Mittwoch, Februar 02, 2011

Blankes Entsetzen

Ich bin den ganzen Tag nicht aus dem Haus gegangen, habe versucht, Dinge für mich zu erledigen, die Zeit in Ruhe zu nützen. Bevor ich eine Korrekturarbeit anfangen wollte, bekomme ich in Al Jazeera mit, dass der Internetzugang wieder hergestellt ist.

Darüber freue ich mich, es ist eine grosse Erleichterung.

Doch gleichzeitig eskaliert die Situation in Kairo. Bewaffnete Schlägertruppen in grosser Zahl knüppeln die friedlich protestierenden Demonstranten nieder. Auf Kamelen und Pferden sind sie plötzlich zur Stelle! Offenbar hat der Sicherheitsapparat diese Tätigkeit erneut übernommen, unter dem Deckmantel von „Pro-Mubarak-Demonstranten“, denn Anti-Mubarak-Demonstranten berichten, dass die Schläger Polizei-Identitätsausweise auf sich tragen. Mubarak scheint sich noch einmal mit aller Gewalt aufzubäumen.

An Arbeiten ist nicht zu denken, ich kann mich nicht konzentrieren. Immerhin kann ich meine Emails beantworten und so all meinen Freunden, die sich besorgt gezeigt haben, beruhigen. Nun erfahre ich von weiteren Reaktionen weltweit und was sonst noch geschieht.

Was jetzt geschieht ist schlichtweg ein Verbrechen – wie das ganze Regime. Es dauert nun schon Stunden und erste Reaktionen der UN werden veröffentlicht. Wie viele Stunden mehr soll es noch andauern? Die Armee greift nicht ein, bleibt weiterhin neutral und die Demonstranten fliehen oder wehren sich mit den primitiven Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.

Am frühen Nachmittag hat sich eine weitere ägyptische Freundin gemeldet – einfach um nachzufragen, wie es mir geht. Doch sonst bleibt mein Telefon heute stumm. Zwei andere Freundinnen haben meinen Anruf gar nicht angenommen.

Heute muss der letzte Tag sein! Eine weitere Steigerung ist nicht mehr möglich. Gestern waren es über eine Million friedlicher Demonstranten und heute wurde seitens der Regierung erneut mit brutaler Gewalt drein geschlagen. Wann greift hier endlich jemand ein und beendet dieses Regime? Wo ist die schöne-Worte-verbreitende Opposition? Warum kann die Armee nicht mehr bewirken?

Hier noch Hintergrundinformationen vom Geschehen direkt aus Kairo: http://egyptianchronicles.blogspot.com/. Offenbar waren die Schläger von Mubarak nahestehenden Geschäftsleuten bezahlt worden! Für ein paar lausige Pfund verraten die Armen Kerle ihre Landsleute und Bonzen versuchen zu retten, was bereits verloren ist. Gleiches berichten auch die französischen Nachrichten.

Gegen Abend beruhigt sich die Lage in Kairo etwas, doch jetzt haben die Menschen Angst. Trotzdem werden sie nicht aufgeben.

Ein pensionierter Diplomat aus Amerika teilt mir per Email mit, dass heute ein befreundeter ehemaliger US-Ambassador die Nachricht von Präsident Obama mitteilt, dass es Zeit sei zu gehen. Ob’s was nützt? Wir werden es sehen.

Wieder online

Seit einer halben Stunde können wir wieder ins Internet. SMS versenden geht noch immer nicht. Ich bin froh, kann ich wieder mit der Welt kommunizieren.

Doch was jetzt in Kairo geschieht, schockiert mich zutiefst: Pro-Mubarak-Leute gehen mit Waffen auf die friedlichen Demonstranten los. Die Situation wird immer schlimmer. Wo ist da der Ausweg? Es wird immer verzwickter, ich fürchte um die Menschen und auch darum, dass es länger dauern wird, bis wieder Ruhe einkehrt.

Dienstag, Februar 01, 2011

Noch ein Tag des Wartens

Lange habe ich geschlafen, es eilt nicht mehr aufzustehen. Im Moment, wo die Gedanken sich in der Wirklichkeit wiederfinden, kommt dieses lähmende Gefühl zurück.

Mein erster Griff gilt dem Knopf des Fernsehers. Al Jazeera bringt nichts Neues. Mehr Demonstranten, politisch keine Veränderung. Ich frühstücke, räume noch ein paar Sachen auf, ein Ohr immer beim TV, ein anderes beim Telefon.

In der Nacht hat sich die Nachbarschaft etwas belebt, Kairoer, die eine Wohnung oder ein Haus haben, sind her gekommen. In der Wohnung neben mir ist nun auch Leben.

Meine Mutter ruft mich wieder an und wir diskutieren etwas über die Lage. Hurghada ist nach wie vor ruhig. Anschliessend fahre ich knapp zwei Stunden Rennrad, am Checkpoint vorbei, diesmal ohne Probleme. Letztes Mal wurde ich noch angehalten und aufgefordert, mich auszuweisen (was ich nicht konnte!). Die einzige Gefahr für mich besteht seitens der Plastiksäcke, die im starken Wind herumgewirbelt werden. Gerät einer davon zwischen die Speichen oder die Kette, liege ich flach.

Eine Freundin ruft mich völlig aufgelöst an, ihre Tochter käme heute nicht zum Unterricht, sie sei zusammengebrochen. Sie möchte ihre Tochter am Wochenende ausfliegen und das Mädchen möchte um alles in der Welt hier bleiben. Gleichzeitig erfahre ich, dass eine Pro-Mubarak-Demo in Hurghada startet.

Es entfährt mir laut „auch das geht vorüber“. Die haben nun wirklich nichts mehr zu sagen.

Inzwischen sind in ganz Ägypten über eine Million Menschen auf den Beinen, alle mit dem einzigen Ziel: dieses Regime zu Fall zu bringen. Immer noch friedlich. Es ist überwältigend, wie sich die Ägypter vereinen, wohlgemerkt ohne Führung. Nun zeigt sich überdeutlich die wahre Mentalität der Ägypter. Genau deshalb haben sie Jahrzehnte ohne aufzubegehren durch gehalten.

Mein nächster Schüler bleibt auch aus, er meldet sich nicht einmal. Somit widme ich mich endlich mal meinen hundert Quadratmetern Fussboden und putze, unterbrochen von Telefonanrufen, in denen mir weitere Schüler bis auf weiteres absagen, und vom hoffnungsvollen Ausharren vor dem Fernseher.

Ich rufe meinen Arabisch-Lehrer an – auch er hat für die ganze Woche alles abgesagt. Ich melde mich noch bei einem weiteren Auftraggeber, für den ich Korrekturen machen soll, und frage, ob das Interesse und Bedürfnis für meine Arbeit noch vorhanden sei. Endlich mal eine positive Nachricht: ja, aber es eilt nicht, die Publikation der Zeitschrift wird verschoben.

Die Proteste gehen weiter, die Massen nehmen weiter zu, es ist unglaublich, überwältigend – andere Worte dazu finde ich nicht mehr. In Alexandria kommt es zu Gewalt. Es kann nicht mehr lange dauern, die Menschen geben nicht auf und auf diplomatischer Ebene bewegt sich etwas. Zudem steht die Armee nun klar auf der Seite des Volkes. Unverständlich, wie dieser Mann sich noch an etwas klammert, das er schon längst verloren hat. Und: immer mehr Ausländer verlassen das Land.

Das Schweizer Konsulat informiert mich, dass sie nun eine Ausreise empfehlen. Ich werde gefragt, ob ich in den nächsten Tagen beabsichtige auszureisen bzw. ob ich schon einen Flug gebucht hätte. Nein, habe ich nicht. Der Herr bestätigt, dass Hurghada noch immer ruhig und sicher sei. Was ich nicht sage: ich will jetzt nicht gehen. Es ist mir aber klar, dass ich das Land verlassen muss, wenn ich kein Geld mehr vom Automaten beziehen kann oder wenn ich keine Lebensmittel mehr kaufen kann.

Während ich diese Zeilen schreibe, berichtet Al Jazeera, dass Präsident Mubarak in Kürze eine Ansprache an das Volk richten wird. So lange halte ich heute Abend vor der Flimmerkiste aus.

Ich hoffe, wie so viele, dass es endlich zu dem verlangten Schritt kommt. Und dass es eine ordentliche Übergangsregierung gibt, woraus ein neuer demokratischer Staat entstehen kann und den Ägyptern ein menschenwürdiges Leben ermöglichen wird.

Für mich wünsche ich im Moment nur, dass ich wieder Zugang zum Internet habe, meine Berichte aufschalten und wieder mit der Welt kommunizieren kann.

Update:
Nach eineinhalb Stunden Warten erscheint Mubarak im TV: er tritt nicht sofort zurück. Die Proteste werden weiter gehen.

Montag, Januar 31, 2011

Es geht unverändert weiter

Ich wache auf, bevor mein Wecker läutet. Ich mag gar nicht aufstehen. Müdigkeit und viele persönlichen Ereignisse neben den Entwicklungen hier machen es mir schwer. Ich raffe mich auf und schalte den Fernseher ein.  Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Stunden vor dem TV verbracht.

Nein, immer noch nicht. Al Jazeera, Tag Nummer sieben, morgens um neun Uhr, bringt keine guten Nachrichten, d.h. Mubarak ist weiterhin stur. Die Polizei kehrt zurück. Die Demonstrationen nehmen zu.

Ich frühstücke und hole meinen ersten Schüler an der Hauptstrasse ab. Während ich warte, erreicht mich ein Anruf einer Ägypterin, die gestern Kairo verlassen hat und nun in der Schweiz ist. Sie fragt, ob sie jemanden in Liechtenstein über meinen Aufenthalt unterrichten soll. Ich bedanke mich und teile ihr mit, dass ich mit meiner Mutter in Kontakt bin. Sie reicht ihr Telefon ihrer Tochter, die zu meiner riesigen Überraschung Liechtensteiner Dialekt spricht. Sie wird mich beim zuständigen Amt melden, sodass ich im Falle einer Evakuation informiert würde.

Diese Fürsorge berührt mich. Mein Beziehungsnetz funktioniert viel besser, als ich es eingeschätzt habe. Immer wieder werde ich in diesen Tagen von Freunden und Bekannten, Ägyptern und Ausländern, positiv überrascht. Ich bin in einem fremden Land, einer fremden Kultur, erlebe einen Volksaufstand mit, der Geschichte schreibt – und bin nicht alleine. Nur von meinen Freunden zu Hause höre ich nichts, ein Anruf ist wohl zu teuer. Internet und sms sind noch immer blockiert.

Nach dem Unterricht eile ich zum Flughafen, weil ein Bekannter her fliegt und mir einiges von zu Hause mitbringt. Er wird vier Wochen hier bleiben! Der Flughafen Hurghada ist leer: keine wartenden Busse und Taxis, keine Menschenmengen, weder beim Eingang, noch beim Ausgang.

Danach fahre ich erstmals seit ich umgezogen bin und erstmals seit dem grossen Protesttag am Freitag, durchs Zentrum Hurghadas und nach Dahar, um einzukaufen. Alles ist normal, nur die Schmuckgeschäfte haben die Rollläden herab gelassen. Auch Vodafone und die Banken sind geschlossen. Keine Spur von Plünderungen. Eine Freundin bestätigt die Aussagen vom Vorabend von anderen Bekannten: alles Gerüchte, keine Einbrüche, keine Plünderungen in Hurghada. Die Präsenz der Polizei fällt auf: sie ist wieder überall, auch die Armee ist noch da. Der Früchte- und Gemüsemarkt ist laut und geschäftig wie immer, die Supermärkte aufgefüllt.

Ich kaufe trotzdem mehr als üblich ein, stocke meinen Vorrat auf, falls es doch ändern sollte. Ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass es sehr rasch zu einer klaren Änderung der Lage kommen muss, denn Ägypten ist erstens zu wichtig für den Westen und zweitens kann es sich das Land nicht leisten, dass der Tourismus und damit eine der wichtigsten Einnahmequellen völlig zusammen bricht. Die Finanzwelt hat heute weltweit sehr negativ reagiert. Mit meiner Zuversicht stehe ich nicht alleine da.

Mein nächster Termin ist bei einem achtjährigen Jungen, dessen Eltern mit einer Dahabeya auf dem Nil und einem Tauchboot in Sudan hundert Prozent vom Tourismus leben. (Wie alle hier am Roten Meer). Auch sie sind überzeugt, dass in den nächsten Tagen das Ersehnte eintreffen wird. Noch ist es aber nicht so weit: heute hat Mubarak das Kabinett umgebildet – was die Demonstranten überhaupt nicht beeindruckt hat.

Doch nicht alle können positiv denken: viele Bekannte, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben, sind niedergeschlagen. Niemand weiss im Moment, wie es weiter geht, ob wir vielleicht in wenigen Tagen ins Flugzeug steigen müssen oder nicht, ob es bald wieder möglich ist, den Tourismusbetrieb fortzuführen, oder nicht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, kann ich gar nicht klar Auskunft geben. Zu viele Gefühle und Gedanken bewegen mich. Ich habe noch nie eine Revolution erlebt, alleine diese Tatsache berührt mich zutiefst. Meine Erkenntnis, dass ich Vorahnungen für Ereignisse habe, diese aber jeweils noch nicht klar einordnen kann, beschäftigt mich sehr. Dazu kommen noch persönliche Geschehnisse. Meine Umzugsschachteln sind fast leer, ich gebe mir Mühe, alles unterzubringen, jedem Ding seinen Platz zu geben. Die Wohnung ist sehr schön. Ich könnte mich hier wohl fühlen, wenn … Es gibt nur eines: abwarten.

Sonntag, Januar 30, 2011

Weitere Proteste

Mit noch stärkerem Kopfweh wache ich nach wenig Stunden Schlaf auf. Noch bevor ich ins Bad gehe, schalte ich Al Jazeera ein. Nein, Mubarak ist nicht abgetaucht und er ist auch noch nicht zurück getreten.

Ich gehe ins Bad und richte mir anschliessend lustlos ein kleines Frühstück. Ägypten war wieder trotz Ausgangssperre die ganze Nacht auf den Beinen. Es hatte weitere Plünderungen gegeben. Nun sind es nicht mehr Zehntausende, sondern Hunderttausende. Ich bin stolz auf diese Menschen, ich fühle mit ihnen.
Ich muss mich beeilen, heute ist mein erster Arbeitstag nach dem Wohnungswechsel: fünf Unterrichtsstunden sind geplant. Meine erste Kundin wohnt nur wenige Häuser von mir entfernt. Da sie keine Türglocke hat, rufe ich sie an, um zu melden, dass ich vor der Türe stehe. Doch die nigerianische Hausangestellte öffnet nicht, stattdessen ruft mir Wala zurück. Sie entschuldigt sich… sie sei noch um Mitternacht geflohen nachdem sie von Einbrüchen in der Nachbarschaft gehört hatte.

Tja, was soll ich da sagen? Ich bin ja auch dageblieben, alleine. Müde gehe ich zurück, ziehe mich um und sitze aufs Rennvelo. Normalerweise tut es mir gut. Ich fahre Richtung Hurghada und sehe statt der üblicherweise allseits präsenten Polizei Panzerwagen und Soldaten. Der Verkehr ist stark, wie immer. Weiter fahre ich hinaus in die Wüste, zuerst Richtung Innere Ringstrasse und überlege mir, ob ich auf die Äussere Ringstrasse fahren soll. Häufiger als sonst winken mir die Ägypter aus dem Auto zu, hupen, wenn sie an mir vorbei fahren. Ich winke zurück, was ich sonst eher selten mache. Ich freue mich für sie, ich freue mich, dass ich mich ihnen zeige. Die äussere Ringstrasse ist wie immer: wenig Verkehr, keine besonderen Vorkommnisse. Der Erste Hilfe Posten ist verwaist, nur der Hund ist noch dort. Unterwegs erreicht mich ein Anruf von meiner Mutter und ich versuche, sie zu beruhigen, erzähle, was hier läuft.

Zuhause schalte ich natürlich als erstes wieder den Fernseher ein. Amerika macht mehr Druck, aber noch immer zu wenig. Welche Enttäuschung. Ebenso die EU. Unbeirrt fordern die Ägypter weiter den Rücktritt Mubaraks, Reformen und Demokratie. Sie haben keinen Führer und sind trotzdem geeint, unabhängig von Religion, Alter, Herkunft, finanziellen Verhältnissen. Ungeachtet der Opfer. Sie haben nichts mehr zu verlieren und zurück können und wollen sie nicht mehr. Ich bin tief bewegt, manchmal überwältigt.

Die Mutter einer Schülerin ruft mich an, sie habe Angst, ihre Tochter mit dem Auto herzubringen. Am helllichten Tag! Die Deutsche Schule bleibt die ganze Woche geschlossen. Sie erzählt, dass in ihrem Compound und im Supermarkt gegenüber weitere Sicherheitsleute engagiert wurden. Sie berichtet, wo überall eingebrochen worden war. Ich empfehle ihr, etwas spazieren zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen – sie getraut sich nicht. Wenn die wüsste, dass ich zwei Stunden auf dem Velo war! Ich sitze alleine in meinem Viertel, hier ist keine Security, keine Polizei, nicht mal die Doormen sind zu sehen. Eine Stunde später meldet sie sich nochmals und teilt mir mit, dass die Bekannte, die morgen im gleichen Flugzeug wie ein Bekannter von mir von München kommen soll, ihren Flug annulliert hat.

Auch mein nächster und mein übernächster Schüler kommen nicht. Den ersten erreiche ich nicht – der zweite meldet sich nicht.

Ob dieser erste „Arbeitstag“ ein Vorgeschmack auf die kommenden Tage ist?

Ich räume weiter meine Schachteln aus. Es fällt mir schwer. Wie lange würde ich denn hier bleiben? Ein paar Tage? Ein paar Wochen? Oder länger? Ich melde mich beim schweizerischen Konsulat in Kairo und hinterlege Name und Telefonnummer. Sie geben momentan keine Empfehlungen für die Region Rotes Meer ab, denn hier sei es ruhig.

Später telefoniere ich mit einer schweizerischen Freundin. Sie erzählt, dass es vereinzelte Schäden im Zentrum Hurghadas gegeben habe und viele Geschäfte geschlossen seien. Auch die Banken hätten die ganze Woche geschlossen. Da das Internet nicht funktioniere, können auch die Tauchbasen nur noch beschränkt arbeiten.

Das Fernsehen zeigt Bilder, wonach Helikopter und Kampfflugzeuge im Tiefflug über die Demonstranten in Kairo fliegen. Angst machen? Angeblich taucht auch wieder die Polizei auf, Gefängnisinsassen werden wieder eingefangen. Die Plünderungen scheinen nachzulassen. Mubarak wechselt die Strategie täglich. Aber er zeigt sich uneinsichtig, die Proteste gehen weiter.

Meine schwedische Freundin ruft mich mit Tränen erstickter Stimme an: ihr Arbeitgeber hat sie vor die Wahl gestellt, morgen nach Hause zu fliegen oder nicht. Alle Touristen aus Skandinavien werden evakuiert. Sie bleibt hier, sie weiss nicht, was sie zu Hause soll.

Ich rede mit einer Freundin in Alexandria. Es geht ihr gut, sie und ihre Tochter sind in der Wohnung, ihr Mann und ihr Sohn sind auf der Strasse, Bürgerwehr.

Mein nicht erreichbarer Schüler meldet sich auch noch. Angeblich seien die Schäden in Hurghada nicht so schlimm, aber die Telefonverbindung ist nicht gut und ich verstehe nicht alles, was er sagt. Er meint aber, dass er morgen zum Unterricht kommen werde.

Mittlerweile vereinigt sich die Opposition und El Baradei ist bereit, die Führung auf dem Weg zu einer Übergangsregierung zu übernehmen.

Mit einem weiteren ägyptischen Freund telefoniere ich. Er malt pechschwarz für die nächsten Monate. Ich teile seine Meinung nicht. Ich kann nicht glauben, dass das Regime noch lange durchhält, denn der Druck des Volkes ist riesig. Was zum letzten Schritt fehlt, ist das Wort aus den USA. Doch das lässt auf sich warten.

Wieder gehe ich mit dem Gedanken schlafen, dass Mubarak heute Nacht nachgibt.

Wo ist die Polizei?

Nach nur wenigen Stunden schlechten Schlafs wache ich auf. Alles tut mir weh – wohl vom Packen und Putzen. Doch ich habe auch Kopfweh.

Meine Mutter ruft mich an, noch bevor ich sie grüsse, rufe ich ins Telefon: „Ich lebe noch!“.

Um 11 Uhr kommt der Fernseh-Fachmann und stellt die Satelitenschüssel korrekt ein und ich kann mich endlich wieder über das Geschehen in Ägypten informieren.

Die Demonstrationen waren die ganze Nacht weiter gegangen, es gibt bereits über einhundert Tote. Im Laufe des Tages gehen sie weiter. Die Polizei ist spurlos verschwunden und die Menschen strömen wieder zahlreich auf die Strassen.

Ich versuche auszupacken, putze erneut und warte auf eine ägyptische Putzfrau. Sie kommt mit einer Stunde Verspätung mit ihrem Kleinkind, macht eine Sauerei und Lärm. Ich ertrage das nicht und sage ihr, so ginge das nicht. Sie geht. Der Wohnungsbesitzer verspricht, mir jemand anderen zu senden. Aufgrund der Umstände kommen aber erst am Abend zwei Männer von einem Hotel. Somit ist das Gröbste wenigstens gemacht – nachdem ich bereits die Hälfte der Wohnung gereinigt habe.

Im Fernsehen wird über Plünderungen berichtet. Gefangene entfliehen aus den Gefängnissen. Menschen berichten, dass Polizisten in Zivil bei Plünderungen und Einbrüchen erkannt wurden. Im Laufe des Tages fährt die Armee in die grösseren Städte ein und die Menschen begrüssen sie frenetisch. Doch Stunden später müssen sie feststellen, dass die Soldaten nur staatliche Gebäude schützen, nicht aber Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen.

Ich fahre ins Einkaufszentrum. Dort treffe ich zufällig eine ägyptische Freundin, die sehr mitgenommen aussieht. Sie erzählt, dass sie um ihr Familienhaus in Kairo bangt. Es geht ihr nicht um Haus und Inhalt, sondern um die Erinnerungen aus ihrer Kindheit und an ihre Grossmutter, die eine bekannte Malerin war. Ja, sie komme aus einer reichen Familie, aber alles sei auf ehrliche Art und Weise hart erarbeitet worden, nicht gestohlen und nicht durch Korruption angeeignet.

Im Supermarkt sind einige Regale fast leer und an der Kasse muss ich über eine halbe Stunde anstehen. Jetzt erst wird mir bewusst, dass die Leute sich auf schlimmere Zeiten vorbereiten. Ich kann nicht. Ich bin überzeugt, dass es nicht lange gehen wird, bis sich die Situation radikal ändert.

Am Abend ruft mich eine Freundin an, sie stecke mitten im Zentrum und es ginge schrecklich zu und her. Ich solle nicht ausgehen. Ich wusste es und hatte es auch nicht vor.

Einer meiner Schüler erzählt mir, dass er bis auf weiteres nicht kommen kann. Er macht sich unendlich Sorgen um seine Familie in Kairo und ist ständig telefonisch in Kontakt mit ihnen. Seine Stimme zittert. In Kairo und anderen Städten haben junge Männer Milizen gebildet, um Mensch und Eigentum zu schützen.  Er würde gern hinfahren, doch das ist nun unmöglich.

Nachts um 11 Uhr ruft mich die ägyptische Bekannte aus dem Supermarkt an und fragt mich, ob ich alleine oder mit Freunden sei. Alleine, antwortete ich. Sie bot mir an, zu ihr zu kommen, falls ich Angst hätte. Es habe in Hurghada mehrere Plünderungen und Einbrüche da und dort gegeben und einige ihrer Freunde würden bei ihr übernachten. Ihr Angebot berührt mich sehr und ich spürte, dass sie es ehrlich meinte. Ich bedanke mich und sage ihr, dass ich mich sicher fühle.

In Al Jazeera berichteten Menschen, wie sie um Leib und Leben fürchteten, weil Kriminelle und zivile Polizisten sie angriffen und Soldaten dabei nur zusahen – sie hätten keinen Befehl, ihre Mitbürger zu schützen.

Ich überlege mir, ob ich noch meine erste Schülerin vom nächsten Tag anrufen soll, denn ich weiss, dass auch sie Familie in Kairo hat. Es war aber schon Mitternacht und deshalb lasse ich es sein.

Offenbar waren Gefangene von der Polizei aus den Gefängnissen entlassen worden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Es wird berichtet, dass Polizeiwagen vorfuhren und Polizisten in Zivil Geschäfte plünderten und zerstörten.

Morgens um eins gehe ich ins Bett und versuche zu schlafen. Ich bin überzeugt, dass Mubarak, wie die reichen Geschäftsleute nach Dubai, noch in der Nacht fliehen würde.

Freitag, Januar 28, 2011

Umbruch

Es ist Freitag, der vierte Tag der Proteste. Internet gibt es in ganz Ägypten nicht mehr, sms können auch nicht mehr verschickt werden. Nun hänge ich von den ausländischen Fernsehsendern ab und von meinen Bekannten und Freunden in Ägypten.

Ich packe meine Habseligkeiten in Taschen, Koffer und Kisten. Nein, ich habe nicht vor, Hurhgada zu verlassen, nur meine Wohnung zu wechseln. Seit morgens früh läuft der Fernseher und ich schalte von Al Jazeera zu BBC zu CNN zu France24 und wieder zurück. Die Szenen sind unglaublich: die Ägypter, die seit Jahrhunderten gewohnt sind zu erdulden, sich zu gedulden, alles hinzunehmen, lehnen sich auf. Es sind nicht mehr nur Tausende, sondern Zehntausende, sie stellen sich gegen die brutale, alles niederschlagende Polizei und ein jede Freiheit unterdrückendes Regime.

Wie oft habe ich mit Ägyptern aus allen Schichten darüber diskutiert. Immer wieder fragte ich, weshalb sie sich nicht wehrten, weshalb sie sich nicht erheben. Die Antwort lautete sinngemäss immer gleich: wir sind geduldig, wir können alles hinnehmen, alles akzeptieren. Wenn wir nicht täglich Fleisch essen können, dann essen wir es halt nur noch einmal wöchentlich. Wenn wir nicht mehr wöchentlich Fleisch essen können, dann essen wir es halt nur noch an Festtagen. Aber wir brauchen Brot und ein Dach über dem Kopf. Innerlich verzweifelte ich über diese Haltung.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate in Ägypten und der Aufstand in Tunesien haben dies geändert. Tunesien war wohl der berühmte letzte Tropfen in ein übervolles Fass. Endlich, muss ich aus tiefstem Herzen sagen!

Mit Packen bin ich fertig, ich muss den Fernseher ausschalten. Zwei Stunden später komme ich nochmals in meine „alte“ Wohnung zurück, um zu putzen. Wieder schalte ich den TV ein: es wurde eine Ausgangssperre ab 16 Uhr für die grösseren Städte ausgesprochen. Die Demonstrationen gehen ungeachtet weiter. Die Ägypter, die riesige Angst vor dem Polizei- und Sicherheitsapparat haben, ignorieren Tränengas, Gummigeschosse und Knüppel, sie protestieren weiter.

Ich fahre ins Zentrum Hurghadas, um etwas zu essen. Vorübergehend sind die ausländischen Sender abgeschaltet worden und ich sehe nur noch die Bilder auf AL Jazeera Arabic. Inzwischen ist die Ausgangssperre auf ganz Ägypten erweitert worden, aber ich komme ungehindert in meine neue Wohnung ausserhalb Hurghadas. Auch hier schalte ich zuerst den Fernseher ein und suche nach den Englisch- und Französischsprachigen Sendern – es gibt keine. Ein Mitbewohner versucht mir zu helfen – keine Chance. Wegen der Ausgangssperre kann auch kein Fachmann mehr kommen. Ich muss wohl oder übel ohne auskommen.

Alle zwei Stunden bis kurz vor Mitternacht rufe ich eine Freundin an; sie informiert mich über die weiteren Ereignisse. Offenbar finden auch im Zentrum Hurghadas Demonstrationen statt und ein Supermarkt wurde gestürmt.