25. November 2018

Der Stärkere hat Recht


Momentan habe ich einfach kaum Zeit zum Schreiben. Doch heute, auf dem Markt in Dahar, habe ich etwas beobachtet, das mich betroffen gemacht hat.

Während ich meine Kartoffeln und Tomaten (wieso sind die Tomaten plötzlich so billig?) auslas, packten die Verkäufer in ihren braunen Kaftanen panikartik die Trauben vor dem Stand weg.

Ein paar Minuten später sah ich, weshalb: Die Polizei war da, machte Razzia. Der ambulante Verkäufer mit den Bananen war plötzlich verschwunden. Jener mit den Orangen auch. Als ich beim pikobellen, sauberen, neuen Polizeiauto vorbeikam, sah ich, wie frische Brotfladen im Polizeiauto verschwanden. Die Polizisten, – sauber, adrett, gut bezahlt – die ihren Dienst taten, schlossen grad die hintere Türe. oh

Mir stach es ins Herz.  

Während ich weiter ging, reihten sich in meinem Kopf die Bilder aneinander. Und das tat fast weh. Jene, die mit ein paar Brotfladen (vielleicht sogar mit abgezweigtem, subventionierten Mehl?) ihr kümmerliches, nein: ärmliches Dasein aufbessern, werden schikaniert und möglicherweise bestraft. Jene, die in grossem Rahmen betrügen, laufen frei herum.

Hat nicht der Arabische Frühling genau mit so einem Anlass in Tunesien begonnen? 

28. Oktober 2018

Ticket ins Paradies


Ich packe das Geschenk aus: ein Buch. Auf Arabisch. Von Alaa Al Aswany „Das Jakobiner Haus“ (Emarat Yacoubian). Ich habe das Buch vor Jahren in Englisch gelesen.

Der junge, pausbäckige Mann sieht mich erwartungsvoll an. Wir würden es gemeinsam lesen, meinte S., als ich sage, so gut sei mein Arabisch aber nicht. Wir reden oder besser: radebrechen Arabisch miteinander.

Zu jener Zeit verbessert sich mein Arabisch zusehends. Wir gehen hie und da aus. Ich helfe ihm in Deutsch und Englisch. Er ist launisch. Depressiv. Bleibt tagelang im Bett. Erzählt von seinen Sorgen, die sich nicht besonders von jenen anderer Ägypter seines sozialen Umfeldes unterscheiden. Es geht um die miserablen Arbeitsbedingungen, um Schikanen von Vorgesetzten, Mitarbeitern und Gästen (!!!), um den Druck der Familie, um Geld.  Ärger mit russischen Touristinnen, die meinen, alle Ägypter wollen nur Sex. Wenn er seine depressive Phase hat, hält er unsere Termine nicht ein.

Er arbeitet als Masseur in einem Hotel. Einmal ruft er mich an, bietet mir eine Massage an. Er habe grad Zeit. Einigermassen verdattert lehne ich dankend ab. Ich nehme grundsätzlich nichts von meinen Studenten an. Was soll das? Meint der wirklich, ich würde mich da privat vor ihn hinlegen?

12. September 2018

Aufriss nach ägyptischer Art


Mein Auto habe ich auf dem Parkplatz gelassen und gehe gemütlich die letzten 500m zum Strand. Allerdings nicht der Promenade entlang, sondern hinten rum, wo sich um diese Jahreszeit auch am späteren Vormittag noch Schatten findet.

Ein junger Mann kommt mir entgegen. Einer wie alle diese jungen Kerle, welche als Produkt der Bevölkerungsexplosion inzwischen die erschreckende Mehrheit der Bevölkerung ausmachen: austauschbar in Jeans, T-shirt, Baseball-Mütze und Turnschuhe gekleidet. Millionen gibt es von ihnen und wenn sie nicht studieren oder krampfen müssen, lungern sie rum: in Cafés, am Strassenrand, vor Häusern und Geschäften.

Der hier geht an mir vorbei, nicht aber ohne mich innert Sekunden zu taxieren und klassieren. Macht nichts, ich freue mich aufs Schwimmen und steuere zwischen den Alt-Kairo nachgeahmten Häusern an die Promenade und zum leeren Strand. Dort lass ich meine Tasche stehen und wende mich dem Meer zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Kerl an der Promenade. Läuft der mir nach?

10. September 2018

Wenn Amor auf Analphabetismus trifft


Grad wieder wurde ich von einer jungen Frau angeschrieben, ob ich ihrem ägyptischen Mann Deutsch beibringen könne.

Die Dame meinte, er sei sehr sprachtalentiert.

Nachdem ich meine üblichen Informationen zu Methode, Preisen, Zeiten und Bedingungen mitgeteilt habe, vereinbaren wir, dass der Mann sich melden soll.

Das tut er nach ein paar Tagen telefonisch. Sein Englisch verstehe ich kaum und so wechseln wir ins Arabische. Scheinbar ist mein Arabisch besser als sein Englisch, obwohl meine Kenntnisse mangels regelmässigen Gebrauchs dürftig sind. Aber wir verstehen uns.

Der Haken ist: Der Mann kann weder lesen noch schreiben, auch nicht in seiner Muttersprache. Analphabet also. Er arbeitet im Bazar. Ja, die sind alle sprachtalentiert, die können in 10 verschiedenen Sprachen gefühlte 10 Sätze sagen. Und charmant lächeln und blendend aussehen. Damit hat es sich aber.

Der offizielle Anteil an Analphabten in Ägyten liebt bei Männern je nach Quelle zwischen 17% bis 25%, bei Frauen um die 40%. Anders herum gesagt: jeder FÜNFTE Mann und jede DRITTE Frau kann weder lesen noch schreiben. Dazu kommen noch diejenigen, die nur die Zahlen und ihren Namen schreiben und lesen können.

30. Juli 2018

Krank in der Fremde


Oder: Wie wichtig Freunde sind.

Denn krank sein in der Fremde ist anders, als daheim, wo man jeden kennt und weiss, wie man zu Hilfe kommt.

Leider ist es mir vor drei Tagen wieder mal passiert, dass mein Körper sich heftig gegen etwas wehrte. Mir war schon einige Tage vorher nicht so wohl, ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch, Rückenweh und deshalb auch Kopfweh, und am Freitag dann war ich aussergewöhnlich müde.

Die eindrückliche Mondfinsternis vom Freitagabend habe ich bei Freunden mit einem Bier gut gelaunt bestaunt. Nach Mitternacht, als ich wieder zu Hause war, ging das Malheur los. Erbrechen und schwere Diarrhö.

Am Folgetag schlief ich wie benommen und rannte dazwischen ins Bad. Essen ging nicht, Trinken konnte ich auch kaum. Ich hoffte, am Sonntag wäre das besser.

12. Juli 2018

Freiwillig unters Messer in Hurghada


Hurghada wimmelt von Privat-Krankenhäusern und Zahnärzten. Die tiefen Preise locken zahlreiche Ausländer und Ausländerinnen her, sich an ihrem Körper herumschnepfeln zu lassen.

Ich kann es nachvollziehen, wenn sich Frau oder Mann hier die Zähne richten lässt. Es kostet ein Bruchteil dessen, was in europäischen Ländern zu bezahlen ist – und sollte ein Pfuscher sein Handwerk nicht verstehen, dann ist nicht allzu viel kaputt: Künstliche Zähne können wieder ersetzt werden.

Was ich einfach nicht begreifen kann, ist, dass sich Frauen hier freiwillig unters Messer legen, um sich „verschönern“ zu lassen. Schönheitsoperationen boomen und allein bei der Vorstellung graut es mir. Ich hatte zwei Unfälle, musste operiert werden und möchte das niemals freiwillig über mich ergehen lassen. Kommen noch die hygienischen Verhältnisse dazu, die im seltensten Fall europäischem Standard entsprechen. Und die Ärzte? In Kairo gibt es gute Kliniken und Ärzte. Die bleiben aber dort, die kommen nicht hierher nach Hurghada. Hierher kommen die anderen, die Erfahrung brauchen. Oder Geld.

23. Juni 2018

Unterwegs nach Luxor


Alle zwei oder drei Jahre finde ich einen Grund, um nach Luxor zu fahren. Meine erste Fahrt erlebte ich in einem Touristenbus: Gebirge und die langgezogene Hochebene dort oben in der Wüste prägten sich mir tief ein.

Spätere Fahrten waren unmöglich lang, unbequem und unsicher: mit dem Minibus oder dem Bus. Einmal mit offenen Fenstern in der Hitze, einmal frierend in der Klimaanlage, zweimal  übermüdet in einem PW mit Chauffeur von Assuan kommend und immer mit Verspätung. Oh ja, und einmal mit einem Minibus im Schneckentempo, weil der Fahrer meinte, es gäbe in Hurghada kein Benzin zu kaufen. Das war während der Zeit der Moslembrüder, als Treibstoff in die Wüste gekippt wurde, um Knappheit zu schaffen.