21. März 2017

Schatztruhe voll Naturprodukten

Obwohl ich doch schon ein paar Jahre hier lebe, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Das kommt einerseits daher, da ich lieber in der Natur draussen bin und mich bewege, als in Discos oder Bars herum hocke, und andererseits, da ich überhaupt nicht gerne einkaufe.

Mir hilft also nur der Zufall oder, wie hier geschehen, das Warten. Ich musste nämlich warten, bis die Angestellten eines Computer-Geschäftes vom Beten zurückkamen. Gute Gelegenheit für mich, ziellos durch die unansehnlichen Seitengassen zwischen Sherry- und Paschastrasse im Zentrum Hurghadas zu schlendern. Unansehnlich, weil die Strassen voller Abfall, ungepflegt und ungeteert sind. Die Männer (nie die Frauen!) hocken vor ihren Geschäften und Buden, vor den Cafés und Wohnhäusern, gaffen jeden Vorbeigehenden, jeden Vorbeifahrenden an und stieren in ihre Mobiltelefone, schwatzen, streiten oder warten auf den Umsatz des Lebens. Keinem käme es mal in den Sinn, den Unrat aufzuheben, zu sammeln und wegzutragen. In den Kopf wird mir das wohl nie und nimmer gehen. Andere Mentalität, andere Festplatte im Hirn.

Erwartungslos weitergehend fallen mir grosse Säcke mit Naturprodukten vor einem Laden auf. Mein Interesse wird wach und ich nähere mich dem kleinen, unscheinbaren Geschäft: Von unten bis oben ist es mit Naturprodukten vollgestopft. Zögernd trete ich ein, stehe drin und staune über prallvolle Regale mit Naturölen für sämtliche Zipperlein, die sich Mann und Frau vorstellen können, Naturseifen und -crèmes, Nüssen und Räucherstäbchen, Salzkristallen von den Salinen in Alexandria, Henna und Kaffeebohnen, Kardamom und Zimt, kalt gepresstem Olivenöl aus Ägypten, Libyen und Syrien, Bienenhonig, Rosenblätter und Rosmarin. Und noch vieles mehr, das ich bei meinen folgenden Besuchen entdecke, erstehe und verwende. Olivenöl und Honig kaufe ich hier – oder in der 50 m weiter gelegenen Kirche. Ja, richtig: in der Kirche.

Der Naturladen gehört Peter, einem jungen Kopten. Er lässt mich ungestört gucken, beantwortet geduldig meine Fragen, während er einen der Plastik-Behälter mit Kernen aussortiert und reinigt. Er entschuldigt sich für die Unordnung – zu wenig Platz, zu viel Ware… Macht nichts, mir gefällt das. Lieber eine solche Wundertüte von einem Laden, als die durchgestylten Boutiquen und die überall gleich aussehenden Supermärkte. Peter bietet seine Waren auch in Hotels an, doch die Touristen kaufen wenig. Und hierher, mitten in den Hinterhof der Sheraton Strasse, verirrt sich kein Tourist. Die getrauen sich nicht hierher.

Schade, denn ein Besuch lohnt sich: Tees, Salben und Öle aus einheimischen Produkten helfen der Gesundheit und den lokalen Herstellern. Und günstiger als die Pharmacocktails sind sie allemal. Olivenöl und Honig schmecken erstklassig. Die Rosenblätter verbreiten einen betörenden Duft und eignen sich als Tee zur Beruhigung…

Wer suchen mag: über dem Eingang thront ein grünes Schild mit der Aufschrift „Back to nature – nature treasures - organic“, zwischen Kirche und Sherry Strasse…


Öle

Traubenkern-, Weizenkeim-, Sesamöl und...

Gewürze und Tees

Essige, Öle, Honige und ...

Seifen

9. Februar 2017

Warten – auf den Koch oder auf das Auto

Mein Auto wird gereinigt. Ich würde es gerne selber machen, aber es gibt hier keine Selbstbedienungs-Waschanlagen. Handarbeit ist günstiger und verfügbar.

Der Nachteil: ich muss warten. Meistens nimm ich ein Buch zum Lesen mit. Da ich heute aber schon zweieinhalb Stunden in der Garage gewartet und gelesen habe, mag ich nicht mehr.

Neben der einfachen Waschanlage steht nun ein ebenso einfaches, aber neu eingerichtetes Restaurant. Oder soll ich es eher Imbiss nennen? Ich guck genauer… sieht sauber aus. Tische sorgfältig mit Plastiktischtüchern bedeckt. Aber alles ist leer. Nur die Koranrezitationen dröhnen aus einem einzelnen Lautsprecher.

Ich geh näher, späh‘ durch die Scheibe. Drin sitzt ein Kind.

Ich geh hinein und frage: „Gibt es etwas zu Essen?“

Es riecht weder nach Essbarem, noch sehe ich irgend etwas, das annähernd wie Essen aussieht. Meine Augen suchen nach typischen Kennzeichen der ägyptischen Küche. Alles sehr sauber. Und leer.

Der Junge guckt von seinem Handy auf: „Ja.“

Aha. Ich fühle mich ermutigt: „Was gibt es denn?“

„Der Koch ist noch nicht gekommen.“

Aha. So simpel einfach ist das. Nachmittags um halb drei.

Enttäuscht wende ich mich vom erhofften Magenfüllen ab und wieder der Autowäsche zu.



30. Januar 2017

Der tanzende Kohl

Rund um den Früchte- und Gemüsemarkt in Dahar stehen oft Pick-ups mit ihrer Ladung: Tomaten, Mandarinen, Wassermelonen und Zwiebeln werden direkt von dort herunter verkauft.

Momentan sind es grad Kohlköpfe. Die sind hier bis zu 50 cm dick.

Ein Junge packte gestern aus Langeweile so einen Kohlkopf, setzte ihn sich auf den Kopf und fing an zu tanzen. Tanzen, wie die Bauchtänzerinnen.

Von weitem sah das urkomisch aus: der riesige Kohlkopf über dem schmalen, sich schüttelnden Körper!

Typisch Ägypten, immer zu einem Spass, einem Witz bereit - egal wie mies es ihnen geht.

22. Januar 2017

Ehrenwerte Nachbarn

Heute wurde es endlich eröffnet: das Russische Konsulat. Die Russen fliegen zwar noch immer nicht nach Hurghada – seit dem Flugzeugabsturz über dem Sinai Ende Oktober 2015 – aber wenigstens haben sie jetzt eine diplomatische Vertretung hier.

Ich war grad im Stadtzentrum, als fünf Motorräder mit jeweils zwei schwarz gekleideten Polizisten langsam durch die Sheraton Strasse fuhren. Dahinter folgte ein geschlossener Pickup, danach ein Panzerwagen, auf dem einer – auch völlig in schwarz gekleidet – mit dem Maschinengewehr thronte. Das sah gefährlich aus oder wenigstens beeindruckend.

In all den Jahren habe ich mich aber an den komischen – für unseren Geschmack reichlich übertriebenen – Auftritt gewöhnt. Wenn der Gouverneur vom Roten Meer durch die Stadt fährt, dann nur in gepanzerter Limousine und in Polizeibegleitung, mit Sirenen, Maschinengewehren und allem Tamtam. Heute aber sah es noch eindrücklicher aus, als sonst. Komisch war nur, dass dahinter niemand folgte. Neben mir wurde spekuliert: wegen dem nahenden 25. Januar? Nein, zu weit weg. Das russische Konsulat? Ok – was tun die dann hier in der Sheraton Street? Gleichzeitig brausten weitere schwerstbewachte und –bewaffnete Polizeifahrzeuge mit Sirenengeheul durch die Strasse.

16. Januar 2017

Was Frauen wissen möchten

Regelmässig wenden sich Frauen an mich, die „etwas fragen“ möchten. Selbstverständlich antworte ich gerne, gebe gerne Erfahrungen und Eindrücke weiter. Auch wenn das manchmal etwas zeitraubend ist und ich keine Rechnung als Beraterin stellen kann.

„Wie haben Sie das gemerkt?“ war eine Frage, die in meinem Kopf stecken geblieben ist. Ich habe mich mit dem Mann getroffen, unter einem Vorwand, und nach einer halben Stunde war der Fall klar. Ja, wie habe ich das gemerkt? Am besten fange ich mal vorne an.

Ägypten ist ein Drittweltland
Auch wenn das aus dem Ferienresort mit 5 Sternen, traumhafter Garten- und Poolanlage, üppig aufgetürmten Buffets und traumhaft inszenierten Abendunterhaltungen nicht auf dem ersten Blick erkennbar ist. Das heisst: die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind – für uns Westeuropäer – beinahe unvorstellbar riesig. Die sozialen Schichten vermischen sich nicht, sie begegnen sich nur im Alltag als Arbeitgeber und Arbeitnehmer, als Untergebener und Gebieter. Von sozialer Gerechtigkeit wird geträumt, Ausbeutung und Korruption sind stattdessen allgegenwärtig. Anders ausgedrückt: wer Geld und Beziehungen hat, kommt zu mehr Geld, Ansehen und Beziehungen. Wer weder das Eine noch das Andere hat, kämpft ums Überleben. Mit zwei oder drei Jobs die einen. Mit Tricks und Betrug die anderen.

12. Januar 2017

Sag, was du isst, ich sag dir, wer (und wie) du bist – Koshari

Ägypter sind liebenswert, herzlich, immer bereit, Witze zu machen und…

… chaotisch. Zumindest bin ich zu diesem Eindruck gelangt. Die Menschen hier legen eine sagenhafte Kreativität an den Tag, um etwas zu umgehen, das sie nicht wollen, oder um etwas zu erreichen, das sie wollen. Dazwischen herrscht kreatives Chaos. Sei das in den Strassen, in der Bürokratie, im Umgang mit der Zeit und der Zuverlässigkeit, so nur als Beispiel, und eben auch bei den Speisen.

Das eindrücklichste Beispiel ist meiner Meinung nach Koshari. 

Ich glaube, ich habe es mal ganz am Anfang, vor vielen Jahren, in Alexandria gegessen – und dann nie wieder. Zu viele verschiedene Zutaten stecken da drin, die meinem Sinn für Ästhetik radikal zuwiderlaufen. Dabei ist Koshari gesund, randvoll mit verschiedenen Kohlenhydraten und billig. Kein Wunder, ist es eine beliebte Speise quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Sie (die Speise – nicht die Bevölkerung!) besteht aus: Reis, Linsen, winzigen Nüdelchen (die heissen übrigens übersetzt Spatzen-Lippen, so klein sind sie), Kichererbsen, Zwiebeln, Knoblauch, Essig und Öl. Und das Ganze wird dann grosszügig mit einer mehr oder weniger scharfen Tomatensauce übergossen. Schadda (rote, scharfe Paprika) und Essig mit Knoblauch werden dazu gereicht. Ein rechtes Durcheinander also.

Vorige Woche schlug ein Freund spontan vor, wir könnten doch Koshari essen. Ja, warum nicht? Wahrscheinlich war die Kälte daran schuld, dass ich bereit war, mir einen Kohlenhydrat-Schub zu leisten. Wir gingen in ein Restaurant, in dem es absolut nichts Anderes zu essen gibt, als eben dieses Koshari. Es gibt kleine, mittlere und grosse Portionen, es gibt zusätzliche Sauce, zusätzlich Nachschub und Basta. Nichts sonst, absolut nichts.

Und zu meiner grössten Verwunderung hat es mir super geschmeckt! 😍 Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Chaos verdrückt habe. Besonders jetzt im Winter. Zum Nachahmen empfohlen!


eine kleine Portion Koshari

2. Januar 2017

Weihnachtskrippe

Neulich war ich in der Nähe der grossen Kirche in Dahar und beschloss kurzerhand, dort auf die Toilette zu gehen. Und ein Brot zu kaufen. Ja, genau, dort gibt es herrliches Brot, das unseren Hefebackwaren wie (ungesüsstem) Zopf oder Frühstücksbrötchen recht ähnlich ist.

Im Kirchenhof stand eine Krippe. Neugierig näherte ich mir der haushohen Krippe. Wenn ich eine Krippe sehe, bin ich einfach fasziniert. Da spielen wohl Kindheitserinnerungen mit. Geht es euch auch so? Besonders gut in Erinnerung ist mir die riesige Krippe in Konstanz am Bodensee, denn der Besuch im Münster war immer mit einem Besuch bei meiner geliebten Oma verbunden.

Jedenfalls stand ich lange vor den mannshohen Figuren, bestaunte die Holzarbeiten, die Liebe zum Detail. Sieht aus, wie bei uns. Je länger ich dastand, umso mehr wurde mir wieder bewusst, wie eng doch alles verknüpft ist, obwohl sich Politiker und Religionsführer die grösste Mühe geben, uns zu entzweien.

Die Weihnachtsgeschichte spielte sich ja hier im Orient ab. Doch die Figuren, die jenes Ereignis darstellen, unterscheiden sich gar nicht von jenen, die wir in Europa in die Krippen stellen. Ein kleiner Blick ins Internet erklärt das: die ersten Darstellungen der Geburt Jesu tauchten im 13. Jahrhundert in Italien auf. Einige Jahrhunderte später begannen Bauern im Grödner Tal, Figuren aus Holz zu schnitzen und Krippen zu bauen. Von dort breitet sich der Brauch aus und ist zu einem festen Bestandteil von Weihnachten geworden.

Auch wenn Weihnachten an verschiedenen Daten gefeiert wird – die Krippenfiguren sind dieselben. Und wir Menschen eigentlich auch.

Krippe in der koptischen Kirche Dahar