Montag, Dezember 05, 2016

Ein Kampf der Spass macht

Teilnahme am Triathlon in Sahl Hasheesh

Der Wecker klingelt um halb fünf. Müde stehe ich auf und trinke, während ich mich anziehe, rasch einen Kaffee. Meine Sachen habe ich schon gestern Abend gepackt.
Draussen ist es noch still und dunkel. Als ich ankomme, skizziert die Dämmerung einen feinen Schimmer am Horizont. Eine friedliche Stimmung liegt über dem Gelände.

Ich wechsle meine Schuhe, packe meinen vollgestopften Rucksack, setze mein Rennrad zusammen und spaziere in die Wechselzone. Zeit, um den Sonnenaufgang zu betrachten, nehme ich mir noch. Fantastisch, immer wieder.

Meine Kollegen und fremde Athleten sind schon da. In einer halben Stunde soll es losgehen.

Eineinhalb Kilometer schwimmen, so schnell wie möglich. Mein Kollege kommt klatschnass aus dem Meer, rennt ausser Atem in die Wechselzone und stoppt bei mir. 15. Position. Ich reisse ihm den Sender ab, befestige ihn an meinem linken Bein und schwinge mich motiviert auf den Sattel.


40 km. Rückenwind. Mein Puls steigt. Ich radle energisch. 35 km. Es geht aufwärts, der Wind bläst kräftig. 30 km. Wendepunkt. Erleichtert trete ich fest in die Pedale, ducke mich tief über den Lenker. Es geht abwärts, ich bin schnell. Andere sind schneller. Oder langsamer. 25 km. Der Wind nimmt zu, ich kämpfe dagegen, mein Blick pendelt zwischen Pulsanzeige und der Rennstrecke. Ich darf nicht darüber, sonst breche ich in der zweiten Runde ein. Also erholen. Nein, ich will zeigen, was ich in mir drin habe, will zeigen, dass ich kämpfen kann, will die anderen nicht im Stich lassen. Also geht mein Puls weiter hoch.
20km. Wendepunkt. Erneut trete ich kräftig in die Pedale, überhole einen Mann. Vielleicht macht er den ganzen Triathlon alleine. Ich mach ihn im Team. Ich überhole noch mehr Athleten, auch Frauen. Ich werde überholt, einer mit einem super teuren Triathlon-Velo.
Es macht Spass. Ich kämpfe. Das hat mir gefehlt. 15km. Der letzte Aufstieg. Ich geh aus dem Sattel, das macht kaum jemand, aber ich krieg dann mehr aus mir raus. Im Sitzen habe ich nicht mehr so viel Energie. Der Seitenwind wirft mich fast um. Ich überhole noch weitere Radler. Cool, das spornt an. 10km. Wendepunkt. Es geht abwärts, ich überhole leichtere Athleten - die schwereren brausen an mir vorbei. 5km, ich spüre meine Muskeln. Der Wind hat noch mehr zugelegt. In einer Kurve behindert mich eine Athletin, die halb so dünn ist wie ich. Knapp entkomme ich einem Zusammenstoss, der bös enden hätte können. Ich bin sauer. Die fährt immer links, hält sich nicht an die Regeln. Sie überholt mich. Ich überhole sie wieder, immer da, wo Gebäude vor dem Wind schützen. Sie überholt mich wieder, immer da, wo wir voll dem Wind ausgesetzt sind. Sie ist eben die Hälfte von meiner Masse. 200m vor dem Ziel sind wir gleichauf, ich überhole sie ein letztes Mal. Renne in die Wechselzone, wo mein Kollege den Sender von meinem Bein reisst, ihn an seinem linken Bein festmacht und sich auf die 10 km Laufstrecke macht.
Ich habe eine Position gut gemacht. Grossartig.

Wie hat mir das gefehlt! Die Stimmung ist fantastisch, Zuschauer spornen die Athleten an. Athleten feuern sich gegenseitig an. Es sind viele Teams hier, die sich kennen. Alle aus Kairo. Ich kenne diese Atmosphäre von früher… sie ruft viele Erinnerungen wach. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal in Ägypten erleben würde, völlig ungeplant und unvorbereitet. Der Anlass ist perfekt organisiert, er ähnelt jenen, die ich in Europa besucht habe. Anders ist nur die Sprache, statt dem Hopp! oder go go! ruft es yalla! oder a3sch! Und statt Kuhglocken und den grauenhaften Trompeten trommelt einer fröhlich auf der Tabla. Und natürlich ist die Umgebung anders: wir sind an einem der schönsten Strände Hurghadas, es ist warm, hier stehen Palmen.

*****
Die Triathlonszene in Ägypten ist noch jung. Die Organisation The Trifactory hat den Anlass in Sahl Hasheesh zum dritten Mal durchgeführt. Eine weitere treibende Kraft in diesem Sport ist Profi-Triathlet Omar Nour. Teilgenommen haben auch mehrere ägyptische Ironman und Ironwoman sowie der Deutsche Ironman Weltmeister Sebastian Kienle.
Ich habe auch viele erstmalige Teilnehmer gesehen, manche übergewichtig, wenig trainiert, aber total motiviert. In einem Land, wo die Mehrheit der Bevölkerung übergewichtig ist, wo gesunde Ernährung und Sport beinahe Fremdwörter sind, ist das eine eindrückliche Leistung. Und: die Frauen trugen knappe Tri-Anzüge wie überall auf der Welt, ich habe nur eine Teilnehmerin erspäht, die von Kopf bis Fuss verhüllt war. Das hat sie aber nicht an der Teilnahme gehindert!





Die Profis vor dem Start


Links Omar Nour, in der Mitte die beiden Gründer von The Trifactory

Stimmungsmacher mit der Tabla




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihren Kommentar. Ich freue mich über jede aktive Teilnahme an meinem Blog. Meinungsfreiheit gilt auch hier. Ich behalte mir jedoch vor, freche und beleidigende Kommentare zu löschen.