25. Mai 2017

Melonen-Wächter

Da und dort türmen sich am Strassendrand riesige grüne Wassermelonen. Sorgfältig aufgestapelt auf parkierten Pickups oder auf dem mit einer Decke belegten Sand. Manch ein Verkäufer hat eine der schweren Früchte aufgeschnitten: das Rot des Fruchtfleisches leuchtet in der Morgensonne und lockt Kunden an. Für sie ist es bequem, ihr Fahrzeug schnell am Strassenrand anzuhalten und diesen herrlichen Durstlöscher zu erstehen.

Tagsüber stellen die Verkäufer Sonnenschirme auf oder spannen ein Tuch über Ware und sich. Nachts sitzen und liegen sie in Decken gehüllt neben der Melonen-Pyramide.

Als ich früh morgens wegen bürokratischem Papierkram in den anderen Stadtteil fahren muss, gleiten die grünen Kugelberge an mir vorbei. Manch ein früher Kunde lässt sich schon eine Melone aufschlitzen und in eine Plastiktasche geben.

Jäh fällt mein Blick auf einen verwaisten Melonen-Stand. Tatsächlich niemand da? Das kann nicht sein! Fast bin ich vorbei, als ich eine Wolldecke am Boden erhasche, deren unregelmässige Form verrät, dass da einer schläft. Ich erhasche das Gesicht, erahne den kleinen Körper, der da friedlich im Sand, am Strassenrand, im Schatten der Melonen schläft.


11. Mai 2017

Verspätete Reisende

In die Wüste hat es mich heute gezogen, weg von Häusern und Menschen und Autos und allem Drum und Dran, das mir meine Energie raubt.

Ich marschierte über Hügel, überquerte Sandebenen, blieb hie und da mal stehen, um einen seltsamen Stein näher zu betrachten: smaragdgrün, Schneckenhausmuster… Ich guckte in den Himmel, der milchigtrüb schien. Es stürmte.

Aus der Ferne sah ich in fast regelmässigen Abständen etwas aufgereiht, fast wie Tontauben zum Abknallen. Das macht natürlich keinen Sinn dort, wo ich war, aber im ersten Moment sahen die Dinger so aus. Schwarzweiss. Je näher ich kam, umso seltsamer muteten die Gebilde an: wie grosse Eier. Auf roten Stängeln… bis mir einfiel: das müssen Vögel sein!

5. Mai 2017

Auto-Service

Zwanzigtausend Kilometer zeigt der Zähler an und so ist ein Service fällig. Ein grosses Unterfangen in dieser Region.

Die Preise in Kairo sind anders. Zwei Garagen rufe ich vorher an, zwei unterschiedliche Auskünfte bekomme ich. In Hurghada erhalte ich nochmas eine andere Auskunft, teurer auf jeden Fall. Aber die Aussicht, mich in Kairo durch den Verkehr zu wühlen und die Garage nicht zur vereinbarten Zeit zu erreichen, bereitet mir Kummer und so lass ich die Idee fallen, obwohl ich grad nach Kairo muss.

Also Hurghada. Während ich vom Warteraum mit Fensterscheibe (wie auf dem Flughafen!) dem Treiben in der Halle zugucke, unterhalte ich mich mit den anderen Kunden. Einer schimpft mit Zornesröte im Gesicht, er warte schon seit einer Woche auf eine neue Batterie. Unglaublich. Kairo liegt auf dem Mond. Dort liegen auch die Ersatzteile. So etwas wie ein Ersatzteillager scheint hier unbekannt zu sein.

Ein anderer Kunde erzählt mir, dass er den Service hier nur wegen der Garantie machen lässt und alles nochmals bei einem Mechaniker seines Vertrauens überprüfen lässt. Mich schaudert. Er empfiehlt mir auch, Ersatzteile in Kairo zu kaufen und wenn möglich, dort den Service machen zu lassen. Preis und Qualität seien nicht mit jenen in Hurghada zu vergleichen. Mich schaudert noch mehr. Das ist ein Ägypter, der mir diesen Rat gibt. Umso schlimmer.

3. Mai 2017

Von meiner Liebe zu Sprachen

Ich liebe Sprachen. Ich habe schon als Fünftklässlerin einen Abendkurs in Englisch belegt. Ich erinnere mich, dass ich mich – schüchtern wie ich war - unter den erwachsenen Kursteilnehmern zwar verloren fühlte, aber innerlich unheimlich stolz auf mich und sehr entschlossen war!

Mit fünfzehn verkündete ich, ich würde mal Arabisch lernen. Ich wusste damals nur, dass Arabisch die Sprache der Märchen aus 1001 Nacht und Karl Mays Kara Ben Nemsi war. Das habe ich dann wieder vergessen. Zum Glück. Für einige Jahre musste ich mich auf die Schule konzentrieren. Danach ging es aber wieder los mit den Sprachen. Meine Liebe dazu hat bunte Blüten getrieben und mich sogar dazu verführt, Ladin auszuprobieren.

Fremdsprachen verkörpern für mich Exotik und Faszination. Sie öffnen Türen zu einer sonst verborgenen Welt. Sprachen widerspiegeln Denkweise und Kultur eines Volkes. Dieses Wissen, das sich mir dabei auftut, verschlinge ich regelrecht, verarbeite es und vergleiche es mit meiner/unserer Denkweise und Kultur. Es hilft mir, die andere Welt doch annähernd zu verstehen oder eben, die Grenzen des Nicht-Verstehens zu entdecken.

28. April 2017

Rückkehr nach Hurghada

Ferien vorbei. Rückkehr nach Hurghada. Türe aufschliessen und daheim sein, sich von den Reisestrapazen erholen – ein Wunsch, der wohl nur jenen erfüllt wird, die jemanden haben, der sich während der Abwesenheit um die vier Wände samt Inhalt kümmert.

Wohnung

Dass es geregent und gestürmt hat, habe ich erfahren. Die Spuren würden in meiner Wohnung sichtbar sein. Dass es einen Sandsturm gab, habe ich auch erfahren. Ich weiss, wie die Wohnung danach aussieht – bei geschlossen Fenstern.

Trotzdem gab es eine Überraschung.

11. April 2017

Blick ins Meer

Es war Ostwind oder vielleicht sogar Südwind. Jedenfalls jene Windverhältnisse, die in Ägypten seltener vorkommen und in Hurghada die Flugzeuge anders herum starten lassen. Und die Luftfeuchtigkeit ans Land bringt. Und noch anderes mehr.

Ich war surfen. Es hatte Quallen, wie im Frühling leider üblich. Die Schildkröte sah ich auch, die tauchte ein paar Meter vor mir ab. „Ich bin Gast hier, es ist IHR Wohnrevier,“ denke ich oft, wenn ich im oder auf dem Meer bin. Doch mit dem Ost- oder Südwind steigt nicht nur die Luftfeuchtigkeit und die Quallen lassen sich wie in Trance ans Ufer tragen. Schlimmer ist: aller Abfall, alles, was versehentlich oder vorsätzlich ins Meer fliegt, rollt, fällt und geworfen wird, kommt an Land zurück.

Grässlich. Im wunderbaren Tiefblau des Roten Meers, auf, in und zwischen den wogenden Wellen schwammen Holzplanken und Plastiksäcke, Plastikflaschen, Plastikgeschirr, Plastikbecher, zerrissene Seile, einzelne Flipflops, Fetzen von Textilien, Zigarettenstumpen, Fässer und immer wieder alle Art von Plastikteilen. Die zartlila Quallen wirkten dazwischen wie mystische Fremdkörper.

3. April 2017

Momente in Kairo

Warten I

Ich sitze am Hauptsitz einer grossen, beinahe hundertjährigen Bank. Seit zwei Stunden. Die riesigen Teppiche sind abgetreten und verschmutzt. Die Grünpflanzen stecken in vertrockneter Erde. Die Rollläden in den beiden Sitzungszimmern hängen schief, die Lamellen sind zerbrochen, liegen teilweise am Boden.

An mir gehen weibliche Angestellte vorbei. Jede trägt ein Päckchen Papiertücher in der Hand, manche noch eine Flasche flüssige Seife.

Sie gehen aufs Klo. Dort gibt es weder Seife noch Toilettenpapier noch Handtücher. Nur Wasser.
Ich weiss es, weil ich auch dort war. Aus den zwei wurden nämlich fünf Stunden, auf verschiedenen Stockwerken, in verschiedenen Abteilungen.

Und überall tragen die weiblichen Angestellten ein Päckchen Papiertücher vor sich her… Warum um alles in der Welt packen sie die nicht in die Handtasche, damit nicht jeder sieht, was sie vorhaben???

Warten II

Links und rechts von mir schieben sich Fahrzeuge vorbei. Ich steuere mein Auto auch vorwärts, versuche mit der Schieberei mitzuhalten. Schon seit über einer Stunde. Seit ich von der Ringstrasse runter bin.

Vor mir kriecht ein Fahrzeug mit schwarzen Scheiben und dem ägyptischen Wappen. Ein hohes Tier – das im Auto, nicht das auf dem Wappen. Die mag ich nicht – nicht die Wappen, sondern die verdunkelten Scheiben. Da sehe ich nicht, was davor passiert. Fussgänger quetschen sich zwischen den schiebenden Fahrzeugen durch, versuchen die Strasse heil zu überqueren. Eine ältere Frau in schwarzer Galabeya und schwarzem Niqab bedeutet resolut mit einer Handbewegung „Halt, lasst mich durch!“ Ich bewundere sie. Es funktioniert nämlich.

Zwischen den am Strassenrand parkierten Autos und der stehend-fahrend-schiebenden Dreier- oder Viererkolonne, die manchmal zu einer Zweierkolonne zusammengequetscht wird, schiebt ein junger Mann seelenruhig einen Behinderten im Rollstuhl. Mein Gott.

Eine ältere Frau mit leblosem oder bewegungslosem Kind – oder ist es eine Puppe? – bettelt jeden Fahrzeuglenker um Almosen. Mir wird elend ob all dem Elend.

Kellner tragen wagemutig Tablette mit Tee oder Kaffee von einer Strassenseite auf die andere, kunstvoll die Getränke balancierend, den Fahrzeugen ausweichend, Konfrontationen mit Fussgängern vermeidend. Ein Kunststück unter Lebensgefahr.

Warten III

Wieder ein Taxifahrer von Careem (einem Fahrdienst mit App, wie Uber). Er ist neu. Er kennt sich nicht aus. Mein Pech. Immer wieder guckt er im GPS auf die Adresse, die ich ihm angegeben habe. Viermal fragt er auf der Strasse: Polizisten, Fussgänger. Wir fahren mehrmals rund ums Quartier, an herrlichen neoklassizistischen Gebäuden vorbei. Das hätte ich auch gekonnt, dazu brauche ich kein Taxi. Nur hätte ich die Gebäude dann nicht bewundern können. Aber ich kenne sie ja schon, vom letzten Versuch mit diesem Taxidienst…