Montag, Juni 18, 2012

Einfach heiss

Ganz banal: es ist heiss. Der Mai war schon viel zu heiss. Jetzt ist Mitte Juni und die Temperaturen klettern auf knapp 40° C im Schatten. In der Sonne fühlt sich das an, als ob ich mich in einem geheizten Backofen aufhalten würde, je nachdem mit oder ohne Heissluft. Mit Heissluft hat den Vorteil, dass der Schweiss in den Kleidern und am Leib schnurstracks trocknet; ohne Heissluft hat auch einen Vorteil: der Sand bleibt genauso am Boden kleben wie der Schweiss am Körper.

Theoretisch wird es hier am Roten Meer nicht mehr heisser, auch im Juli und August nicht. Aber wer weiss? Ägypten ist ja für allerhand Überraschungen gut J.

Folglich ist es momentan im (nicht am) Meer am angenehmsten, woanders gibt nur noch die Klimaanlage Kühlung. Nicht mal die Dusche verspricht Abkühlung – es sei denn, man duscht um fünf Uhr morgens.

Die weniger Glücklichen arbeiten auch bei diesen Temperaturen in der prallen Sonne oder in überhitzten Minibussen, Cafés, Taxis, Geschäften etc. Hut ab vor denen! Das soll man einer nachmachen, der meint, Südländer seien weniger fleissig.

Ich kann’s nicht, obwohl ich mit der Hitze recht gut klar komme. Aber ich brauche meine Siesta und Einkäufe und anderes erledige ich lieber nachts – da hat’s noch immer 30° C…

Sonntag, Juni 17, 2012

Ehrliche Wahlen?

Gestern und heute dürfen sich die Ägypter zwischen den zwei schlimmsten Vertretern als künftigen Präsidenten entscheiden: entweder für einen Islamstaat, deren Vertreter Lügner sind, oder zurück zur alten Diktatur. Letzteres wird natürlich von Shafiq nicht so verkauft, sondern momentan verspricht er Demokratie und betont, dass es keinen Weg zurückgebe!

Die Menschen sind innerlich zerrissen. Für wen sollen sie sich denn auch entscheiden? Welcher ist das kleinere Übel (es geht gar nicht darum, wer der Bessere ist!). Viele Ägypter wählen deshalb überhaupt nicht oder geben einen ungültigen Stimmzettel ab, oft schreiben sie darauf „Nieder mit dem Militärregime“ und „Nieder mit den Muslimbrüdern“.

Munter geht der Wahlbetrug inzwischen weiter. Da wurden Stimmzettel entdeckt, auf denen  bereits ein Kreuz für Mohamed Mursi aufgedruckt  war. Offiziell sprach man von einem „Druckfehler“ und die Wahlzettel wurden ersetzt.

Die lustigste Nachricht ist aber die Folgende: angeblich wurden in den Stimmlokalen Stifte verwendet, deren Farbe nach einer gewissen Zeit unsichtbar werden soll! An Fantasie fehlt es in Ägypten tatsächlich nicht – sei es, dass die Meldung stimmt oder einfach eine Zeitungsente ist.

Die Muslimbrüder haben inzwischen den Entscheid des Verfassungsgerichts angefochten, wonach das Parlament verfassungswidrig sei. SCAF hat dessen Auflösung angeordnet und Soldaten vor die Eingänge des Parlamentsgebäudes postiert, um den Parlamentariern den Zugang zu verweigern.

Ehrlich sind auch diese Wahlen nicht. Aber das ist ja eigentlich völlig egal. Möglicherweise sind es die letzten für eine lange Zeit. In Diskussionen höre ich oft, bei den nächsten Wahlen in vier Jahren werde es dann anders. Ich habe meine Zweifel, dass es überhaupt zum „nächsten Mal“ kommen wird. Das Spiel „Demokratie in Ägypten“ ist vorerst beendet, die Spieler sind weggeräumt, die Spielregeln zerrissen, das Spielbrett im Nil versenkt. Jetzt werden noch die letzten Reste weggewischt und dann geht der Alltag weiter wie vor dem 25. Januar 2011.


Donnerstag, Juni 14, 2012

Was für ein Chaos

Das Verfassungsgericht hat heute entschieden, dass das Gesetz betreffend Parlamentswahlen verfassungswidrig ist. Das heisst, das Parlament, welches im November vergangenen Jahres gewählt wurde, muss aufgelöst werden.

Trotzdem sind alle vom (ungültigen) Parlament erlassenen Gesetze gültig. Also auch jenes, Diener des alten Regimes während zehn Jahren vom Recht als Präsidenten zu kandidieren, auszuschliessen.

Doch genau dieses Gesetz hat das Verfassungsgericht nun ungültig erklärt – und somit Ahmed Shafiq grünes Licht gegeben.

Was für ein Chaos! Ägypten lebt seit Februar 2011 ohne gültige Verfassung – es gibt nur eine Übergangsbestimmung – und ohne gültiges Parlament. Eine verfassunggebende Kommission ist schon einmal auseinander gebrochen, weil die Islamisten die Verfassung diktieren wollten. Eine neue Kommission wurde unter Druck des Militärrates vor ein paar Tagen einberufen – sie droht aber ebenfalls schon wieder auseinander zu fallen.

Die Übergangsbestimmungen geben dem Obersten Militärrat gesetzgebende Macht. Die vom Militärrat eingesetzte Übergangsregierung ist faktisch machtlos und nun ist auch noch die Bahn frei für einen regime- und militärtreuen Präsidenten.

Und wie durch ein Wunder fällt wieder alle Macht ans Militär! Klug orchestriert, clever inszeniert! Die Islamisten sind kurz vor Erreichung ihres Zieles mit einer einzigen Handbewegung von der Bühne gewischt worden.

Nur: wie geht es jetzt weiter? Werden die Präsidentschaftswahlen verschoben? Wird die Verfassung vorher geschrieben? Werden die Parlamentswahlen zuerst oder später wiederholt? Oder ist alles gar nicht mehr nötig?

Das Militär darf seit gestern auch wieder Zivilisten ohne Haftbefehlt festnehmen – Aufhebung des Notstandsgesetzes hin oder her. Alles deutet auf eine klare Strategie hin: der Status Quo von vor dem 25. Januar 2011 wird mit aller Gewalt wieder hergestellt. Mit aller Gewalt, möchte ich betonen.

Ich habe nie ernsthaft daran geglaubt, dass die Islamisten ihr Ziel erreichen – das Militär würde das nie zulassen. Sie lassen überhaupt keine andere Macht zu. Ich glaube auch weiterhin an Überraschungen, wie diese heute. Und wieder frage ich mich, weshalb es nicht innerhalb des Militärs zu einem Putsch kommt?

Allerdings graut mir beim Gedanken, was nun all den Aktivisten bevorsteht. Die Berichte über die gezielten und organisierten sexuellen Übergriffe gegenüber Frauen vor ein paar Tagen auf dem Tahrir Platz lassen erahnen, wie es weiter gehen wird.

Was für ein Chaos – auf den ersten Blick. Aber wenn man näher hinsieht stellt man fest: alles hat seinen Grund, alles seinen Zweck.

Ägypten ist nicht reif für eine Demokratie - weil es der Militärrat nicht will.

Samstag, Juni 09, 2012

Unerwartete Begegnung auf dem Meer

Ich habe sie gesehen: silbergrau schimmern sie durch die Wasseroberfläche, holen Anlauf und hüpfen dann in einem eleganten Bogen über die Wellen, wieder hinein ins tiefblaue Meer; verschwinden aus dem suchenden Blickfeld des hoffenden Beobachters und tauchen dann plötzlich woanders wieder auf, ihr scheinbares Spiel für einige Minuten wiederholend.


Delfine. Ich habe heute Delfine gesehen. Echte Delfine im Roten Meer vor Hurghada. Ihr Anblick war für mich wie ein überraschendes Geschenk. Freudentränen kullerten mir über die heissen Wangen, während die Rückenfinnen der Delfine mit den silbernen Wellenkronen in der Ferne verschmolzen.

Sonntag, Mai 27, 2012

Nach dem Schock

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man so schön. Der erste Schock über den Wahlausgang hat sich (bei mir zumindest) etwas gelegt.

Bei den Ägyptern noch nicht ganz. Doch die Situation sieht schon wieder weniger dunkelschwarz [sic!] aus, als sie es noch vor 48 Stunden schien. Ägypten ist stets für Überraschungen gut, so auch in dieser verfahrenen Situation. Warum?

Ich ging nie davon aus, dass die Präsidentschaftswahlen ehrlich und korrekt verlaufen würden. Jetzt kommt aber eine geballte Ladung von Vorwürfen und Anklagen betreffend Wahlbetrug, die aufhorchen lassen. Z.B. wurden heuer im Vergleich zu den Parlamentswahlen im November 2011 acht Millionen mehr Wahlberechtigte genannt. Ägypten scheint zwischen November 2011 und Mai 2012 eine wahrhafte Bevölkerungsexplosion erlebt zu haben! Weiters werden Wahlauswertungen herumgereicht, wonach Ahmed Shafiq 900‘000 Stimmen weniger als Hamdeen Sabbahi erzielt haben soll – das würde Sabbahi auf Platz zwei setzen. Ferner wurden wieder Wahlzettel auf der Strasse gefunden. Und es wurden Wahlurnen entdeckt, die schon vor Wahlbeginn mit Stimmzetteln für Mohamed Mursi gefüllt waren.

Die unterlegenen Kandidaten Hamdeen Sabbahi und Amr Moussa haben Antrag gestellt, die Wahlen wegen angeblicher Wahlfälschungen und Unregelmässigkeiten auszusetzen und bis abgeklärt worden ist, ob Ahmed Shafiq rechtmässig als Präsidentschaftskandidat antreten durfte. Das ist nämlich noch nicht restlos geklärt. Zudem ist gegen ihn eine Anklage wegen Korruption in Vorbereitung.

Ein Parlamentarier fordert zudem, dass Mohamed Mursi als Präsidentschaftskandidat zurücktritt, um die Revolution zu retten und dem drittplatzierten Hamdeen Sabbahi den Vortritt für die Stichwahlen zu geben. Das ist eine tolle Idee, nur werden die Muslimbrüder niemals so ehrenvoll denken – ihre Machtgier steht ihnen dafür im Weg.

Das sind nur ein paar Beispiele davon, was seit der Meldung der ersten Wahlresultate geschehen ist. Noch bis heute Abend kann die Rechtmässigkeit der Wahlen angefochten werden. Mit jeder Meldung steigt meine Zuversicht, dass es eine überraschende Lösung aus dieser Sackgasse geben wird. Es bleibt weiterhin sehr spannend… und sehr heiss!

Update:
Die Wahlkommission hat heute Montag, 28.5.2012 das Ergebnis bestätigt: Mitte Juni werden Ahmed Shafiq und Mohamed Mursi in die Stichwahl gehen. Tja...

Freitag, Mai 25, 2012

Ein Schock

Anders kann man das nicht mehr nennen: was die vorläufigen Wahlergebnisse seit gestern Mitternacht zeigen, ist wahrlich ein Schock.

Nach Auszählung der Stimmen von 25 der 27 Gouvernements hat Mohamed Mursi angeblich die höchste Zahl an Wählerstimmen erhalten, gefolgt von Ahmed Shafiq. Wie ist das nur möglich?

Mursi ist der „Ersatzreifen“ der Muslimbrüder – der Ausdruck stammt von den Ägyptern – und ist erst vor fünf Wochen ins Kandidatenrennen eingestiegen. Die Propagandamaschinerie der MB lief perfekt geölt auf Hochtouren: Stimmenkauf für 50 Pfund und Lebensmittelpakete für Bedürftige inklusive.

Trotzdem: viele Ägypter sagten, sie seien enttäuscht von der Leistung der MBs im Parlament und würden denen nicht nochmals eine Chance geben. Und dennoch hat ihr Kandidat den höchsten Stimmenanteil erhalten?

Und es kommt noch schlimmer: Ahmed Shafiq ist angeblich der Zweitplatzierte. Das bedeutet, dass die beiden Mitte Juni in einer Stichwahl gegeneinander antreten werden. Er ist ein „Felul“, ein Vertreter des Regimes, ebenfalls erst vor kurzem ins Rennen gestiegen, wohlwissend, dass er auf bewährte Unterstützung zurückgreifen konnte.

Was für eine Auswahl ist das: einer der die Scharia einführen möchte, dessen Partei aber inzwischen für ihre politische Unfähigkeit und ihre Lügen bekannt ist, gegen einen, der das alte Regime verkörpert? Armes Ägypten! Was für ein Schock!

Überraschend erfolgreich hat sich Hamdeen Sabbahi gehalten, der die drittmeisten Stimmen erhielt. Er wurde von den Intellektuellen und von der Mittelschicht gewählt. Abgeschlagen sind Abu El Fatuh, der abtrünnige Muslimbruder, der auch die Salafisten hinter sich scharen konnte, und Amr Moussa, der Staatsmann und ehemalige Präsident der Arabischen Liga.

Komisches Ergebnis, wenn ich es mir überlege. Schlussendlich kommt es aber doch so heraus, wie ich es schon lange vermute oder befürchte: Shafiq (oder soll ich gleich „SCAF“ sagen?) wird gewinnen. Es kann nicht anders sein. Ich nannte den Namen in meinen vorherigen Blogs nicht, wollte nicht „besserwisserisch“ sein. Aber wenn ich den Schock etwas wegschiebe, sehe ich klarer: es sieht aus, wie eine schallende Ohrfeige, wie eine Rache des SCAF an das aufmüpfige Volk Ägyptens. Es sieht aus wie eine böse Strafe: nun seht ihr, was euch eure Revolution gebracht hat: entweder ein Religionsstaat oder aber wir machen weiter wie bisher. Ägypten schafft offenbar das Unfassbare: es entfacht eine Revolution, jagt einen Diktator davon, bezahlt dafür mit Blut und einem Wirtschaftszusammenbruch, um kurze Zeit später einen Vertreter derselben Diktatur zum Präsidenten zu erkoren.

Aktivisten, Revolutionäre und Liberale wissen nun auch, dass sie die vergangenen 15 Monate nicht gut genug genützt haben. Sie werden daraus lernen.

Daraus lernen werden auch jene, die die Macht haben und nicht verlieren wollen. Was für ein Desaster. Was für ein weiter weg hat Ägypten noch zu gehen, um wahre Selbstbestimmung, Freiheit und Demokratie zu erreichen.

Der Schock sitzt tief, nicht so sehr bei mir, sondern bei den Leuten um mich herum.

Mittwoch, Mai 23, 2012

Heute wird gewählt

Heiss ist es heute. Sehr heiss. Schon um neun Uhr morgens zeigte mein Thermometer über 33° C im Schatten. Es soll noch heisser werden, auch im übertragenen Sinne.

Denn heute ist der erste von zwei Wahltagen, an denen die Ägypter einen Präsidenten wählen, ohne im Voraus zu wissen, wer es sein wird. Die Mehrheit weiss aber nicht, wen sie wählen soll. Ich fragte einige Bekannte.

S. fährt nach Alexandria, denn er ist dort registriert und muss somit dort wählen. Er werde sich während der langen Autofahrt überlegen, für welchen Kandidaten er die Stimme abgeben soll. Er hat um die neun Stunden Zeit.

M.R. ist nach Ismaijlia (das liegt am Suezkanal) gefahren. Er ist ein sehr konservativer, traditionell veranlagter und deshalb sehr religiöser Mensch. Wählt er einen Muslim? Nein, auf keinen Fall: mit seinen Händen beschreibt er die langen Bärte der Salfisten und Muslimbrüder und meint dazu, dass sie trotz ihren langen Bärten alle Lügner seien. Was aussen steht, ist nicht unbedingt auch drinnen.

Unser Wachmann M., ein älterer, höflicher Herr, der gerne mit mir ein Schwätzchen hält, hat sich für Amr Moussa entschieden. Nach langem Überlegen. Er bleibt dem Altbewährten treu. Und hofft.

M.A., ein junger, überraschend aufgeschlossener Mann, tendiert zu Hamdi Sabbahi, einem Nationalisten und Nasseristen. Sabbahi hat in den letzten Tagen bei den Umfragen grossen Zuwachs erhalten. Er steht wohl für das kleinste aller Übel. Aber M.A. kann auch nicht in sein Heimat-Governorat fahren – also keine Wahl.

Ein politisch sehr versierter, radikaler, gebildeter junger Mann, S.K., wählt überhaupt nicht. Er ist von keinem der Kandidaten bzw. deren Programmen überzeugt.

„Und wen wählst du morgen,“ fragte ich gestern Abend einen Freund. „Ich darf nicht. Ich bin in Alexandria registriert und habe keine Möglichkeit, dorthin zu fahren.“ Er regt sich darüber auf, dass jene Ägypter, die im Ausland leben, wählen dürfen; er aber, und mit ihm Hunderttausende, darf nicht wählen, obwohl er in Ägypten lebt. Wie ungerecht!

Doch nicht nur die Lebenden sind auf den Wahllisten, sondern auch Tote, Soldaten und Polizisten, die eigentlich nicht wählen dürften. Warum sind sie denn auf den Listen? Sie unterstützen jene Kandidaten, die vorbestimmt sind oder sein sollen oder müssen…

Wenn die Islamisten verlieren, prophezeit S.K., machen die Ärger und gehen wieder auf den Tahrirplatz. Und wie soll der Militärrat sich dann verhalten? Gewalt? Bei der derzeit herrschenden Waffendichte in Ägypten und der Gewaltbereitschaft unter den Islamisten birgt das eine gewisse Explosionsgefahr.

Jetzt ist Mittag und im Schatten hat es 39° C. Ein heisser Tag. Die nächsten Tage soll es noch heisser werden – in jedem Sinne.