Sonntag, Oktober 16, 2011

Meine heile Welt

Als ich ein Kind war, wollte ich nicht erwachsen werden. Mir gefiel einfach nicht, was die Erwachsenen machten. Sie redeten von Liebe und Freundschaft und dass wir Kinder nicht streiten sollten. Gleichzeitig sah ich aber, dass die Erwachsenen stritten, lügten und betrogen. Ich sah Krieg und Gewalt.

Ich lebte weiter in einer heilen Welt, in der die Menschen ehrlich waren und ihre Versprechen hielten. Irgendwann wurde ich trotz meines inneren Widerstandes erwachsen. Also stülpte ich eine dicke, durchsichtige Glasglocke über mich und gab vor, in einer heilen Welt zu leben.  Aber ach, mir fehlten die Macht und die Kraft, meine Welt zu verteidigen und immer wieder kam es vor, dass etwas von aussen durch die Glasglocke hereinbrach und meiner heilen Welt einen Sprung, einen Riss, eine Delle zufügte.

Ich las Bücher über Geschichte und Schicksale und Tragödien und konnte nicht fassen, dass all das möglich war. Ich sah Nachrichten, die das Unfassbare in Bildern zeigten. Dabei wollte ich viel lieber träumen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Beschützt durch die Glasglocke zog ich hinaus in die Welt der Erwachsenen. Dorthin, wo es Streit, Lügen, Armut, Machtkämpfe und Kriege gab. Ich zog weiter, obwohl das, was ich sah, meine heile Welt anfing zu zerstören. Meine heile Welt wurde immer kleiner.

Irgendwann während der vergangenen Monate ist meine dicke, durchsichtige Glasglocke zersprungen. Meine heile Welt der Toleranz, des Respekts und der Akzeptanz ist auseinander gefallen. Nur ein winziges Körnchen ist mir übrig geblieben – ich bewahre es dort auf, wo es mir niemand wegnehmen kann.




Dienstag, Oktober 11, 2011

Ägyptens schwarze Nacht

Zwei Tage nach den furchtbaren Ereignissen in Kairo habe ich versucht, mir ein Bild davon zu machen. Es fällt mir schwer, Worte dafür zu finden und trotzdem möchte ich meine Leser informieren. Was Sonntagnacht geschah ist gleichzustellen mit den Angriffen auf Kopten in der Neujahrsnacht in Alexandria (siehe Ziel: Ägyptische Gotteshäuser) und den Massakern zu Beginn des Aufstands im Februar (siehe Blankes Entsetzen).

Es scheint, dass die westlichen Medien die Ereignisse als religiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen darstellen. Das ist oberflächlich. Das ägyptische Staatsfernsehen berichtete, dass Kopten das Militär angegriffen hätten und rief zum Bürgerkrieg auf!!!! TV Angestellte haben sich inzwischen von ihrem Arbeitgeber und ihren Aussagen distanziert. Zu spät, der Schaden ist angerichtet.

Ich habe zahlreiche Videos, Blogs und Berichte von Augenzeugen gelesen. Alle erzählen dasselbe: es gab Angriffe auf die Protestierenden von Männern in Zivil und das Militär hat mit aller Brutalität dreingeschlagen. Armeefahrzeuge sind in die Menschenmengen hineingefahren und haben sie zermalmt. Ein Video zeigt, wie ein einzelner Mann von mehreren Dutzend Soldaten zusammen geschlagen wird. Die Soldaten schleppen den leblosen Körper über die Strasse, bis ein weiterer zivil gekleideter Mann kommt, ihn aufnimmt und wegtragen will. Dabei schlagen die Soldaten mit Stöcken auch auf ihn ein. Auf einem anderen Video ist zu sehen, wie die Demonstranten sich sammeln und friedlich los ziehen. Nach wenigen Metern werden sie von einem Kordon bewaffneter Zivilisten empfangen und attackiert. Augenzeugen berichten, wie Gruppen von Soldaten angeführt werden und rufen „Wo seid Ihr Christen, hier ist Islam!“ Einige Tote sollen von Soldaten einfach in den Nil geworfen worden sein.

Der Oberste Armeerat hat eine Untersuchung angeordnet. Schön. Ein paar Schuldige werden sicher gefunden – meist Staatsdiener niederen Ranges, ein paar Kriminelle vielleicht auch noch – und der Rest vertuscht, verheimlicht.

Und wer steht dahinter? Die Geschichte wird es zeigen, doch bis dahin wird Ägypten noch vieles durchmachen müssen. Es ist für mich unglaublich, wie unfähig und hilflos dieses Land momentan reagiert wird und immer wieder frage ich mich (und nicht nur!), ob dies nicht doch alles willentlich geschieht.

Der von den Medien so hübsch „Arabischer Frühling“ genannte Aufstand hat sich zu einem finsteren Herbst gewandelt.

PS: Ich füge hier weder Videos noch Links ein, sie sind zahlreich in den online Medien zu finden. Wer mehr wissen will, kann mich kontaktieren.


Montag, Oktober 10, 2011

Wieder Kopten

Den ganzen Tag hatte ich keine Gelegenheit, Nachrichten zu lesen. Erst kurz vor Mitternacht sagte mir ein Freund, ob ich überhaupt wisse, was im Land vor sich gehe. Nein… ?

Al Masry Al-Youm hat einen Live-Ticker eingerichtet: gemäss Augenzeugen sind es wieder Verbrecher, die die Protestierenden (diesmal Kopten, die gegen die allgegenwärtige Unterdrückung und Benachteiligung sowie für den Wiederaufbau der kürzlich in Assuan zerstörten Kirche demonstrierten). Nach Mitternacht begannen sie auch damit, ein koptisches Krankenhaus in Kairo anzugreifen und Geschäfte von Kopten zu plündern und zu zerstören. Gemäss Augenzeugen wurde das Militär angegriffen, während sie versuchten, die Demonstranten zu beschützen. Das aus Kairo. Aber Ähnliches geschieht in Alexandria und weiteren Gouvernements.

Immerhin ist den Politikern klar: da ist jemand dahinter, der Chaos verbreiten will. Es erinnert nicht nur mich an die „Kamelschlacht“ vom Februar: Es ist ein Massaker. Ägypten soll auseinander brechen.

Und wieder, immer wieder und nochmals: wie ist das möglich? Warum ist weder die Polizei noch das Militär fähig, so eine Schlachterei zu verhindern? Oder sind sie nicht willens? Wer ist hinter den Angriffen? Die Kopten selbst? Die Überbleibsel des alten Regimes? Die Muslimbrüder? Die Islamisten? Weshalb erfährt der Geheimdienst von den geplanten Anschlägen nichts?

24 Tote und über 200 Verletzte (01.35h); ab 02.00h gilt eine Ausgangssperre. Bald sind Wahlen… auf was muss man sich da noch alles gefasst machen?

Donnerstag, Oktober 06, 2011

Warten

Warum hat es ausgerechnet heute so viel Verkehr? Um 10 Uhr morgens? Die Taxis und die Minibusse, die Lastwagen und die Privatwagen, alle durcheinander, elend langsam. Innerlich schreie ich den Taxifahrer an: schneller, schneller!

Ich hetze aus dem Taxi, überquere die verstopfte Strasse und merke erst jetzt, dass etwas nicht stimmt: Da stehen Busse quer in der Strasse. Wieso denn das?

Zwei Minibusse haben die Strasse blockiert, ein ohrenbetäubendes Hupkonzert und schreiende Männer überall. Ich suche in dem Chaos meinen Taxifahrer und drück ihm einen Geldschein in die Hand – es lohnt sich nicht zu warten, das wird länger dauern.

Eine Gruppe Männer steht im Schatten des ägyptischen Kaufhauses und diskutiert hitzköpfig und laut. Allmählich realisiere ich, was da los ist: die Minibusfahrer tun ihren Unmut kund. Ausgerechnet jetzt, wo ich… Sie beschweren sich über den miesen Lohn und ihren elenden Lebensstandard und anderes. Ein junger Mann versucht, den Verkehr an den querstehenden Minibussen vorbei zu schleusen, die Autofahrer sind verärgert. Die Minibusfahrer auch. Ein paar Polizisten hören sich die Klagen an. Die Menschentraube wächst zu einem grossen Knäuel an, verschiebt sich der Strasse entlang mal nach rechts, mal nach links, immer im Schatten des altmodischen, verstaubten Kaufhauses.

Samstag, Oktober 01, 2011

Mobiltelefonnummern ändern


Eigentlich wollte ich über dieses Thema nicht schreiben – zu uninteressant, fand ich. Aber in Ägypten wird alles so unendlich kompliziert gemacht, dass das einfachste Thema plötzlich erwähnenswert wird.

Hier gibt es 74 Millionen (gem. NTRA National TelecommunicationRegulatory Authority) Handy-Benützer. Die NTRA  hat nun beschlossen, den bestehenden Nummernplan zu ersetzen, weil die verfügbaren Nummern nicht mehr ausreichen.

Das ist einleuchtend. Das vorgestellte System kommt mir jedoch ziemlich kompliziert vor, die Kommunikation dazu verwirrend. Es gibt in Ägypten drei Anbieter für Mobilfunk: Vodafone, Etisalat und Mobinil. Sämtliche Vorwahl-Nummern erhalten eine zusätzliche Ziffer und ändern wie folgt:
 

Vodafone:
  • 010 wird zu 0100
  • 016 wird zu 0106
  • 019 wird zu 0109
  • 0151 wird zu 0101

Etisalat:
  • 011 wird zu 0111
  • 014 wird zu 0114
  • 0152 wird zu 0112
  • 0155 wird zu 0115

Mobinil:
  • 012 wird zu 0122
  • 017 wird zu 0127
  • 018 wird zu 0128
  • 0150 wird zu 0120

Die Nationale Regulierungsbehörde NTRA hat am 27.9.2011 eine Pressemitteilung veröffentlicht, wonach die Nummern ab 29.9.2011 (!) ändern würden. Eine Übergangsfrist von vier Monaten mit parallel gültigen Nummern ist vorgesehen. Zwei Tage später konnte man in der Presse lesen, dass der Beginn der Änderung auf 6.10.2011 verschoben wird. Die Kommunikationsbehörde hat ein Kommunikationsproblem…

Komischerweise finden es die Anbieter Vodafone, Etisalat und Mobinil nicht nötig, ihre Kunden per sms zu orientieren. Während Vodafone und Etisalat auf ihren Homepages auf die Änderung aufmerksam machen, hat das Mobinil bis heute nicht geschafft. Kommunikationsanbieter mit einem kleinen Kommunikationsproblem….

Liebe Leser, wenn Ihr Freunde und Bekannte in Ägypten habt, dann fangt nächste Woche an, die Nummern anzupassen, sonst erreicht Ihr Eure Lieben irgendwann nicht mehr!

Donnerstag, September 22, 2011

Wie im Film

Gestern Abend fuhr ich nach Dahar zum Früchte- und Gemüsemarkt. Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit und ein bisschen mehr:

Während wunderschöne, romantische arabische Popmusik nicht zu laut aus dem Lautsprecher ertönt, fährt der Buschauffeur zielstrebig durch Hurghadas nächtliche Strassen. Hellerleuchtete Läden, knapp bekleidete Touristinnen mit ihren ebenso viel Haut zeigenden Partnern flanieren vor den Geschäften und Cafés, geniessen die laue Luft, lassen sich von der orientalisch-geschäftigen Atmosphäre oder von den entwaffnend lächelnden Verkäufern und ihren Sprachkenntnissen verwirren und bezirzen.

Der Bus eilt weiter, hält da und dort an, weil ein Fahrgast „ala gamb“ ruft, weil ein anderer am Strassenrand den Arm ausstreckt und damit anzeigt, dass er zusteigen möchte. Die hellerleuchteten Ladenzeilen huschen wie am Fliessband vorbei, verschmelzen zu glitzernden Lichtbildern. Wenige hundert Meter weiter, andere Bilder unter kalten Neonlichtern: alte und junge, dicke und dünne, einfache Männer in traditionellen Kaftanen und weissen Käppchen sitzen an wackligen Holztischchen und schlürfen Tee, spielen Backgammon oder tauschen Neuigkeiten aus. Kinder hüpfen barfuss über die schmutzigen Trottoirs, spielen, schreien, streiten.  Kunstvoll aufgetürmte Mangos, Trauben, Granatäpfel, Kartoffeln, Tomaten und Zwiebeln warten in kleinen, rot dekorierten und hell erleuchteten Verkaufsständen auf Käufer.

Drei grosse, schwere Männer in traditioneller Kleidung steigen zu. Sie schaffen es kaum, sich zwischen die Sitze zu zwängen, stupsen jeden Fahrgast laut schwatzend an. Der dickste erzählt lauthals alle möglichen Geschichten, von denen ich einzelne Wörter erhasche…. bis ein junger, auch traditionell gekleideter Fahrgast laut dazwischen ruft: du bist ein Lügner! Alle grinsen im Bus, ich kann mein Lachen schier nicht mehr unterdrücken, während der eine ständig weiterruft: du bist ein Lügner! Du bist ein Lügner! Irgendwo steigen der grosse Dicke und seine Kollegen aus, wobei er noch seinen Kopf an der Wagendecke anschlägt und ständig weiterplappert, weiterschwatzend vom Bus weggeht…

Der Film läuft weiter: vor dem Fenster sitzen alte, ausgemergelte Männer im Schneidersitz im Hof einer Moschee, rauchen Schischa und blicken ernst auf die Strasse, hinein in den Bus, hinaus ins Nirgendwo. Sie sitzen immer da, tagsüber, nachts, morgens, abends… sie warten auf Arbeit oder auf etwas anderes, das nie kommen wird.

Weitere Geschäfte, Möbel, Autos, Werkzeuge, Feuerlöscher, hell erleuchtet, Hupen und die immer noch romantische arabische Musik verschmelzen ineinander, zu einem Traum, einem Film.

Ich würd‘ es vermissen. Wenn ich einmal von hier weggehe, werde ich es vermissen…

Eine Bar bleibt draussen vor dem Bus stehen, sie kommt mir bekannt vor… Nein, umgekehrt: der Bus bleibt vor der Bar stehen: Endstation.

Dienstag, September 20, 2011

Traurige Zeiten

Meine Freunde zuhause fragen mich momentan per Email, ob es in Ägypten für Touristen (und für mich) überhaupt noch sicher ist.

Hurghada ist sicher. Es ist wahrscheinlich der sicherste Ort in ganz Ägypten – neben Sharm El-Sheik (und der Polizeiakademie in Kairo, wo die Gerichtsverhandlungen gegen die Repräsentanten des gestürzten Regimes stattfinden). Aber auf den Sinai will sowieso kaum niemand mehr, hat mir eine Freundin gesagt, die dort wohnt. Hurghada ist voller Touristen, die Sheraton Street, die Haupteinkaufsstrasse im Stadtzentrum, die Cafés in El Memscha und in der Marina sind „bumba voll“, wie man das in meinem Dialekt ausdrückt. Im Zentrum und auf den Umfahrungs- und Ausfallstrassen ist die Polizei präsent und aktiv. Wir haben normalerweise Strom, Wasser und Benzin, es gibt kaum Streiks und die Angestellten von HEPCA kehren mehr oder weniger zuverlässig den Müll zusammen und leeren die Mülltonnen. Mein Wohnquartier hat nun auch Wachpersonal: an den drei Zufahrtsstrassen steht neuerdings je ein Schlagbaum und wer hindurch will, muss entweder hier wohnen oder dem Wachmann seinen Fahrausweis übergeben.

Ausserhalb der heilen Welt Hurghadas sieht es anders aus. Streiks beeinträchtigen nach wie vor das Wirtschaftsleben: Lehrer, Postangestellte, Müllmänner, Polizisten, Ärzte, Anwälte, Busfahrer… quer durch die ganze Wirtschaft Ägyptens wird gestreikt, für: mehr Lohn, einen langfristigen Arbeitsvertrag (damit verbunden auch Sozialversicherungen), einen anderen Vorgesetzten, für die Entlassung der Ausländer, aus Rache, einen besseren Arbeitsplatz und vielen anderen Gründen.

Gleichzeitig zieht der Oberste Armeerat die Zensurschraube wieder an. Wer sich gegenüber dem Obersten Armeerat kritisch äussert, demissioniert besser von seinem Posten oder muss damit rechnen, dass er vors Militärgericht zitiert und ohne Recht auf Verteidigung zu ein paar Jahren Gefängnis verurteilt wird. Seit das Notstandsrecht wieder aktiviert wurde, hält man besser den Schnabel, denn die Polizei kann jeden „grundlos“ festnehmen („grundlos“ in Anführungszeichen, denn unter dem Notstandsrecht hat die eine Seite immer einen Grund). Der Oberste Armeerat bemüht sich, Stärke zu zeigen. Das Recht des Stärkeren liegt momentan aber bei jenen, die zu Tausenden aus den Gefängnissen geflohen (bzw. von Polizei und anderen an Chaos interessierten Gruppen befreit worden) sind. Raubüberfälle am helllichten Tag, auf vielbefahrenen Strassen, Einbrüche in Wohnquartiere und Kidnappings sind mittlerweile an der Tagesordnung. Die Gunst der Stunde nützen auch Clans, die miteinander offene Rechnungen auszugleichen haben, sei es aus religiösen Gründen, sei es auch nur um eine unangebrachte Äusserung zu rächen…

Ägypten ist führungslos geworden.

Wer als Ortsunkundiger all die herrlichen antiken Stätten zwischen Alexandria und Abu Simbel besuchen möchte, soll dies momentan mit einer gut organisierten Gruppe tun, am besten unter Begleitschutz. Das ist meine ganz persönliche Empfehlung und ich bin alles andere als ein Angsthase und nicht ausgesprochen vorsichtig. Ortsunkundig und auf eigene Faust – davon würde ich jetzt die Finger lassen. Lieber noch ein, zwei Monate warten oder einfach Sonne und Meer geniessen in Sharm El Sheik, Hurghada und Umgebung. Die nächsten Monate werden zeigen, wohin Ägypten steuert. Noch mehr Chaos kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, obwohl es Menschen gibt, die noch schwärzere Szenarien ausmalen. Ich persönlich werde frühestens im Oktober wieder auf Reisen gehen, sofern es die Sicherheitslage erlaubt. Ich hab‘ da noch so ein paar Pläne…