12. September 2018

Aufriss nach ägyptischer Art


Mein Auto habe ich auf dem Parkplatz gelassen und gehe gemütlich die letzten 500m zum Strand. Allerdings nicht der Promenade entlang, sondern hinten rum, wo sich um diese Jahreszeit auch am späteren Vormittag noch Schatten findet.

Ein junger Mann kommt mir entgegen. Einer wie alle diese jungen Kerle, welche als Produkt der Bevölkerungsexplosion inzwischen die erschreckende Mehrheit der Bevölkerung ausmachen: austauschbar in Jeans, T-shirt, Baseball-Mütze und Turnschuhe gekleidet. Millionen gibt es von ihnen und wenn sie nicht studieren oder krampfen müssen, lungern sie rum: in Cafés, am Strassenrand, vor Häusern und Geschäften.

Der hier geht an mir vorbei, nicht aber ohne mich innert Sekunden zu taxieren und klassieren. Macht nichts, ich freue mich aufs Schwimmen und steuere zwischen den Alt-Kairo nachgeahmten Häusern an die Promenade und zum leeren Strand. Dort lass ich meine Tasche stehen und wende mich dem Meer zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Kerl an der Promenade. Läuft der mir nach?

10. September 2018

Wenn Amor auf Analphabetismus trifft


Grad wieder wurde ich von einer jungen Frau angeschrieben, ob ich ihrem ägyptischen Mann Deutsch beibringen könne.

Die Dame meinte, er sei sehr sprachtalentiert.

Nachdem ich meine üblichen Informationen zu Methode, Preisen, Zeiten und Bedingungen mitgeteilt habe, vereinbaren wir, dass der Mann sich melden soll.

Das tut er nach ein paar Tagen telefonisch. Sein Englisch verstehe ich kaum und so wechseln wir ins Arabische. Scheinbar ist mein Arabisch besser als sein Englisch, obwohl meine Kenntnisse mangels regelmässigen Gebrauchs dürftig sind. Aber wir verstehen uns.

Der Haken ist: Der Mann kann weder lesen noch schreiben, auch nicht in seiner Muttersprache. Analphabet also. Er arbeitet im Bazar. Ja, die sind alle sprachtalentiert, die können in 10 verschiedenen Sprachen gefühlte 10 Sätze sagen. Und charmant lächeln und blendend aussehen. Damit hat es sich aber.

Der offizielle Anteil an Analphabten in Ägyten liebt bei Männern je nach Quelle zwischen 17% bis 25%, bei Frauen um die 40%. Anders herum gesagt: jeder FÜNFTE Mann und jede DRITTE Frau kann weder lesen noch schreiben. Dazu kommen noch diejenigen, die nur die Zahlen und ihren Namen schreiben und lesen können.

30. Juli 2018

Krank in der Fremde


Oder: Wie wichtig Freunde sind.

Denn krank sein in der Fremde ist anders, als daheim, wo man jeden kennt und weiss, wie man zu Hilfe kommt.

Leider ist es mir vor drei Tagen wieder mal passiert, dass mein Körper sich heftig gegen etwas wehrte. Mir war schon einige Tage vorher nicht so wohl, ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch, Rückenweh und deshalb auch Kopfweh, und am Freitag dann war ich aussergewöhnlich müde.

Die eindrückliche Mondfinsternis vom Freitagabend habe ich bei Freunden mit einem Bier gut gelaunt bestaunt. Nach Mitternacht, als ich wieder zu Hause war, ging das Malheur los. Erbrechen und schwere Diarrhö.

Am Folgetag schlief ich wie benommen und rannte dazwischen ins Bad. Essen ging nicht, Trinken konnte ich auch kaum. Ich hoffte, am Sonntag wäre das besser.

12. Juli 2018

Freiwillig unters Messer in Hurghada


Hurghada wimmelt von Privat-Krankenhäusern und Zahnärzten. Die tiefen Preise locken zahlreiche Ausländer und Ausländerinnen her, sich an ihrem Körper herumschnepfeln zu lassen.

Ich kann es nachvollziehen, wenn sich Frau oder Mann hier die Zähne richten lässt. Es kostet ein Bruchteil dessen, was in europäischen Ländern zu bezahlen ist – und sollte ein Pfuscher sein Handwerk nicht verstehen, dann ist nicht allzu viel kaputt: Künstliche Zähne können wieder ersetzt werden.

Was ich einfach nicht begreifen kann, ist, dass sich Frauen hier freiwillig unters Messer legen, um sich „verschönern“ zu lassen. Schönheitsoperationen boomen und allein bei der Vorstellung graut es mir. Ich hatte zwei Unfälle, musste operiert werden und möchte das niemals freiwillig über mich ergehen lassen. Kommen noch die hygienischen Verhältnisse dazu, die im seltensten Fall europäischem Standard entsprechen. Und die Ärzte? In Kairo gibt es gute Kliniken und Ärzte. Die bleiben aber dort, die kommen nicht hierher nach Hurghada. Hierher kommen die anderen, die Erfahrung brauchen. Oder Geld.

23. Juni 2018

Unterwegs nach Luxor


Alle zwei oder drei Jahre finde ich einen Grund, um nach Luxor zu fahren. Meine erste Fahrt erlebte ich in einem Touristenbus: Gebirge und die langgezogene Hochebene dort oben in der Wüste prägten sich mir tief ein.

Spätere Fahrten waren unmöglich lang, unbequem und unsicher: mit dem Minibus oder dem Bus. Einmal mit offenen Fenstern in der Hitze, einmal frierend in der Klimaanlage, zweimal  übermüdet in einem PW mit Chauffeur von Assuan kommend und immer mit Verspätung. Oh ja, und einmal mit einem Minibus im Schneckentempo, weil der Fahrer meinte, es gäbe in Hurghada kein Benzin zu kaufen. Das war während der Zeit der Moslembrüder, als Treibstoff in die Wüste gekippt wurde, um Knappheit zu schaffen.

16. Juni 2018

Davon laufen oder Neues suchen?


Eine junge Dame aus Südafrika sitzt neben mir im Auto. Ich nehme sie mit in die Stadt und wir quatschen über dies und das, eher ernst-philosophisch, so wie ich es mag, aber so genau weiss ich es nicht mehr.

Was ich jedoch nicht so schnell vergessen werde, ist die unerwartete Frage: „Und weshalb bist du hier?“

Ich schlucke. Ich überlege: Was soll ich sagen? Ich musste die Frage schon oft beantworten und habe das ohne Zögern offen und ehrlich gemacht. Ich bin keine Heuchlerin, Ehrlichkeit – selbst zu meinem Nachteil – gilt mir als Tugend, auch nach neun Jahren in diesem Land.

Wunsch nach Veränderung, Reiz des Neuen, Lust auf Abenteuer fern der Heimat nannte ich als Triebfeder. Damals war das Leben hier günstig, ein (finanzielles) Scheitern würde nicht so weh tun. Fernweh hat mich schon immer geplagt, Herausforderungen pflastern quasi meinen Lebensweg und haben tiefe Spuren hinterlassen. Ohne sie wäre mir das Leben etwas gar eintönig und fad. So in etwa lautete meine Antwort.

Nach mehreren Monaten intensiver psychologischer Arbeit ist mir jedoch bewusst, dass meine Antwort nur das knitterfreie Bild einer Fassade widergab. Und da die junge Dame und ich schon Obeflächlichkeiten beiseite gelegt hatten, hörte ich mich sagen: „Es war wohl eine Flucht.“

Ihre Erwiderung hörte sich an wie ein Satz eines Weisen: „Wir hier sind wohl alle vor etwas auf der Flucht.“

Wenn ich an all die Betrüger und Schatzsucher aus dem In- und Ausland denke, die sich hier tummeln, stimme ich dieser Aussage sofort zu.

Doch da sind auch Investoren, die es hier zu ansehnlichem Vermögen gebracht haben. Sind sie auch geflohen? Wovor? Oder hat sie einfach der Geschäftssinn und die Liebe zum Roten Meer hier behalten?

Und die älteren Ehepaare? Gilt der Wunsch nach einem Lebensabend unter der nordafrikanischen Sonne und fern des Regens auch als Flucht?

Und was ist mit den unzähligen alleinstehenden älteren Frauen und weniger zahlreichen alleinstehenden älteren Herren? Wovor sind sie geflohen?

Doch es gibt auch noch jene undefinierbare Gruppe, die sich zwar in die Ferne aufgemacht hat, aber feststellen muss, dass sie den Fluchtgrund in sich tragen. Dazu gehören die junge Dame und die Schreiberin hier. Erst wenn wir uns diesem Fluchtgrund stellen, schaffen wir es, uns davon zu lösen.

Dann braucht es den Reiz des Neuen vielleicht nicht mehr.


Einblick in die Existenz einer Plastiktüte


Plötzlich ist Plastikabfall in aller Munde bzw. in allen Medien. 
Folgenden Text habe ich schon 2010 geschrieben:

Ganz kurz nur hat sie ihren Dienst getan: Sie wurde fabriziert, um Chips, Cola oder Eiscreme zu halten. Sie ist nicht besonders kräftig, aber doch genügend fest, um ein paar Kleinigkeiten zu tragen, damit diese nicht auf die Strasse purzeln. Nun wurde die kleine weisse Plastiktüte zusammen geknüllt und achtlos auf die Strasse geworfen. Dort krümmt sie sich, sucht Halt an einem Stein, einem Zaun.

Ein Müllmann nimmt sie auf und wirft sie in seinen Kübel. Dort liegt sie auf Plastikflaschen, Zigarettenkippen und Blechbüchsen. Weitere Plastiktüten gesellen sich zu ihr, Glasflaschen und Pizzaschachteln erdrücken sie. Nach einigen Tagen wird der Kübel ausgeleert, in einen grossen Metallcontainer. Fast könnte die Plastiktüte mit dem Wind entwischen – doch schon wird sie von anderem Unrat festgehalten.

Mit einem heftigen Ruck wird der Container gekippt. Plötzlich fühlt sich die kleine weisse Plastiktüte befreit: Ein Windstoss erfasst sie, hebt sie hoch, lässt sie durch die Luft wirbeln! Diese unerwartete Freiheit irritiert sie… wo soll sie denn hin? Ziellos tanzt sie in die Höhe, lässt sich herabfallen, treibt knapp über der Strasse dahin, weicht einem Busch aus und gewinnt wieder an Höhe. Am liebsten würde sie vor Freude jauchzen, so herrlich ist es, sich mit dem Wind treiben zu lassen.

Doch abrupt wird ihr stilles Juchzen abgewürgt. Die Plastiktüte hat sich in den Ästen eines hohen Baumes verfangen, der Wind zieht ihre Schlaufen in unterschiedliche Richtungen. Die Tüte droht zu zerreissen, wehrt sich, flattert, zittert noch eine Weile, doch der Wind ist stärker.