Mittwoch, Februar 19, 2014

Sexuelle Belästigung

Immer wieder wollte ich über dieses Thema schreiben. Warum ich es nicht gemacht habe? Weil es in Ägypten ein allgegenwärtiges Thema ist und von den Medien regelmässig aufgegriffen wird. Warum ich es jetzt endlich mache? Weil ich selbst betroffen bin. Viele Ausländerinnen, die hier in Ägypten leben, lesen meinen Blog und ich bitte euch: schweigt nicht mehr, wenn ihr belästigt werdet! Wehrt euch, wendet euch an Harassmap oder andere Organisationen! Zudem fordere ich die Männer auf, die Angreifer abzuhalten, zu massregeln und zu belehren! Geht mit gutem Beispiel voran!

Was ist sexuelle Belästigung?
„Jede Form von unerwünschtem Verhalten sexueller Natur, das sich in unerwünschter verbaler, nicht-verbaler oder physischer Form äussert und das bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterung, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen und Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.“
(EU-Richtlinie 2002/73/EG, Zitat von TU Graz)
„Sexuelle Belästigung ist eine häufige Erscheinungsform der Gewalt gegen Frauen. Sie reicht von weniger schwerwiegenden Formen wie Anstarren und anzüglichen Bemerkungen über Belästigungen am Telefon oder Computer oder unerwünschte sexualisierte Berührungen, sexuelle Bedrängnis bis hin zu sexualisierten körperlichen Übergriffen.
Je nach Form, Kontext und Ausmaß können sexuelle Belästigungen darüber hinaus auch strafbare Handlungen sein, zum Beispiel Beleidigung, sexuelle Nötigung, Nachstellung.“
(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)
Wenn ich weiter google, stosse ich immer nur auf „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, dabei ist diese Art von Belästigung in allen Bereichen des Alltags verbreitet. Besonders Frauen gegenüber. Auch in Europa.

Sexuelle Belästigung in Ägypten

Gemäss den Ergebnissen einer Studie (Egyptian Center for Women’s Rights, 2008) sind 83 % der Frauen mindestens einmal auf der Strasse sexuell belästigt worden, die Hälfte der Frauen täglich. Auch Ausländerinnen wurden befragt: 98 % sagen aus, sie seien sexuell belästigt worden. 62% der Männer geben zu, Frauen in dieser Hinsicht zu belästigen.

In den letzten drei Jahren der Umwälzungen hat sich dieses Problem noch verschärft. An Demonstrationen wurden Frauen von Männergruppen vergewaltigt, entblösst, verprügelt und/oder verschleppt. Diese Einschüchterungsversuche („warum überhaupt gehen Frauen auf die Strassen?“) werden dem jeweiligen Regime zugeschrieben.

Überaus populär sind Belästigungen an Feiertagen, wo ganze Horden von meist jungen Männern den Frauen auflauern, sie anzüglich anschauen, ihnen nachrufen, ihnen nachgehen, sie an Po oder Busen betatschen oder ihnen den Weg versperren. Die Belästigung von Frauen ist ein Volkssport in Ägypten.

Dazu kommen schwere Übergriffe wie Vergewaltigungen von Minderjährigen durch Familienmitglieder, sexuelle Nötigung und Züchtigung der Ehefrauen. Es vergeht keine Woche, ohne dass ich über so einen Fall lese oder höre. Der Gipfel des Wahnsinns dieser heuchlerischen Gesellschaft, die sich in der Öffentlichkeit sonst prüde und enthaltsam zeigt, liegt für mich darin, dass die Frau dem Mann (Vater, Ehemann und falls diese fehlen, dem ältesten Bruder) untergeordnet sein soll und der Mann folglich alle Rechte über die Frau hat. Die Schuld liegt auf jeden Fall und immer bei der Frau.

Positiv sehe ich, dass in den vergangenen Jahren auch dieses heikle Thema immer öfter angesprochen wird. Einzelne Frauen haben es gewagt, ihre Peiniger anzuzeigen. Der Regisseur Mohamed Diab hat dieses Thema in seinem Film 678 verarbeitet. Der Film ist zwar in Arabisch, hat aber englische Untertitel. Ich glaube aber, dass man den Film auch ohne Worte versteht. 


Sexuelle Belästigung bzw. die Integrität der Frau und ihre Gleichberechtigung sind eines der vielen, riesigen Probleme, die Ägypten lösen muss.

2010 wurde die Organisation Harassmap ins Leben gerufen. Die NGO setzt sich dafür ein, sexuelle Belästigung bekannt zu machen, fordert Opfer auf, ihr Schweigen zu brechen, bietet psychologischen Rat und kriminalisiert die Tat. Über 1000 Freiwillige gehen regelmässig auf die Strasse und überzeugen die Menschen, dass sexuelle Belästigung nicht geduldet werden darf.

Andere Organisationen patrouillieren an neuralgischen Orten und bei Protesten. Sie beobachten, greifen ein und holen Verstärkung, um ein Opfer zu schützen oder zu befreien.

Situation in Hurghada

In Hurghada gibt es sicher weniger häufig schwere Übergriffe wie in den grossen Städten, aber auch hier kommen Vergewaltigungen vor. Besonders weit verbreitet ist ungewolltes Berühren und Betatschen sowie anzügliches Hinterherrufen. Wer an Bauarbeitern vorbei geht, wird garantiert mit irgendwelchen Rufen eingedeckt. Ebenfalls lästig und alltäglich, aber nicht direkt bedrohlich, sind die Autofahrer, die mit dem Licht blinken oder – meistens die in den teuren Wagen -, die Geschwindigkeit reduzieren oder gar anhalten, um zu sehen, ob Frau „willens“ ist.

All das erlebe ich ständig und je nach Gemütszustand rege ich mich mehr oder weniger auf. Das geschieht aber nicht, weil ich Ausländerin bin, sondern einfach, weil ich kein Mann bin. Das passiert allen Frauen, Ägypterinnen, Ausländerinnen, leicht bekleidet, verschleiert oder nicht.

Bisher hatte ich Glück. Einmal hielt ich meinem Sitznachbarn im Bus einen Plastiksack mit Getränkedosen vor die Nase; ich hätte sie ihm auf sein Heiligtum geknallt – er wechselte den Sitz. Einen anderen forderte ich laut auf auszusteigen. Halbwüchsigen teilte ich Boxhiebe aus. Doch vor ein paar Tagen war ich nicht vorbereitet.

Ich bedeutet einem Minibus anzuhalten und wich gleichzeitig einem Eselskarren aus. Dabei musste ich in die Strasse treten. Der Eselskarren lenkte aber nicht hinter mir vorbei, sondern direkt auf mich zu. Dabei griff er mir an den Rock und Unterleib. Es dauerte wohl keine drei Sekunden, bis ich realisierte, was da geschah. Ich drehte mich um und rannte dem Kerl nach. Es war ein Junge! Einer dieser armen, harmlos scheinenden Jungen, der mir normalerweise das Mitleid aus dem Herzen quellen lässt! Ich versuchte auf ihn einzuprügeln, doch er zog mich am T-Shirt. Weil er erhöht auf seinem Karren sass, der Esel weitertrottete und ich blöderweise meine Handtasche unter den Arm geklemmt hielt, erwischte ich ihn nicht richtig. Ich versuchte, seine Ladung herunterzureissen, musste aber aufgeben. In dem Moment meldete sich wohl mein Verstand zurück – bisher war ich nur Reflex und Wut. Ich zitterte am ganzen Körper, vor allem aus Wut, weil ich den Kerl nicht verprügeln konnte. Die Leute im Bus haben alle zugeguckt und als ich einstieg, fragten sie, ob alles ok sei. Ein Mann meinte, es sei doch nichts passiert… ein anderer sagte, das sei doch noch ein Kind! Einzig der Fahrer hat ihn zurechtgewiesen. Als ich da nochmals aussteigen wollte, wurde ich zurück gehalten.

Das ist die übliche Reaktion „nichts ist passiert“, ein Kind und „was können wir machen?“

Liebe ägyptische Männer:

Doch, es ist etwas passiert! Ich bin in meiner Ehre verletzt worden. Ich bin von einem Fremden ungebührlich berührt worden. Das ist respektlos.

Heute ein Kind, das Frauen betatscht. Morgen ein Vergewaltiger? Ist das eure Zukunft?

Macht den Mund auf! Stoppt dieses kranke Verhalten! Schreitet ein, anstatt wegzuschauen! Klärt auf, anstatt euch hinter eurer falschen Scham zu verstecken! Schützt JEDE Frau, egal welchen Alters, Nationalität oder sozialer Hierarchie, egal in welcher Situation…. oder habt ihr Angst?

Ich habe den Fall an Harassmap gemeldet. Ich habe es auf Facebook bekannt gemacht und ich schreibe darüber hier auf meinem Blog. Bitte liebe Frauen: macht es publik, schämt euch nicht, sondern wehrt euch.

English

4 Kommentare:

  1. Liebe El-Qamar. Ich bin geschockt. Ich hatte, weil ich lange von Dir nichts las, ein Gefühl. Ich bin keine Frau, ich kann nicht fühlen, wie Du wie Dein Geschlecht, IHR. Aber ich habe ein Gefühl für das, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, menschlich oder unmenschlich. So fühle ich Dein Leid, Deine Wut. Ich mache mir große Sorgen, denn die westliche "christliche" Welt ist einfältig ... oder korrupt ... diese Motive steuert sie in eine islamisch, islamistisch, salafistisch gepuschte Weltorganisation, Ich sende Dir zwei YouTube Videos, denn in Münster, wo ich lebe realisiert sich langsam das islamische Reich in Deutschland,

    http://www.youtube.com/watch?v=STF6s_61YvU

    http://www.wdr5.de/sendungen/morgenecho/salafisten_uni_muenster100.html

    ... ich habe in meinem BLOG immer wieder auf die Gefahr der Salafisten für die Realisierung des islamischen Reichs hingewiesen ... der Islam geht einher mit der "Vergewaltigung der Frau" ... er ist nicht vereinbar, mit MENSCHENRECHTEN ... er gehört weltweit geächtet, ... Liebe Grüße aus Münster. Chris

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  2. Liebe El-Qamar, ich würde gerne Deinen post in meinem Blog und auf meiner fb-Seite veröffentlichen. Auch wenn es rechtlich erlaubt ... ich möchte Dich fragen, ob Du dem zustimmen möchtest? ...

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  3. Lieber Chris, natürlich, veröffentliche, was du magst. Bitte mit Quellenangabe.
    Danke auch für die Links, werde sie mir ansehen.
    Ich denke oder befürchte, dass sich die westlichen Politiker der Gefahr der "Islamisierung des Westens" nicht bewusst sind oder ihr hilflos gegenüber stehen.
    Hier in Ägypten und anderen Ländern der Dritten Welt ist aber auch die bewusst gewählte schlechte Bildung Ursache für viele Probleme. Wären die Menschen besser gebildet, d.h. lernten sie selbstkritisch zu denken, zu analysieren und zu hinterfragen, dann würden sie nicht alles, was von der Religion kommt, widerspruchslos in sich aufnehmen und widerstandslos umsetzen...

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  4. Liebe El-Qamar. Richtig, es ist besonders auch eine Frage von Bildung und in Deutschland haben wir neben der zunehmend mangelnden Bildung von Kindern und Jugendlichen (die Gründe sind bekannt) es u.a auch mit ungenügender Bildung verantwortlicher Politiker unter dem Hut der Kanzlerin zu tun. Ihnen fehlt genau das Denken "zu analysieren und zu hinterfragen" ... und selbstkritisch sind sie eh nicht! Hierzu zu dem Irrsinn, den Islam als Fach an Deutschen Schulen zu integrieren, klare, mutige Worte von Sabatina James, Du wirst sie kennen: http://www.youtube.com/watch?v=G3zls-hYoXE

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