16. Januar 2017

Was Frauen wissen möchten

Regelmässig wenden sich Frauen an mich, die „etwas fragen“ möchten. Selbstverständlich antworte ich gerne, gebe gerne Erfahrungen und Eindrücke weiter. Auch wenn das manchmal etwas zeitraubend ist und ich keine Rechnung als Beraterin stellen kann.

„Wie haben Sie das gemerkt?“ war eine Frage, die in meinem Kopf stecken geblieben ist. Ich habe mich mit dem Mann getroffen, unter einem Vorwand, und nach einer halben Stunde war der Fall klar. Ja, wie habe ich das gemerkt? Am besten fange ich mal vorne an.

Ägypten ist ein Drittweltland
Auch wenn das aus dem Ferienresort mit 5 Sternen, traumhafter Garten- und Poolanlage, üppig aufgetürmten Buffets und traumhaft inszenierten Abendunterhaltungen nicht auf dem ersten Blick erkennbar ist. Das heisst: die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind – für uns Westeuropäer – beinahe unvorstellbar riesig. Die sozialen Schichten vermischen sich nicht, sie begegnen sich nur im Alltag als Arbeitgeber und Arbeitnehmer, als Untergebener und Gebieter. Von sozialer Gerechtigkeit wird geträumt, Ausbeutung und Korruption sind stattdessen allgegenwärtig. Anders ausgedrückt: wer Geld und Beziehungen hat, kommt zu mehr Geld, Ansehen und Beziehungen. Wer weder das Eine noch das Andere hat, kämpft ums Überleben. Mit zwei oder drei Jobs die einen. Mit Tricks und Betrug die anderen.

12. Januar 2017

Sag, was du isst, ich sag dir, wer (und wie) du bist – Koshari

Ägypter sind liebenswert, herzlich, immer bereit, Witze zu machen und…

… chaotisch. Zumindest bin ich zu diesem Eindruck gelangt. Die Menschen hier legen eine sagenhafte Kreativität an den Tag, um etwas zu umgehen, das sie nicht wollen, oder um etwas zu erreichen, das sie wollen. Dazwischen herrscht kreatives Chaos. Sei das in den Strassen, in der Bürokratie, im Umgang mit der Zeit und der Zuverlässigkeit, so nur als Beispiel, und eben auch bei den Speisen.

Das eindrücklichste Beispiel ist meiner Meinung nach Koshari. 

Ich glaube, ich habe es mal ganz am Anfang, vor vielen Jahren, in Alexandria gegessen – und dann nie wieder. Zu viele verschiedene Zutaten stecken da drin, die meinem Sinn für Ästhetik radikal zuwiderlaufen. Dabei ist Koshari gesund, randvoll mit verschiedenen Kohlenhydraten und billig. Kein Wunder, ist es eine beliebte Speise quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Sie (die Speise – nicht die Bevölkerung!) besteht aus: Reis, Linsen, winzigen Nüdelchen (die heissen übrigens übersetzt Spatzen-Lippen, so klein sind sie), Kichererbsen, Zwiebeln, Knoblauch, Essig und Öl. Und das Ganze wird dann grosszügig mit einer mehr oder weniger scharfen Tomatensauce übergossen. Schadda (rote, scharfe Paprika) und Essig mit Knoblauch werden dazu gereicht. Ein rechtes Durcheinander also.

Vorige Woche schlug ein Freund spontan vor, wir könnten doch Koshari essen. Ja, warum nicht? Wahrscheinlich war die Kälte daran schuld, dass ich bereit war, mir einen Kohlenhydrat-Schub zu leisten. Wir gingen in ein Restaurant, in dem es absolut nichts Anderes zu essen gibt, als eben dieses Koshari. Es gibt kleine, mittlere und grosse Portionen, es gibt zusätzliche Sauce, zusätzlich Nachschub und Basta. Nichts sonst, absolut nichts.

Und zu meiner grössten Verwunderung hat es mir super geschmeckt! 😍 Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Chaos verdrückt habe. Besonders jetzt im Winter. Zum Nachahmen empfohlen!


eine kleine Portion Koshari

2. Januar 2017

Weihnachtskrippe

Neulich war ich in der Nähe der grossen Kirche in Dahar und beschloss kurzerhand, dort auf die Toilette zu gehen. Und ein Brot zu kaufen. Ja, genau, dort gibt es herrliches Brot, das unseren Hefebackwaren wie (ungesüsstem) Zopf oder Frühstücksbrötchen recht ähnlich ist.

Im Kirchenhof stand eine Krippe. Neugierig näherte ich mir der haushohen Krippe. Wenn ich eine Krippe sehe, bin ich einfach fasziniert. Da spielen wohl Kindheitserinnerungen mit. Geht es euch auch so? Besonders gut in Erinnerung ist mir die riesige Krippe in Konstanz am Bodensee, denn der Besuch im Münster war immer mit einem Besuch bei meiner geliebten Oma verbunden.

Jedenfalls stand ich lange vor den mannshohen Figuren, bestaunte die Holzarbeiten, die Liebe zum Detail. Sieht aus, wie bei uns. Je länger ich dastand, umso mehr wurde mir wieder bewusst, wie eng doch alles verknüpft ist, obwohl sich Politiker und Religionsführer die grösste Mühe geben, uns zu entzweien.

Die Weihnachtsgeschichte spielte sich ja hier im Orient ab. Doch die Figuren, die jenes Ereignis darstellen, unterscheiden sich gar nicht von jenen, die wir in Europa in die Krippen stellen. Ein kleiner Blick ins Internet erklärt das: die ersten Darstellungen der Geburt Jesu tauchten im 13. Jahrhundert in Italien auf. Einige Jahrhunderte später begannen Bauern im Grödner Tal, Figuren aus Holz zu schnitzen und Krippen zu bauen. Von dort breitet sich der Brauch aus und ist zu einem festen Bestandteil von Weihnachten geworden.

Auch wenn Weihnachten an verschiedenen Daten gefeiert wird – die Krippenfiguren sind dieselben. Und wir Menschen eigentlich auch.

Krippe in der koptischen Kirche Dahar




30. Dezember 2016

Winter in Hurghada

Der blaue Himmel, das wunderschöne Rote Meer und die Wüste sind sommers wie winters gleich. Die Sonnenauf- und -untergänge so atemberaubend wie immer. Aber es kann hier sehr kalt sein. Saukalt - mit Verlaub.😏

Es ist Winter in Hurghada, wenn

  • die Touristen in Shirts und kurzen Hosen am Strand spazieren und ich mit Fleece-Jacke jogge und dabei grad warm genug habe.
  • die Frauen in ärmellosen, luftig-dünnen Sommerkleidchen und Sandalen im Supermarkt an der Kasse stehen und ich dahinter im Wintermantel darüber staune.
  • es in der Wohnung nur mit Wollstrümpfen, -hosen, -pullovern und -jacken auszuhalten ist.
  • ich zum Aufwärmen unter die heisse Dusche stehe oder um die Mittagszeit an ein windgeschütztes Plätzchen in die Sonne sitze.
Und wenn es trotz allem nie Nebel hat, nie grau ist und die Sonne von einem meist makellos blauen Himmel strahlt. 😎

27. Dezember 2016

Kraftort Wüste

BegehrenNachStilleNachNaturSchönheitReinheitRuheFrieden.

BefriedigungWüsteSandFelsSteinPflanzenVogelgezwitscherBienensummenAmeisenkrabbeln.

StauenenAuftankenWandernStauenenAuftankenWandern.

StilleHorchenRuheFinden.





Zabadda! Zabadda!

„Zabadda!“, „Zabadda!“, dringt eine jugendliche Stimme von draussen herein. Was das wohl ist? Weder der Karton- noch der Altmetallsammler. Letzterer singt fast. Der hier ruft immer nur dasselbe Wort: „Zabadda!“, „Zabadda!“.

Ich geh auf den Balkon hinaus, um nachzusehen, was das wohl sein mag. Ein Teenager in olivgrünem Kaftan geht mit schwerem, aber sicheren Schritt über die holprige Sandstrasse. Links und rechts trägt er je eine aus Palmwedeln geflochtene Tasche. Sie scheinen schwer zu sein.

Er stellt die Taschen ab. Sieht sich um. Reibt sich die Hände. Niemand da. Er greift wieder nach den Taschen und geht weiter. Sein Kaftan ist schmutzig. Das Gesicht ist jung. Hübsch. Grosse Schritte macht er.

Ein Mann mit Telefon am Ohr kommt von der anderen Richtung gegangen. Er sieht den Jüngling gar nicht, obwohl der seine schweren Taschen neben ihm abstellt. „Ya Pasha!“ spricht er ihn höflich an. Der reagiert noch immer nicht. „Ya Pasha!“, etwas lauter. Der rundliche Mann nimmt sein Telefon vom Ohr und widmet seine Aufmerksamkeit kurz dem Jüngling. Nein, er wolle nichts. Er klebt sein Telefon wieder ans Ohr und geht weiter.
Der Junge steht wieder unschlüssig da. „Zabadda!“, „Zabadda!“, ruft er wieder. Da entdeckt er mich auf dem Balkon. „Was verkaufst du denn da?“, frage ich ihn.

Auf zwei Rädern durch Kontinente

Sobald ich welche entdecke, halte ich und spreche sie an. Rare Spezies auf Hurghadas Strassen, doch immer wieder kommt es vor, dass ich ihnen begegne: den Langdistanz-Radlern.

Im Oktober entdeckte ich ein junges Paar, das von England nach Südafrika unterwegs war. Die beiden wurden von der Polizei begleitet und waren über den Grund recht verunsichert. Die drei im Auto zusammen gequetscht sitzenden Polizisten meinten es gut, wussten aber gar nicht, wohin die zwei Radler wollten. Die wiederum konnten sich nicht verständlich machen.

Gern habe ich gedolmetscht und Missverständnisse ausgeräumt. Die jungen Engländer wurden dann noch per Polizeistreife quer durch die Stadt zu ihrem Hotel begleitet.


Unterwegs von England nach Südafrika (im Oktober in Hurghada)

Am Weihnachtstag sind mir wieder zwei Radler begegnet. Zwei junge Männer, Rudy und Mohamed, liessen sich vom starken Nordwind tragen. Das hatten sie auch nötig: die beiden fahren auf Eichholzrädern, die stolze 18 Kg auf die Waage bringen. Ganze zwei Gänge stehen ihnen zur Verfügung. Irrsinn? Gelassen und überaus zufrieden erklärten sie mir, dass die Räder ein besonderes Sponsoren-Projekt seien. Der eine der beiden überreichte mir eine Art (essbare) Visitenkarte aus Apfelresten – er möge keinen Abfall. Sehr ökologisch. Wir standen am Strassenrand, der mit Abfall gespickt ist, eines der vielen Probleme Ägyptens. Wohin des Weges? Die beiden waren Anfang November in Holland gestartet und sind quer durchs eisige Europa, dem Donauradweg entlang und bis nach Athen gestrampelt. Von dort sind sie per Flugzeug nach Kairo geflogen. Ihr Ziel ist Mekka in Saudi-Arabien, also per Fähre von Safaga nach Jeddah hinüber. Wer den Beiden folgen will, kann das auf Facebook tun: Sie nennen sich Deen Travellers (Deen = Arabisch für Religion).

die "Gottes-Reisenden" (Deen Travellers)

18 Kilo, 2 Gänge

Was einen doch alles antreibt, auf zwei Rädern durch die Welt zu radeln!