Mittwoch, August 08, 2012

Einfach nur mühsam – aber ganz normal

Ich stehe heute zehn Minuten nach neun vor der Bank. Aber die ist zu. Ich weiss, während des Ramadans sind Banken nur bis 13.30 Uhr geöffnet. Dass sie morgens erst um halb zehn öffnen, habe ich nicht mitgekriegt.

Also warte ich. Nicht bloss zwanzig, sondern fünfundzwanzig Minuten. Zuerst draussen in der Hitze, dann im eisgekühlten Vorraum. Die Sicherheitsleute lesen im Koran und schwatzen. Immer mehr Bankkunden gesellen sich zu mir. Aha, auch die Ägypter wissen nicht, dass die Bank so spät öffnet. Einer schaut ständig auf die Uhr, während ich mir Gedanken mache. Wie kann das Geschäftsleben funktionieren, wenn die Banken nur vier Stunden täglich geöffnet sind? Ich erinnere mich an die Worte eines Schülers, wonach das Bankgeschäft momentan sowieso auf Sparflamme läuft. Mir wird schwindlig, habe zu wenig getrunken, weil ich direkt nach dem Frühstück aus dem Haus bin. Und während des Ramadans versuche ich, in der Öffentlichkeit nicht zu trinken. Ich betrachte die wartenden Männer und überlege, ob wohl einer Gentlemen genug ist zu erkennen, dass ich die Erste war.

Nein. Als die Tür endlich aufgeht, koche ich innerlich. Wie immer drängen die Männer sich vor und, mich kaum mehr beherrschend, erinnere ich die ägyptischen Herren Gentlemen laut in Englisch daran, dass ich zuerst da war. Zwei drehen mir taub den Rücken zu, ein anderer bittet mich vorzutreten und entschuldigt sich.

Einfach nur mühsam – aber leider so normal!

Ich will Euro abheben und bei der Nationalbank gegenüber in Pfund wechseln. Die Nationalbank gibt die besseren Wechselkurse. Danach komme ich wieder zu meiner Bank zurück, um die Pfund einzuzahlen. Blöd eigentlich in Zeiten von Internetbanking. Schliesslich warte ich bei der Nationalbank nochmals zwanzig Minuten. Dort hat es etwa zwanzig Schalter, aber nur einen für Geldwechsel.

Einfach nur mühsam.

Ich steige in einen Bus, denn heute muss ich ins Passbüro fahren. Ausgerechnet dieser Bus fährt nicht bis zum üblichen Zielort und während ich mich damit abfinde, quatscht mich ein Insasse an und fragt, woher ich komme. Das ist sehr unüblich in einem Minibus und der kochende Dampfkessel in mir droht schon wieder fast zu explodieren. Ich steige aus, halte ein Taxi an und gebe ihm die Adresse an. Der Chauffeur schaut mich verdutzt an. Ich wiederhole Passbüro in Arabisch und frage, ob er mich verstanden hat – kann ja sein, dass mein Arabisch heute unverständlich klingt. Doch, doch, erwidert er und frägt beim nächsten Kreisel einen Fussgänger. Oh, der Dampfkessel! Ich weise dem Fahrer den Weg. Vor lauter Freude fängt er mit der üblichen Fragerei an: ob ich hier arbeite, ob ich verheiratet sei, ob mit einem Ägypter… „chalaass!“- genug, sage ich! Und zum Glück sind wir beim Passbüro.

Ganz normal – aber auch ganz mühsam.

Dort stellt die Dame zu meinem Leidwesen fest, dass ich wiedermal das falsche Visum kopiert habe. Ich will ein Wiedereinreise-Visum und dafür muss man alle möglichen Stempelchen und den Pass kopieren. Also packe ich meine Papiere ein und marschiere hinaus, in die brütende Hitze, zu dem 10 Minuten entfernten kleinen Laden, der Kopien für alle vergesslichen Leute wie mich macht. Er macht wohl ein Vermögen, denke ich mir. Wenn die im Passamt klever wären, würden sie dort einen Kopierer aufstellen – wäre sicher ein gutes Geschäft. Auf dem Weg gehe ich an Polizisten der Zentralen Sicherheitseinheit vorbei. Das sind die in Schwarz, die an den Checkpoints stehen und bei Aufständen die Drecksarbeit machen. Sie liegen und sitzen im Schatten auf dem Trottoir, im Truppenfahrzeug, schlafen oder begaffen alle Vorbeigehenden. Die Windschutzscheibe ist zersprungen, das Fahrzeug selber in einem jämmerlichen Zustand. Ein Abbild Ägyptens. 10 Minuten in noch grösserer Hitze zurück marschieren und dann gebe ich Pass, Papiere und Geld ab. Ohne Vorauszahlung geht nichts.

Das Wiedereinreise-Visum darf ich um 13 Uhr abholen. So lange mag ich weder hier noch anderswo warten und schon gar nicht nochmals die ganze Fahrt unternehmen. Ich komm morgen wieder. „Mafiisch muschkilla“ meint die missmutige Dame. Immerhin.

Trotzdem mühsam. Den Spass erlaube ich mir zwei bis drei Mal pro Jahr: bei der Visum-Verlängerung und bei den Wiedereinreise-Visen.

Wieder ein Taxi, diesmal muss ich dem Fahrer nur sagen, dass er mich direkt vor dem Gemüsemarkt aussteigen lassen soll. Ich hol noch schnell Tomaten und Trauben vom Markt und setze mich dann in einen Bus, der über die Ringstrasse zu mir hinaus fährt. Der Schweiss rinnt mir die Beine hinab, die Knie des Jungen neben mir schiebe ich mit einer wirschen Handbewegung zur Seite, von alleine merkt er nicht, dass er mich dauernd berührt. Mein Dampfkessel hat sich beruhigt, der Junge tut mir fast leid – Ägypter kennen keinen nötigen Körperabstand. Wie soll’s der Junge da wissen? Gleich bin ich zu Hause.

Der ganze Ausflug dauert knapp vier Stunden, inklusive bzw. wegen dem Warten. Und morgen fahre ich nochmals zum Passbüro, um meinen Pass wieder abzuholen. Mühsam, aber ganz normal. Ich bin froh, besitze ich weder eine Immobilie noch ein Fahrzeug – denn dann hätte ich noch mehr mit Ämtern zu tun.

Wofür ich das Visum brauche? Ich fliege am Sonntag heim.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihren Kommentar. Ich freue mich über jede aktive Teilnahme an meinem Blog. Meinungsfreiheit gilt auch hier. Ich behalte mir jedoch vor, freche und beleidigende Kommentare zu löschen.