21. Oktober 2014

Unterwegs – Sein

Für Mami, Nunschka und alle, die das Unterwegs-Sein lieben

Aufgeregtheit. Müde, mit wenig oder gar keinem Schlaf, irgendwann zwischen Mitternacht und Morgengrauen, weiss nicht genau, weiss nur, dass ich endlich, endlich wieder das tun werde, was ich so sehr liebe.

Aufgeregt, aber nicht nervös. Habe ich alles eingepackt? Bilder von Gegenständen erscheinen in  meinem Gedächtnis: ja. Der Reissverschluss surrt, das Schloss schnappt zu. Wie immer: schwer.

Die Luft vibriert. Herumwirbelnde Wortfetzen in fremden Sprachen aus fernen Ländern. Düfte, Gerüche, Gestänke. Menschen, die ihren Worten davon eilen, hinter sich Länder und Liebe lassen, um sie woanders zu vermissen. Oder auch nicht.

Aufgeregtheit, die erquickend wie frische Waldbeeren schmeckt. Dabei ist nicht die Zunge ausgetrocknet, sondern der Geist, der sich nach dem Neuen, dem Anderen, dem Unbekannten sehnt, nach der Herausforderung des Fort-Seins und sie wie einen ausgetrockneten Schwamm aufsaugt.

Endlich bin ich wieder unterwegs! Die Vergangenheit entwischt. Mit ihr entschwindet auch die Kleinheit der Menschenseelen, ihren Freuden und ihren Sorgen. Unwichtig.

Auch die Wirklichkeit verwischt wie die Landschaften, die vor dem Fenster vorbeihuschen oder sich unter den Wolkenfetzen verstecken. Sie hören auf zu existieren, werden zu Bildern. Alles löst sich auf, nur das Jetzt zählt: unterwegs sein, sein ohne zu bleiben, ohne Bindung, aber auch ohne Arme, die halten und auffangen. Denken und Träumen verschmelzen ineinander. Wo gehöre ich hin, wann komme ich an, wo bin ich jetzt? Wer bin ich überhaupt? Bin ich? Ja ich bin, zwischen Zeit und Raum, zwischen den Welten, frei von Sorgen und Freuden, nur beladen mit Erinnerungen und einer verschwommenen Idee vom Ankommen am Ende des Unterwegs-Seins, das irgendwann wieder zum Anfang wird.

Kleinkarierte Landschaft, grüne Flecken im unendlichen Blau, weisse Häubchen auf den Spitzen… ich möchte gar nicht ankommen, den Glücksrausch nicht unterbrechen, zwischen Raum und Zeit verharren.


10. Oktober 2014

Komfortzone verlassen

Es gibt da diese Momente, Stunden und Tage, an denen ich es hier fast nicht aushalte. Ich werde schier wahnsinnig über Zustände, die ich in solchen Momenten nicht einfach so hinnehmen kann. Ganz kluge Leute sagen dann „du bist im falschen Land“. Sie haben Recht – aber nur in jenen Momenten, die zum Glück ja nicht anhalten.

Eine solche Situation erduldete ich heute wieder. Am Ausgang des Einkaufszentrums wartete ich mit meinem Grosseinkauf inklusive Tiefkühlprodukten auf den Bus. Theoretisch sollte er alle 30 Minuten abfahren. Das klappt in der Regel nicht. Eine Verspätung von 10-15 Minuten ist sehr wahrscheinlich und damit kann ich leben. Oft aber kommt der Bus überhaupt nicht (meist dann, wenn ich Eiscrème oder Frischmilch gekauft habe), z.B. weil der Fahrer eine ungeplante Essenspause einbaut. Im Fahrplan ist nämlich nicht vorgesehen, dass ein Mensch eine Pause braucht und essen möchte. Die Busse stehen einfach da, fahren aber nicht, weil sie fahruntüchtig sind. Repariert werden sie irgendwann, bis dahin gilt der Fahrplan halt nur lückenhaft. Das ist nicht nur Geduld gefragt, sondern mit der Zeit tauen auch die Tiefkühlprodukte auf (was mache ich mit einem Liter flüssiger Eiscrème?) und die Frischmilch wird sauer. Die Lösung sind dann die Taxis, die an dieser Stelle Mafia-mässig betrieben werden – ein anderes Übel.

Andere Situation: gestern bestieg ich einen dieser verlotterten Minibusse, dessen Schiebetüre verklemmt ist und deshalb auch während der Fahrt offen steht. Die Sitze sind zerfleddert. Alles egal: der Tarif wurde trotzdem verdoppelt!

Solche und andere Geschichten mache ich täglich mit, meist mehr oder weniger gelassen.

Doch weshalb mache ich das mit?

In meinem Heimatland könnte ich ein äusserst bequemes Leben führen. Ich könnte eine schicke Wohnung mieten, ein tolles, zuverlässiges Auto fahren und wie eine Modepuppe gekleidet herumlaufen. Ich mache es nicht. Stattdessen nehme ich Unannehmlichkeiten in Kauf, die mich manchmal zum Verzweifeln bringen. Nicht nur mich, übrigens.

Warum also doch?

Weil es noch eine, nein, viele andere Seiten gibt. Die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Die herzlichen, aufrichtigen Freundschaften. Heute z.B. rief mich meine Arabisch-Lehrerin an und fragte, wie es mir gehe. Sie hätte gestern den Eindruck gehabt, ich sei bedrückt – dabei haben wir überhaupt nicht über so etwas geredet; es war einfach ihr Gefühl.

Dazu gehört der Einblick in andere Kulturen und Verhaltensmuster. Daraus folgt das Reflektieren über sich selbst und die eigene Kultur, die eigenen Werte. Es ist ein endloser Austausch von Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen, eine Endlosschlaufe von Fragen, Antworten und Verstehen, die weitere Fragen aufwerfen, Antworten findet und in Verstehen mündet.

Die Komfortzone verlassen bedeutet nicht nur (hauptsächlich materiellen) Verzicht, sondern auf anderer Ebene eine riesige Bereicherung. Es bedeutet, seinen Horizont zu erweitern und dabei Bekanntes hinter sich zu lassen. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch, der ich war, als ich nach Ägypten kam. Was ich hier gesehen und erlebt, erfahren und erlitten habe, hätte ich niemals in meinem komfortablen Leben – trotz Aufgeschlossenheit, Literatur und Reisen – erkennen können. Es sind wertvolle Erfahrungen, die ich nicht missen möchte und deshalb mache ich weiter, auch wenn ich manchmal schier verzweifle.



28. September 2014

Alexandria, die einstige Perle am Mittelmeer

Für einige Tage bin ich in Alexandria, der zweitgrössten Stadt Ägyptens. Zu Zeiten der Römer hiess „Alexandria bei Ägypten“. Heute ist Alexandria mitten in Ägypten; zu seinem Nachteil. Ich war sechs Jahre lang nicht mehr da und alles, was damals schon unschön oder schlecht war, ist noch schlimmer geworden. Alexandria war während Jahrzehnten eindeutig die schönste Stadt im Land. Das hatte sie den Ausländern zu verdanken, die sich hier niedergelassen hatten. Und natürlich dem Mittelmeer. Viele Ausländer haben das Land verlassen, bzw. wurden vertrieben und das Mittelmeer hat sich im Stadtzentrum zu einer stinkenden Kloake verwandelt.

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Am Meer sitzen und Cappuccino trinken. Der Wind ist kühler als am Roten Meer. Die Wellen schwappen an die Steinquader unter mir und spielen Ringelreigen mit Plastiksäcken und -flaschen, Chips-Packungen und Zigarettenschachteln. Zwei Schnorchler mit Metalldetektoren suchen in der dunklen Brühe nach verlorenem Gold- und Silberschmuck. Das bringt Geld.

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Im Auto vom Flughafen Borg El Arab (der näher gelegene Nozha Flughafen wird seit Jahren „renoviert“, wie das euphemistisch heisst) nach Montaza; im Auto von Montaza nach Raml Station und zurück im unbequemen winzigen Taxi (Typ Lada) ohne Klimaanlage; im Taxi von Montaza nach Smouha; im Auto nach Downtown zur Hochzeitsfeier und zurück nach Montaza; mit dem Minibus nach San Stefano und zurück; mit dem Minibus nach … und zurück; mit dem Auto nach Torson und retour nach Raml Station und … Ich verbringe Stunden um Stunden im Auto sitzend, schwitzend (ohne Klimaanlage), frierend (mit Klimaanlage) und beobachtend. Von den Abgasen und dem Stop-and-go wird mir regelmässig schlecht. Vor mir, hinter mir, links und rechts neben mir wälzt sich eine Blechschlange Zentimeter an Zentimeter über Dutzende von Kilometern der Küste entlang, quer durch die Innenstadt, hinein in die versteckten, viel zu schmalen Gassen, hinaus in die Wüste, wo Einkaufszentren, Vergnügungsviertel und die Wüstenstrasse nach Kairo liegen. Minibusse, Rauchwolken qualmende Taxis, hupende Motorradfahrer und ungeduldige PWs drängen und verdrängen sich, klemmen sich ein, schimpfen und entschuldigen sich. Zu allem Überdruss gibt es immer wieder Checkpoints der Polizei. Der Lärm ist ohrenbetäubend und stresst. Kein Fahrzeug ohne Beule oder Schramme.

25. September 2014

Verzweiflungstat

Dieser Mann hat sich mitten in Kairo am Gerüst einer Werbetafel aufgehängt. Welch immense Verzweiflung muss ihn dazu getrieben haben! 

Schande für die Regierung dieses Landes, Schande für die Machthaber, Schande für die korrupten Geier! Hunderttausende würden es ihm nachmachen, wenn sie nur irgendwie könnten, den Mut dazu hätten... denn genug zum Leben haben sie in ihrem Land schon lange nicht mehr und einen Ausweg aus dem Elend ist nicht abzusehen, im Gegenteil, es wird tagtäglich unmöglicher.


5. September 2014

Stromausfall

Als ich gestern früh erwachte, wollte ich wie immer den Ventilator ausschalten – der war aber schon aus! Kein Strom? Kein Strom!

Das hiess auch, keinen Kaffee zum Frühstück. Immerhin konnte ich duschen, denn hier in unserer Wohnanlage ist Wasser trotz Stromunterbruch verfügbar – anderswo nicht. Anderswo heisst das: keine Hände waschen, keine Zähne putzen, keine Klospülung – ausser man hat sich einen Wasservorrat zur Seite gestellt.

Während in den meisten Regionen und Städten Ägyptens mehrmalige Stromunterbrüche pro Tag schlicht zum Alltag gehören und sich die Ägypter so sehr daran gewöhnt haben, dass sie Witze darüber reissen, sind sie in Hurghada eher selten. Und wenn, da nicht bei mir, sondern bei den anderen (ist wirklich so!).

Aber gestern war es fast ganz Ägypten und zwar nicht nur ein paar Minuten oder eine Stunde, sondern von morgens um halb sieben bis in den Nachmittag hinein. Bei 40° C im Schatten ist das mit der Zeit anstrengend. Es gibt keine gekühlten Getränke mehr und keine Klimaanlage. Zusätzlich ist auch das Internetnetz zusammengebrochen: während mehreren Stunden war es nicht möglich, eine Verbindung herzustellen.

Schlimmer aber als diese persönlichen Einschränkungen ist jedoch die Auswirkung auf die eh schon jämmerliche Infrastruktur im Land; nur wenige Institutionen wie Banken, grössere Hotels und vielleicht der internationale Flughafen in Kairo können sich Stromaggregate und den dafür benötigten Treibstoff leisten. Spitäler gehören nicht dazu, Patienten sind dem Tod ausgeliefert. Ältere und geschwächte Menschen riskieren ihr Leben. Die Metro in Kairo blieb stehen, was das unerhörte Verkehrschaos dort noch verschlimmerte. Der Suezkanal konnte nicht betrieben werden, was angeblich einen Schaden in Billionenhöhe (Ägyptische Pfund) anrichtete. Läden, Büros, Computer, Lifte, Fabriken… nichts ging mehr.

Auch wenn die Medien vom schlimmsten Stromunterbruch seit x Jahren (die einen meinten 10, die anderen 20 Jahre) schrieben – der letzte schlimme ist noch kein Jahr her, als eine Überspannung  das ganze Stromnetz in Ägypten lahm legte und Abertausende von Elektronikgeräte zerstörte.
Eine Begründung für die gestrige Dunkelheit hat es nicht gegeben. Als Morsy noch am Ruder war, wurde er für die krankhaften Stromunterbrüche beschuldigt – diesmal wagt niemand, El Sisi zu beschuldigen. Komisch, nicht? Dabei hatte er noch kürzlich versprochen, dass es innert vier Monaten keine Stromausfälle mehr geben würde. Glaube, wer will.

Der nächste Stromausfall kam schon wieder heute Nachmittag, wenn auch nur für ein paar Minuten.



31. August 2014

Schafhirte

Da sitzt jemand ganz allein mit einer Handvoll grasenden Schafen auf dem wohl einzigen grünen Flecken ausserhalb eines Hotels in Hurghada.

Soll ich umdrehen oder nicht? Anstand oder Neugier? Einige Augenblicke habe ich heute Morgen doch gezögert, denn der Wind blies ermüdend kräftig, doch das freundliche Winken des Schafhirten hat mich ermuntert. Ich bin zurück gefahren, hab mein Rennrad auf den Sand gelegt und den Mann begrüsst. 

Er hat sich verwundert erhoben. Der Mann im dunkelgrünen Kaftan ist jung, höchstens dreissig, obwohl sein sonnengebräuntes Gesicht schon Falten zeigt. Seine Augen blicken irgendwie leer, sein Lächeln zeigt bräunlich verfärbte Zähne - typisch für die Armen hier, die nie eine Zahnbürste in die Hände bekommen.

Ich frage höflich, ob ich ein Foto von ihm und den Schafen machen dürfe? Er meinte ja, aber... er wolle Geld dafür! Wo er denn wohne, wo seine Familie sei, frage ich. In Qena und er sei arm. Naja, das kann ich sehen. Hat auch ihn der Tourismus verdorben? Oder ist er so verzweifelt, dass er zum Betteln greift? Das werde ich wohl nie erfahren.




22. August 2014

Innehalten

Kürzlich war ich vor Sonnenuntergang mit dem Rad unterwegs und wenig später wusste ich nicht mehr, ob ich nach links oder nach rechts blicken sollte, denn Richtung Osten sowie Westen spielte zeigte sich mir Atemberaubendes: Links stieg ein riesiger Feuerball aus dem Meer, rechts versank ein bleicher Super Mond hinter den Bergen der Redsea Mountains.

Gestern Abend nun stieg ich aufs Dach, um den Sonnenuntergang zu beobachten und festzuhalten. Und  jeden Morgen und jeden Abend wiederholt sich dieses wunderschöne Naturphänomen.