsführung betrifft. Amr sieht nur das kurzfristige schnelle Geld – während Salah etwas aufbauen will. Salah möchte zwei Kellner anstellen, damit sie genügend Schlaf und Erholung haben, sich eine anständige Mittagspause sowie einen freien Tag pro Woche gönnen können, anstatt  übermüdet 14 Stunden ohne Pause zu arbeiten. Er möchte, dass das Café sauber ist, die Bedienung höflich und aufmerksam. Seinem Neffen hingegen ist das zu teuer, denn dann wirft sein Investment nicht genügend rasch Profit ab. Alle sind korrumpiert – so nennt Salah dies und meint damit nicht nur seinen Neffen sondern das ganze Establishment kreuz und quer durch die Gesellschaft… die Regierung… das Land…

Er wird wieder aussteigen müssen aus diesem Geschäft. Finanziell und dann auch persönlich. Dann muss er mit seiner Familie brechen, denn das Eine ist vom Anderen nicht trennbar.


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Ach, er wollte diesen Abend geniessen, doch nun ist ihm so schwer ums Herz. „Im Juni läuft meine Sperrfist ab. Dann kann ich wieder nach Qatar zurück.“ Im 60. Altersjahr wurde er in Qatar pensioniert und damit lief seine Aufenthaltsgenehmigung ab. Die Sperrfrist dauert zweieinhalb Jahre. Wohin soll er denn sonst noch? Die schönste Zeit seines Lebens hatte er dort verbracht.

Seine Begleiterin versteht ihn und es tut ihr fast leid, dass sie ihn gefragt hat. Angesichts seines Alters muss er die Zukunft seines Landes wohl so negativ sehen – sie hingegen gibt ihm trotz allem eine Chance. Wenn nur mal ein Schritt nach dem anderen gemacht wird, denn sie weiss: auch ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Aber für Salah ist es sicher zu spät.

Sie waschen sich Hände und Mund, begleichen die Rechnung und verlassen das riesige blaue U-Boot mit den bunten Metallfischen.

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Draussen werden sie von der lauen Februar-Abendluft umfasst. Das Hupen der Autos dröhnt in den Ohren, während sie sich einen Weg durch die stehenden und drängelnden Autos suchen. Der Gehsteig ist zu schmal: rohe Fleischberge sind zum Verkauf ausgehängt und die in Galabyas gekleidete Männer im landestypischen Café haben ihre Holztische und –stühle bis an den Strassenrand gerückt, wo sie genüsslich an ihren Wasserpfeifen ziehen, geräuschvoll süssen Schwarztee schlürfen und über das Tagesgeschehen schwatzen oder spielen.

Salah lädt seine europäische Begleiterin zum Abschluss seines Geburtstags noch auf ein Bier in einem von Touristen frequentierten Lokal ein. Vergnügt hüpft er im Takt der Musik auf seinem Stuhl auf und ab. Seine Gedanken scheinen wieder in die Ferne geschweift zu sein. Tanzen, ah!, er hat so gerne getanzt… Zum Reden ist es zu laut, denn sie sitzen an der Hauptstrasse und in der Bar dröhnt die viel zu laute Musik aus den Lautsprechern.

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Tage später sieht sie ihn nicht mehr im Café in ihrer Wohnsiedlung sitzen. Eilig geht sie weiter, macht sich Gedanken, schiebt die Gedanken mit einer weiten Armbewegung von sich. Sie hat momentan andere Sorgen, hat auch keine Zeit, seine Hilfe im Arabisch Lernen anzunehmen.

Wochen später sieht sie von weitem anderes Personal im Café. Sie wundert sich darüber. Hat er es durchgesetzt? Oder ist er ausgestiegen? Viele Stunden hatten sie darüber diskutiert, hat er ihr erzählt, wie schwierig das für ihn ist. Geduldig hat sie zugehört und ihm Mut gemacht. Doch jetzt geht sie wieder eilig weiter, sie hat noch immer eigene Sorgen.

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Monate später erfährt sie, dass Salah fort ist. Er hat sich endgültig mit seinem Neffen Amr entzweit. Es trifft sie, denn sie weiss wie unglücklich er darüber sein und sich noch einsamer fühlen wird.

Juni, hat er gesagt… Juni ist schon lange vorbei. Sicher ist er wieder zurück nach Qatar. Ob er dort wohl glücklicher ist?

Freitag, Juli 30, 2010

Süsser Duft der Nacht

Allmählich lässt die Glutofenhitze des Frühsommertages nach. Bleischwer lag sie unbeweglich über Gassen und Plätzen, selbst Sand und Staub blieben träge liegen. Kein Windhauch schaffte Linderung, schweisstreibend war allein das unbewegliche Sein.

Nun, da die Sonne der Dämmerung gewichen ist, fliegen Fensterläden und Türen auf, die Hitze macht einer hauchfeinen Brise Platz und lässt einen wohlig aufatmen. Die Bewohner machen es sich auf ihren Balkonen behaglich, setzen sich vor die Kaffeehäuser; Parkbänke und Mäuerchen werden belegt, auf Dachterrassen werden Kissen aufgeschüttelt und Erfrischungen gereicht, Kerzen und Windlichter zaubern ein weiches Licht in die herannahende Nacht.

Fröhliches Geplauder, befreiendes Lachen, herzliche Begrüssungen vertreiben die letzte Tageshitze. Im Kreis von Familie und Freunden lässt es sich nun aushalten, werden Tagesereignisse kommentiert, lustige und traurige Geschichten verbreitet. Ein süsslicher Duft umschmeichelt die Nase, vermischt sich mit dem Geruch von Zigaretten und dem mit Kardamom gewürzten Kaffee.

Schwer unterscheidbar für die ungeübte Nase sind die vielfältigen Aromen der Wasserpfeife. Da gibt es allerlei Früchte- und Beerenaromen wie Apfel, Erd- oder Waldbeere, doch auch Pfirsich, Melone, Ananas, Orange oder andere noch exotischere Düfte finden ihre Abnehmer.

Das Blubbern der Shisha wirkt beruhigend. Von Zeit zu Zeit wird ein glühendes Stück Kohle nachgelegt, damit das muntere Blubbern fort dauert und der aromatisierte Rauch seine beglückende Wirkung entfalten kann.

Der süsse Duft vereint sich mit dem warmen Gelächter, dem feinen Wind, dem nahen Sternenhimmel und der im Hintergrund erklingenden arabischen Musik zu einem orientalischen Traum, der einen forttragen und die Zeit ein für allemal anhalten möchte. Eine verzauberte Welt umwirbt, umhüllt, fängt denjenigen ein, der sich ihr öffnen mag. Berauschend, schier betäubend legen sich diese parfümierten, lauen Nächte wie ein sanfter Schleier über die erdrückenden Sorgen des fernen Alltags und entführen in eine andere Welt ...

... bis sich der Zauber der Nacht vor der nahenden Morgendämmerung davon schleicht und das herannahende Tageslicht erneut Hitze und Bürde ankündigt.

Sonntag, Juni 13, 2010

Einkauf im Souk

Bei jedem Schritt rutsche ich mit den Fersen von meinen geliebten italienischen Sandalen. Monatelang schon übe ich das achtsame Gehen auf unebenem Untergrund. Trotzdem geschieht es noch täglich, dass ich ausrutsche und fast umknicke. Glücklicherweise bin ich erst einmal auf etwas Spitzes getreten, das mir in die Fusssohle schnitt. Und den Fussknöchel habe ich auch nur einmal schmerzhaft verrenkt, weil ich ein Loch übersah. Doch das war ganz am Anfang.

Die Sonne brennt mir ins Gesicht, mit der Hand versuche ich, mich vor den gleissenden Strahlen zu schützen. Ein paar Schritte noch und ich rette mich in den  Schatten. Zwischen zwei Gebäuden liegt ein freier Platz, der zum Eingang des Souks, des Gemüse- und Fruchtmarktes, führt. Links und rechts, direkt am Strassenrand, nur einen schmalen Durchgang gewährend, sind Bambusgitter wenige Zentimeter über dem Boden ausgebreitet; darauf liegen Hunderte von hellbraunen Brotfladen zum Verkauf. Ein etwas dickeres, ebenfalls rundes, vielleicht Teller grosses Brot fällt mir auf: das „Aisch Schamssi“ – das Sonnenbrot. Es wird in der Sonne gebacken und wird bis ca. vier Zentimeter dick.

Schwarz gekleidete Frauen mit dunklen Kopftüchern hocken neben ihren Brotfladen auf dem Boden, unter sich ein ausgebreitetes Stück Karton, tuscheln, schnattern und lachen munter miteinander, dazwischen fordern sie die Passanten auf, ihr Brot zu kaufen. Manchmal sind auch nur Kinder da: vielleicht acht- bis zehnjährige Mädchen und Buben, schmutzig, zerzaust und zerlaust; geschäftstüchtig balgen sie sich um jeden Kunden, jedes Pfund, das sie für sechs Brotfladen einnehmen können.

Einmal bisher kaufte ich das Sonnenbrot – es schmeckt herrlich, ist knusprig, vielleicht etwas zu wenig gesalzen. Aber die salzigen ägyptischen Speisen machen dies vermutlich wett. Scheinbar wird das Sonnenbrot zu gesalzenem Fisch gegessen. Doch das Fladenbrot...  nein, ich kann es einfach nicht vom Strassenboden kaufen... Ausserdem gibt es da ganz verschiedene und das da, das grobe, etwas dunklere, mag ich nicht so besonders. Es gibt auch ein helles, luftiges Fladenbrot, das mag ich sehr gern und kaufe es manchmal von einem Backstand.

Wenige Schritte weiter wird es eng und rutschig. Eiergrosse Steine sollen wohl Pflastersteine ersetzen; wenn sie regelmässig verteilt wären, wäre das Gehen einfach. So aber besteht der Boden praktisch aus unregelmässig verteilten Dellen und Unebenheiten. Weggeworfene Fruchtschalen, ihr Saft, Papier und anderes haben den Grund in einen rutschigen Parcours verwandelt. Noch enger wird es zwischen den vielen Frucht- und Dattelständen. Hunderte von Menschen gehen hier täglich ein und aus, kaufen kiloweise Früchte und Gemüse – trotzdem ist es unsäglich eng.


manchmal geht es auch ruhig zu und her
Kleine, dicke, schwarz gewandete und verschleierte Frauen humpeln, riesige Taschen schleppend oder ihre Einkäufe auf dem Kopf balancierend, durch die engen Gänge. Wendige Kinder zwängen sich zwischen den Leibern hindurch, schlanke, schlaksige Bauern in braunen Kaftanen, hellen Turbanen und ausgelatschten Sandalen drängeln durch den Menschenstrom. Hie und da stupst mich beharrlich etwas am Arm, an der Hand: eine Bettlerin murmelt irgend etwas. Lässt sie nicht rasch genug von mir ab, wird sie nicht selten von einem Verkäufer angeherrscht zu verschwinden.

Manchmal ist das Weiterkommen unmöglich: unförmige, schwitzende Leiber, riesige Körbe und Tragtaschen, Träger mit schweren Kisten versperren den Weg. Wirklich Mühe bereitet es mir, wenn sich Träger mit blutendem Fleisch oder Innereien an mir vorbei quetschen möchten – da suche ich schon mal das Weite oder es entwischt mir ein Ausruf in Deutsch! In solchen Momenten sind die Fliegen besonders lästig. Jeder  Bauern hat seine eigene Methode gegen die Fliegen: einige brennen Raucherstäbchen ab, andere fuchteln mit Lumpen oder fächern mit meterlangen Wedeln über ihre verderbliche Ware.

Vorbei an von der Decke herabhängenden Viehkörpern, auf dem Boden liegen gebliebenen Innereien und Viehschwänzen dringe ich ins Herz des Marktes vor: eine überdachte Halle mit je einem schmalen Ausgang an jeder Ecke. Den Wänden entlang haben die Fellachen ihr Gemüse oder ihre Früchte in kunstvollen Bergen aufgeschichtet. Einige hocken lediglich am Boden, vor sich ihre Kartoffeln, Gurken, Auberginen, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch oder Karotten ausgebreitet. Die meisten haben jedoch einen Holztisch und manchmal auch Körbe aufgestellt: Okra, Zucchetti, Bohnen, Limonen, Paprika und Chili sind da auch zu finden.

Im Inneren der Halle sind in einem grossen Rechteck weitere Stände mit Gemüse, aber auch Salaten, riesigen Kohlköpfen und frischem Grünzeug wie Minze, Salbei, Petersilie, Molochia, Spinat u.a. aneinander gereiht. Schönen Salat („andik chass täsa?“ – hast du frischen Salat?) gibt es bei einer kleinen Bäuerin mit dunkelblauem Kopftuch. Sie ist die einzige Frau im ganzen Markt, thront zuoberst auf ihrem Grünzeug und ihr linker Arm endet in einem Stumpf. Bei ihr stehen immer ein paar Frauen zum Schwatz; hilfsbereit picken sie für mich den schönsten Salatkopf heraus.

Der Durchgang zwischen den Ständen ist trotz der Grösse der Halle ebenso eng wie ausserhalb. Ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Wie an den schmalen seitlichen Durchgängen, stehen auch hier Kisten mit nicht mehr verkaufbarer Ware, daraus suchen sich in der Hocke kauernd die Ärmeren noch Verwertbares zusammen. Im Halbdunkel der Halle, halb unter den Tischen versteckt, sind sie mit ihrer dunklen Kleidung leicht zu übersehen. Hie und da huscht eine Ratte von da nach dort, das Weite suchend.

Im nördlichen Teil der Halle gibt es Saisonfrüchte zu kaufen: Bananen, Äpfel, Orangen, Feigen, Mangos, Granatäpfel, Trauben, Feigen. Die ersten Khakis sind auch schon aufgetaucht. Und Datteln in allerlei Farben, Formen, Grössen, frisch oder getrocknet. Am grössten war die Auswahl an Datteln während des Ramadans: zehn, fünfzehn verschiedene Sorten (oder mehr?) lagen in offenen Säcken zum Verkauf bereit.

Die Grösse der Halle schluckt den Lärm etwas; hie und da dringen die höflichen, freundlichen Aufforderungen der Händler an mein Ohr... „batatis, ia madaam“, „bitingaan kuaiessah ia madaam“... Manchmal lächle ich einem Händler zu, bedanke mich, morgen vielleicht... oder lächle einfach in mich hinein... Die Welt da, die ist so anders...

So laut wie draussen vor der Halle ist es hier drinnen nicht. Es ist auch einigermassen kühl: die riesigen Ventilatoren hoch oben an der Deck und die vier Ausgänge sorgen für einen Austausch der Luft. Sogar Fliegen hat es weniger – immer noch aber genügend, um sie als lästig zu empfinden.

An jeder Seite der Halle gibt es auch noch Nischen, vielleicht zwei Meter breit und drei Meter tief; dort werden Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln, Hülsenfrüchte und manchmal auch Gewürze verkauft. Die Ware wird aus riesigen Säcken geschöpft und abgefüllt.

Ausserhalb der Halle haben weitere Gemüse- und Obsthändler ihre Tische aufgebaut: Berge von winzigen süssen, grünen oder gelben Bananen, saftigen Melonen und noch mehr Datteln sind dort in grosser Vielfalt zu finden. Abseits stehen einige Fischstände – denen ich aber noch nie zu nahe gekommen bin, besonders nachmittags. Auch Frischkäse in seiner Molke wird angeboten – der gleissenden Sonne, den Fliegen und allen vorübergehenden Menschen ausgesetzt. Seitlich der Halle können Eier, Huhn und Fleisch, frisch oder gefroren, erstanden werden. Dazwischen existieren auch noch die kleinen Supermärkte, die von Seifen über Öl bis zu Konserven, Getränken, Nudeln und Käse alles wichtige für den Haushalt anbieten. Diese kleinen Läden finden sich in jedem Quartier, in jeder Strasse, an jeder Ecke... Die einen überleben, die anderen schliessen nach wenigen Monaten wieder...


alles, was Magen und Gaumen begehren
 Meine vollen Taschen wiegen schwer und ich beeile mich, aus dem beengenden Ameisenhaufen hinaus zu kommen. Meine rechte Hand fühlt sich schmutzig und klebrig an: prüfen und auswählen der Ware, reichen und entgegennehmen der Münzen und Geldscheine hinterlassen ihre Spuren. Habe ich erst mal die Halle hinter mir, steht noch die „Fliegenallee“ und der letzte Spiessrutenlauf zwischen den wilden Händlern vor mir. Letztere bieten nur eine einzige Ware an: nur Grünzeug, nur Datteln, nur diese kleinen, grünen, kugelrunden Limonen, während des Ramadans auch noch Spielzeug made in China... Wohl sind sie die ärmeren Bauern, die ihre bescheidene Ernte am Ausgang feilhalten. Hier finden sich aber oft die schönsten Trauben, die süssesten Melonen, die grössten Datteln.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint: alles hat auch hier seine bestimmte Ordnung, seine Regeln, jeder seinen Platz, jede Ware ihren Preis. Die Verkäufer sind ernst, aber höflich und viele erkennen mich wieder seit ich regelmässig herkomme. Ganz selten kommt es vor, dass ich etwas kaufen will, mich dann aber vom Stand abwende, weil ich nicht korrekt behandelt werde. Mehrheitlich  kaufen hier Einheimische ein, aber auch viele Ausländer wie ich kommen regelmässig hierher, um ihre Einkäufe zu erledigen. Die Auswahl ist gross und es findet sich immer ein Stand mit frischer Ware.

Ein Platz von vielleicht 100 Quadratmetern bleibt noch zu überqueren. Kürzlich stand da ein Müllwagen mit offener Lade: er hatte seinen gesamten Inhalt hier ausgekippt. Die „Zabaleen“, die von der Stadt angestellten Müllsammler, allesamt in dunkelblauer Arbeitskleidung mit breiten orangen Streifen auf den Ärmeln und weissen Turbanen, alte Männer, ausgemergelt, mit von der Sonne verbrannten, zerfurchten Gesichtern standen um Abfallberg und Müllwagen schwatzend herum. Mir wurde in Kopf, Bauch und Herz elend...

Später, bei einem weiteren Einkauf, fand ich den Platz wieder wie vorher: die unebenen Steine, Unrat, verstreutes Stroh, vielleicht ein paar mehr Steine, die Unebenheiten auszugleichen versuchend.

Weiter vorne, vielleicht 50 Meter entfernt, gegen die Hauptstrasse hin, warten die Mikrobusse, die von hier nach Sekalla fahren. Ich raffe mich auf, den Platz in der Sonne mit den schweren Einkäufen zu überqueren und einen Sitz in einem der engen, heissen Busse zu ergattern, um ihm nach einer zwanzigminütigen Stop-and-Go-Fahrt erleichtert wieder zu entfliehen.

Fünf Minuten Fussmarsch noch, dann können Hände gewaschen, verschwitzte Kleider abgestreift und alle Eindrücke und Empfindungen in der kühlen Dusche heruntergespült werden.

Freitag, April 16, 2010

Demokratie

Feierabend. Draussen ist es bereits dunkel und vor mir sitzt Ahmed, mein Deutschschüler. Ahmed ist ein guter Schüler, macht fast immer die Hausaufgaben - zumindest, wenn er gut drauf ist. Abends ist er todmüde, denn er arbeitet als Tauchlehrer und spielt für die Gäste den Sonnyboy. Deswegen hat er viele Stammgäste und er ist beliebt.

Eigentlich hat er Jurisprudenz studiert, in Alexandria. Dort könnte er auch als Anwalt arbeiten, aber seine französische Frau würde keine Arbeit finden. Deshalb arbeitet er am Roten Meer als Tauchlehrer. Seine Frau auch.

Wir üben Hilfsverben, heute ist das Verb möchten an der Reihe. Wir konjugieren ich möchte, du möchtest, er möchte, …. Dann bilden wir Sätze mit vorgegebenen Wörtern.

Und nun: bilde eigene Sätze mit dem Verb möchten!

Ahmed sieht in die Ferne und spricht langsam Wort für Wort:

Wir… möchten… Demokratie!



Donnerstag, März 04, 2010

Im Taxi

Draussen zieht die gelbrote Wüstenlandschaft an mir vorbei. Am Horizont flirrt die Luft, Himmel und Sand formen ein fremdes, verschwommenes Bild.

Es ist heiss. Der Fahrtwind zerzaust mir die Haare, wirbelt sie mir ums Gesicht und in die Augen. Weshalb nur vergesse ich jedes Mal, den Haargummi mitzunehmen, wenn ich ein Taxi nehme? Allmählich sollte ich es ja wissen! Fahre ich doch lieber mit offenem Fenster als mit Klimaanlage, wenn es so wahnsinnig heiss ist.

Der Sand leuchtet gelblich, die Berge im Hintergrund zeichnen sich klar gegen den stahlblauen Himmel ab. In der Ferne liegt ein unbewegliches blaues Band: das Meer.

Oh, wie sehr ich diese Hitze, den heissen Wind, die Wüste liebe! Die Fahrt könnte wegen meiner Stunden lang dauern. Die Strasse ist gut. Hie und da passieren wir einen Checkpoint und Mustafa ist ein ausgezeichneter Fahrer.

Eigentlich fährt er wie ich: keine starke Beschleunigung, sanftes Schalten, kein ruckartiges Bremsen. Behutsam lenkt er den Wagen, ohne dass ich es spüre. Wir gleiten ruhig und schweigsam durch diese scheinbar öde Landschaft. Eine Landschaft, die mich unendlich fasziniert: die Farbe des grobkörnigen Sandes, die vom Wind geformten Hügel, die in sanften Wellen vom Meer weg hin zum Gebirge rollen, die kargen, dunklen, brüchigen Felsen. Hin und wieder da ein Sträuchlein, dort ein paar Büschel Gras, ein einsamer windzerzauster Baum.

„Arabisch oder Englisch?“ Mustafa hält fragend eine Musikkassette in den Händen. Arabisch bitte! Als die Musik ertönt, blicke ich wieder in die Wüste hinaus, damit Mustafa mein Gesicht nicht sieht. Meine Augen werden feucht. Ich möchte ewig so weiter fahren.

Montag, Februar 15, 2010

Denderah

Von meinem Wohnsitz in Hurghada ist eine der am nächsten gelegenen Tempelanlagen jene von Denderah, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar in einem Tagesausflug.

Denderah ist selten besucht, da es nördlich der vom Massentourismus frequentierten Route Luxor – Assuan liegt. Mir ist das recht so.

Morgens um halb acht besteige ich den Linienbus nach Qena. Zweimal täglich fährt er in rund drei Stunden in die Stadt am Nil, Pause in einer Raststätte auf dem Pass in den Bergen inbegriffen. Der Bus ist in einem enttäuschenden Zustand, gleich jenen Bussen, die mehrmals täglich zwischen Hurghada und El Gouna hin und zurück fahren. Die Sitze sind schmutzig und angeknabbert, die ebenfalls verschmutzten Vorhänge baumeln lose an den Fenstern und sind entweder im Weg – sofern man die Landschaft betrachten will – oder lassen sich nicht zu ziehen – sofern man sich vor der blendenden Sonne schützen will. Die Fenster lassen sich nicht öffnen oder nicht schliessen – ausser mit grossem Krafteinsatz - und sind verschmiert. Die Aufhängerichtung und das Netz an der Rücklehne des Vordersitzes sind meistens unbrauchbar. Ich habe Glück: meine Plastiktasche findet einen Haken.

Ausgerüstet mit Wasserflasche, belegten Broten, einem Schal, der mir gegen den Zugwind im Bus und als Kopfbedeckung gegen die Sonne dienen wird sowie meiner Fotokamera nehme ich auf Sitz nur 18 Platz. Neben mir sitzt ein älterer dicker Mann in einem wollenen Nadelstreifenanzug. Während der langen Fahrt redet er nicht ein einziges Wort und bewegt sich auch nicht. Meistens schläft er oder er hat zumindest die Augen zu. Ich versuche, mit meinen Feuchttüchlein der Fensterscheibe etwas Durchsicht zu verschaffen, was mir nur halbwegs gelingt.

Der Chauffeur ist ein gut gelaunter mittelalterlicher Ägypter, leicht angegraut und etwas beleibt. Er lacht viel und zeigt ebenso viele Zahnlücken. Er startet den laut knatternden Motor und fährt hinaus auf die Innere Ringstrasse. Kaum haben wir die letzten Aussenquartiere Hurghadas hinter uns gelassen, ertönt aus dem Kassettengerät in voller Lautstärke religiöse Musik, in welcher Prophet Mohammed Lob gepriesen wird. Leider wechselt er die Kassette während der ganzen Fahrt nie und ich bin fast dankbar, dass Lärm und Fahrtwind so etwas wie einen Schalldämpfer bilden.

Am Checkpoint gibt’s fröhliches Gelächter und freundliches Winken und zügig geht es weiter nach Safaga. Dort zweigt die gut ausgebaute zweispurige und richtungsgetrennte Fahrbahn Richtung Westen ab. Die Berge nähern sich, der Bus wird langsamer, obwohl es nicht wirklich steil ist. So habe ich Gelegenheit, die Stein- und Felswüste gemütlich an mir vorbei ziehen zu lassen. Seltsamerweise erinnere ich mich recht gut an diese Landschaft, die ich vor fast drei Jahren schon einmal – damals noch als ortsunkundige Touristin in einem modernen Reisecar einer grossen Reiseagentur und im polizeilich begleiteten Konvoi – in entgegengesetzter Richtung gesehen hatte. Ein einsamer Baum steht wie ein Schatten spendender Schirm im Sand. Dornengebüsch kauert in einer Mulde, hie und da ist Wasser zu vermuten, weil sich hier sofort etwas Grünzeug ansammelt.. Dort liegt ein Felsbrocken, hinter dem man ein dringendes Geschäft erledigen könnte...

Doch der Bus hält nur an den Checkpoints und schreitet nachher wieder zügig aus, manchmal in beängstigend hohem Tempo. Der Fahrer ist routiniert, hat den Wagen im Griff... einzig die Kurven nimmt er hie und da etwas übermütig und der Bus schlingert unmerklich. Gewiss beschützt uns Allah, denn dem Propheten Mohammed wird alle Ehre erwiesen: einige Mitreisende singen die Lieder mit!

Etwas abseits der Strasse bewegen sich farbige Punkte. Nein, es sind Beduinenfrauen und -mädchen, die Ziegen weiden, einen Esel oder ein Dromedar mit sich führend. Die Frauen tragen bodenlange knallbunte Röcke und einen hüftlangen tiefschwarzen Schleier. In der gelbbraunrötlichen Kargheit stechen diese Farben kontrastreich hervor. Die Szene wirkt wie eines dieser kitschigen Bilder aus Tausend und Einer Nacht, die man in Kairos Altstadt überall kaufen kann. Doch diese hier ist Wirklichkeit. Der Bildausschnitt rutscht aus meinem Blickfeld, wir sind auf dem Pass angelangt.

Wir halten vor einer dieser vielen Raststätten, die sich auf der langgestreckten Passhöhe aneinander reihen und die ich immer noch in Erinnerung habe. Leise hatte ich die Hoffnung gehegt, dass wir bei jenem grossen Restaurant anhalten würden, vor dem auch die Touristenbusse pausieren. Ich träumte wohl! So muss ich mich mit dem üblichen Standard von Toilette anfreunden. Während einige der Mitreisenden ihren Tee schlürfen, vertrete ich mir die Beine und warte im Schatten einiger Oleanderbüsche. Es ist nicht heiss, ein angenehm leichter Wind weht, aber die Sonne ist kräftig. Von weitem beobachte ich, wie traditionell farbig gekleidete Mädchen auf Touristen warten. Ein kleines Mädchen mit einem Lämmchen auf dem Arm, eine hübsche junge Frau mit einem Dromedar, ein paar dunkelbraune Ziegen drumherum – das sind dankbare Sujets für die Digitalkameras der Ausländer.

Wir nehmen wieder unsere Sitzplätze ein. Der schweigsame Mann neben mir überrascht mich: er hat ein Zweiglein blühenden Thymian abgeknipst und steckt es nun vor sich am Sitz fest. Der Duft ist angenehm und überdeckt die anderen Gerüche im Bus.

Nach einem weiteren Checkpoint rast der Bus talwärts. Mir wird fast etwas bange und ich halte mich am Griff vor mir fest – eine nutzlose Geste, wenn ich es mir genau überlege... Die Berge ziehen sich zurück, die Landschaft weitet sich. Plötzlich sehe ich grün. Felder mit grünen Pflänzchen, schön aufgereiht, dazwischen erkenne ich Wasserschläuche, eine Sprinkleranlage? Sehr bald sind die Pflanzungen in der Mehrzahl. Erstaunt stelle ich fest, wie wunderbar angenehm und beruhigend das Grün für meine Augen ist. Ich habe mich an die Wüste und die Trockenheit so sehr gewöhnt, sodass ich den Anblick der vielen Felder und Palmen regelrecht geniesse.

Wir erreichen Qena, überqueren den Nil und nach wenigen Minuten hält der Bus an. Endstation. Ich steige aus und frage sicherheitshalber ein drittes Mal, wann der Bus am Nachmittag wieder abfährt. Die Auskunft ist zum Glück identisch mit den vorherigen!

Ein paar Minuten bleibe ich unter einer grossen, Schatten spendenden Platane stehen und geniesse die anders riechende Luft, die Ruhe und die Umgebung. Eine Strasse wie viele in Ägypten: kleine Supermärkte, kleine Imbissbuden, Kaffeehäuser, davor sitzende Männer, die sich langweilen und alles und jeden beobachten. Die Ruhe hält leider nicht lange an, denn der erste Taxifahrer macht sich bemerkbar. Ich gebe ihm ein Zeichen, dass ich ihn vielleicht später brauche, dass er mich in Ruhe lassen soll.

Aus den Augenwinkeln schaue ich mir den Fahrer genauer an, doch, er scheint okay zu sein und ich frage ihn, wie viel er denn für die Fahrt nach Denderah verlange. Wir sind uns über den Preis einig, obwohl mir während der Fahrt wieder mal klar wird, dass ich zuviel bezahle. Entlang eines Bewässerungskanals und Feldern sind wir schon nach knapp 10 Minuten am Eingangstor der Tempelanlage. Die Wachleute fragen den Taxifahrer, woher ich komme, was ich will... er antwortet ihnen, dass ich Arabisch spreche.

Die Fragerei nervt mich seit eh und je und ich frage die uniformierten Männer, weshalb sie denn all das wissen wollten. Sie erklären mir, dass sie diese Angaben für die Statistik benötigen. Ah ja, klar. Im Polizeistaat Ägypten kann man keinen Schritt unbeaufsichtigt tun. Da ich nicht in einer Gruppe reise und somit kein Reiseführer Auskunft geben kann, muss ich das für mich selber machen.

Ich kaufe ein Ticket und gehe zu den Toiletten – wo ich mich zuerst mal beschwere. Für die Benützung wird Geld verlangt, aber es hat kein Wasser zum Spülen, obwohl die Räumlichkeiten internationalem Standard entsprechen und sauber sind. Der Chef der Putzequipe kommt herbei geeilt und meint, das Wasser würde halt immer wieder abgestellt. Mir egal. Ich bin wütend. Wiedermal. Als Tourist wird man einfach ausgenommen und wenn etwas nicht klappt, gibt es immer diese blöden hilflosen Erklärungen. Typisch ägyptisch.

Ich binde mir mit meinem Schal einen Turban und gehe hinaus in die Sonne. Ein grosser Platz führt zum Haupttempel, seitlich davon ziehen hübsche Gartenlauben meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich setze mich in den Schatten, trinke etwas und esse ein Brötchen. So komme ich wieder zur Ruhe und lache schlussendlich über mich. Während ich meinen Fotoapparat vorbereite, rufe ich mir wieder ins Bewusstsein, in welchem Land ich bin. Die Anlage scheint leer zu sein. Ein Pärchen strolcht zwischen den Trümmern einstiger Grösse durch, schwarze Uniformen lösen sich da und dort aus dem Schatten. Ich mache mich seelisch darauf gefasst, dass mich die Uniformen sofort in Beschlag nehmen werden – und geniesse noch ein wenig die schattige Stille unter den Lauben.

Ich trete durch ein weiteres Tor und bin schon gefangen. Der gross gewachsene und attraktive Mann führt mich ins Mammisi (Geburtshaus), zeigt mir dort Gemälde, welche Geschenkübergaben darstellen, weist mich auf die letzten Spuren einer koptischen Kirche... Dinge, für die ich ihn eigentlich nicht brauche; er fragt mich aus, wie es hier üblich ist. Ich spiele das Spiel mit, denn er spricht kaum Englisch und so kann ich mein Arabisch anwenden. Und hoffe natürlich, dass er mir etwas Interessantes zeigen kann. Dem ist nicht so und als wir uns dem Haupttempel nähern, erklärt er, dass er nicht weiter darf.

Mir ist das recht, drehe mich um und... da sehe ich schon den nächsten Wachmann lächelnd auf mich zukommen. Ich höre noch, wie der erste seine Kollegen über meinen Zivilstand informiert. Oh, muss das hier wichtig sein!!

Der zweite Wachmann ist klein, dicklich und wirkt schmuddelig. Genauso sind auch seine Gesten, als er mir den Zweck der Zugänge zum Grundwasser zeigt: die Menschen kamen und kommen noch heute hierher, um ihre Geschlechtsteile mit dem angeblich Fruchtbarkeit fördernden Nilwasser zu benetzen. Er entschuldigt sich x-mal und jedes Mal von neuem. Zu meiner Überraschung ist das Wasser glasklar, die Treppenstufen sind nicht von Algen bedeckt, d.h., das Wasser scheint sauber zu sein. Trotzdem tauche ich meine Hand nicht hinein – ich will ja nicht plötzlich schwanger werden!

Vier Treppen auf vier Seiten führen hinab zum Grundwasser. Die Mauern sind hoch und mitten drin stehen Palmen. Im Frühling, wenn der Nil das Hochwasser aus der äthiopischen Hochebene herführt, bildet sich ein See in diesem Mauerwerk.

Der Mann führt mich weiter rund um den Haupttempel, zeigt mir kleinere Tempel ausserhalb und die ewig selben Bilder zum Thema Fruchtbarkeit. Innerlich kugle ich mich fast vor Lachen. Der arme Kerl scheint noch nicht verheiratet zu sein.

Irgendwann wird es mir zu blöd und ich sage ihm, dass ich nun alleine weiter gehen möchte. Er akzeptiert dies sofort und geht weg. Ich setze mich erst mal auf einen über Zweitausend jährigen Steinklotz hin und schaue mir den Haupttempel von Aussen an: er ist voller Bilder und Zeichnungen, zeigt Cleopatra und Cäsarion, ihrem Sohn. Wenn ich an solchen Orten bin, möchte ich nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Das ist aber in Begleitung eines geschwätzigen Wachmannes unmöglich. Ich bin froh, sind kaum Besucher hier, ja, es hat mehr Wachpersonal als Besucher.

Nach einiger Zeit gehe ich hinein: eine Halle mit 24 Säulen, in blau und gold bemalt, die Decke bis auf jeden Zentimeter mit Darstellungen des göttlichen Daseins in den gleichen Farben verziert. Ich bin fasziniert, stehe und staune schweigend. Es folgend weitere Hallen, kleinere, reicher verzierte Seitenhallen, eine Treppe führt hinauf aufs Dach – wo ich schon wieder in die Hände eines Wachmannes gerate. Er zeigt mir die Decke mit den zwölf Tierkreiszeichen, die ich ohne ihn genauso gut gefunden hätte. Was ich aber möchte, ist die Landschaft rundum sehen. Dazu müsste ich noch etwas höher steigen, denn die Ziegelsteinmauern rund um das Gelände versperren die Sicht. Doch der Wachmann lässt mich nicht. Sein klägliches Bitten nach einem Kugelschreiber kann ich nicht erfüllen – ich habe schlicht nicht daran gedacht. Und als er mich um Geld bittet, erzürnt mich diese direkte Bettlerei. Ich klettere über eine Mauer hinab und steige wieder in die Tiefen des dunklen Tempels hinab.

Bevor ich in die Sonne trete, mache ich zwei Geldscheine parat. Ich bin mir sicher, dass mich die zwei Wachmänner am Ausgang abfangen. Und tatsächlich! Sie verabschieden sich Händeschüttelnd. Als ich dem zweiten den Schein in die Hand drücke, will er aufmeckern, das sei aber wenig – da kommt der erste hinter einer Ecke hervor, freut sich über das Trinkgeld und wünscht mir alles Gute. Gut gegangen, denke ich und lenke meine Schritte dem Ort zu, wo ich Souvenirs und ein Kaffee gesehen habe. Ich möchte Karten schreiben und ein Wasser trinken; meine Flasche ist schon lange leer. Die Verkäufer stürzen regelrecht auf mich zu und preisen mir ihre Schals, T-Shirts, Galabyas und Souvenirs an. Mehrmals muss ich nachdrücklich kundtun, dass ich kein Interesse habe. Die Preise im Kaffee verschlagen mir fast den Atem: die ganze Anlage ist ausgestorben, aber Preise wie in Luxor! Ich handle mein Wasser runter, kaufe zwei Ansichtskarten und Briefmarken dazu. Noch während ich sie schreibe, ruft mir mein Taxifahrer schon an. Der hat wohl Angst, dass ich mit einem anderen Taxi zurück nach Qena fahre. So beeile ich mich, verzichte auf einen weiteren Toilettengang und verlasse die Tempelanlage von Denderah.

Ausserhalb lasse ich meinen Blick nochmals über diese seit der Pharaonenzeit scheinbar still stehende Welt schweifen: Fellachen mit wehenden Galabyas und weissen Turbanen auf Eseln reitend, vor sich ein Bündel geschnittenes Zuckerrohr oder Alfaalfa, Fellachen in der Hocke in den grünen Feldern arbeitend, spielende, schmutzige Kinder, im Schatten sitzende Fellachen, riesige Ochsen, dicke, schwarz gekleidete Bäuerinnen, im lauen Wind sanft wehende Palmenwedel... und über allem der blaue Himmel...

Mein Taxifahrer holt mich zurück in die Wirklichkeit... er redet so schnell und viel, dass ich kaum etwas verstehe. Ich bitte ihn, zur Post zu fahren, damit ich meine Ansichtskarten aufgeben kann. Dann plappert er etwas, von wir beide und gemeinsam und ob ich wieder nach Qena komme, ich solle ihn doch anrufen. Ohje... Ich bin selber schuld; in Zukunft muss ich wieder sagen, ich sei verheiratet, dann habe ich meinen Frieden.

Ich bedanke mich bei ihm und steige aus. Der Bus steht schon da und ich vor einer Entscheidung: wo finde ich eine Toilette? Ich frage die Männer, welche die Bustickets verkaufen. Sicher zehn Männer hören meine Frage, einer sagt, ich solle in den Bahnhof nebenan gehen. In der Bahnhofshalle stehen jede Menge Männer herum, ich spreche jemanden an, der aussieht, als ob er hier für irgend etwas zuständig sei. Ein älterer Mann, der ebenso aussieht, fordert mich auf, mitzukommen.

Wir marschieren den Bahnsteig entlang durch eine grosse wartende Menschenmasse. Er fragt mich, ob ich Ägypterin oder Ausländerin sei. Ausländerin, antworte ich... Und wundere mich im Stillen: ist denn mein Arabisch so gut? Der Mann scheint plötzlich grösser, seine Schritte werden entschlossener, die Wartenden links und rechts schauen noch neugieriger auf mich und der Mann befielt der einzigen Frau in der Toilette, sie solle heraus kommen und zwar rasch. Er nimmt mir meine Jacke und Plastiktasche ab und bleibt vor der Türe stehen, bis ich wieder herauskomme. Ich komme mir vor wie im Film: die Leute gaffen oder bestaunen mich, als ob sie noch nie eine Frau in Jeans und T-Shirt gesehen hätten. Ich lächle, grüsse ein paar junge Fräuleins, die wie aufgeschreckte Krähen auf meine arabischen Worte reagieren. Plötzlich tauchen in meinem Kopf Bilder des Filmfestivals von Cannes auf... hier stehen zwar keine Journalisten mit dicken Fotoapparaten, aber jede Menge Menschen, die für mich Spalier stehen. Ich kann mir das Grinsen überhaupt nicht mehr verkneifen und marschiere vergnügt hinaus, bedanke mich mit einem Baksheesh bei dem alten Mann.

Der Bus steht immer noch da. Ich kann noch fünf Minuten im Schatten warten und bemerke dabei, dass die jungen Männer sogar über die zwei Meter hohe Mauer des Bahnhofsgeländes herüber stieren. Arme Kerle...

Wir fahren hinaus aus der Stadt. Diesmal sitzt eine junge Ägypterin neben mir, die schon bei der Herfahrt im Bus war. Ich frage sie, weshalb sie denn nach Qena gefahren war. Sie studiere hier, wohne aber in Hurghada. Dreimal wöchentlich verbringt sie sechst Stunden im Bus – und findet das die allernormalste Sache der Welt. Was sie studiert, habe ich leider nicht verstanden und für den Rest der Fahrt hingen wir unseren eigenen Welten nach.

Mein Blick bleibt für einen Moment auf dem Nil hängen: wie lange geht es wohl noch, bis ich endlich einmal auf dem Nil fahre, statt nur darüber?

Die Rückfahrt verläuft sozusagen identisch wie die Herfahrt: Prophet-Mohammed-Musik, mitsingende Reisegäste, kurzer Halt an der gleichen Raststätte, Checkpoints und haarsträubende Kurventechnik des Chauffeurs.

Meinen Schal habe ich mir um den Hals gebunden, obwohl es im Bus ungemütlich heiss ist. Eine Lüftungsanlage bläst die heisse Luft vom hinteren Teil des Busses nach vorne. Die Fenster sind aufgerissen und es herrscht ein kräftiger Durchzug. Bei Sonnenuntergang wird es rasch kühl. Doch da nähern wir uns wieder der Küste und erreichen bald darauf Hurghada.

Ich bin stolz auf mich. Müde, mit steifen Beinen entsteige ich dem grässlichen Bus und freue mich auf eine warme Dusche. Soeben habe ich meinen ersten Ausflug auf eigene Faust erfolgreich beendet.

Ein kleiner Nachgeschmack blieb während einiger Wochen in mir hängen: Ayman, der Taxifahrer versuchte mich immer und immer wieder anzurufen. Eines Tages rief er mich von einer unbekannten Nummer an. Ich sagte, ich sei beschäftigt, worauf er höflich fragte, ob er nochmals anrufen dürfe. Nein, erwiderte ich. Es tut mir wirklich leid, aber es gibt keinen Grund dazu...
                                      


Der Tempel von Denderah

Der Tempel ist römisch-griechischen Ursprungs und wurde in der Zeit  ca. 100 v. C. bis 60 n. C. erbaut. Schon früher waren an diesem Platz zu Ehren der Göttin Hathor Tempel errichtet worden. Die Griechen und Römer wollten die Tradition der Pharaonen mit diesem Tempel fortsetzen. Hathor wurde als Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe, der Musik und des Tanzes u.a. verehrt.
Die Farben und Malereien stechen hervor, weil sie so besonders gut erhalten sind. Grund dafür ist, dass der Tempel Jahrhunderte lang im Sand versunken war.

Denderah liegt gut 5 km westlich von Qena. Qena ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernorats und hat (gem. Wikipedia) fast 3 Mio. Einwohner.

Mehr Informationen zum Tempel von Denderah unter http://www.meritneith.de/dendera.htm