Mittwoch, September 12, 2018

Aufriss nach ägyptischer Art


Mein Auto habe ich auf dem Parkplatz gelassen und gehe gemütlich die letzten 500m zum Strand. Allerdings nicht der Promenade entlang, sondern hinten rum, wo sich um diese Jahreszeit auch am späteren Vormittag noch Schatten findet.

Ein junger Mann kommt mir entgegen. Einer wie alle diese jungen Kerle, welche als Produkt der Bevölkerungsexplosion inzwischen die erschreckende Mehrheit der Bevölkerung ausmachen: austauschbar in Jeans, T-shirt, Baseball-Mütze und Turnschuhe gekleidet. Millionen gibt es von ihnen und wenn sie nicht studieren oder krampfen müssen, lungern sie rum: in Cafés, am Strassenrand, vor Häusern und Geschäften.

Der hier geht an mir vorbei, nicht aber ohne mich innert Sekunden zu taxieren und klassieren. Macht nichts, ich freue mich aufs Schwimmen und steuere zwischen den Alt-Kairo nachgeahmten Häusern an die Promenade und zum leeren Strand. Dort lass ich meine Tasche stehen und wende mich dem Meer zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Kerl an der Promenade. Läuft der mir nach?


Die Fische unter mir lassen sich in ihrem Treiben überhaupt nicht stören und ich ziehe meine Längen und Kurven. Irgendwann fällt mir ein, dass ich mal einen Blick in Richtung meiner Tasche machen könnte. Die steht noch dort. Und der junge Kerl in seinem schwarzen T-Shirt hockt darüber auf dem Mäuerchen!

Ha, denke ich, und grinse vor mich hin. Lust, mich zu ärgern habe ich nicht; und Angst um meine Wäsche und das alte Handy ebenfalls nicht. Was will er?

Wenn er was will, muss er Geduld haben, denn so bald lass ich das blaue Wohlfühlelement nicht hinter mir. Zwischendurch gucke ich hinüber: mal sehe ich ihn nicht, mal sitzt er weiter rechts. Er gibt also nicht auf.

Der Sand brennt unter den Füssen, als ich zu meiner Tasche renne. Der junge Kerl hockt oben und tut, als ob er mit seinem Handy beschäftigt wäre. Gut so. Ich bin auch beschäftigt: mein Handtuch herausziehen und über meine Schultern legen, einen grossen Schluck Wasser trinken, die Sonnenbrille aufsetzten, einen Anruf auf meinem Handy feststellen... Und dann packe ich meine Tasche und gehe hinaus an den Strand und lass mich dort nieder. Ohne den Typen eines Blickes zu würdigen.

Als ich eine Weile später nochmals zum Mäuerchen gehe, ist er weg. Doch während ich mich trocken anziehe, bleiben meine Augen auf frischem Gekritzel auf dem Mäuerchen hängen: ein paar Worte, eine Telefonnummer...

Ach wie armselig. Gibt es Frauen, die es nötig haben, auf diese Art einen Typen aufzugabeln? Nicht direkt anreden getraut er sich, was für eine Pfeife. Gut, viel Chancen auf wenigstens ein paar freundliche Worte hätte er bei mir eh nicht gehabt.

Wie verkrampft geht das in diesem Land zu.



1 Kommentar:

  1. Die Entfremdung der Geschlechter voneinander ist in vielen konservativen Kulturen Programm. Entsprechend sozial verkümmert sind die Fähigkeiten sich zivilisiert einander anzunähern. Das ist zunehmend auch in Europa der Fall. Die "generation head down" - induziert durch süchtig machende neue Medien und gesellschaftlich gefördertes asoziales "distancing" gibt jeder natürlichen und kommunikativen Kultur den Todesstoss. Freilich hoffe ich Unrecht zu behalten, ich möchte garnicht so negativ reden, aber wer mit offenen Augen durch die Welt geht kann sich davor nicht verschliessen.

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