12. Juli 2018

Freiwillig unters Messer in Hurghada


Hurghada wimmelt von Privat-Krankenhäusern und Zahnärzten. Die tiefen Preise locken zahlreiche Ausländer und Ausländerinnen her, sich an ihrem Körper herumschnepfeln zu lassen.

Ich kann es nachvollziehen, wenn sich Frau oder Mann hier die Zähne richten lässt. Es kostet ein Bruchteil dessen, was in europäischen Ländern zu bezahlen ist – und sollte ein Pfuscher sein Handwerk nicht verstehen, dann ist nicht allzu viel kaputt: Künstliche Zähne können wieder ersetzt werden.

Was ich einfach nicht begreifen kann, ist, dass sich Frauen hier freiwillig unters Messer legen, um sich „verschönern“ zu lassen. Schönheitsoperationen boomen und allein bei der Vorstellung graut es mir. Ich hatte zwei Unfälle, musste operiert werden und möchte das niemals freiwillig über mich ergehen lassen. Kommen noch die hygienischen Verhältnisse dazu, die im seltensten Fall europäischem Standard entsprechen. Und die Ärzte? In Kairo gibt es gute Kliniken und Ärzte. Die bleiben aber dort, die kommen nicht hierher nach Hurghada. Hierher kommen die anderen, die Erfahrung brauchen. Oder Geld.

23. Juni 2018

Unterwegs nach Luxor


Alle zwei oder drei Jahre finde ich einen Grund, um nach Luxor zu fahren. Meine erste Fahrt erlebte ich in einem Touristenbus: Gebirge und die langgezogene Hochebene dort oben in der Wüste prägten sich mir tief ein.

Spätere Fahrten waren unmöglich lang, unbequem und unsicher: mit dem Minibus oder dem Bus. Einmal mit offenen Fenstern in der Hitze, einmal frierend in der Klimaanlage, zweimal  übermüdet in einem PW mit Chauffeur von Assuan kommend und immer mit Verspätung. Oh ja, und einmal mit einem Minibus im Schneckentempo, weil der Fahrer meinte, es gäbe in Hurghada kein Benzin zu kaufen. Das war während der Zeit der Moslembrüder, als Treibstoff in die Wüste gekippt wurde, um Knappheit zu schaffen.

16. Juni 2018

Davon laufen oder Neues suchen?


Eine junge Dame aus Südafrika sitzt neben mir im Auto. Ich nehme sie mit in die Stadt und wir quatschen über dies und das, eher ernst-philosophisch, so wie ich es mag, aber so genau weiss ich es nicht mehr.

Was ich jedoch nicht so schnell vergessen werde, ist die unerwartete Frage: „Und weshalb bist du hier?“

Ich schlucke. Ich überlege: Was soll ich sagen? Ich musste die Frage schon oft beantworten und habe das ohne Zögern offen und ehrlich gemacht. Ich bin keine Heuchlerin, Ehrlichkeit – selbst zu meinem Nachteil – gilt mir als Tugend, auch nach neun Jahren in diesem Land.

Wunsch nach Veränderung, Reiz des Neuen, Lust auf Abenteuer fern der Heimat nannte ich als Triebfeder. Damals war das Leben hier günstig, ein (finanzielles) Scheitern würde nicht so weh tun. Fernweh hat mich schon immer geplagt, Herausforderungen pflastern quasi meinen Lebensweg und haben tiefe Spuren hinterlassen. Ohne sie wäre mir das Leben etwas gar eintönig und fad. So in etwa lautete meine Antwort.

Nach mehreren Monaten intensiver psychologischer Arbeit ist mir jedoch bewusst, dass meine Antwort nur das knitterfreie Bild einer Fassade widergab. Und da die junge Dame und ich schon Obeflächlichkeiten beiseite gelegt hatten, hörte ich mich sagen: „Es war wohl eine Flucht.“

Ihre Erwiderung hörte sich an wie ein Satz eines Weisen: „Wir hier sind wohl alle vor etwas auf der Flucht.“

Wenn ich an all die Betrüger und Schatzsucher aus dem In- und Ausland denke, die sich hier tummeln, stimme ich dieser Aussage sofort zu.

Doch da sind auch Investoren, die es hier zu ansehnlichem Vermögen gebracht haben. Sind sie auch geflohen? Wovor? Oder hat sie einfach der Geschäftssinn und die Liebe zum Roten Meer hier behalten?

Und die älteren Ehepaare? Gilt der Wunsch nach einem Lebensabend unter der nordafrikanischen Sonne und fern des Regens auch als Flucht?

Und was ist mit den unzähligen alleinstehenden älteren Frauen und weniger zahlreichen alleinstehenden älteren Herren? Wovor sind sie geflohen?

Doch es gibt auch noch jene undefinierbare Gruppe, die sich zwar in die Ferne aufgemacht hat, aber feststellen muss, dass sie den Fluchtgrund in sich tragen. Dazu gehören die junge Dame und die Schreiberin hier. Erst wenn wir uns diesem Fluchtgrund stellen, schaffen wir es, uns davon zu lösen.

Dann braucht es den Reiz des Neuen vielleicht nicht mehr.


Einblick in die Existenz einer Plastiktüte


Plötzlich ist Plastikabfall in aller Munde bzw. in allen Medien. 
Folgenden Text habe ich schon 2010 geschrieben:

Ganz kurz nur hat sie ihren Dienst getan: Sie wurde fabriziert, um Chips, Cola oder Eiscreme zu halten. Sie ist nicht besonders kräftig, aber doch genügend fest, um ein paar Kleinigkeiten zu tragen, damit diese nicht auf die Strasse purzeln. Nun wurde die kleine weisse Plastiktüte zusammen geknüllt und achtlos auf die Strasse geworfen. Dort krümmt sie sich, sucht Halt an einem Stein, einem Zaun.

Ein Müllmann nimmt sie auf und wirft sie in seinen Kübel. Dort liegt sie auf Plastikflaschen, Zigarettenkippen und Blechbüchsen. Weitere Plastiktüten gesellen sich zu ihr, Glasflaschen und Pizzaschachteln erdrücken sie. Nach einigen Tagen wird der Kübel ausgeleert, in einen grossen Metallcontainer. Fast könnte die Plastiktüte mit dem Wind entwischen – doch schon wird sie von anderem Unrat festgehalten.

Mit einem heftigen Ruck wird der Container gekippt. Plötzlich fühlt sich die kleine weisse Plastiktüte befreit: Ein Windstoss erfasst sie, hebt sie hoch, lässt sie durch die Luft wirbeln! Diese unerwartete Freiheit irritiert sie… wo soll sie denn hin? Ziellos tanzt sie in die Höhe, lässt sich herabfallen, treibt knapp über der Strasse dahin, weicht einem Busch aus und gewinnt wieder an Höhe. Am liebsten würde sie vor Freude jauchzen, so herrlich ist es, sich mit dem Wind treiben zu lassen.

Doch abrupt wird ihr stilles Juchzen abgewürgt. Die Plastiktüte hat sich in den Ästen eines hohen Baumes verfangen, der Wind zieht ihre Schlaufen in unterschiedliche Richtungen. Die Tüte droht zu zerreissen, wehrt sich, flattert, zittert noch eine Weile, doch der Wind ist stärker.



3. Juni 2018

Kulturelle Aufklärung


Was für ein feiner Unterschied! Danke kann heissen „Nein, danke – ich möchte dich aber nicht vergraulen“.

Erklärt hat mir das einer meiner Studenten, dem ich ein Glas Wasser anbot. Mein Angebot wurde oft mit „Danke“ erwidert. Da das keine Antwort darauf ist, habe ich jeweils nachgefragt: „ja oder nein?“. Nein, lautete dann die Antwort und ich wunderte mich, weshalb das nicht gleich klar gesagt wird.

Warum?

Eine Einladung zum Essen oder auch nur zu einem Getränk signalisiert, dass man mit der Person eine (freundschaftliche) Beziehung aufbauen möchte und sich für sie interessiert. Im hiesigen Kulturkreis isst kaum jemand alleine, immer gesellen sich Familienmitglieder und Freunde zueinander, um eine oft einfachste Mahlzeit miteinander zu teilen.

Wenn ich Essenden „Guten Appetit“ wünsche, werde ich regelmässig gebeten teilzunehmen.
Lehnt also jemand ein Angebot mit „Nein, danke“ ab, heisst das hier, dass man eine Verbindung zu dieser Person ablehnt. Das ist ein Affront, denn einen Menschen darf man nicht zurückweisen.

Gut zu wissen. Nun brauch ich nicht mehr „ja oder nein?“ nachfragen, ein „Danke“ reicht mir.

28. Mai 2018

Regen, Regentröpfchen, fall mir…


Ich halte inne… was ist das für ein Geräusch da draussen? Ich lausche und versuche, es mit etwas Bekanntem in meinen Erinnerungen zu verbinden, suche, zögere… und dann ist es da:

Regen! Es regnet wieder!

Ganz zart fallen Tröpfchen aus den dunklen Wolken, die da oben am Himmel kleben. Wenn sie im  Sand versinken, hört sich das an wie liebliches Flüstern.

Grad war ich mehrere Wochen in Europa, wo ich oft unter Gewitter und niederprasselnden Tropfen eingeschlafen bin. Es war beruhigend und ich habe jeweils ausgezeichnet geschlafen. Am besten gefiel mir, wenn es anderntags wieder schön war.

Jetzt bin ich aber in Hurghada und es regnet seit gestern immer wieder. Die Luft riecht schwer und feucht, nicht so trocken wie üblich. Die Wolken, die sich meist wieder rasch verziehen, verleihen der Landschaft ein anderes, weicheres Licht. Es stört nicht. Im Gegenteil: Es fühlt sich für mich heimelig an. Mehr wie Mittelmeer. Noch mehr daheim.



18. April 2018

Innehalten und Sein


Die Mamis haben sich neben dem Pool niedergelassen und tratschen seit Stunden; ihr Nachwuchs vergnügt sich mit den Liegepolstern, die sie zu einer Spielburg zusammen gestellt haben. Emsig hüpfen die Kinder hin und her, lassen sich von den Mamis verhätscheln und tauchen dann wieder in ihre Fantasiewelt ein.

Jessy, der Hund der Wohnanlage, der die ganze Nacht bellt und tagsüber normalerweise im Schatten döst, wühlt aufgeregt im Blumenbeet. Ob er darin einen Knochen vermutet?

Bernd vom Bodensee sitzt wie jeden Tag um diese Zeit vor einem Glas Bier und nuggelt genüsslich an der Wasserpfeife.

Momo und Olbi diskutieren angeregt unter dem Vordach bei der Trattoria, wie fast jeden Tag.

Eine schwarz gekleidete Frau, Besuch von Angestellten aus Oberägypten, sitzt bewegungslos auf einem Reissack unter dem Baldachin. Seit Stunden. Sie scheint etwas verloren. Das kleine Mädchen langweilt sich, getraut sich nicht herumzuhüpfen wie die anderen Kinder. Grenzen im Kopf.

Ich habe ein Badetuch auf den unbequemen Stuhl gelegt, meine Beine hängen halb über den Tisch. Ich zeichne. Das ist neu und aufregend. Ich versinke in Betrachtungen und dem Versuch, das Gesehene mit einem Stift auf Papier zu bringen. Zwischendurch lasse ich los und nehme meine Umgebung wahr. Wäre nicht das Stimmengewirr der Mamis und der Kinder – ich würde mich in einem Stilleben wähnen. Jedenfalls fern des Alltags.

Im Radiosender Centoduecinque läuft ein romantisches Lied. Lächelnd nehme ich meinen Stift wieder in die Hand und versinke in meiner Zeichnung.