7. Februar 2015

Luxor aus anderem Blickwinkel

Zum dritten Mal schon fand das Luxor Egyptian & European Filmfestival statt. Endlich hatte ich die Gelegenheit, nach Luxor zu fahren, um mir Filme anzusehen. Ich liebe Kino, ich liebe Arthouse Filme; nicht diese Kassenknüller, sondern besondere, ausgefallene, stille Filme, welche Momente einfangen und diese subtil erzählen. Filme, die durch ihre Authentizität berühren.

Ich bin voll auf meine Rechnung gekommen. An drei verschiedenen Standorten wurden die Filme gezeigt. Jene, die ich mir ausgesucht habe, waren sehr schwach besucht: 10-20 Zuseher waren jeweils da. Einzig die ägyptischen Filme brachten den Saal voll; ich sah „Katz und Maus“ und musste – obwohl der Film in Arabisch und ohne Untertitel war, Tränen lachen. „ Sea Shadow“, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hat mir am besten gefallen. „Der Mann von Oran“, ein algerischer Film, hat mich auch sehr berührt. „Leviathan“ konnte ich nicht zu Ende sehen – ich wusste, wie der Film ausging – er erinnerte mich zu sehr an die Realität in Ägypten. Technisch beeindruckt hat mich der restaurierte Film „Das Weib des Pharaos“; ein Stummfilm von Ernst Lubitsch, der aus mehreren Teilen in jahrelanger Arbeit rekonstruiert worden war.

Als Ausländerin im eigenen Auto unterwegs
Die Fahrt nach Luxor im eigenen Auto habe ich genossen wie eine Prinzessin. Endlich nicht mehr in einem Bus sitzen müssen und nicht mehr wissen, wohin mit den Beinen, nicht wissen, wie die natürlichsten Bedürfnisse befriedigen, nicht wissen, wann man denn endlich am Ziel ankommt. Und dort dann, wenn man endlich da ist, von den Taxifahrern und Kutschern und anderen Typen wie ein Kuhfladen von Fliegen befallen werden, um seine Pfundnoten schneller loszuwerden, als einem lieb ist. Irgendwie die Fliegen abwimmeln und davon laufen…. So war es bisher.

Natürlich war meine An- und Rückreise nicht ganz einfach. Die Strecke führt durch die Berge und die Wüste. Es gibt Check-points, einige gefährliche Löcher und noch gefährlichere Fahrer. Und es gibt Varianten. Seit ein paar Jahren kann man statt dem Nil entlang und durch alle Dörflein über eine gut ausgebaute Wüstenstrasse wenige Kilometer weiter im Hinterland nach Luxor fahren. Doch der Polizist am Check-point wollte mich zuerst nicht durchlassen; es gebe auf der Strecke keine Check-points (umso besser!), es gäbe keine Sicherheit und die Strasse wäre gefährlich (gefährlicher als durch die Dörfer, wo sich ständig Minibusse, Eselkarren, Radfahrer, Fussgänger, Busse, Lastwagen und Autos durchdrängen?). Zum Glück liess er mich dann durch; die folgenden 90 km spulte ich sorglos ab, denn die Strasse war wenig befahren und einwandfrei – und verlief durch imposante Wüstenlandschaft mit ein paar grünen Kulturflächen.

Auf dem Rückweg wollte ich der Westbank entlang, da wurde ich aber zurück gepfiffen. Allerdings verstehe ich nicht, weshalb Ägypter weniger gefährdet sein sollen, als ich. Also nahm ich wieder die Wüsten-Strecke – von dieser Seite her hielt mich niemand mehr auf und ich raste zurück nach Hurghada. In Hurghada schaut auch niemand mehr, wenn eine Ausländerin ein Auto fährt.

Als AusländerIN (!) in Luxor
Am meisten Sorgen hat mir dieser Teil gemacht, denn ich ertrage die ständigen Belästigungen der Wort-Wegelagerer einfach nicht mehr. Ich kämpfe für mein Recht, in Ruhe und ohne Belästigung herumspazieren zu können – oder ich vermeide die Zone. Aus diesem Grund habe ich mir ein sehr hübsches, kleines Hotel auf der Westbank ausgesucht und wurde belohnt. Neu, sauber, liebevolle und aufmerksame Betreuung durch die Inhaberfamilie und für bescheidenere Budgets. Das Hotel liegt ca. zehn Minuten von der Fähranlegestelle, etwas versteckt und ruhig.

Das war das Positive.

Das Negative: auf Schritt und Tritt hörte ich alle möglichen Begrüssungen und wurde Hundert Mal gefragt, ob ich ein Taxi, einen Bus, eine Kutsche, ein Toktok, ein Motorboot oder sonst was suche/brauche/möchte. Ich fing an, meinem aufgestauten Frust Luft zu machen, indem ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufklärte, dass ich nicht alle zehn Meter jeden Tag seit sieben Jahren „Hello Madame“, „Good morning“ und wer weiss was noch hören möchte. Ich erklärte ihnen, dass sie kein Recht hätten, uns (Frauen, Ausländer) ständig anzuquatschen. Ich erklärte ihnen, dass sie uns vertrieben und so kein Tourist mehr Lust habe, nach Luxor zu kommen (tatsächlich hat Luxor katastrophal schlechte Kriterien i.S. Belästigungen). Ich sagte ihnen, dass wir die Schnauze voll hätten, von ihren Anpöbeleien, ihren Anbiederungen und ihrer geheuchelten Freundlichkeit. Sogar zweijährige Kinder rufen „Hello“ und ein Fünfjähriger rief „Taxi Madame“ und zeigte auf den Sattel seines Kindervelos!!!! Ich frage mich, welches Beispiel da die Erwachsenen abgeben. Wir (Ausländer) werden wohl nur als Geldbeutel auf zwei Beinen betrachtet.

Selbst unter den einheimischen Reiseführern ist Luxor deswegen verhasst. Es hat einen äusserst miserablen Ruf und in den paar Tagen, während denen ich in Luxor war, habe ich (in der Öffentlichkeit) nur ganz wenige Menschen getroffen, die mir respektvoll gegenüber traten. Das Stadtzentrum und den Souq habe ich vermieden – meine Nerven reichten trotz guten Willens nicht mehr aus. Denn schon am zweiten Tag versetzte ich einem Jüngling einen Kinnhaken (ja, leider, und das ist nicht lustig, auch wenn es sich so liest!) und am dritten rief ich lauthals nach der Polizei. Ich wurde weder angegriffen, noch bestohlen, sondern: verbal belästigt. Aber auf eine Art und Weise, dass ich eine Anzeige machte. Selbst das Zauberwort (in Arabisch „respektiere dich bitte“) wirkte nicht mehr. Wenigstens für ein paar Stunden oder ein paar Tage werden die Profi- Belästiger den Mund gehalten haben – mehrere Dutzend Männer waren Zeugen.

Luxor, eine historische Schatztruhe
Schade. Schade um diesen wunderbaren, einzigartigen Ort, wo die grössten und berühmtesten Tempel und Gräber der Pharaonen liegen; wo einmalige historische Schätze noch immer unentdeckt und unerforscht unter dem konservierenden Sand der Sahara liegen. Luxor ist leer, die historischen Denkmäler werden wenig besucht. Die Leute verhungern fast. Viele wissen schon lange nicht mehr, wie über die Runden kommen. Der Tourismus hat sich in den vergangenen vier Jahren nur wenig erholt. Und nur ganz wenige profitieren von dem verbliebenen Rest. Die Preise sind tief gefallen. Viele Juwelier- und Souvenirgeschäfte sind verstaubt und verriegelt. Restaurants, welche die Gäste ganzer Reisebus-Gesellschaften verpflegten, sind geschlossen. Einmal speiste ich in einem sehr bekannten Restaurant – ich und noch zwei Touristen waren die einzigen Gäste; einmal ass ich auf einer Dachterrasse mit Blick zum Hatschepsut-Tempel westwärts und Luxor ostwärts – und war alleine. Himmeltraurig ist das.

Umso mehr lohnt es sich für unerschrockene und aufgeschlossene Reisende, sich diese aussergewöhnlichen Raritäten jetzt anzusehen. Ich habe extra noch einen Tag angehängt, um mir einige weniger oft besuchte Gräber auf der Westbank anzusehen (und am Abend zwei weitere Filme anzugucken!). Und siehe da: mit Ausnahme eines jungen Kerls waren die Grabwächter äusserst freundlich, respektvoll und geduldig. Ich bestaunte in aller Ruhe die über Dreitausend Jahre alten Hieroglyphen und Malereien, durfte eine Minute ganz allein in der Grabkammer stehen bleiben, um in Stille zu „fühlen“…

Die Landschaft am Nil, dem Grünstreifen Kulturland, den golden schimmernden Bergen mit ihren Tempeln und Gräbern und dem blauen Himmel darüber fasziniert mich ewig… und sie bleibt wohl ewig, denn es ist dieselbe Landschaft wie auf den Grabmalereien. Nichts hat sich verändert, „wir sind Pharaonen, wir haben uns in dreitausend Jahren nicht verändert“, sagt mir mein Gesprächspartner später. Das scheint wohl so zu stimmen – ob zum Vorteil oder zum Nachteil, lassen wir jetzt offen.

Im März findet ein weiteres Filmfestival, das African Filmfestival, statt. Ob ich wohl nochmals hinfahren soll? Einfach so, ganz schnell mal?

Motorboote an der Westbank

Diir El-Medina

Nekropolen der Edelleute

wer erkennt es nicht?



2. Februar 2015

Redsea Mountains im Winter

Es war sehr kalt. Es stürmte. Eine ausgefallene Gelegenheit, in die Redsea Mountains zu fahren. Ich durfte mich einer Gruppe anschliessen.

Robby führte uns zu einer kleinen versteckten Oase und ich machte mich auf und davon. Ich lief über Geröll und Felsen hinauf, hinüber, weg… weg von den Menschen, hinaus in die Einsamkeit und Ruhe. Absolut still war es zwar nicht, denn der Wind pfiff mir um die Ohren, tanzte über die Felsen und wirbelte den Sand auf. Nicht Sandsturm, nein, aber recht stürmisch.

Bei meiner Rückkehr zur Oase wurde ich in die Wirklichkeit zurückgeholt: die anderen hatten Hunger! So machten wir uns auf, einen halbwegs geschützten Platz für ein Barbecue zu finden. Ein Barbecue im Sturmwind? Robby hat das Unmögliche möglich gemacht. Der Sonnenuntergang danach fand nicht statt, Berge, Himmel und Wüste verschwammen in einem undefinierbaren Grau. Und weil wir viel zu spät gestartet waren (die anderen wollten das so), lag es zeitlich auch nicht mehr drin, den Sternenhimmel abseits der Lichtverschmutzung zu bewundern – wir mussten raus aus der Wüste.

Die folgenden zweieinhalb Stunden werde ich nicht mehr vergessen: die zwei Scheinwerfer von Robbys Jeep strahlten in die dunkle Nacht hinaus, auf Fahrspuren, dessen Sandkörner der Sturm schon wieder durcheinander gebracht hatte. Wir kreuzten Pisten, erahnten Bergsilhouetten, entdeckten einen verlorenen Stern. Was wohl in den Köpfen meiner Mitfahrer vorging? Zweifel? Angst? Keine Ahnung… ich hatte Vertrauen in Robby. Und tatsächlich: im gleichen Moment als ich eine mir bekannte Felswand im Halbdunkel ausmachen konnte, fragte mich Robby, ob ich wüsste, wo wir seien! Eine fantastische Leistung; der Mann kennt sich aus in „seiner“ Wüste.
Ich hoffe, ich hab bald wieder Gelegenheit…

Hier sind einige Eindrücke:




Friedhof der Beduinen





cleveres Mäuschen

25. Januar 2015

25. Januar – vierter Jahrestag

Anstatt zu wiederholen, was alles schief gelaufen ist, möchte ich hier ein Bild veröffentlichen:

Herstellung: The Urban Center for Women, Luxor

Es zeigt den Aufstand vom 25. Januar 2011, die Forderung nach Brot, Freiheit und Gerechtigkeit. Entdeckt habe ich den Kupferteller bei meinem Besuch eines Zentrums für Handarbeiten von Frauen in Luxor.


Viele haben die Hoffnung verloren, einige werden weiterkämpfen.

20. Januar 2015

Unerwarteter Besuch

Oder: als „Landei“ im Polizeistaat

Irgendwann musste das ja mal kommen. Anderen ist es auch geschehen. Viele Horrorgeschichten habe ich davon gehört: Frauen wurden spärlich bekleidet auf die Strasse gezerrt oder (gemischte, unverheiratete) Paare wurden um Mitternacht oder früh morgens in der Wohnung überrascht.

Heute war unsere Wohnanlage Ziel der Polizei. Als ich um 11 Uhr vormittags von der Stadt zurückkam, standen da mehrere Soldaten mit Gewehren und über ein Duzend Männer mit Sonnenbrillen auf der Nase und Handys am Ohr. Ich „rieche“ schon fast, dass das die Polizei ist. Unseren Sicherheitsmann nach dem Grund gefragt, antwortet er, dass die Polizei nachschaut, wer hier wohne.

Fünfzehn Minuten später klingelt es bei mir an der Wohnungstüre. Einer unserer Handwerker steht da mit fünf oder sechs von den Figuren, die ich einfach nicht mag. Höflich fragen sie nach dem Pass. Ich bitte um einen Moment Geduld und schliesse die Türe wieder. Mit meinem Pass in der Hand bittet einer, die Wohnung betreten zu dürfen. Ich befürchte schon, dass alle miteinander rein wollen und meine dann, zwei seien aber genug! Schuhe abputzen können sie nicht. Schlimmer aber empfinde ich, dass sogar Schubladen im Schlafzimmer geöffnet werden. Ob ich alleine lebe? Ob ich arbeite? Wovon ich denn lebe? Wie lange ich hier schon arbeite? Ob ich eine Passkopie habe? Ich antworte in Arabisch. Weshalb ich denn Arabisch könne?

Einer der Männer, die draussen gewartet haben, bedankt sich höflich auf Englisch. Ich schliess innerlich zitternd und ziemlich durcheinander die Tür.

Ja, ich bin durcheinander, obwohl ich weiss, dass die Polizei jederzeit und überall zu erwarten ist. Obwohl ich weiss, dass vor vier Tagen ein Anschlag auf die Hauptstromleitung erfolgte und wir deshalb vier Stunden lang ohne Strom waren. Obwohl ich weiss, dass sich eine unbekannte Anzahl von Terroristen im Land tummelt. Obwohl ich weiss, dass die Behörden gegen inländische und importierte Prostitution, gegen illegal hier Lebende Ägypter und Ausländer, und andere Randmenschen vorgeht. Ich weiss auch, dass Ägypten ein Polizeistaat ist. Aber ich bin ein „Landei“, komme aus einer sogenannten „heilen Welt“, wo es Prostitution in Filmen und Terroristen im Fernsehen gibt.

Meine Bekannten mit und ohne Anwalt und mein Anwalt (hier hat offenbar jeder einen!) haben mich besänftigt. Die Polizei sucht. Es war die Kriminalpolizei, die kommen immer in zivil. Sie hätten mich sofort mitgenommen, wenn etwas nicht in Ordnung gewesen wäre. Und überhaupt wissen sie eh alles von uns. Polizeistaat.

Was den Anschlag auf die Hochspannungsleitung betrifft, haben sie mehrere Verdächtige festgenommen, berichtet eine Online-Zeitung. Von Wohnungsdurchsuchungen berichten sie nichts.


18. Januar 2015

Raus aus der Stadt

Mein Auto erlaubt mir, endlich mal einige hübsche Plätzchen in der näheren Umgebung zu besuchen. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und meinem Rennrad war es einfach nicht möglich oder zu umständlich, dahin zu kommen.

Sahl Hasheesh
Bekannt ist das Resort für seine wunderschöne, windgeschützte Bucht mit klarem Wasser, herrlichen Stränden und exklusiven Hotels und Appartements. Etwas abseits habe ich Ruhe und keine Menschenseele angetroffen:





Fish Farm El Gouna
Schon lange wollte ich die Fish Farm besuchen und als ich endlich hinkam, war ich entzückt! Es ist eine kleine „Oase“ mit viel wohltuendem Grün. Mehrere Fischteiche sind durch Kanäle miteinander verbunden. Eukalyptus, Akazien und Mangroven schenken wie ein riesiger Schirm viel Schatten. Gänse schnattern munter und watscheln von Teich zu Teich – oder jagen den Kindern nach. Der Wärter hat mir Schildkröten, einen Hasen (der den Sommer wohl nicht erleben wird) und Meerschweinchen gezeigt. In einem Turm neben dem Grillplatz hausen weisse Tauben. Stühle aus Palmwedeln sowie Tische und Bänke laden zum Verweilen ein. Ich bin andächtig herumgewandert und habe die Stille und das Grün auf mich wirken lassen – und dazwischen habe ich mich auf einer Schaukel in den Wind heben lassen!








13. Januar 2015

Im Dschungel der Bürokratie

Eigentlich wäre es ganz einfach. Ich habe ein Auto gekauft und möchte es auf meinen Namen einlösen, also das Fahrzeug anmelden und ein Nummernschild samt Fahrzeugausweis erhalten. Normalerweise dauert das in meiner Heimat eine Stunde.
In Ägypten ist das ein bisschen anders.

Phase 1:
Informationen über die Anforderungen und den Ablauf habe ich mir schon früh geben lassen… bis mir eine Freundin sagte: „du kannst mit einem Touristenvisum kein Auto auf deinen Namen anmelden“. Ich müsste hier entweder Besitz haben oder mit einem Ägypter verheiratet sein (oder halt mein Auto „offiziell“ auf den Namen eines „Freundes“ registrieren lassen).  Irritiert habe ich von neuem angefangen, Informationen einzuholen – und niemand hat alles gewusst, jeder hat etwas anderes gesagt. Zuerst war mir mulmig… dann sagte ich mir, irgendwie wird es schon gehen.

Dann war das Auto da. Ich habe bezahlt. Das Auto blieb im Schaufenster, bis die Papiere über den Verkauf vom zentralen Verkehrsamt in Kairo genehmigt und mit Unterschriften und Stempeln versehen zurückkamen. Das dauerte zwei oder drei Tage. Danach hätte ich das Auto beim Verkehrsamt in Hurghada anmelden können. Einfach also. Fast, zumindest.

Doch wegen meines Touristenvisums war die Prozedur etwas aufwändiger. Mein Anwalt R. klärte in Kairo ab, wie alles abzulaufen habe. Da ich ihn mehrmals fragte, ob er auch sicher sei, holte er noch dieselben Informationen in Hurghada ein – überraschenderweise lauteten diese völlig anders. Eine Wahl blieb mir keine, ich reihte mich ins Prozedere ein und versank im tiefsten Dschungel der ägyptischen Bürokratie:

Verkehrsamt
R. und ich treffen uns an einem heissen Dezember-Sonntag um 10 Uhr früh beim Verkehrsamt in Hurghada. Gezielt steuert R. ein Büro an, wo zwei Herren in Zivil vor einem Laptop und Pult sitzen. Ich eile hinterher und lege meine Kopien auf den Tisch (je drei vom Pass, vom Visum und vom Mietvertrag), während R. erklärt, was unser Anliegen ist. Eine vierte Kopie wird verlangt – die habe ich nicht, davon hat mir R. nichts gesagt und er wusste davon auch nichts. Weshalb ich nicht lächle? Ich erkläre dem Beamten, dass ich versuche, das Gespräch in Arabisch zu verstehen – und schicke ein Lächeln hintennach. Beides freut ihn. Raus aus dem Büro, hinaus auf den Parkplatz, wo ein Dutzend winzige Baracken Dienstleistungen und Waren anbieten, ein „Coffeeshop“ und ein Kopiergerät stehen. Der zahnlose, alte Mann erklärt, dass grad Stromausfall ist. Ratlos sehen wir uns an: der nächste Kopiershop ist 20 Minuten entfernt. Warten? Geht nicht. Aus den prognostizierten 10 Minuten können in Ägypten locker zwei Stunden werden. Retour ins Büro und bitten, ob wir die Kopien später nachliefern können? Drinnen ist nämlich auch Stromausfall – weshalb hat uns denn der Beamte hinaus geschickt? Ich schaue mich im Büro um: es ist bis auf zwei einfache, uralte Pulte leer; doch die Wände sind mit wunderschönen Malereien in Weinrot auf hellgelbem Grund dekoriert. Lächeln, schiesst es mir durch den Kopf und ich drücke meine Bewunderung aus – prompt wird mir ein Stuhl angeboten. Aha, und eine Klimaanlage haben sie auch.

R. winkt mir, ich solle kommen. Wir quetschen uns durch die Schalterhalle, wo an die Hundert Galabya-Männer ungefähr anstehen (eben nur ungefähr), sicher aber warten, reden und rauchen. Die Luft ist stickig und es ist heiss. Ich bahne meinen Weg durch die Männer, nütze nichts und suche eine ruhige Ecke, um stehend zu warten. Die Elektrizität kehrt zurück, neben dem Buffet steht ein Kopiergerät und wir lassen eine Kopie machen; der Beamte läuft damit davon. Ich warte wieder. Zwischendurch sitze ich, bis es mir wieder zu heiss wird und ich stehe. Ich warte. Da ich eine Toilette entdeckt habe, nütze ich sie (die kommentiere ich lieber nicht). Ich warte. Wir gehen wieder ins erste Büro, wo plötzlich zwei Polizisten mit Funkgeräten sitzen. Ich warte. R. quetscht sich durch die Wartenden an den Schalter für „Ausländer“. Ich warte. Wir überqueren einen Hof, um in ein anderes Gebäude zu gelangen, wo eine Dame an einem grossen Tisch in ein riesiges Buch hinein schreibt. Der Raum ist kühl und hoch und es stapeln sich viele Dutzend Buchbände und beschriftete Archivschachteln auf einfachen Regalen. Da werden irgendwann auch meine Kopien liegen. Sinnlos. Doch vorerst dienen sie zur Selbsterhaltung eines Systems, das sich, losgelöst vom ursprünglichen Zweck seines Daseins,  von innen her zerfrisst. Zwei Wochen, meint sie und streckt uns einen kleinen Fetzen Papier mit Zahlen darauf zu. Noch zwei Wochen? Ich falle schier in Ohnmacht, denn ich warte schon seit zwei Monaten! Eigentlich vier, denn solange schon suche ich nach einem Fahrzeug. Übrigens hat sich Tage später herausgestellt, dass die Zahlen auf dem Papier falsch waren; das trug zu mehreren Tagen Verzögerung bei.

Staatssicherheit
Kurz nach Mittag verlassen wir das Verkehrsamt und fahren zur Staatssicherheit Stadtteil Dahar. Ein Beamter begleitet uns. Er sitzt mit uns im Auto, hat aber nicht mal gegrüsst. So sind viele: unfreundlich, arrogant; je höher im Rang, umso herablassender.

9. Januar 2015

Kältewelle

Das Wetter spielt auch hier verrückt. In Ägypten erleben wir eine grausige Kältewelle. Am Roten Meer klettern die Höchsttemperaturen auf 17 oder 18°C, morgen Nacht werden grad noch 6°C erwartet. Seit Tagen stürmt es – es fühlt sich ungemütlich an.

In Alexandria hat es vorgestern geschneit, davor gab es Eisregen. In Kairo waren heute 11 Grad – drinnen wie draussen, schrieb ein Journalist.

Quelle: Alexandria Citizen

Quelle: Alexandria Citizen

Quelle: Alexandria Citizen

Es wäre halb so schlimm, wenn die Häuser isoliert wären, wenn es Heizung oder Öfen gäbe und keine Armut, die Menschen nicht im Freien oder in Bretterbuden und Rohbauten hausen müssten. Es gibt hier keine Obdachlosenheime und auch keine Suppenküchen.

Während ich mich mit warmer Kleidung, Decken, warmen Getränken und der Klimaanlage arrangiere, telefoniere ich mit einem Freund in Alexandria. Seine Stimme zittert, er friert. Die Temperaturen dort gehen nicht über 13 Grad, dazu regnet es immer wieder. Strassen sind überschwemmt. Die Häuser dort sind genauso nachlässig und dünnhäutig gebaut, wie überall in Ägypten. Mein Bekannter hat seit drei Tagen nicht geduscht, weil zu allem Pech noch der Wasserboiler kaputt ist und ihm die Zeit fehlt, einen Klempner zu rufen. Sein Vater ist schwer krank, er selbst kämpft mit einer Lungenentzündung.

Vorgestern war ich mit iQ-ontour in der Wüste. Es war eindrücklich und faszinierend, trotz Kälte. Wir kamen um halb neun Uhr abends zurück. Zwei Stunden später fuhr unser Guide, anstatt sich aufzuwärmen und zu schlafen, wieder in die Wüste zurück. Er holte während den folgenden 36 Stunden halb erfrorene Beduinen-Kinder heraus und brachte sie in Hurghada bei Hilfsorganisationen und Beduinen-Familien unter.

Was aber ist mit all den Strassenkindern? Was mit all den Müllsammlern, Autowäschern und Schuhputzern, die keine wetterfeste Bleibe haben; was ist mit dem fünfjährigen, barfüssigen Jungen, der Autoscheiben verschmiert, um ein paar Münzen Mitleid zu ergattern? Ihnen hilft niemand.

Die Kälte nimmt keine Rücksicht, weder auf Arme noch auf Vertriebene. Heute habe ich Bilder von den Flüchtlingscamps im Libanon gesehen… Die Syrer konnten zwar vor den Kämpfern des IS fliehen, stehen nun aber dem Kältetod gegenüber.

Quelle: Reuters
Quelle: AFP/Getty Images

Quelle: AFP / STR.

Der Winter hat erst angefangen.