Dienstag, Dezember 11, 2018

2. Filmfestival El Gouna – später Rückblick


Zweieinhalb Monate liegt es schon zurück, das 2. Filmfestvial in El Gouna. Ich habe das Festivalprogramm und die Eintrittskarten aufgehoben, weil ich meine Eindrücke mit euch teilen möchte. Jetzt endlich habe ich Zeit dazu.

Die zweite Auflage des Filmfestivals war umfangreicher, grösser und zahlreicher besucht – das war mein Eindruck. Über Jury, Teilnehmer und Preise mag man sich auf der offiziellen Homepage informieren. Ich liebe Filmfestivals im Allgemeinen und so habe ich schon einen Monat im Voraus auf die letzte Septemberwoche gefiebert.

Ein Grund dafür ist, dass wir hier am Roten Meer nicht grad mit kulturellen Angeboten verwöhnt werden. Ein weiterer, für mich ganz spezieller Grund ist die Mischung von internationalen Filmen und dem Focus auf Filme und Filmemacher aus der arabischen Welt. Dadurch kommen Besucher in den Genuss von Filmen, die in Europa nur ausnahmsweise zu sehen sind.

Die vor mir ausgebreiteten Eintrittskarten zeigen: europäische und arabische Filme habe ich zu gleichen Teilen besucht. Als ich für die Reservation anstand, hörte ich neben mir einen jungen Mann seine Wünsche aufzählen: drei Filme an einem Tag – wie ich! Es ist diese Atmosphäre inmitten von Kinoliebhabern, die mit dem Festivalführer in der Hand von Aufführung zu Aufführung eilen und anschliessend den Regisseuren lauschen, wenn sie von der Idee und Verwirklichung ihres Filmes erzählen.

Der erste Filmtag


Die Filme aus dem hiesigen Sprach- und Kulturraum geben Einblick in eine Welt, die wir Europäer so eher nicht kennen. Wir sind die Bilder aus den Nachrichten und allenfalls von Dokumentationen gewohnt: Waffen, Krieg, zerstörte Landschaft, Elend, Fanatismus. Es geht um Einschaltquoten und in wenigen Sekunden die neuesten Entwicklungen rüberzubringen.

Ein Film hingegen erzählt aus einer völlig anderen Perspektive. Hier meine Favoriten:

Yomeddine von Abu Baker Shawky (Ägypten)

Feinfühlig erzählt der Film die Geschichte eines von der Lepra geheilten Ägypters, der sich aufmacht, seine Familie zu finden. Er verlässt die abgeschieden liegende Leprakolonie, wo er als Abfallsammler und –sortierer ein bescheidenes Einkommen hat. Der kleine Waisenjunge Omar, mit dem er befreundet ist, lässt ihn nicht allein losziehen, sondern begleitet ihn. Unterwegs, von Kairo immer dem Nil entlang nach Oberägypten  – zuerst mit dem Eselskarren, bis Karren und Esel zusammenbrechen, später per Anhalter und Schwarzfahrer – erleben sie Demütigungen und Erniedrigungen der „besseren“ Gesellschaftsschichten, aber auch Hilfe von jenen, die ebenfalls am Rande der Gesellschaft ums Überleben kämpfen.

Manche Kritiken nennen den Film etwas „sentimental“. Mag sein. Er zeigt aber eine Seite auf, die der Ägypten-Tourist nicht kennt: Die von Landwirtschaft geprägte dörfliche Landschaft am Nil, der bittere Kampf ums tägliche Brot der untersten Bevölkerungsschicht und die Ausgrenzung jener, die nicht ins typische Bild einer ägyptischen Familie passen: geistig und körperlich Behinderte, Verlassene, Waisen.

Der Film hat in Cannes und an anderen europäischen Festivals für Furore gesorgt. Zu Recht!

Leider konnte ich nach dem Film nicht bleiben, um den Fragen und Antworten zuzuhören. Der Film begann zu spät und ich musste rennen, um rechtzeitig im nächsten Kinosaal zu sein.

Samouni Road von Stefano Savona

Die Dokumentation erzählt die Geschichte einer Bauernfamilie im Gazastreifen. Sie leben von und für ihre Olivenbäume und pflanzen Gemüse an. Während der Phase „Cast Lead“ zwischen Dezember 2008 und Januar 2009 verbarrikadiert sich die (erweiterte) Familie in einem Haus – überzeugt davon, dass sie von den Israelis verschont würden, weil sie doch in Israel gearbeitet hatten. Das war ein Trugschluss. Bei der Bombardierung wird ein Grossteil der Familie umkommen. Plantagen und Häuser werden zerstört. Wie durch ein Wunder überlebt auch die kleine Amal, obwohl sie lange im Koma lag.

Sie lernt der Zuschauer als erstes kennen. Sie erzählt vom Leben davor und danach und wie es während den Bombardierungen war. Das Davor und Danach wurde mit den Mitgliedern der Familie gedreht. Hingegen wird das Während mit Bildern in Kratztechnik aufgezeigt. Diese Bilder wirken lebhaft, eindringlich und gehen durch Mark und Bein.

Nach der Filmaufführung stand die Drehbuch-Co-Autorin Penelope Bertoluzzi Rede und Antwort. Der Regisseur war schon vor diesem Angriff bei diesen Leuten und wollte ein Porträt über die Familie und ihr Leben filmen. Dann kam der Krieg und er musste Gaza verlassen. Danach kam er zurück und wurde Zeuge der Tragödie, Verwüstungen, aber auch der Traumas, welche diese Menschen quälen. Einer sagt einmal: „Es ist unglaublich, wie sehr wir leiden müssen, nur weil wir zufällig hier geboren wurden und leben.“

Penelope Bertoluzzi erzählte, dass der Film sogar in Jerusalem gezeigt worden war. Bei der Szene mit dem Sucher vor der Bombardierung habe ein Zuschauer den Namen des Kommandanten der Israelischen Armee gerufen. Die Fakten sind bekannt, zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

Solche Momente berühren tief. Ich sehe einen Film und weiss: Das ist Realität.

Hier ein Interview mit Stefana Savona in Cannes.

Of Fathers and Sons von Talal Derki

Der in Deutschland lebende syrische Regisseur Talal Derki gewinnt das Vertrauen eines Islamisten. Er kehrt in seine vom Krieg aufgeriebene Heimat zurück, weil er verstehen will, was da passiert. Er lebt zweieinhalb Jahre lang bei der Familie in Homs. Er porträtiert den Vater von sieben Buben und einem Mädchen als überaus liebevoll und zärtlich – ein Vorbild eines Vaters.

Gleichzeitig – in mir schreit es trotzdem! -  ist er radikaler Islamist und Gründer von Al-Nusra und vertritt das Ziel, ein islamisches Kalifat zu gründen (erkämpfen). Derki lebt bei der Familie und belgeitet den Vater auf Sprengstoffanschlägen und bei Minenentschärfungen. Er zeigt auf, wie das islamistische Gedankengut auf die Kinder einwirkt, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Die Kinder vergöttern ihren Vater und nehmen dieses Gedankengut an. Die Buben werden in ein Trainingscamp geschickt, wo sie über Mauern klettern, unter Stacheldrahtzäunen durchkriechen und Schiessen lernen. Das passt ihnen nicht, sie würden lieber daheim bleiben, getrauen sich aber nicht gegen ihren Vater aufzubegehren.

Eine Minenentschärfung geht daneben – der Vater verliert einen Fuss. Trotz quälenden Schmerzen gibt er sich kämpferisch für sein Ziel.

Sein Lieblingssohn und weitere Söhne kamen später um. Nur ein Sohn macht nicht mit: Ayman geht weiterhin in die Schule.

Talal Derki stand nach der Filmaufführung auch Rede und Antwort. Er war sich der Gefahr bewusst, in die er sich begeben hatte. Er hatte schon früher mit radikalem Islamismus Kontakt und wusste, wie er sich verhalten musste. Ein Zuschauer fragte, ob er nach dieser langen Zeit nicht Sympathien für den Vater empfunden hätte. Darauf erwiderte Derki, dass ein einziges falsches Wort, eine einzige falsche Bewegung seinerseits ihn das Leben gekostet hätten.

Hier ein Link zu Derkis Beweggründen zu dieser Dokumentation.

Ich wünschte, ich könnte schon ans nächste Filmfestival gehen...



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