9. Februar 2016

Schweigen oder Verschwinden

Seit ca. zwei Jahren verschwinden Ägypter. Sie kommen nicht mehr zurück vom Café, von der Strasse, vom Einkauf. Zehn Tage oder zwei Wochen später tauchen sie – mit Glück – in einem Gefängnis auf oder die verstümmelte Leiche wird in der Wüste oder in einem Leichenhaus „gefunden“. Manche tauchen überhaupt nicht mehr auf und die Angehörigen verzweifeln.

Es sind junge Menschen, die sich „verdächtig“ gemacht haben, weil sie fotografieren, diskutieren, zu Protesten aufrufen oder einfach, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Vielleicht haben sie auch „nur“ das Regime kritisiert, Tatsachen in Worte gefasst.

Während der letzten Wochen ist auch kritisch eingestellten Ägyptern - Publizisten, Autoren, Professoren - die Einreise in ihre Heimat verweigert worden.

Verdächtig machen sich auch Ausländer. Auch das kommt immer wieder vor. Ausländer, die ausgezeichnet Arabisch sprechen, sich für die Geschehen im Land interessieren und möglicherweise logischerweise Fragen stellen – normal, oder nicht? Sie haben ägyptische Freunde, sie haben „Kontakte“.

Dies ist dem jungen Italiener Giulio Regeni zum Verhängnis geworden. Der Cambridge Doktorand hat über Gewerkschaften recherchiert und kritische Artikel veröffentlicht. Er ahnte, dass er in Gefahr war, denn er hat auch unter einem Pseudonym publiziert. Ihm ist die gleiche Aufmerksamkeit zuteil geworden, wie sie jeder „verdächtige“ Ägypter momentan erhalten kann: spurlos verschwinden und mit Folterspuren leblos auftauchen.

Kein Wunder, schweigen jene, die etwas zu sagen haben. Sie sitzen entweder bereits im Gefängnis, sind abgetaucht, haben sich ins Ausland abgesetzt oder halten den Mund. Schweigen oder verschwinden. Es ist keine wirkliche Wahl. Es erinnert mich an Argentinien. Oder an Chile. Oder an Mexico. Früher oder später muss das eine Ende haben – die Geschichte zeigt es. Ein Regime kann sich nicht ewig auf Furcht und Unterdrückung abstützen.

Wie lange dauert es noch?



27. Januar 2016

Eine Uhrreparatur und ihre Folgen

Wer ein wertvolles Erbstück besitzt und dieses reparieren lassen möchte, tut gut daran, die Papiere über den Eigentumsnachweis mitzuliefern. Sonst kann der Versuch dramatisch enden. Zumindest in Ägypten.

Als MA. nach der Arbeit seinen Bruder H. nicht wie gewohnt zu Hause oder im Kaffee antrifft, wird er nervös. Sein Bruder braucht Medikamente, um psychisch stabil zu bleiben. Solange er seine Medikamente nimmt, geht das; DASS er sie aber regelmässig nimmt, kommt einem täglichen Hürdenlauf gleich und das ist MA.s Sorge.

Wenn also sein Bruder verschwunden ist, läuten bei ihm alle Alarmglocken. MA. fragt alle Verwandten und Freunde. Niemand hat ihn gesehen. Er läuft durchs Quartier, klappert alle Kaffeehäuser ab. Nichts. Mitternacht naht. Hatte H. einen Anfall? MA. ruft die Krankenhäuser der grossen Stadt an. Auch nichts.

Erst um drei Uhr morgens findet er den Vermissten in einer Polizeistation. Verängstigt, zitternd, schwitzend und bleich.

Was war geschehen?
H. war auf die Idee gekommen, die Uhr ihres verstorbenen Vaters reparieren zu lassen. Ein wertvolles Erbstück, der Vater war einst ein reicher Mann gewesen, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Bis er in eine Spirale des Elends geriet: Tod der Ehefrau, Alkohol, fehlende Aufträge, unbezahlte Steuern, Krankheit, Armut.

Guten Mutes und in Erinnerung des Vaters packt H. die Uhr ein und marschiert zu einem Juwelier. Der begutachtet das Stück und bespricht sich mit seinem Kollegen. Doch anstatt den Auftrag anzunehmen und einen Kostenvoranschlag zu machen, wie das üblich ist, ruft er die Polizei.
H. sei ein Dieb, er habe eine teure Uhr gestohlen. H. wird von der Polizei abgeführt und verhört. 

Psychisch labil wie er ist, kann er sich gegen die Vorwürfe nicht wehren. Seine Beteuerung, es sei die Uhr seines Vaters, verpufft ins Leere. Seiner Bitte, den grossen Bruder anrufen zu dürfen, wird nicht stattgegeben. Apathisch, kreideweiss und zusammengefallen harrt er der Dinge, die da noch auf ihn zukommen sollen.

Kraftlose Beweise
Als MA. auf die Polizeistation kommt, ist sein Bruder in erdenklich schlechter Verfassung. Er erklärt den Sachverhalt um die Uhr. Er bittet um Verständnis für seinen kranken Bruder. Er legt den Kaufvertrag für die Uhr vor. Die Polizei hört zu, schaut sich das Papier an, versteht.

Trotzdem wird der Bruder nicht entlassen. Es soll doch ein bisschen was kosten. Erst, als MA. Bekannte anruft, die gute Beziehungen zur Polizei haben, darf er seinen Bruder mitnehmen.

Warum das alles? Der Juwelier und die Polizei wollten sich die Uhr aneignen und sich die Beute teilen.

Zu Tode geprügelt
Ungefähr zur gleichen Zeit (im Spätherbst 2015, in Luxor und Ismailia) wurde je ein Fall bekannt, wonach Familienväter unter dem Vorwand, Drogenhändler zu sein, festgenommen wurden. Eine Abrechnung angeblich. Im Gefängnis wurden sie so arg zugerichtet, dass sie kurz darauf ihren Verletzungen erlagen. Das ist nicht wirklich etwas Neues hier – Aufsehen erregt hat aber, dass die Familien und Freunde der beiden auf die Strassen gingen, um gegen Willkür und Gewalt der Polizei zu protestieren.


H. hatte Glück gehabt. Es hätte ihm ähnlich ergehen können.

25. Januar 2016

25. Januar 2016 – 5. Jahrestag des Aufstandes

Nie werde ich jene Ereignisse Ende Januar und Anfang Februar 2011 vergessen. Das Erstaunen war riesig und mit jedem Tag nahm die Hoffnung zu, der Schrecken auch. Der Kater und die Ernüchterung folgten in einvernehmlicher Logik.

Fünf Jahre mit extremem Auf und Ab sind vergangen, während derer Ägypten in ein Kalifat hätte transformiert werden sollen und gegen das sich die Bürger mit allen Kräften und erfolgreich wehrten.

Fünf Jahre später steckt Ägypten in einer Restauration, in der viele Versprechungen gemacht werden, aber kaum positive Änderungen sichtbar sind.

Fünf Jahre später ist nichts wirklich besser geworden.
Wie schade!





20. Januar 2016

Auf Inlandflug

Da war dieser schreckliche Flugzeugabsturz im Sinai. Ende Oktober. Seither sind die Ferienorte am Roten Meer und am Sinai verwaist. Viele Hotels sind geschlossen, die anderen versuchen mit einer Belegungsrate von durchschnittlich 15% irgendwie zu überleben. Sharm El Sheikh ist ausgestorben, denn nur wenige internationale Fluggesellschaft fliegen noch dorthin.

Professionelle Sicherheitskontrollen
Seit dem Absturz haben die Flughäfen ihr Sicherheitsdispositiv verbessert – zu lasch, zu unaufmerksam, zu unprofessionell war es vorher zu und her gegangen.

In den letzten Tagen habe ich am eigenen Leib erlebt, was es heisst, tatsächlich geprüft zu werden. Und zwar auf Inlandflügen. Schon auf der Zufahrt zum Flughafen Hurghada wird jedes Auto genau geprüft. Von der Eingangshalle bis zur Abfahrtshalle müssen Passagiere zweimal ihr Gepäck, ihre Habseligkeiten und sich selbst prüfen lassen. Jede Person wird sorgfältig abgetastet. Vorbei die Zeiten, in denen man eine Flasche Wasser durch den Scanner schmuggeln konnte. Vorbei die Zeiten, in denen die Angestellten ihre Augen statt auf den Bildschirm des Scanners auf den Bildschirm ihrer Handys richteten oder mit Kollegen schäkerten.

In Sharm El Sheikh dasselbe, vielleicht arbeiten die Verantwortlichen dort sogar noch etwas seriöser. Schockiert hat mich die gähnende Leere dieses normalerweise emsigen Flughafens: zwei, drei Flugzeuge standen draussen, eine Handvoll ägyptischer und arabischer Passagiere durchliefen die Kontrollen, verbrachten die Wartezeit mit Kaffee trinken und ins Smartphone starren.
In Kairo dasselbe, vielleicht ein klein bisschen weniger seriös als in Sharm. Hauptstadt. 

Grossflughafen. Belebter, auch ein paar mehr ausländische Gesichter. Sprachfetzen in Deutsch und Französisch – nicht nur Arabisch.

Egypt Air mit Überraschung
Eigentlich wollte ich nur den Hüpfer von Hurghada nach Sharm machen und ein paar Tage später denselben in umgekehrter Richtung. Egypt Air hat es aber geschafft, mich nach Kairo zu schicken und von dort nach Hurghada zurück zu transportieren. Die Airline hat einfach den Flug verlegt, ohne mich und einen weiteren Mitleidenden zu informieren. „Systemfehler“, lautete die Erklärung, die in eine überaus charmante Entschuldigung verpackt war. Ich hätte auch in Sharm übernachten und am Folgetag direkt heimfliegen können.

Ich wünsch mir so sehr, dass endlich wieder Tourismus-Leben zurückkehrt, Flüge aus dem Ausland scharenweise Touristen bringen, welche dieses aussergewöhnliche Land entdecken wollen. Aber der Tourismus-Sektor hat tatsächlich noch einiges an Arbeit vor sich, um an Feinheiten zu feilen und Fehler auszumerzen. Dabei bleibt noch immer genug Raum für Überraschungen aller Art – was ja auch spannend sein kann.


9. Januar 2016

Schiesserei in Hurghada

Als ich gestern Abend die Nachrichten auf Facebook durchstöberte, blieben meine Augen auf einem Post einer meiner Studenten hängen. M.R. hat die Funksprüche der Polizei mitgehört. Von da an verfolgte ich die Ereignisse via Facebook und wurde Zeuge dabei, wie Ereignisse aufgebauscht und in Windeseile in der ganzen Welt verbreitet werden.

Ungeprüft übernahmen Nachrichtenagenturen wie Reuters die Aussagen, es hätte sich um einen Angriff von IS gehandelt, eine schwarze Fahne (jene von IS) sei geschwungen worden. Von einem Sprengstoffgürtel wurde gesprochen, von einer Annäherung vom Meer her.

3. Januar 2016

Sinai – Weihnachten im Heiligen Land

Dass ich Weihnachten im Sinai verbringen würde, war nicht geplant, aber wohl vorbestimmt. Die gebirgige Halbinsel hat mich schon immer fasziniert, wegen den Bergen. Ich komme aus den Bergen und vermisse ihre Kraft, ihre Erhabenheit und ihren Schutz. Doch: Südsinai ist weit von Hurghada und ach, die Sicherheitslage, von der die Medien sprechen, die ja so unsicher ist! Vergessen geht dabei, dass die Halbinsel 1,5 mal grösser ist als die Schweiz – nur nebenbei erwähnt.

1‘000 km trennen Hurghada von Dahab und somit habe ich einen Roadtrip hinter mir, wie ich ihn sonst nur in den USA und Argentinien erlebt habe. Mein Auto habe ich in Sues stehen lassen und bin dann mit einem Freund weiter gefahren.

1. Januar 2016

Glückliches 2016


Ich wünsch euch allen da draussen ein glückliches, gesundes Neues Jahr, 
mit vielen Überraschungen, Freude, Glück und Frieden.