1. September 2015

Der grosse Treck

Ich habe eindeutig zu lange gewartet. Seit Monaten sammle ich Material, Fotos und Links, um über das Thema zu schreiben, das jetzt in allen Medien, ja sogar in aller Munde ist. Den Anspruch, einen ausgegorenen, gut recherchierten Text zu schreiben, werfe ich jetzt über Bord. Denn jeden Tag, wenn ich die Nachrichten lese und mit dem Flüchtlingselend aus dem Nahen Osten konfrontiert werde, kämpfe ich mit Emotionen.

Eine Freundin schrieb mir vorgestern: „71 Flüchtlinge in einem Lkw erstickt. Habe das Bild vor meinen Augen. Kann nicht schlafen, bin so wütend auf die Welt. Ich will keine Kinder mehr in diese Welt setzen. Solche und grausamere Dinge passieren täglich. Aber nicht vor meiner Haustür... Soll ich lieber wegschauen und mich mit den schönen Dingen der Welt beschäftigen? Soll ich das Beste aus meinem Glück machen weiss zu sein und einen EU-Pass zu besitzen? Soll ich mich um meine unmittelbar Nächsten kümmern und sagen, dass ich gegen all das Leid eh nichts anrichten kann und lieber drehe ich den TV gar nicht auf und lese nur noch Bücher und keine Zeitungen...“

Es ist zum Ersticken!
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In der Erklärung der Menschenrechte steht (ein Auszug):

29. August 2015

Pyjama fürs Auto

Eine Garage habe ich leider nicht, hier, nicht mal einen Unterstand. Vor meiner langen Abwesenheit liess ich mir deshalb eine Abdeckung für mein Auto schneidern. Schutz vor sengender Sonne, Hitze und Sand.

Ich suchte einen Schneider, der sowas macht. Gefunden habe ich ihn dort, wo auch Sofas und Sessel bezogen werden. Logisch, oder? Meine Mama ist Schneiderin und als Kind habe ich das Prozedere von Stoffauswahl, Zuschneiden, Anprobieren und Nähen und wieder Anprobieren, Abstecken und Nähen unzählige Male miterlebt und mitangesehen.

Und uff: hier, für mein Auto, war das gar nicht so viel anders. Ich habe mich für einen hellen, stabilen Segeltuchstoff entschieden (smile). Die Autolänge wurde gemessen, Stoffbahnen abgewickelt und entsprechend abgeschnitten. Die Bahnen wurden dann übers Auto gelegt, um die „Abnäher“ für Reling, Aussenspiegel und Formen von Motorhaube und Heckklappe zu markieren bzw. herauszuschneiden.

Ein paar Stunden später konnte ich den „Pyjama“ für mein Auto abholen. Er ist etwas lang geraten und rund herum ermöglicht ein durch Ösen gezogenes, festes Seil, den „Pyjama“ festzuzurren, damit die Windböen während meiner Abwesenheit keinen Durcheinander fabrizieren.

Mein Bruder meinte, er wolle auch mal ein Pyjama für sein Auto!



27. August 2015

Engadin und Veltlin – per Bike durch die heile Bergwelt

Im August habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt: ich bin mit dem Bike von Filisur über die Pässe Albula und Bernina gefahren, weiter hinab durchs Puschlav (alles Graubünden / Schweiz) nach Tirano / Italien und im Veltlin der Adda entlang zum Comer See und weiter nach Chiavenna. Gerne möchte ich euch daran teilnehmen lassen:

Von Filisur nach La Punt-Chamüesch
Fähnchen mit Schweizer Kreuzen dekorieren noch das Bahnhof-Häuschen in Filisur – zu Ehren des Schweizer Nationalfeiertags am 1. August. Voller Freude steige ich auf mein Bike, ein mulmiges Gefühl im Bauch. Schaffe ich die 1‘300 Höhenmeter mit dem Gepäck? In Hurghada habe ich keine Möglichkeit so viele Höhenmeter zu machen und bequem bin ich auch, wegen der Hitze, wegen dem früh aufstehen.

Bahnhof Filisur

im Landwassertal
Spektakulär ist nur das Vorwort für die Landschaft, die ich durchfahre: idyllische Siedlungen, Schluchten, Felsen, Wasserfälle, dunkle Wälder, dazwischen kunstvoll hinein gebaut das Trassee der Rhätischen Bahn. Die Viadukte und Tunnels sind weltberühmt. Kein Wunder steht die Strecke auf der UNESCO-Liste für Weltkulturerbe. Gigantisch, gewaltig, grandioas. Auch die schmale Passstrasse passt sich den Superlativen an. Übrigens ist sie im Winter Schlittelbahn – zumindest ein Teil davon.


vom Albulapass Blick nach Norden

8. Juli 2015

Über den Wolken oder Campari Soda

… muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“ sang einst Reinhard May. Die Band Taxi hat dem Gefühl des Fliegens das Lied „Campari Soda“ gewidmet – wenn ich es in Schweizer Mundart höre, mit den laufenden Turbinen im Hintergrund, bekomme ich Gänsehaut. Der Song ist für mich ein Evergreen, eine nie endende Liebesgeschichte: „Weit unter mir liegt s’Wolkenmeer…. Es ist als gäb’s mich nicht mehr.“ Für Nicht-Schweizer gibt es sicher irgendwo eine Übersetzung…

Als ich diesmal von Hurghada abhob, hatte ich ausnahmsweise meine Kamera griffbereit und möchte die Bilder und meine Gedanken dazu mit euch teilen.

El Gouna

Mit schwerem Herzen verliess ich Hurghada und Ägypten vorübergehend. Das Land und meine Bekannten gehen durch schwere Zeiten, die auch mich berühren, manchmal belasten. Wenn das Flugzeug auf die Rollbahn lenkt, sehe ich hinaus auf die Ringstrasse, die ich oft in aller Frühe mit dem Rad entlang fahre. Später sehe ich El Gouna unter mir, wo ich noch vorgestern war, vergeblich, wie ich meine, denn mein Ziel habe ich nicht erreicht. Es ist das kleine El Dorado, das den Menschen einen Hauch von Paradies vorgaukelt, möglich für jene, die es schaffen, die Wirklichkeit auszublenden. Es ist besser so, es können nicht alle am Elend Anteil nehmen. Manchmal fahre ich auch hin, um die Wirklichkeit für ein paar Stunden auszublenden.

Red Sea Mountains

Weiter schwenkt der Pilot die Maschine über die Red Sea Mountains, das Gewirr von Felsen, Wadis, Sand und Steinen, voller Überraschungen, Felszeichnungen, versteinerten Korallen und Fossilien, Pflanzen und Ruinen und irgendwo unbemerkt, versteckt Beduinen, die in dieser kargen Landschaft leben. Wie nur ist das möglich… es scheint unmöglich und doch ist es möglich. Ich weiss es ja.

Ägyptens Lebensader

Der Nil, Ägyptens Lebensader. Das breite grüne Band zieht elegante Schleifen durch die Wüste nordwärts, wo es sich zuerst teilt und dann unspektakulär ins Mittelmeer ergiesst. Der Nil schert sich überhaupt nicht darum, was die Menschen mit ihm alles machen. Die Menschen dort unten rackern sich auf ihren kleinen Feldern ab, versuchen mit den kärglichen Einnahmen die Mäuler von Vieh und Mensch zu füllen. Sie dulden die Schikanen von Bürogummis, Polizisten, Oligarchen und Vorgesetzten. Sie mucken nicht auf, sondern ducken sich duldsam – wie seit Jahrtausenden.

Nordküste

Wattebäuschchen verzieren den Sand mit dunklen Tüpfchen – das Mittelmeer naht. Die Nordküste – westlich des Deltas, hinwärts zum verzweifelten Libyen -  ist ein weiteres Ferienparadies mit traumhaften Stränden, kristallklarem Wasser und Hotelanlagen; traumhaft wahrhaft. Dem Alltag entfliehen Alexandriner und Kairoer im Sommer und scheinbar auch Europäer.

So über die Landschaft zu fliegen berührt mich zutiefst. Meine Gefühle und Gedanken fassen alles zusammen, was ich gehört, gelesen und erlebt habe. Ich sehe die Menschen, die Politik, die Sorgen, die Freuden – nicht nur über Ägypten. Das setzt sich fort über das Mittelmeer, wo ich an die Bootsflüchtlinge denke, über Griechenland, den Balkan und die zauberhafte Bergwelt der Alpen, wo ich Täler, Dörfer und Gipfel kenne.

Ach, ich wünscht‘ es gäb‘ all die Probleme da unten nicht mehr, sondern nur Campari Soda und das Rauschen der Turbinen.


30. Juni 2015

Auge um Auge…

Gestern wurde der General-Staatsanwalt auf dem Weg zur Arbeit durch die Explosion einer gewaltigen Autobombe getötet. Mit ihm wurden weitere Menschen in den Tod gerissen, auch Zivilisten.

Der General-Staatsanwalt hatte schon länger Morddrohungen erhalten. Er wusste, dass sein Leben in Gefahr war. Warum nur hat er nicht seinen Arbeitsweg regelmässig geändert? Warum ist er nicht in einem gepanzerten Fahrzeug unterwegs gewesen? Nachlässigkeit? Dummheit?

Die Muslimbrüder haben schon seit einiger Zeit die Justiz im Visier. Sie rächen sich, sie werden keine Ruhe geben, bis der Staatsstreich vom 30. Juni 2013 rückgängig gemacht wird – das ist ihre Forderung. Geht das? Sie wenden gegen die Einrichtungen und Personen der Justiz, Armee und Sicherheit tödliche Gewalt an.

Das Regime reagiert mit Gewalt: in Ägyptens Gefängnissen schmoren über 40‘000 Gefangene. Ihr Verbrechen: sie unterstützen (wirklich oder angeblich) die Muslimbrüder, sie haben das Regime kritisiert, sie halten Unrecht und Tatsachen auf ihren Fotokameras und schriftlich fest. Vielleicht haben sie sich nur als Atheist oder Homosexuell geoutet, haben wegen nicht ausbezahlten Löhnen gestreikt. Viele wissen nicht mal, weshalb sie im Gefängnis sitzen und die Mehrheit wartet monatelang auf Anklage.

Der Justizapparat hat Tausende von Menschen zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, über Tausend erhielten die Todesstrafe und wurden hingerichtet – unter fadenscheinigen Gründen, ohne Beweise, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren. Das schürt Hass und Wut.

Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie in der Steinzeit. Theoretisch müsste das aufhören, wenn sich alle gegenseitig in die Luft gesprengt haben – denn Vernunft gibt’s hier keine mehr.



24. Juni 2015

Augenblicke

Etwas zupft mich am Arm, zieht energisch an mir. Ich dreh mich um: ach, die kleine, alte Bettlerin, die tagaus- tagein am Markt ist und beharrlich um Almosen bittet. Beim Umdrehen ist mein Blick an einem hageren, lang gewachsenen Mann hängen geblieben. Er ist in einen dieser HEPCA-Overalls gekleidet, welche die Strassenfeger tragen.

Tomaten brauch ich noch. Dann geh ich hinüber zum Obst, kauf noch Aprikosen. Dazwischen bleib ich wieder stehen, weil mir der Mann nicht mehr aus dem Kopf geht. Zuerst denke ich, er bettle auch, er sieht so elend und armselig aus. Er wischt sich den Schweiss mit einem Zipfel seines Kragens von der Stirn. Er steht da und wartet und wartet und wartet, bis sich niemand mehr vor ihn drängt und auch niemand mehr kommt. Ist es Respekt oder Unterwürfigkeit oder Scham? Dann verlangt er Gemüse.

Irgendetwas stimmt mit seinen Augen nicht, er schielt oder ist einseitig blind. Unendlich dürr ist er. Die Rückseite seines Overalls ist nass.

Ich geh weiter, will hinaus aus dem Souq. Nochmals dreh ich mich um: der Mann trägt diese grässlichen weissen Gummistiefel, die zur HEPCA-Uniform gehören. Gummistiefel bei 40 Grad Celsius! Er bückt sich schwer und mühsam, nimmt seine Plastiktüten mit seinen Einkäufen in die Arme. Aus einer Stofftasche rinnt eine Flüssigkeit über seinen Rücken – drum ist der Overall nass. Seine Bewegungen sind langsam, wie die eines Erschöpften.

*****

Die Ampel vor dem riesigen Kreisel steht auf Rot. Dreispurig stehen die Fahrzeuge ungeduldig dahinter. Von rechts fährt ein dickes Motorrad heran. Der Fahrer: ein Polizist in makellos weisser Uniform, Glatze, ohne Helm, das Mobiltelefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt. So schlängelt er sich durch die wartenden Fahrzeuge hindurch, ganz links an der Ampel vorbei. Er fährt quer über die Kreuzung, links um den Kreisel herum. 

In Ägypten gilt Rechtsverkehr – aber nicht für alle.



23. Juni 2015

Unterschriftensammlung für mehr Sicherheit auf Hurghadas Strassen

Eine Mitbewohnerin hat die Initiative ergriffen, um den Gouverneur mit einer Unterschriftensammlung für mehr Sicherheit auf Hurghadas Strassen zu bewegen. Bitte unterzeichnet die Petition. Danke.

Hier der Link.