3. Juni 2013

Überdosis

Sogar die Flugzeuge fliegen in die falsche Richtung. Sie starten südwärts, statt nordwärts wie üblich. Alle paar Minuten beobachte ich, wie eines knapp über die Häuser in die dunkle Nacht hinauf zielt. Südwärts starten sie nur bei absoluter Windstille.

Ich sitze seit Einbruch der Dunkelheit auf dem Balkon. Geduldig, schicksalsergeben und hoffend. Nur einmal entweicht mir ein „ohh!“ – dann nämlich, als der Gebäudekomplex schräg gegenüber erleuchtet wird. Kurz darauf versinkt es wieder im Dunkeln. Ganz Hurghada sitzt im Dunkeln.

31. Mai 2013

Mein heisser Laptop und die Folgen

Begonnen hat alles im September letzten Jahres. Mein Laptop lief heiss und ich brachte ihn in ein Computergeschäft, um den Ventilator zu reinigen. Das war schon Mal nötig und danach lief der Laptop weiterhin… heiss. Damals zerkratzten die Fachleute das Gehäuse und die „Delete“-Taste war etwas eingesunken. Aber alles funktionierte.

Also, eines Abends, auf dem Rückweg von einer Unterrichtsstunde ausser Haus, so um 19 Uhr, ging ich in das Geschäft und erklärte mein Anliegen. Der junge Mann starrte mich an, als ob er kein Wort verstehen würde. Also fragte ich, ob er Englisch spreche. Ja natürlich, war seine Antwort, aber ich solle doch mein Anliegen dem Chef sagen. Wieso sagte er mir das nicht sofort? Also trug ich mein Anliegen dem Chef vor. Dieser kannte mich von früher.

Zwei Stunden solle ich warten. Kein Problem, ich sagte, dass ich nach 21 Uhr zurück käme, das Gerät aber dringend brauche. Ich arbeitete damals an einer mühsamen Übersetzung und seit ich in Ägypten lebe, kann ich ohne Internet nicht mehr sein.

Ich genoss im Fischrestaurant ein paar Häuser weiter einen herrlichen Fisch, Tahina und Fladenbrot. Erneut stieg ich die Treppen über der ortstypischen Metzgerei (beim Vorbeigehen senke ich den Blick, um das aufgehängte, rohe Fleisch nicht ansehen zu müssen) zum Computergeschäft hoch, hoffend, dass mein Laptop fertig war.

11. Mai 2013

Wie ist das Leben für eine Frau in Hurghada?

Diese Frage wird mir hin und wieder gestellt, mündlich oder auch schriftlich, und ich versuche hier, eine Antwort zu formulieren. Jede Frau wird darauf unterschiedlich antworten, je nach ihrer Herkunft, ihrem Bildungsstand und ihrer Lebenssituation. Ich kann also nur meine Ansicht wiedergeben und zu einem kleinen Teil jener meiner Bekannten und Freundinnen.

Andere Länder, andere Probleme
Ferien in Hurghada sind wunderschön: die Hotelanlage ist traumhaft und gepflegt, die Angestellten und Verkäufer im Hotel bedienen freundlich, die Sonne scheint, es weht ein angenehmer Wind, das Essen schmeckt gut. So erlebt ein Gast Ferien auch beim zweiten und dritten Mal. Das Leben ausserhalb der Hotelanlage sieht aber anders aus.


Muttertag

Zum Muttertag hier mal einen ganz persönlichen Beitrag:

Liebe Mama,
Danke für alles, was du mir auf meinen Lebensweg mitgegeben hast.
Deine Tochter

7. Mai 2013

Nicht mehr da und noch nicht weg

Die Grenzen verwischen sich. Meine Verpflichtungen in meiner Heimat sind beendet. Versuche ich mich an die ersten zwei Monate im kalten Winter zu erinnern, empfinde ich nur schwarz. Lange Arbeitstage plagten mich, die Arbeitslast bedrückte mich und vor dem Bürofenster klebte Nebel, tanzten Schneeflocken oder es war dunkelschwarz. Die letzten zwei Monate waren bunter und voller Hoffnung auf den Frühling und auf ein baldiges Ende meines Einsatzes; beide hatten es nicht eilig.


Nun stehe ich erleichtert am Ende oder am Anfang, je nach Blickrichtung. Ich bin noch nicht wieder in Hurghada, aber auch nicht mehr festgehalten in dem starren Korsett des Alltages. Ich habe die Sprachgrenze überquert, die für mich keine Grenze, sondern eine Öffnung darstellt. Mit der Sprache kam auch schon die andere Kultur hinzu. Mit jedem Autobahnkilometer, den ich hinter den Alpen weiter südwärts fuhr, fand ich näher zurück - zu mir.

In Hurghada lebe ich in einer internationalen Gemeinschaft. Das fordert und fördert mich. Ich liebe diese Art von kulturellem und sprachlichem Gemisch, auch wenn es alles andere als einfach ist. Meine Welt dort ist weiter, grösser und vielfältiger als jene in meiner Heimat.

Und trotzdem fällt der Abschied schwer. Tränen in den Augen einer Freundin, Wortfetzen aus einem Gespräch mit meinen Eltern, der Duft der Maiglöckchen – sie sind bald nur noch Erinnerungen oder… Vorfreude auf das nächste Mal?

Drüben jene, die sich schon lange auf ein Wiedersehen freuen und sich während den langen Monaten mit Facebook und Email in meinem Leben hielten.

Abschied bedeutet Wiedersehen. Für ein paar Tage bewege ich mich in einem anderen Kultur- und Sprachraum, der mir Heimat war und noch immer ist. Die Grenzen zwischen hier und dort verwischen sich und werden völlig unwichtig. Wichtig ist das, was in mir bleibt. Der Duft der Macchia, der Blick von Le Manie aufs Meer hinaus, der Geruch des Waldbodens nach dem Frühlingsregen, die erste Frühlings-Radfahrt mit einer Freundin, eine Träne, eine Umarmung, ein „Schlaf gut“, ein Lachen… War es in Deutsch, Englisch oder Italienisch? War es in Hurghada, in Poschiavo oder in Triesen?

Unwichtig. Hauptsache, es ist und ich bin.

17. März 2013

Port Said – immer noch

Endlich finde ich wieder ein bisschen Zeit für meinen Blog…


Die Stadt an Mittelmeer und Eingang zum Suez Kanal hat seinen Frieden und seinen Glauben an Gerechtigkeit wohl endgültig verloren.

Vor einem Jahr, Anfang Februar, war da dieses Fussballspiel Ahly Kairo gegen das Team Masry in Port Said. Ein Spiel wie viele Fussballspiele rund um den Globus: Fans, Aggressionen, Gewalt, Beinahe-Krieg. Fussball ist etwas von dem Wenigen, das den Menschen noch etwas Abwechslung bietet. Doch dieses Fussballspiel war schlimmer: denn nach Schlusspfiff gingen die Fans aufeinander los: Sie wurden von den Rängen gestürzt, sie wurden mit Messern verletzt; wer fliehen wollte, stand vor verriegelten Ausgängen und wurde zu Tode getrampelt. Folge: über 70 Tote, mehrheitlich Fans von Ahly Kairo.

Der Schock war riesig, die Wut auch. Familien haben ihren Ernährer oder ihre Söhne verloren. Sie fuhren am Nachmittag in Bussen nach Port Said als Fans und wurden am anderen Morgen als Leichen in Särgen nach Kairo zurück gebracht. Hinzukommt, dass sich die beiden Fangemeinschaften gegenseitig beschuldigen, Auslöser dieses Massakers zu sein.

Die betroffenen Familien und die Fussballvereine verlangten eine Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen. Beides liess auf sich warten; doch immerhin trat ein hoher Beamter zurück.

Inzwischen sickerte durch, dass – wie sonst üblich - vor dem Spiel keine Sicherheitsprüfungen gemacht wurden, um Besucher nach Waffen oder anderen gefährlichen Gegenständen zu durchsuchen. Es wurde bekannt, dass sich die Polizei während des Spiels zurückzog. Dem einen oder anderen Fan dämmerte es, dass sich da etwas anbahnte und er verliess das Spiel in der Pause oder während der zweiten Halbzeit. Das rettete manch einem das Leben. Auf Fotos ist zu sehen, wie Sicherheitsausgänge verschweisst (!) waren.

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Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich, wie ich einmal in Alexandria mit einer Freundin unterwegs war, als eines dieser grossen Fussballspiele stattfand. Ausnahmsweise fuhr sie ihren Wagen selbst und wir mussten an einem Stadion vorbei, wo sich die Fans nervös und erregt bis in die Strassen drängten. Trotz grosser Hitze verriegelte sie Fenster und Türen und betete, dass wir heil davon kämen. Sie erzählte mir auch, wie ein Mann durchs offene Fenster ihre goldene Halskette abgerissen hatte…

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Im vergangenen Januar verkündete das Gericht das Urteil: 21 Todesurteile, davon zwei oder drei Polizisten, die anderen alles junge Männer und Jugendliche aus Port Said. Kairos Ahly Fans jubelten zuerst, wurden dann aber wütend, weil sie das Urteil als zu milde empfanden. Die Menschen in Port Said hingegen waren erschüttert, denn ihrer Meinung nach werden sie als Sündenböcke für die wahren Drahtzieher gebraucht. Der Trauerzug wurde zu einer Demonstration, die in brutalen Krawallen und zu weiteren Toten führte. Im Internet sind Bilder und Videos zu sehen, wie Scharfschützen die Menschen in den Strassen niederstrecken.

Darauf rief Mursi eine monatelange Ausgangssperre aus, die prompt von den Bewohnern ignoriert wurde. Weder die Polizei, noch das Militär griffen ein. In ihrer Verzweiflung begannen die Port Saider mit zivilem Ungehorsam und übernahmen ihre Stadt in Selbstverwaltung. Die Polizei streikt. Beides, der zivile Ungehorsam sowie der Polizisten-Streik haben auf andere Städte im Delta übergegriffen. Das Militär bewacht nun die wichtigsten Gebäude. Einzig der Betrieb des Suez Kanals wurde bis auf wenige Stunden verschont.

Vor einigen Tagen wurde das Urteil bestätigt. Und immer weitere Tatsachen kommen ans Licht. Beweise, wie z.B. dass ein zum Tode Verurteilter das Spiel vor der zweiten Halbzeit verliess, weil er an einer Hochzeit teilnahm, wurden von den Untersuchungsrichtern nicht akzeptiert. Selbst die Polizei in Port Said gibt zu, im Chaos wahllos Hunderte von Männern festgenommen zu haben und darunter mögen sich zahlreiche Unschuldige befinden. Andere wurden zuhause verhaftet oder, wie einer in einem Interview mit der Online-Zeitung „Ahram Online“ erzählt, weil er sich weigerte, die Namen der Port Said Ultras bekannt zu geben. Ein anderer sagt, dass er zum Tode verurteilt sei, sich aber nicht der Polizei gestellt hat. Jede Minute können sie ihn ergreifen…

Es heisst zudem, dass die Ahly Ultras, die sich im Verlaufe der vergangenen zwei Jahre immer öfter politisch engagieren, sich mit den Muslim Brüdern trafen. Man munkelt, dass mit der Zahl der Verurteilten und jenen, die in den Strassenschlachten umkamen, nun gleich viele Tote wie bei den Ahly Fans sind…

Haarsträubend. Dabei ist das noch nicht alles. Mag sein, dass die MB mit Port Said und den anderen Städten am Suez Kanal eine offene Rechnung zu begleichen hatten: die Bewohner dort stellen sich seit je gegen die MB. Jedenfalls scheint es, als ob die Regierung die Menschen in Port Said ausbluten lassen wollte: auch ihr Statut als „Sonderwirtschaftszone“ (zollfreie Zone) ist in Gefahr.

Fussball ist Spielball der Politik. Die einen spielen munter mit, die anderen vermuten es, können sich aber nicht wehren. Ein Spiel, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Vorerst noch. Nur merkt noch keiner, dass am Ende alle verlieren.

Auf der Strecke bleiben die Arbeiter, die Frauen und Mütter. Es gibt immer weniger Arbeit und nun trauern die Frauen um ihre Männer und halbwüchsigen Söhne. Eine junge, allein erziehende Witwe ist in dem erzkonservativen Land am Ende. Eine Frau, dessen Mann jahrelang im Gefängnis sitzt oder der zum Tode verurteilt wird, ist ebenfalls am Ende. Eine Familie, die ihren Ernährer verliert, ebenfalls. Wohin sollen die Menschen mit ihrer Wut und ihrer Trauer? Es gibt keine Polizei, bei der sie ihr Recht einfordern können. Es gibt kein Gericht, das Gerechtigkeit walten lässt. Es gibt kein Sozialsystem, das die Betroffenen finanziell, geschweige denn psychologisch unterstützt. Es ist eine Tragödie sondergleichen und ich bezweifle, dass sie schon zu Ende ist.

Sarkastischer Nachtrag:
Bei besagtem Spiel gewann wider Erwarten und ausnahmsweise Port Said. 

24. Februar 2013

Sofa Partei - حزب الكنبة


Seit Ausbruch der Revolution kursiert in Ägypten der Begriff „Hesb el-kanaba“ – Sofa Partei – herum. Gemeint sind damit all jene Ägypter, die, zuhause auf dem Sofa sitzend, die Ereignisse im Land im Fernsehen verfolgen. Sie verhalten sich passiv, lassen sich nicht dazu bringen, ihren bequemen Platz für die Gefahr und Unsicherheit der Strasse aufzugeben. Aus ihrer Sicht waren jene dort draussen auf dem Tahrir Platz Spinner, Aufgestachelte, Agenten, Nichtsnutze und Störenfriede.

Dass „jene dort draussen“ sich einsetzen und ihr Leben riskieren für etwas, was irgendwann allen Ägyptern zugutekommen sollte, ist bei der zahlenmässig grössten Partei des Landes – der Sofa Partei – nicht angekommen. Trotzdem hörte man nach jedem erneuten Aufstand, dass sich „neue“ Gesichter dazu gesellten. Sie waren stolz, endlich dabei zu sein, und schienen begriffen zu haben, worum es geht.

Vor zwei Wochen hat die Stadt Port Said mit einer neuen Art von Aufstand begonnen: mit „zivilem Ungehorsam“. Port Said fordert Gerechtigkeit für die vielen Toten am diesjährigen Jahrestag des hässlichen Massakers im Fussballstadion vor einem Jahr und den Toten von damals. Ausgerechnet Port Said. Es ist eine der Städte am Suezkanal, welcher einer der wichtigsten (und finanziell letzten) Lebensadern Ägyptens darstellt und grosse Bedeutung für den Welthandel hat. Sehr heikel. Noch ist der Betrieb am Suezkanal gewährleistet. Sollte er ausfallen, dürfte eine Intervention seitens der Import- und Exportmächte in West und Ost nicht ausbleiben. Trotzdem nehmen Arbeiter des Kanalbetriebes (freiwillig oder unfreiwillig) am „zivilen Ungehorsam“ teil.