Freitag, April 08, 2011

Freitagsgebet mit Beigeschmack

Seit die eiserne Hand des Diktators geknickt ist, tut sich allerhand in Ägypten. Auch Beängstigendes.

Unter den Zehntausenden während der Unruhen geflohenen Häftlingen sind viele Schwerverbrecher. Die noch immer in weiten Teilen Ägyptens schwache Präsenz der Polizei lässt den Gesetzlosen freie Hand: Raub, Einbrüche, Vergewaltigungen und Entführungen nehmen zu. Einer meiner Bekannten trägt ein Klappmesser auf sich. Meine ägyptischen Wohnungsnachbarn haben mir heute gesagt, dass von nun an auch die zweite Eisengittertüre geschlossen wird – aus Schutz. Vor wenigen Wochen hiess es noch, dass diese Türe nie geschlossen werde.

Ex-Präsident Mubaraks Regime liess Muslimbrüder, radikale Salafisten und andere Islamisten jahrelang hinter Gittern schmoren – sofern sie nicht freiwillig ins Exil gegangen waren. Nun jedoch sind sie in Freiheit, kommen aus dem Ausland zurück und treiben ihr Unwesen. Niemand gebietet ihnen mehr Einhalt, wenn sie Flyer verteilen, Schreine verbrennen, wenn sie sich in Kairo unter die Demonstranten mischen und säkulare Ägypter anpöbeln. Sie versuchen ihren Einfluss auszuweiten, mit allen Mitteln. Es gehen Gerüchte herum, dass Frauen ohne Schleier verhaftet würden u.a.

Ein Freund erzählte mir von seinem heutigen Besuch in der Moschee anlässlich des Freitagsgebets. Der Imam nannte in seiner Predigt die ägyptischen Kopten Ungläubige, die das Land verlassen sollen, wenn es ihnen hier nicht mehr passe. Musik und Alkohol seien Sünde. Und vieles mehr. Ein Salafist. Ich fragte meinen Bekannten, wie er darauf reagiert hätte – er habe gelacht. Und wie die anderen Männer reagiert hätten? Sie hätten ihn nur angesehen und dem Imam weiterhin zugehört. Das ist gefährlich. Die grosse Masse der ungebildeten und über die Religion leicht beeinflussbaren Ägypter trägt dieses Gedankengut nun hinaus zu ihren Freunden, zu ihren Familien.

Schizophrene Welt: dies an einem Ferienort, wo Touristen halb nackt in den Strassen flanieren oder am Strand liegen, sich an der Hotel-Bar mit all-inklusiv Alkohol voll laufen lassen. Wo jeder einzelne hier lebende Mensch von genau diesen Touristen lebt und noch zahlreiche Familienmitglieder oder ganze Clans in seinem Heimatdorf am Leben erhält! Man könnte über diese himmelschreiende Dummheit, diesen Gegensatz lachen…

… wenn es nicht so beängstigend wäre. Wohin steuert Ägypten?


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