30. August 2016

Noch enger schnallen geht nicht mehr

Gemeint ist der Gürtel, der schon ganz eng sitzt. Gefordert sind angeblich alle Bürger dieses Landes, betroffen fast alle Schichten. Nicht aber jene, die dank ihrer Position eh viel Polster haben.

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Mit verweinten Augen öffnet sie mir die Türe. Nein, nein, sie sei erkältet, weicht sie aus. Die Mädchen strecken ihre Arme nach mir aus, umarmen mich, die Sommerpause ist vorbei.

15. August 2016

Wadi El Natrun



Wer den Namen in eine Suchmaschine eintippt erhält als Ergebnis: Gefängnis in Wadi El Natrun. Es ist eines jener berüchtigten Festungen, in welchem unliebsame Politiker, Regime-Gegner und Aktivisten ein menschenunwürdiges Dasein fristen. Aus jenen Mauern sind während des Aufstandes im Januar 2011 die Muslim Brüder entwichen – angeblich mithilfe der palästinensischen Hamas und der Hezbollah. Andere Vermutungen beschuldigen das Innenministeriums selbst – um Mubaraks Prophezeiung „Nach mir das Chaos“ zu verwirklichen? Doch das Gefängnis liegt nördlich von Kairo und hat nichts mit dem Tal zu tun, das ich besuchen möchte.

Wadi El Natron ist eine riesige Senke mit mehreren Salzseen westlich der Wüstenautobahn Kairo - Alexandria und liegt 23 m unter Meereshöhe. Das Salz (Natron) wurde schon in der Antike für die Mumifizierung und zur Herstellung von Glas verwendet. Heute ist es Landwirtschaftsgebiet und noch immer Rückzugsgebiet für Mönche.


Übrigens soll hier irgendwo das Flugzeug liegen, mit dem Antoine Saint Exupéry abgestürzt ist; aus seiner Feder stammt „Der kleine Prinz.“

31. Juli 2016

Alexandria

Mit dieser Stadt verbindet mich eine Hass-Liebe. Sie zieht mich an und stösst mich gleichzeitig ab. Die einstige Perle am Mittelmeer, einstiges Handelszentrum zwischen Westeuropa und dem fernen Osten, Heimat von Intellektuellen und Herrschern, Schmelztiegel von Kulturen, zweitwichtigste Stadt des römischen Reiches, ist heute eine vor sich hin zerfallende, zerbröckelnde ehemalige Schönheit, die sich immer mehr unter dem Druck von Bevölkerungswachstum, Armut und Korruption krümmt. Noch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts trafen sich hier die Reichen und Schönen, florierten Theater, Geschäfte und Kaffeehäuser der Griechen, Armenier, Syrer, Libanesen, Türken, Italiener, Franzosen, Deutschen, Engländer, Ägypter, Libyer und anderen.

Um die Vergangenheit dieser Schönheit, Vielfalt und Klasse auszudrücken, müsste man eine stärkere Vergangenheitsform als das Perfekt oder das Präteritum erfinden.

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Keine andere Stadt Ägyptens verkörpert einstige Pracht und gegenwärtigen Zerfall besser, als Alexandria.

Sich durch die Strassen dieser Stadt bewegen, heisst: beinahe in den in den Autoabgasen ersticken, wegen der nie endenden Huperei taub zu werden und stundenlang in den Verkehrsstaus auszuharren.

30. Juli 2016

Hilfloses GPS und andere Erlebnisse auf Ägyptens Strassen

Dem Roten Meer entlang
Etwas später als geplant– was sich später als Glück erweisen wird – starte ich meine lange Fahrt Richtung Norden. Die Sonne ist schon um Viertel vor Fünf über den Horizont gewandert; ohne Sonnenbrille geht nichts mehr.

Locker fliessen die ersten hundert Kilometer dahin. Zu meiner Rechten im Sonnenlicht glitzernd das blaue Rote Meer, mal näher, mal ferner, zu meiner Linken das Gebirge. Auch die nächsten hundertfünzig Kilometer oder so machen Spass: doppelspurige Strasse, teilweise neuer Belag, spärlicher Verkehr. Eine kurze Rast mit den Beinen im Meer stärkt mich. Regelmässig verteilte weisse Punkte im Sand entpuppen sich als neue Windmühlen – die Windfarm wird vergrössert. Ein einziger Kran ist zu sehen… der wird lange dran sein, bis die alle aufgerichtet sind und drehen, denke ich.

Mein GPS hat nicht viel mehr zu tun, als mir zu sagen, dass ich weiterhin geradeaus fahren soll. Ich schalte das Geschwätz ab und konzentriere mich auf die inzwischen einspurige, kurvige Strasse an der Steilküste zwischen Zafarana und Ain Sukhna. Die malerische Strecke ist ein Traum – der Verkehr schon früh morgens ein Albtraum: Fahrer von Tankwagen, Sattelschleppern, Minibussen, Reisecars und PWs machen sich die einspurige Fahrbahn streitig und zur Rennstrecke. Es wird bei und im Gegenverkehr überholt, die Randfahrbahn wird zur Fahrspur. Prompt komme ich an einem fürchterlichen Unfall vorbei: ein völlig zerknittertes Auto steckt kopfüber in den Felsbrocken, welche das Meer von der Strasse trennen. Foto machen geht nicht, anhalten ist zu gefährlich.

15. Juni 2016

Espresso mit Gespräch

Seit er hier in Hurghada arbeite, das seien jetzt vier Jahre, war er erst vier oder fünf Mal am Strand. Schwimmen könne er nicht so gut und alleine könne er nicht an den Strand gehen.

„Mein grösstes Problem bin ich selbst“, meint der junge Kellner. Er habe Probleme im Kopf, mit seinen Muskeln, mit dem Herzen. Drum könne er auch nicht schwimmen gehen.

Heute ist Ahmed besonders gesprächig, während ich bei 40° C im Schatten meinen nachmittäglichen Espresso trinke.

Er erzählt weiter, manchmal auf Arabisch, das ich schwer verstehe, weil er Slang redet und das in einem Wahnsinnstempo, manchmal auf Englisch, das ich auch nicht immer verstehe, weil er es nicht gut kann. Er vertraue auch niemandem hier in Hurghada. Die Leute würden sich als Freunde ausgeben und einen dann hinterrücks betrügen. Jeder hier mache schlechte Erfahrungen, meint er und fügt lächelnd hinzu: „Das hat auch was Gutes: beim nächsten Mal bist du gewarnt.“

Weil er niemandem traue, rede er auch mit niemandem über seine Probleme und Sorgen. Er rede mit dem, dem er vertrauen könne, also mit sich selbst. Am liebsten im Bad vor dem Spiegel. Stundenlang. Sein Arbeitskollege, den er schon seit zwei Jahren kennt, versteht das nicht. Ahmed will ihm seine Sorgen nicht anvertrauen. Dabei ist Ragy, der Arbeitskollege, ein überaus hilfreicher, ruhiger, netter und sozialer Typ.

Ich frag nach Ahmeds Geburtstag, möchte ihm ein Sternzeichen zuordnen. Seine Antwort jedoch überrascht mich: „Ich weiss es nicht.“

„Was, wie geht das, du weisst dein Geburtsdatum nicht?“

11. Juni 2016

Ramadan: wenn Schüler fasten

Am 5. Juni hat Ramadan begonnen, der Monat, in welchem gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder trinken noch essen. Auch Rauchen und körperliche Liebe sind nicht erlaubt. Das Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islams. (Die weiteren vier Säulen sind: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Unterstützung von Bedürftigen und die Pilgerfahrt nach Mekka).

Fasten soll, wer dazu fähig ist: Reisende, Schwangere, Kranke und Kinder sind also davon ausgeschlossen (und können das später nachholen).

Durch den Verzicht auf Genussmittel soll der Geist gereinigt und gestärkt werden. Das ist hart und erfordert sehr viel Disziplin, besonders bei den hiesigen Temperaturen. Hut ab vor jedem, der das durchsteht.

Viele Schlaumeier machen sich das Fasten im Ramadan aber einfach: sie schlafen tagsüber, stehen kurz vor dem Fastenbrechen auf und bleiben die ganze Nacht auf. Sie arbeiten nicht. Auch manche, die zwar bei der Arbeit sind, arbeiten trotzdem nicht: sie dösen irgendwo in einer Ecke vor sich hin. Das scheint aber nicht wirklich der Sinn des Fastens zu sein, denn der Fastende soll trotzdem arbeiten und seine üblichen Tätigkeiten verrichten – sonst wäre es ja einfach.

Nicht alle sind dieser Meinung und gehen den bequemen Weg. Und wie die Erwachsenen, so auch die Kinder.

Die Kinder fangen z.T. schon in sehr jungem Alter an zu fasten. Eine Lehrerin erzählte mir, dass einige Achtjährige in ihrer Klasse fasten. Die Knirpse waren der Meinung, dass sie nun passiv in ihren Stühlen hängen könnten und nicht am Unterricht teilnehmen müssten. Die Religionslehrerin hat den „Irrtum“ dann aufgeklärt.

Eines meiner Mädchen, denen ich Nachhilfeunterricht gebe, erzählte voller Freude: ihre Mutter hätte ihr freigestellt, am zweiten Fastentag in die Schule zu gehen oder nicht. Die Neunjährige fastet zum ersten Mal. Als ich erwiderte, sie sei ja schon am Montag nicht in der Schule gewesen und der Unterricht sei doch wichtig für ihr späteres Leben zwecks Studium und blablabla – da fiel mir die Kleine ins Wort: „Nein! Fasten ist viel wichtiger!“

Tja. Ich soll den Mädchen Verantwortung vermitteln, sie zu guten Schülerinnen erziehen, sie zum Lernen anhalten, ihren Ehrgeiz anspornen, ihnen Manieren beibringen und dann kommt so eine Antwort. Als Nicht-Muslimin gibt es da schlichtweg nichts mehr zu sagen. Mund zu, runterschlucken und weggehen.

Wenn das im Kleinen anfängt, dann geht das im Grossen so weiter. Jedes Jahr staune ich von Neuem, wie muslimische Länder während eines vollen Monats ihre Tätigkeiten auf ein Minimum herunter schrauben. Viele Bereiche des Staates und der Wirtschaft bleiben auf Sparflamme. Ob sie sich das auch leisten können?

Die Kinder verstehen das noch nicht – sie kopieren, was ihnen vorgemacht wird; mit entsprechenden Folgen für später.


23. Mai 2016

Handgemacht aus ägyptischer Baumwolle

Ägyptische Baumwolle war zu Zeiten der britischen Kolonialzeit und unter König Farouk der Exportschlager. Die Baumwolle wurde von den Plantagen im Delta mit Zügen an die Mittelmeerhäfen transportiert und von dort nach England verschifft, um feines Tuch für die noch feineren Herrschaften zu weben.

Das ist vorbei. Die ägyptische Baumwolle ist zwar noch immer eine der besten der Welt, jedoch sind die Produktionsmengen stark geschrumpft. Falsche ökonomische Anreize, schrumpfende Anbaugebiete und günstigere ausländische Konkurrenz zählen zu den Gründen. Schade für die Arbeiter und das Land.

Dass aus dem kostbaren Grundstoff trotzdem erschwingliche Dinge hergestellt werden können, beweist einer meiner Freunde.

Web-Tradition in Oberägypten
Barsum Halaby kommt aus Naqada in Qena, unweit von Luxor. Dort stehen heute noch in vielen Häusern Webstühle, welche feine Baumwollstoffe herstellen. Bis vor ungefähr 20 Jahren, so erzählt mir mein Freund, wurden gewobene Baumwoll-/Seiden-Tücher in den Sudan exportiert. Das änderte sich mit den politischen und wirtschaftlichen Problemen Sudans. Die Weber in Naqada mussten neue Abnehmer finden und richteten ihre Produktion auf den Tourismus aus.

Edle Stoffe haben auch einige Kilometer Nil abwärts uralte Tradition, in Akhmim bei Sohag. Die Region war einst ein Zentrum für Textilherstellung, vor allem aus Leinen. Mit den edlen Stoffen bekleideten sich Pharaonen, Griechen und Römer.

Selbständigkeit mit Hürden
Doch zurück zu Barsum: Ursprünglich hat er Kunst studiert, doch wie viele junge Ägypter fand er zuerst in der Tourismusbranche eine Anstellung, und zwar als Verkäufer: T-Shirts waren es. Bald kam jedoch ein interessanteres Angebot: in seiner Heimat hergestellte Schals und andere Handarbeiten zu verkaufen. In jener Zeit habe ich ihn kennen gelernt.

Im Dezember 2010 verliess er die Stelle, da er sich mit einem eigenen Geschäft selbständig machen wollte. Da kam die Revolution im Januar 2011 dazwischen. Die Touristen blieben weg und er während eines dreiviertel Jahres arbeitslos. Eine Anstellung zu finden war unmöglich, also wagte er die Selbständigkeit: Ein Hotel in Makadi ermöglichte ihm im Herbst 2011, handgewobene Schals anzubieten; nichts Anderes – gemäss den Vorgaben des Hotels.